Filmkritik: „Wunder Einer Winternacht – Die Weihnachtsgeschichte“ (OT: Joulutarina, 2007)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Juha Wuolijoki
Mit: Hannu-Pekka Björkman, Ville Virtanen, Otto Gustavsson u.a.
Land: Finnland
Laufzeit: ca. 83 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Drama, Abenteuer
Tags: Weihnachten | Weihnachtsmann | Weihnachtsfest | Santa Claus

Es könnte sich so zugetragen haben – so, oder so ähnlich…

Inhalt: Der in einem kleinen Dorf in Lappland aufwachsende Nikolas hat wahrlich kein leichtes Schicksal. Nachdem seine Eltern und seine Schwester auf tragische Weise ums Leben gekommen waren, streiten sich die Dorfbewohner darum, wer fortan die Fürsorge für den kleinen Jungen übernehmen würde. Oder eher könnte – schließlich leben die Bewohner in einfachen Verhältnissen und haben teilweise schon Schwierigkeiten, ihre eigenen Familien durchzubringen. So einigt man sich kurzerhand darauf, Nikolas nur für jeweils ein Jahr bei einer Gastfamilie leben zu lassen – wobei er alle Dorfbewohner näher kennenlernt und viele Freunde findet. Zum Dank schnitzt er den Kindern der jeweiligen Familie am Ende eines jeden Jahres opulente Holzfiguren, die er ihnen aber nicht direkt übergibt – sondern heimlich vor die Tür legt. Doch als bald darauf der kauzige Händler Iisakki Interesse an Nikolas und seiner Arbeitskraft anmeldet, gerät Nikolas‘ jährliches Vorhaben in Gefahr. Und tatsächlich: als er in der Werkstatt des offensichtlich verbitterten Mannes ankommt, scheint ihn dieser nur als Handlanger für niedere Aufgaben zu benötigen – wobei er ihm außerdem verbietet, weiter an seinen geliebten Holzfiguren zu arbeiten…

Kritik: Weihnachtsfilme, die ausnahmsweise mal nicht aus den Untiefen Hollywoods stammen; sieht man im allgemeinen viel zu selten. So muss man schon etwas Glück haben, um über einen Film wie WUNDER EINER WINTERNACHT zu stolpern – der eigentlich auf den Namen JOULUTARINA horcht und vom finnischen Regisseur und Produzenten Juha Wuolijoki stammt. Belohnt wird man dabei gleich in mehrerlei Hinsicht: die Geschichte wird insgesamt eher ruhig und vergleichsweise ungekünstelt erzählt, es gibt ausreichend Platz für allerlei interessante zwischenmenschliche Untertöne; und die technisch-handwerkliche Komponente macht mit dem netten Setdesign, der stimmigen Schauplatzwahl sowie nicht zuletzt den wunderbar atmosphärischen Landschaftsaufnahmen ordentlich was her. Die größte Stärke von JOULUTARINA aber ist die anberaumte Erzählstrategie, die ihre Wirkung keinesfalls verfehlt – und das auch ohne einer Zuhilfenahme des schon eher als typisch zu bezeichnenden Soundtracks, der aber glücklicherweise nicht flächendeckend eingesetzt wird. So ist der Film zum einen als relativ zeitloses Porträt zu verstehen, wobei sich stets nur erahnen lässt wann und wo genau sich das Ganze zugetragen haben könnte – und zum anderen erweist sich die Entscheidung, die Geschichte als ein ganzes Leben abdeckende Erzählung zu inszenieren; als äußerst glückliche Entscheidung. Das Gefühl einer (emotionalen) Bedeutung wird also weniger aus einer Ansammlung potentiell kitschiger Bilder oder anderen zielführenden, zumeist aber eben reichlich prätentiösen Stilmitteln generiert – sondern schlicht und ergreifend aus dem sich durchaus auf den Zuschauer übertragenden Gefühls heraus, dass es sich um die Darstellung eines Lebenswerks handelt. Ob um ein mehr oder weniger bedeutsames, dass muss ein jeder für sich selbst entscheiden – aber das durch und durch annehmbare Angebot ist gemacht. Wäre man mit dem pompösen Ende nicht doch noch ein wenig über das Ziel hinausgeschossen, wäre sogar noch mehr drin gewesen.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © KSM GmbH

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„Ein gut gemachter, angenehm anrührender Weihnachtsfilm.“

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Filmkritik: „Die Rote Schildkröte“ (OT: La Tortue Rouge, 2016)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Michael Dudok De Wit
Mit: Tom Hudson, Barbara Beretta u.a.
Land: Frankreich, Belgien, Japan
Laufzeit: ca. 81 Minuten
FSK: ab 0 freigegeben
Genre: Animation, Drama, Abenteuer, Fantasy
Tags: Schildkröte | Einsame Insel | Familie | Natur | Einklang | Schicksal

Seenot mal anders.

Inhalt: Als sich ein Schiffbrüchiger mit Ach und Krach auf eine einsame Insel irgendwo in den Weltmeeren retten kann, versucht er bald daraufhin alles um seiner misslichen Lage zu entgehen. Doch was er auch anstellt, es gelingt ihm einfach nicht die Insel zu verlassen – wobei es lange unklar bleibt, wer oder was dafür verantwortlich sein könnte. Eines Tages jedoch kann er einen Blick auf jene Kreatur erhaschen, die mit seinem Scheitern direkt in Verbindung zu stehen scheint – eine riesige rote Schildkröte. Auch wenn er nicht genau weiß wie sie seine Flucht hat verhindern können, dreht er das Tier kurz darauf wutentbrannt auf den Rücken – und lässt es zum Sterben in der prallen Sonne liegen. In der darauf folgenden Nacht plagen ihn jedoch Alpträume, und er setzt alles daran die Schildkröte doch noch zu retten. Ob es dafür bereits zu spät ist oder nicht, wird sich erst noch zeigen…

Kritik: Nein – man braucht nicht viel, um einen anständigen Animationsfilm auf die Beine zu stellen. Zumindest nicht, wenn man eine entsprechende inhaltliche Vision vor sich hat und die Gelegenheit erhält, sich in Bezug auf die technische und vor allem visuelle Komponente auf die Mitarbeit bereits erfahrener Veteranen verlassen zu können. Ungefähr hat es sich auch im Falle von LA TORTUE ROUGE ereignet, einem vom niederländischen Drehbuchautor und Trickfilmregisseur Michael Dudok De Wit erdachten; letztendlich auf multinationaler Ebene umgesetzten Projekt – das von niemand geringerem als ToshioSuzuki, dem Vorsitzenden des japanischen Studio GHIBLI (unter anderem verantwortlich für Anime-Meileinsteine wie PRINZESSIN MONONOKE, siehe Review) produziert wurde. Gesetzt dem Fall dass man hat schon einmal einen Blick auf die liebevollen zeichnerischen Welten des berühmten Studios hat werfen können, sieht man das auch direkt – wofür es nicht erst die spezielle Darstellung der kleinen Krabben braucht, die dezent an die sogenannten Rußmännchen aus MEIN NACHBAR TOTORO (Review) oder CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND (Review) erinnern.

Dementsprechend fällt es einem Film wie LA TORTUE ROUGE auch entsprechend leicht, den Zuschauer schnell mit seinen in sich stimmigen, trotz der relativen Kargheit des Inselschauplatzes detailreichen Bildern für sich zu gewinnen – wobei man sich speziell an die extrem minimalistisch gestalteten Gesichter und Animationen der Charaktere erst noch gewöhnen muss. Insgesamt aber sieht der Film recht gut bis stellenweise sogar atemberaubend aus – und der gefühlvolle Soundtrack fügt sich perfekt in die Abfolge der alles andere als hektisch aneinandergereihten Naturaufnahmen der Insel samt Umgebung ein. Was bleibt, ist die Frage nach der inhaltlichen Komponente – der im Falle von LA TORTUE ROUGE durchaus auch einige Besonderheiten innewohnen. So hat sich Michael Dudok De Wit etwa dazu entschlossen, für die gesamten 80 Minuten des Films auf jegliche Dialoge zu verzichten – was allemal ungewohnt ist, sich durch die dennoch vorhandenen Gesten, Laute und Interaktionen der Charaktere aber nicht negativ oder gar auf das Verständnis auswirkt.

Schließlich sollte das, was dem Zuschauer nach einem zugegebenermaßen noch etwas zähen Auftakt als Geschichte präsentiert wird; für jedermann verständlich sein – bedient sich Michael Dudok De Wit doch eigentlich nur an der absoluten Basis. In diesem Zusammenhang – und dies verbindet LA TORTUE ROUGE wiederum mit vielen anderen GHIBLi-Filmen – steht nicht weniger als die Natur selbst im Mittelpunkt der Erzählung, und das auf eine ebenso beruhigende wie spannende und inspirierende Art und Weise. Der Mensch selbst spielt hier nur eine eher untergeordnete Rolle, ebenso wie die mystisch-fantastische Komponente in Form der titelgebenden Schildkröte – die ihre Wirkung dennoch nicht verfehlt und einen großen Teil zur bemerkenswerten emotionalen Ebene des Films beiträgt. Die eigentliche Überraschung des Films ist demnach, dass er es trotz seiner relativen Zurückhaltung in Bezug auf die inhaltlichen und optischen Ausstaffierungen schafft; für eine vergleichsweise große und intensive Form der Unterhaltung zu sorgen.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © Wild Bunch Distribution

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„Minimalistisch, aber eindringlich – eine etwas andere Hommage an die Kraft der Natur.“

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Filmkritik: „Dschungelkind“ (2010)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Autobiografie von Sabine Kuegler
Regie: Roland Suso Richter
Mit: Thomas Kretschmann, Nadja Uhl, Isolde Barth u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 90 Minuten
FSK: ab 0 freigegeben
Genre: Abenteuer / Drama
Tags: Dschungel | Urwald | Familie | Kinder | Reise | Rückkehr

Fluch und Segen des Dschungelkinds.

Inhalt: Als der Linguist Klaus Kuegler (Thomas Kretschmann) im Jahre 1980 gemeinsam mit der Familie in den Dschungel von West-Guinea reist, eröffnet sich insbesondere für die beiden jungen Kinder Sabine (Stella Kunkat) und Christian (Tom Hoßbach) ein magisches Natur-Paradies. Gemeinsam erkunden sie die Umgebung, finden schnell neue Freunde – und können sich alsbald schon kein Leben ausserhalb des Dschungels mehr vorstellen. Ihre Mutter Doris (Nadja Uhl) und ihre ältere Schwester Judith (Milena Tscharntke) jedoch scheinen zunächst noch Probleme zu haben, sich mit der neuen Situation zurechtzufinden – vor allem was die ungewöhnlichen Bräuche und Ansichten der hiesigen Einheimischen angeht. Letztendlich scheint man sich zu arrangieren – was aber nicht heißt, dass es nicht dennoch zu Problem kommen würde. Neben potentiellen Krankheiten, persönlichen Konflikten und Zukunftsängsten scheint sich schließlich auch noch ein größeres Stammeskrieg anzubahnen…

Kritik: Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, der Hektik des modernen Alltags zu entfliehen – und das Experiment zu wagen, ein eher ursprüngliches Leben inmitten im nirgendwo zu beginnen ? Zunächst noch aufgrund ihrer Eltern und ohne überhaupt die Wahl zu haben, kam die junge Sabine Kuegler in eine eben solche Situation – und das sowohl in ihrem tatsächlichen Leben als auch im Film DSCHUNGELKIND, der sich als autobiografisch inszenierte Werk von Roland Suso Richter mehr oder weniger direkt auf das Leben der in Nepal geborenen Autorin bezieht. Tatsächlich stellt sich der dabei auch der Film als recht spannende Angelegenheit heraus – und das nicht nur aufgrund der stimmig eingefangenen und gleichzeitig eine gewisse Form der Magie heraufbeschwörenden Bilder. Die recht geschickt in Szene gesetzte kindliche Erzählperspektive, die sich auf einem schmalen Grat zwischen einer Romantisierung und der Darstellung des nicht selten problematischen Alltags der Auswanderer bewegende inhaltliche Schwerpunktsetzung sowie die doppelt generationsübergreifende Leistung der beteiligten Darsteller auf Seiten der Familie und der Ureinwohner sprechen schließlich grundsätzlich für das Filmprojekt DSCHUNGELKIND – das vor allem in seiner ersten Hälfte sowie in Bezug auf seine vergleichsweise tiefgreifende und ungekünstelte Darstellung der Auseinandersetzung zwischen zwei grundverschiedenen Völkern (sowie allen beteiligten Personen) punkten kann.

Im weiteren Verlauf indes, und mit der Zunahme der seitens des Hauptcharakters und des Regisseurs getroffenen Reflexionen droht die DSCHUNGELKIND-Filmfassade dann doch noch dezent zu bröckeln – was zum Teil auch an den schwächer geratenen Leistungen der vermehrt für sich spielenden Darsteller liegt, die dem vorangegangenen Spiel ihrer weitaus jüngeren Nachwuchs-Kollegen nunmehr kaum noch etwas entgegenzusetzen haben. Dennoch, und gerade in Anbetracht der anberaumten Komplexität der Erzählung und jeweiligen Innenansichten kann eine bedenkenlose Empfehlung für DSCHUNGELKIND ausgesprochen werden. Zum einen, da der Film weitaus weniger kitschig oder prätentiös daherkommen sollte als von manchen vermutet und klar die Charaktere in den Mittelpunkt stellt – und zum anderen, da er mit seiner gewissermaßen sonderbaren Mixtur aus einer vermittelten Abenteuerlust, einer angeschnittenen Familien-Historie und dem Porträt zweier höchst unterschiedlicher Lebensarten wunderbar unterhält.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © UFA Cinema

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„Abenteuerlich, substanziell und weitestgehend wertungsfrei – eine echte Überraschung.“

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Filmkritik: „Killer Mountain“ (2011)

Filmtyp: Spielfilm (TV-Produktion)
Regie: Sheldon Wilson
Mit: Emmanuelle Vaugier, Aaron Douglas, Paul Campbell u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 85 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben (gekürzte Fassung)
Genre: Science Fiction / Action / Abenteuer
Tags: Berg | Gipfel | Monster | Kreaturen | Jungbrunnen | Jagd

Da hat wohl jemand Höhenluft gekostet. Oder vielleicht doch etwas ganz anderes… ?

Inhalt: Als eine Expedition zum bisher noch nicht von Menschen bestiegenen Berg Gangkhar Puensum in Bhutan plötzlich verschwindet, wird der erfahrene Bergsteiger Ward Donovan (Aaron Douglas) angeheuert um auf Spurensuche zu gehen – und die vermissten im besten Fall wohlbehalten zurückzubringen. Doch schnell scheint es, als würde sich eine von den hiesigen Einheimischen ausgesprochene und zunächst als Unsinn abgestempelte Warnung bewahrheiten. Ihrem Wortlaut nach sollen dort oben Götter hausen, die man besser nicht erzürnen sollte – zumindest nicht, wenn einem das eigene Leben lieb ist. So kommt es, wie es kommen musste: die Crew wird alsbald von seltsamen Kreaturen angegriffen, und die ersten Opfer lassen nicht lange auf sich warten…

Kritik:: Die recht hanebüchene und wenig durchdacht erscheinende Story, die überraschend miserablen CGI-Effekte und das peinliche Overacting machen schnell klar, dass es sich bei KILLER MOUNTAIN um eine schnell realisierte TV-Produktion handelt. Eine Produktion ohne große Ansprüche – die nicht einmal dazu taugt, um im Sinne eines unfreiwillig komischen Filmabends zu unterhalten. So lässt sich der Film getrost auf eine Stufe mit den berühmt-berüchtigten Werken aus dem Hause THE ASYLUM stellen – bei denen bekanntlich ebenfalls gilt, dass man lieber die Finger von ihnen lassen sollte.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © Syfy

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„Plump produziert und in fast jeder Hinsicht misslungen – selbst für eine TV-Produktion ist das zu wenig.“

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Filmkritik: „Die Insel Der Besonderen Kinder“ (2016)

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Originaltitel: Miss Peregrine’s Home For Peculiar Children
Regie: Tim Burton
Mit: Eva Green, Asa Butterfield, Samuel L. Jackson u.a.
Land: USA, Belgien, Großbritannien
Laufzeit: ca. 123 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Abenteuer, Fantasy, Familie
Tags: Kinder | Insel | Außenseiter | Fähigkeiten | Geheimnis

Von besonderen Kindern – und der Kraft des Multiversums.

Kurzinhalt: Was wäre eine Kindheit nur ohne das Erlebnis fantasievoller Geschichten ? Auch der junge Jacob (Asa Butterfield) hatte stets das Glück, vielen abenteuerlichen Erzählungen seines geliebten Großvaters Abraham (Terence Stamp) lauschen zu können. Dabei waren das längst nicht nur die typischen Monstergeschichten – häufig ging es auch um eine Insel, auf der mehrere offenbar besonders befähigte Kinder verborgen von der Außenwelt leben und sich vor irgendetwas verstecken. Diese Vorstellung gefiel Jacob vor allem, als er noch jünger war – doch im Laufe der Zeit wurde sein Interesse an den fantastischen Geschichten zusehends geringer. Unglücklicherweise kommt der Tag, an dem er das bitter bereuen würde viel zu schnell: als Jacob 16 ist, wird sein Großvater unter mysteriösen Umständen getötet. Jedoch nicht, ohne Jacob zuvor noch etwas verheißungsvolles zuzuflüstern – woraufhin er sich unter einem Vorwand zu der Insel aufmacht, auf der sein Opa während des Zweiten Weltkriegs tatsächlich in einem Kinderheim wohnte. Jacob will schließlich nicht nur herausfinden, was es mit dem Tod seines Großvaters auf sich hat – sondern auch was an all den Geschichten wirklich dran war…

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Kritik: Zweifelsohne – der groß angelegte Fantasy-Blockbuster DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER wurde nicht nur von Fans des gleichermaßen bunten wie exzentrischen Regisseurs Tim Burton heiß erwartet. So konnten sich auch einige, die sich schon mit der gleichnamigen Buchvorlage des US-Amerikanischen Autors Ransom Riggs befasst hatten; auf die bestenfalls gelungene Portierung des ungewöhnlichen Stoffes freuen. Interessant ist, dass die entsprechende Vorlage aus dem Jahre 2011 stammt – und damit zu den deutlich jüngeren gehört, die erstmals einen Weg auf die große Kinoleinwand finden. Doch auch wenn sich die Frage, in wie weit Tim Burton und sein Gefolge dem Originalstoff auch tatsächlich treu geblieben sind direkt anbietet; soll diese Rezension den Film eher als alleinstehendes Werk betrachten. Schließlich muss DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER auch als eben solches funktionieren – im glücklichsten aller Fälle, versteht sich. Wenn analog dazu auch die Kenner der Buchvorlage nicht allzu sehr vergrämt werden, scheint die Sache schon halbwegs geritzt.

Und tatsächlich sieht es vor allem auf den ersten Blick nicht schlecht aus für DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER. Fakt ist, dass der Film die versprochene und wenn man so will typische Handschrift von Tim Burton trägt – und das nicht nur in Bezug auf die vergleichsweise bunte Farbgebung oder die magisch anmutenden Schauplätze. So erhält auch das bei Burton häufiger auftretende, übergeordnete Thema des Erwachsenwerdens seinen Platz – ebenso wie weitere unverkennbare Details, die sich speziell in Bezug auf die Darstellung der Nebencharaktere äußern. Doch während das einigen bereits reichen könnte, sieht es in Bezug auf eine eventuell von manchen gewünschte letzte Konsequenz a’la Burton nicht ganz so gut aus. Anders gesagt: es steckt zwar ein Tim Burton in DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER – aber eben auch nicht mit Nachdruck oder in der Form, dass er in irgendeiner Art und Weise für Aufsehen sorgen könnte.

Ob der Film als somit spürbar weniger schrulliges, aber trotzdem gut durchdachtes und wirksam präsentiertes Fantasy-Abenteuer durchgehen kann ist eine andere Frage – bei der längst nicht nur die diskutable Einflussnahme von Tim Burton zu Rate zu ziehen ist. Eine vorschnelle Beurteilung bietet sich hier allerdings nicht an. Erst Recht nicht da es scheint, als müsste man den Film in zwei unterschiedliche Kernkompetenzen gliedern.

Die eine besteht schlicht daraus, einen möglichst abenteuerlichen und unterhaltsamen Fantasy-Streifen auf die Beine zu stellen. Und das mit allem was dazu gehört – etwa einer möglichst auch emotional packenden Geschichte, ansprechenden Kulissen, liebenswerten Charakteren mit Identifikationsmöglichkeiten; und nicht zuletzt einer handwerklich und technisch zufriedenstellenden Umsetzung. Und tatsächlich: gerade in dieser Hinsicht sammelt DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER markante Pluspunkte. Die Geschichte ist ungewöhnlich genug um den Zuschauer schnell in ihren Bann zu ziehen, die Schauplätze und die schnellen Wechsel zwischen verschiedenen Orten und Zeiten werden perfekt inszeniert, die Bandbreite an vorgestellten Charakteren ist vielfältig und interessant. Hinzu kommt, dass die Entscheidung Asa Butterfield (u.a. ENDERS GAME) für die Hauptrolle zu besetzen eine ganz und gar vortreffliche war. Auch wenn sein Charakterporträt sicherlich nicht zu den spektakulärsten gehört, holt er das Maximum aus den ihm gegebenen Möglichkeiten – und sorgt im Zusammenspiel mit der ebenfalls gelungenen Darbietung von Eva Green als autoritäres Vogelwesen schnell für entsprechende Sympathien.

Etwas schade ist dagegen, dass die anderen Kinder – also vornehmlich die, die DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER erst zu einer solchen machen; eher weniger Aufmerksamkeit erhalten und im schlimmsten Fall zu bloßen Randfiguren avancieren. Solchen, deren Fähigkeiten man früher oder später zwar noch gut gebrauchen könnte – doch ein wenig mehr Hintergrundinformationen oder auch eigene kurze Subplots hätten dem Film sicher gut getan. Stattdessen bringt er umso mehr Energie und Zeit für seinen Einführungspart auf – der damit etwas länglicher ausfällt als nötig. Wie schwer man derartige, sicherlich kleinere Schwächen gewichtet muss man für sich selbst entscheiden – was sicher auch für die sich anbahnende, große Liebesgeschichte des Films gilt. Dabei stört es nicht gar nicht mal, dass sie als in Hollywood fast schon obligatorische Maßnahme grundsätzlich vorkommt – doch die Art und Weise wie sie inszeniert wurde schon eher. Deutliche Probleme finden sich hier schließlich nicht nur in Bezug auf die relativ beliebig und vorschnell wirkende Entstehung – sondern vor allem im Hinblick auf den weiteren, zusehends immer unglaubwürdigeren Verlauf. Dass Asa Butterfield und seine Kollegin Ella Purnell als Love-Interest Emma in den gemeinsam Szenen ihre schwächsten Momente haben, spielt hier ebenfalls mit hinein.

Doch ganz egal wie man es auch dreht und wendet: unter dem Strich ist DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER ein sichtlich aufwendiger, interessanter; und dabei vor allem visuell und akustisch ansprechender Fantasy-Streifen geworden – der seine auffälligsten Schwächen in der Handhabung der Charakterporträts hat. Das gilt zumindest für den einen Kernaspekt des Films und für all jene, denen bereits das reicht – oder die sich gar nicht erst näher mit dem zweiten Kernaspekt befassen wollen. Der besteht vornehmlich aus allem, was DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER wirklich besonders macht – wortwörtlich, aber auch in Bezug auf den Film im gesamten.

Anders gesagt: es geht um die Dinge, die sich so nur im Universum des Franchise abspielen – und die zumindest theoretisch das Zeug dazu gehabt hätten, die Zuschauer nachhaltig zu fesseln und zu wilden Interpretationsausflügen anzuregen. Denn: wen würde es nicht interessieren, wie es sich wirklich mit den seltsamen Zeitblasen verhält ? Wie lange gibt es sie schon, wie genau funktionieren sie wirklich, wer kann sie erschaffen und warum ? Und warum entscheidet man sich ausgerechnet für eine vergleichsweise komplizierte Variante wie diese, was bedeutet die Bürde vorerst nicht altern zu können ? Was hat es mit den Kindern auf sich, woher kommen ihre Fähigkeiten ? Wurden sie von ihren Familien verstoßen, liefen sie eines Tages davon; weiß die Außenwelt zumindest von deren Existenz ? Man merkt schnell: gerade in der potentiell ansprechenden Disziplin des Fantastischen scheitert DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER geradezu kläglich – was sicher eine kleine Überraschung ist.

Ein nennenswert intensives Filmerlebnis erlaubt die arg oberflächliche Erzählweise jedenfalls nicht. Mehr noch: dank der fehlenden Herausgabe von Details ergeben sich mitunter drastische Logik-Probleme. Entweder bleibt zu viel offen, oder ergibt nach näherem Hinsehen schlicht keinen Sinn. Insbesondere die Darstellung der Zeitreise-Mechanik wirkt dabei besonders unausgegoren und stets so, als wäre sie nur darauf ausgerichtet ein bestmögliches Happy-End für (fast) alle Beteiligten zu erreichen. Das erinnert an andere Filme mit einer ähnlichen Herangehensweise: wenn gewisse Dinge nicht anders zu erklären sind, bedient man sich einfach der Zeitreisenthematik – allerdings ohne dann zumindest diese zu erklären; und sei es nur in einem noch so merkwürdigen Ansatz. Es ist eben nicht unwichtig, ob man sich auch wirklich Gedanken um die Elemente macht; die man in (s)einem Film verpackt.

Schlussendlich: DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER ist eine kleine Enttäuschung. Vornehmlich deshalb, da es sich um ein nur auf den ersten Blick herausragendes Fantasy-Abenteuer handelt – das immerhin mit einem sehr guten handwerklichen Part und einer bildgewaltigen Inszenierung glänzt. Geht es aber um eine tiefere Einsicht in das anberaumte fantastische Universum, den letzten Feinschliff an den Charakteren und das schlicht außergewöhnlich spannende, auch nachhaltig faszinierende – so schlagen Tim Burton’s Ambitionen fehl.


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„Der Film unterhält, ja – das verschenkte Potential ist jedoch massiv.“

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