Filmkritik: „Das Neunte Leben Des Louis Drax“ (2017)

Originaltitel: The 9th Life Of Louis Drax
Regie: Alexandre Aja
Mit: Aiden Longworth, Jamie Dornan, Sarah Gadon u.a.
Land: USA, Kanada, Großbritannien
Laufzeit: ca. 108 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama, Thriller, Horror
Tags: Junge | Kind | Mutter | Unfälle | Koma | Kommunikation

Wenn selbst neun Leben nicht genug sind.

Kurzinhalt: Den jungen Louis Drax (Aiden Longworth) als Pechvogel zu bezeichnen scheint noch leicht untertrieben – schließlich hat er seit seiner Geburt immer wieder merkwürdige Unfälle, die ihm fast das Leben kosten. Trotzdem scheint sich der mit einer lebhaften Fantasie ausgestattete Junge nicht den Lebensmut nehmen zu lassen, und blickt relativ gelassen auf die zahlreichen Zwischenfälle. Bis, ja bis es an seinem neunten Geburtstag zu einem weiteren und wohl auch dem bisher schlimmsten Unglück kommt. Nicht nur, dass seine mittlerweile getrennt lebenden Eltern ausgerechnet an seinem Geburtstag einen heftigen Streit vom Zaun brechen – inmitten eines darauf folgenden Gerangels stürzt Louis von einer schwindelerregend hohen Klippe. Unglaublicherweise überlebt er den Sturz, doch nach seiner Rettung aus dem eiskalten Wasser liegt er schwer verletzt im Koma. Als er kurz darauf in die aus derartige Fälle spezialisierte Klinik von Dr. Allan Pascal (Jamie Dornan) eingewiesen wird; setzen der Arzt und seine Mutter (Sarah Gadon) alles daran, dass es dem kleinen Patienten bald wieder besser gehen würde. Höchst merkwürdig erscheint indes, dass der Vater (Aaron Paul) seit dem Vorfall verschwunden ist…

Kritik: Filme, in denen komatöse Patienten in einem ersten aber nicht hoffnungslosen Zustand auf eine Rettung warten gibt es eigentlich gar nicht so wenige – eine entsprechende Bandbreite zwischen eher klassischen medizinischen Dramen und geradezu fantastisch anmutenden Ausflügen in die Bereiche der Metaphysik inklusive. Manchmal können die Grenzen aber auch fließend ausfallen, wie im etwas sperrig betitelten DAS NEUNTE LEBEN DES LUIS DRAX vom frisch gebackenen Horror-Spezialist Alexandra Aja. Der hatte sich speziell durch seine gelungene Neuverfilmung des Klassikers THE HILLS HAVE EYES einem Namen gemacht, war daraufhin aber auch an einigen mindestens diskutablen Werken beteiligt – wie etwa dem puren Trash-Vergnügen in der Gestalt von PIRANHA 3D (siehe Review) oder dem schonungslosen Remake von MANIAC (Review). Unter anderem deshalb fühlt es sich etwas überraschend an, ihm nun bei einer Umsetzung eines für ihn und seine bisherige Filmografie eher ungewöhnlichen Stoffes beizuwohnen. Schließlich basiert DAS NEUNTE LEBEN DES LUIS DRAX auf einer gleichnamigen Buchvorlage der Autorin Liz Jensen, und richtet seinen Fokus explizit auf das Erleben eines kindlichen Hauptprotagonisten in einer nicht nur medizinischen Ausnahmesituation.

Die ersten Minuten des Films offenbaren dabei schnell einen weiteren Überraschungsmoment, denn: es gelingt dem Regisseur durchaus, den Zuschauer mit seinem etwas anderen Einblick in die Gedankenwelt eines kleinen Jungen zu fesseln. Der dezente Ausflug in Richtung einer klassischen Coming Of Age-Geschichte, die gleichermaßen frische wie unkonventionelle Erzählweise irgendwo zwischen einer kindlichen Poesie, fast schon komödiantischen Einschüben und einer subtilen Dramatik geht zunächst wunderbar auf – und macht neugierig auf den weiteren Verlauf des Films. Im selbigen kommt es jedoch, wie es kommen muss: nicht alle der an den Tag gelegten Ideen sind gut respektive sonderlich effektiv, und vor allem hinsichtlich der angepeilten Kohärenz des Films hapert es. Stellenweise sogar gewaltig – was umso deutlicher auffällt, wenn man den eigentlichen Überraschungseffekt des Films zu Rate zieht. Schließlich hat gerade der zwei kaum miteinander vereinbare Seiten, oder anders gesagt: für DAS NEUNTE LEBEN DES LOUIS DRAX ist er Fluch und Segen zugleich.

Denn: so unerwartet die eigentliche Wendung sein mag, eigentlich hat sie nur wenig mit dem zuvor etablierten Atmosphäre des Films am Hut. Streckenweise könnte man somit den Eindruck gewinnen, als handelte es sich bei DAS NEUNTE LEBEN DES LOUIS DRAX um zwei oder drei ineinander verwobene Filme – die nicht immer miteinander harmonieren, und bei deren Verknüpfung einiges auf der Strecke bleibt. Sicher ist es mutig, eine wie hier gezeigte Symbiose aus verschiedenen Genres anzustreben – doch letztendlich wirkt die Mixtur aus Elementen des Coming Of Age-Films, des Dramas, des Thrillers; aber eben auch der Fantasy und des Horrors schlicht etwas zu wild und unentschlossen. Somit bleibt kaum aus, dass sich ein vergleichsweise seltener Gesamteindruck einstellt: die Grundidee inklusive der überraschenden Auflösung bleibt der wohl größte Vorteil in und an LOUIS DRAX, wohingegen der Weg zu eben jener Auflösung auffällig holperig wirkt – und zudem einige Längen aufweist.

Immerhin: Alexandra Aja begeht somit schon einmal nicht den Fehler, viel Lärm um nichts zu machen. Eigentlich ist es hier sogar genau andersherum: die Ausschmückungen um den Kern der Geschichte herum sind es, die für Verdruss sorgen – und nicht die Geschichte an sich. Ein ebenso ambivalentes Gefühl stellt sich auch ein, wenn man die handwerklichen Kniffe, den Soundtrack und die Leistungen der Darsteller in Betracht zieht. Schließlich gilt auch hier: für sich betrachtet macht vieles einen guten Eindruck. Das gilt insbesondere für die teils hervorragenden Aufnahmen, die atmosphärisch inszenierten Schauplätze, die eingestreuten Special Effects oder aus dem Kontext gerissene Einzel-Momente – wie etwa die gruselige Verfolgung einer Schlamm-Spur im Krankenhaus, oder aber die Szenen des Hauptcharakters mit einer zunächst nicht zuzuordnenden Gestalt in Form eines allwissenden Erzählers.

Im Zusammenspiel folgt jedoch die relative Ernüchterung: DAS NEUNTE LEBEN DES LOUIS DRAX will schlicht etwas zu viel, und verhaspelt sich dabei dezent in Bezug auf seine eben nicht oder nur kaum vorhandene Konsequenz. Leicht kritisch muss wohl auch die Leistung des Nachwuchstalentes Aiden Longworth in der für ihn eventuell etwas zu großen Hauptrolle betrachtet werden – auch hier sind einige deutliche Abstriche zu machen. Die angepeilte Emotionalität, das ganz große Einfühlen im Sinne einer übergreifenden Empathie bleibt jedenfalls aus.

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„Eine gute Idee trifft auf eine schwache und inkonsistente Umsetzung.“

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Filmkritik: „Flug Ins Abenteuer Aka Radio Flyer“ (1992)

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Originaltitel: Radio Flyer
Regie: Richard Donner
Mit: Elden Henson, Lorraine Bracco, John Heard u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 114 Minuten
FSK: unbekannt
Genre: Drama
Tags: Erinnerungen | Kindheit | Vergangenheit | Familie | Leben

Wenn sich schöne und schreckliche Erinnerungen kreuzen.

Kurzinhalt: Die Brüder Mike (Elijah Wood) und Bobby (Joseph Mazzello) haben es nicht leicht – und doch sind sie ein eingeschworenes Team. Gemeinsam mit ihrer getrennt lebenden Mutter Mary (Lorraine Bracco) haben sie bereits viele verschiedene Stationen hinter sich gelassen, und hoffen mit dem Umzug in eine ländliche Kleinstadt endlich der problematischen Vergangenheit entkommen zu können. Was ihnen aber fehlt ist eine Vaterfigur; jemand der die Familie endlich wieder komplett macht. Tatsächlich lernt Mary bald darauf einen neuen Mann (Adam Baldwin) kennen, der auch prompt mit ihr zusammenzieht. Das Glück der jungen Familie könnte perfekt sein – wäre da nicht doch etwas, was die neuerliche Lebensfreude markant trübt. Denn: Mary’s neuer Freund stellt sich als Trinker heraus, und wird im Laufe der Zeit immer aggressiver – vor allem den Kindern gegenüber. Selbst, als Bobby’s Rücken von blauen Flecken übersät ist wenden sich die beiden Brüder nicht an ihre Mutter – sie wollen ihr vermeintliches Glück nicht zerstören. Und so beschließen sie, Bobby mithilfe des RADIO FLYERS in eine sichere Welt zu bringen – eine, in der ihm kein Leid mehr zuteil wird.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Eines ist Regisseur Richard Donner und Drehbuchautor David M. Evans mit RADIO FLYER definitiv gelungen: ihr nach einem bekannten Spielwarenhersteller benannte Film vermag es, den Zuschauer zu überraschen. Dass dies auf eine eher erschreckende Art und Weise geschieht schmälert diese Feststellung nicht, im Gegenteil: der bereits mit angedeuteten Problemen beschriebene, aber noch weitestgehend idyllische Auftakt des Films mit dem Porträt zweier Brüder führt den Zuschauer wirkungsvoll auf eine falsche Fährte. Was früher oder später folgt, ist der erbarmungslose Schlag in die Magengrube: RADIO FLYER bleibt nicht länger ein vermeintlicher Kinder- und Abenteuerfilm mit Fantasy-Elementen, sondern avanciert zu einem emotional aufwühlenden Drama. Eines dass deshalb so eindringlich wirkt, da es um ein eher heikles Thema geht: das der Kindesmisshandlung. Markant ist, dass RADIO FLYER dabei niemals direkt anprangert oder polemische Schlüsse zieht – das entstehende Leid wird an der Beziehung der beiden Brüder festgemacht, mit denen man sich als Zuschauer direkt identifizieren wird.

Und nicht nur das, schließlich wird man auch zusammen mit ihnen leiden. Überhaupt verfehlt die Darstellung der Ereignisse aus einer weitestgehend kindlichen Erzählperspektive ihren Zweck nicht. RADIO FLYER ist tief-traurig, zutiefst melancholisch – doch werden diese Stimmungen nicht wie sonst oft durch eher perfide Mittel generiert; beispielsweise gibt es keine Szenen einer expliziten Ausführung der Gewalt. Sie entstehen aus der Geschichte selbst, aus den Charakteren und den hervorragenden Leistungen der Darsteller – wobei der ausgewogene Soundtrack von Hans Zimmer nur das i-Tüpfelchen bildet und niemals zu aufdringlich wirkt. Eine weiter gute Entscheidung war es, den Film aus einer Rückblende heraus zu erzählen – und die Geschichte sowohl als beispielhaftes Mahnmal, aber eben auch eine generelle Ode an die Kindheit zu inszenieren. Ebenfalls interessant ist, dass man sich durchaus darüber streiten könnte ob ein gewisser Hauptcharakter tatsächlich existiert oder es sich um ein psychologisches Phänomen handelt – Anhaltspunkte respektive Andeutungen gibt es schließlich in beide Richtungen.

Gravierende Negativaspekte weist RADIO FLYER nicht auf – lediglich der leicht verwaschene Eindruck hinsichtlich der angepeilten Zielgruppe (die man tatsächlich nicht genau festmachen kann) könnte sich als störend erweisen. Und: hie und da scheint RADIO FLYER doch noch die ein oder andere Grenze der Verklärung und Romantik zu überschreiten – sicher auch, wenn es um das Finale geht.

Fazit: Der Ansatz, das ernste Thema der Kindesmisshandlung im Zusammenspiel mit einer nostalgischen und leicht verklärten Kindheitserinnerung zu verbinden ist gewagt – und doch geht das Konzept weitestgehend auf. RADIO FLYER ist handwerklich gut gemacht, weiß mit hervorragenden Darsteller-Leistungen vor allem seitens des jungen Elijah Wood und seines Film-Bruders Joseph Mazello aufzuwarten – und die abenteuerlich erzählte, letztendlich aber tieftraurige Geschichte bewegt nachhaltig. Ein Meisterwerk mag RADIO FLYER vielleicht nicht geworden sein, doch für eine in Anbetracht der unklaren Zielgruppe dezent eingeschränkte Empfehlung reicht es allemal.

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„Ein effektiv erzählter, melancholischer Klassiker.“

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Filmkritik: „Unter Der Sonne Australiens“ (2006)

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Originaltitel: Romulus, My Father
Regie: Richard Roxburgh
Mit: Eric Bana, Franka Potente, Kodi Smit-McPhee u.a.
Land: Australien
Laufzeit: ca. 100 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Australien | Outback | Familie | Zusammenhalt | Probleme

Wenn die Australische Sonne nicht für jeden scheint.

Kurzinhalt: In den sechziger Jahren lebt der ursprünglich aus Jugoslawien stammende Aussteiger Romulus (Eric Bana) zusammen mit seinem Sohn Raimond (Kodi Smit-McPhee) auf einer Familienfarm im australischen Outback. Eigentlich sollte auch Raimonds Mutter Christina (Franka Potente) ein Teil der Familie sein – doch aufgrund von immer stärker werdenden Depressionen und dem Drang nach Freiheit sieht sie sich gezwungen, für eine Zeitlang nach Melbourne zu ziehen. Hier beginnt sie dann tatsächlich, ihre Heirat mit Romulus zu bereuen – und verliebt sich neu. Die Folge der neuen Liebschaft ist bald darauf auch eine Schwangerschaft – wobei es somit nur noch an der speziellen Charakterkonstellation liegt, das Chaos perfekt zu machen. Schließlich ist Christinas neuer Freund der charismatische Mitru (Russell Dykstra), dessen Bruder Hora (Marton Csokas) wiederum der beste Freund von Romulus ist…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Richard Roxburgh’s UNTER DER SONNE AUSTRALIENS inszeniert sich als eher ruhiges Drama mit Roadmovie-Flair, bei dem neben passigen Landschaftsaufnahmen vor allem die Charaktere sowie deren einstweilen abstrus erscheinende Interaktionen im Mittelpunkt stehen. Als Ausgangspunkt und Ruhepol der Figurenkonstellation fungiert dabei das intensiv porträtierte Verhältnis zwischen einem liebenden Vater und seinem Sohn – denn schließlich haben beide stark mit den Problemen und der darauf folgenden Abwesenheit der Mutter und Ehefrau zu kämpfen. Was den Film besonders macht ist dabei nicht unbedingt die grundsolide erzählte, letztendlich aber alles andere als neue Geschichte – sondern vielmehr das an Tag gelegte Handwerk, und das in allen Bereichen. Vor allem die beiden Hauptdarsteller Eric Bana und Kidi Smit-McPhee füllen ihre Rollen sehr gut, ja wenn nicht gar überragend aus – und sorgen erst dafür, dass man wirklich geneigt ist sich explizit in das Szenario hineinzuversetzen. Wäre da nicht die hier etwas überraschende Ausnahme in Form einer dezent deplatziert wirkenden Franka Potente – und noch dazu  in der vielleicht wichtigsten Rolle des Films – könnte man also durchaus von einer perfekten Besetzung sprechen.

Analog dazu sorgt auch die Kamera-Arbeit sowie die Farb- und Szenengestaltung dafür; dass man sowohl einen Hauch der Atmosphäre Australiens, als auch den Flair des anberaumten Handlungszeitraums in den Sechziger Jahren in sich aufsaugen kann. Das lässt der sich einstweilen etwas schleppend entwickelnden Geschichte doch noch den nötigen Raum, sich vollends zu entfalten – auch; oder gerade weil vor allem für den kindlichen, hin- und hergerissenen Hauptcharakter des Raimond Empathie entstehen wird. Und das im besten Fall nicht zu knapp – sodass man UNTER DER SONNE Australiens am ehesten als gelungenes Coming Of Age-Drama auffassen sollte. Einem solchen, bei dem die Geschichten der Eltern eher als Subplots fungieren – und bei der der Fokus weniger auf die Identitäts- und Beziehungsprobleme der Eltern, als vielmehr deren Auswirkungen auf den Sohn porträtiert werden.

Fazit: Auch wenn UNTER DER SONNE AUSTRALIENS kein Meisterwerk geworden ist; hat Richard Roxburgh hier ein mehr als nur solides Coming Of Age-Drama auf die Beine gestellt. Der Film ist erzählerisch dezent ausgeführt, enorm bildgewaltig – und wird von geradezu poetischen Untertönen begleitetet. Noch dazu hat er einen hohen Wiedererkennungswert, ist mit gewissen Alleinstellungsmerkmalen versehen und zeigt sich absolut unbeeindruckt vom Mainstream – was allemal angenehm ist. Aufgrund seiner ungekünstelten Emotionalität, dem starken Fokus auf die Charaktere und den hervorragenden schauspielerischen Leistungen kann der Film somit problemlos als vergleichsweise anspruchsvoller Genre-Geheimtipp eingestuft werden.

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„Ein angenehm atmosphärisches Drama unter der Sonne Australiens.“

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Filmkritik: „Der Große Tom“ (2007)

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Originaltitel: Der Große Tom
Regie: Niki Stein
Mit: Wolf-Niklas Schykowski, Aglaia Szyszkowitz, Elisa Schlott u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 90 Minuten
FSK: unbekannt / nicht geprüft
Genre: Drama
Tags: Kinder | Armut | Soziales | Brennpunkt | Verwahrlosung

Wenn Kinder früh erwachsen werden (müssen).

Kurzinhalt: Der 12-jährige Tom (Wolf-Niklas Schykowsky) hat es alles andere als leicht. Während sein Vater die Familie bereits vor einigen Jahren verlassen hat, kümmert sich nun auch seine Mutter immer weniger um ihn und seine beiden jüngeren Schwestern. Es scheint gar, als würde sie nur noch ab und zu in der Wohnung auftauchen – um die Wäsche zu waschen oder in liebloser Manier eine Pizza auf den Tisch zu legen. Tom sieht seine Aufgabe fortan darin, sich um seine beide Schwestern zu kümmern – und kommt deshalb immer häufiger zu spät zum Unterricht. Doch das ist nicht das einzige Problem, schließlich übernimmt er die Rolle eines Alleinversorgers – und droht an dieser für ein Kind absolut ungeeigneten Aufgabe zu zerbrechen. Allein der Gedanke, dass es sich hierbei um einen vorübergehenden Zustand handeln muss motiviert ihn – sowie die Hoffnung, dass seine Mutter ihre offensichtlichen Probleme doch noch in den Griff bekommen wird.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Kinderarmut und auch -verwahrlosung sind real, auch in Deutschland. Unter anderem deshalb inszenierte der vor allem durch zahlreiche TATORT-Folgen bekannte Regisseur und Drehbuchautor Niki Stein (eigentlich Nikolaus Stein von Kamienski) das stille, aber dennoch explizit anprangernde Gesellschafts-Drama DER GROSSE TOM – das sich auf eine wahre Geschichte beruft, die sich ähnlich wie im Film gezeigt in Berlin zugetragen hat. Und auch wenn er damit kein filmisches Neuland betritt und grundsätzlich nur ein stellvertretendes Einzelschicksal ausformuliert, welches sich so tagtäglich in Deutschland und auch überall sonst abspielen kann, abspielen wird – vermag es DER GROSSE TOM durchaus, den Zuschauer aufzurütteln und für das übergeordnete Problem-Thema der sozialen Verwahrlosung zu sensibilisieren. Gut ist, dass er dabei weitestgehend auf gängige Klischees verzichtet und mit der Geschichte dort ansetzt, wo man es zunächst weniger vermuten würde – und ein beklemmendes Gefühl für die nur vermeintlich temporäre Ausnahmesituation entstehen lässt, in der sich die drei Kinder befinden.

Interessant ist auch, dass der Film keine vorgefertigten oder vereinfachten Antworten gibt; auch die Mutter nicht als plumpe Hassfigur deklariert – und sich der Zuschauer selbst ein Bild machen kann über jene Gründe, die in einem Fall wie diesem zu einer Vernachlässigung geführt haben könnten. Insofern wirkt DER GROSSE TOM viel eher wie eine erschreckende Dokumentation, und nicht wie ein handelsübliches und möglicherweise perfide auf die Tränendrüse drückendes Drama. Dazu passt auch die behutsame, vergleichsweise schlichte Herangehensweise innerhalb der Inszenierung: Bilder und Schnitt sind ruhig, dem Soundtrack wird so gut wie keine Bedeutung zugemessen, kein Moment wird in Bezug auf seine Emotionalität künstlich aufgeblasen. Die hervorragenden Leistungen der jungen Darsteller runden das Ganze ab – insbesondere dem Nachwuchstalent Wolf-Niklas Schykowski nimmt man seine zwischen Hoffnung und Verzweiflung pendelnde, sicher nicht leicht zu spielende Rolle problemlos ab.

Fazit: Auch wenn sich DER GROSSE TOM mit einer gleichermaßen wahren wie erschütternden Begebenheit befasst, drei unschuldige und aufgrund der Situation erst Recht liebenswerte Kinder in den Mittelpunkt stellt und etwaige gesellschaftliche Missstände mal direkt, mal eher unterschwellig ausführt; hat man kaum das Gefühl als würde es Niki Stein nur um die Erzeugung von Mitleid gehen. Viel eher entsteht eine gewisse Form des Respekts – gegenüber den porträtierten Charakteren und im übertragenen Sinne auch jenen Kindern, die tatsächlich Schicksale wie die hier gezeigten durchleben; durchleben müssen. Insofern kann man dem Film hoch anrechnen, dass er als auf die Leinwand gebanntes Denkmal für vernachlässigte Kinder fungiert und noch einmal nachdrücklich auf das aufmerksam macht, was eigentlich niemanden entgehen sollte. Auf der Gegenseite findet sich dagegen wenig zu kritisierendes. Eventuell könnte man ihm ankreiden, dass er selbst für ein möglichst authentisches Drama einstweilen etwas zu bieder wirkt – und der Unterhaltungswert im Sinne eines Spielfilms klar hinter den offensichtlichen Aussagen als quasi-Doku hintenan stehen muss.

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„Kein noch nie dagewesenes Meisterwerk – aber ein höchst solider deutscher Film.“

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Filmkritik: „Durch Den Tod Versöhnt / End Of The Spear“ (2005)

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Originaltitel: End Of The Spear
Regie: Jim Hanon
Mit: Louie Leonardo, Chad Allen, Chase Ellison u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 108 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Eingeborene | Ureinwohner | Urwald | Missionierung | Kontakt

Zwischen Bäumen, Speeren und Bibeln.

Kurzinhalt: Im Jahre 1956 versucht der christliche Missionar Steve Saint (Chad Allen) in einem vom dichten Bewuchs umgebenen Dschungel-Dorf einem einheimischen Stamm die christliche Nächstenliebe näherzubringen – den sogenannten Huaorani. Dabei scheint es ihm weniger wichtig, die Glaubensgemeinschaft der Christen zu vergrößern – er möchte den Stamm lediglich davor bewahren, sich selbst respektive im Kampf mit verfeindeten Nachbarstämmen auszulöschen. Mit dabei sind einige Freunde, sowie auch seine Familie – wobei er einen besonders guten Draht zu seinem 8-jährigen Sohn Steve (Chase Ellision) hat – und ihm auf dieser Mission eine ganz andere Lebensweise als die ihm bisher bekannte aufzeigen möchte. Eines Tages kommt es aber zu einem Zwischenfall: Nate wird trotz seiner Friedfertigkeit und seiner Bemühungen dem Stamm zu helfen ermordet, wie auch einige seiner engsten Freunde. Der zunächst fassungslose Steve hat allen Grund zu Trauern – und dennoch spürt er schon früh das Verlangen, die außergewöhnliche Arbeit seines Vaters fortzusetzen; nicht zuletzt da er sein Leben gab für das, an was er glaubte.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! DURCH DEN TOD VERSÖHNT; oder im Original END OF THE SPEAR ist ein Drama von Jim Hanon, der sich für seinen zweifelsohne besonderen Film auf eine gleichnamige Buchvorlage gestützt hat. Die wiederum stammt von Steve Saint – also jener tatsächlich existierenden Person, mit deren Charakterisierung sich der Film befasst. Größtenteils geht es dabei um das Jahr 1956, in dem die sogenannte Operation Auca stattgefunden hat. Der Film wird aus einer Rückblende des nunmehr gealterten, damals 8-jährigen Steve Saint erzählt – und legt seinen Fokus dabei explizit auf das außergewöhnliche Aufeinandertreffen zweier Kulturen. Dabei fällt vor allem eines schnell und positiv auf: Regisseur Jim Hanon hat es trotz einiger eigentlich für sich sprechender Szenen vermieden, vorschnell Partei für die eine oder die andere Seite zu ergreifen. Wohl auch, da es so gut wie unmöglich erscheint, in Anbetracht des für den gewöhnlichen Zuschauer zutiefst exotischen Szenarios standardisierte Attribuierungen vorzunehmen. Nein, END OF THE SPEAR wird weitestgehend neutral erzählt – und kann daher weder als Rechtfertigung für das Vorgehen der Christen in Bezug auf etwaige Missionarstätigkeiten, noch als Werbefilm für traditionelle Lebensarten verstanden werden.

Schließlich geht es abseits von den mannigfaltigen (und im Film lediglich angeschnittenen) politischen, religiösen und moralischen Hintergründen ohnehin eher um die Menschen, die an der Operation beteiligt waren – und das auf beiden Seiten. Neben dem glaubhaft und nachvollziehbar dargestellten Engagement der Missionare erhält man so auch einen überraschend authentisch wirkenden Eindruck in die Lebensweise eines Indianerstammes – mit allen dazugehörigen fremden Elementen, aber sicherlich auch Grausamkeiten. Eingebettet wird die Geschichte in simple; gleichzeitig aber auch malerische und geradezu poetische Bilder – beispielsweise wenn die markante gelbe Propellermaschine über den satt-grünen Dschungelwäldern und tiefblauen Flüssen ihre Erkundungs-Runden dreht. Gerade diese Szenen werden einem auch ohne die inhaltlichen Bezüge im Gedächtnis bleiben – auch, da die musikalische Untermalung stets passig erscheint und mit ihrer Mixtur als eher klassischen und sphärisch-verträumten Elementen eine intensive Atmosphäre etabliert. Jim Hanon ist so vor allem eines gelungen: keine seine veranschlagten Szenen wirkt aus dem Kontext gerissen oder gar lieblos inszeniert. Vielmehr entsteht ein höchst atmosphärisches Gesamtbild, welches den Zuschauer selbst in den Momenten in denen die Handlung in den Hintergrund rückt intensiv zu fesseln vermag.

Fazit: Die Botschaft, die man sich als Zuschauer aus END OF THE SPEAR mitnimmt; wird zweifelsohne eine jeweils andere sein. Aber genau darin liegt auch eine der klaren Stärken des Films – der mit seiner ungewöhnlichen und wahren Geschichte, den wuchtigen Bildern, dem stimmigen Soundtrack und nicht zuletzt dem grandiosen Schauspiel zu überzeugen weiß. Vor allem der junge Nachwuchs-Darsteller Chase Ellison liefert hier schlicht überragend ab – was den Film in seiner Endwertung noch einmal ausdrücklich positiv beeinflusst. Dafür, dass er gerade einmal 10 Millionen US-Dollar gekostet hat und man sicher nicht direkt an ihn denkt, wenn es um die vielleicht besten Filme aus dem Jahr 2005 geht – schneidet er schlicht überraschend gut ab und kann problemlos als Geheimtipp bezeichnet werden. Ob nun aus Sicht einer bestimmten Interessengruppe wie den beiden hauptsächlich im Film behandelten; oder aber auch – und das ist das schöne – ganz unvoreingenommen.

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„Ein außergewöhnlicher Film über eine außergewöhnliche Begebenheit.“

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