Metal-CD-Review: SECRET SPHERE – Portrait Of A Dying Heart (2012)

Alben-Titel: Portrait Of A Dying Heart
Künstler / Band: Secret Sphere (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 29. November 2012
Land: Italien
Stil / Genre: Power Metal
Label: Scarlet Records

Alben-Lineup:

Andrea Buratto – Bass
Aldo Lonobile – Guitars
Federico Pennazzato – Drums
Marco Pastorino – Guitars
Gabriele Ciaccia – Keyboards, Piano
Michele Luppi – Vocals

Track-Liste:

1. Portrait of a Dying Heart (06:00)
2. X (05:12)
3. Wish & Steadiness (05:37)
4. Union (04:12)
5. The Fall (05:10)
6. Healing (04:29)
7. Lie to Me (03:50)
8. Secrets Fear (05:57)
9. The Rising of Love (04:28)
10. Eternity (06:01)

Ein Herz, dass nur noch halb so schnell schlägt.

Denkt man an die ersten nachhaltig musizierenden und die Szene viele Jahre mitbestimmenden Power Metal-Pioniere aus Italien, so werden einem vornehmlich zwei Bands in den Sinn kommen: RHAPSODY OF FIRE, die mit ihrer früh an den Tag gelegten symphonischen Spielart so manchen Weg bereiteten; sowie sicher auch LABYRINTH mit ihrer Symbiose aus melodischen und auch mal etwas progressiveren Strukturen. Selbstverständlich – und trotz dessen, dass sie keinen vergleichbaren Bekanntheitsgrad innehaben – gab es aber noch einige andere Bands, die sich vergleichsweise früh aufmachten um die Hörerschaft für ihre Vision des Power Metals zu begeistern. Die bereits 1997 gegründeten SECRET SPHERE wären ein eben solches Beispiel – wobei sie musikalisch am ehesten als Zwitterwesen aus den eben genannten RHAPSODY und LABYRINTH zu bezeichnen wären, insbesondere was ihre frühesten Werke MISTRESS OF THE SHADOWLIGHT (siehe Review) oder A TIME NEVER COME (Review) betrifft. Im weiteren Verlauf ihrer Karriere zeigten sich die Italiener dann aber zusehends experimentierfreudiger, wobei sie längst nicht immer den richtigen Ton zu treffen schienen. Das 2003 erschienene SCENT OF HUMAN DESIRE (Review) beispielsweise gehört zweifelsohne nicht zu den besten Projekten, denen sich die Band jemals gestellt hatte – und gerade als es mit guten (SWEET BLOOD THEORY, Review) bis sehr guten Alben (ARCHETYPE, Review) wieder auf den richtigen Weg gehen sollte, standen der Band mit der Veröffentlichung des 2012’er Albums PORTRAIT OF A DYING HEART erneut eine potentiell einschneidende Veränderungen ins Haus.

Namentlich waren das zwar solche, die man nicht von vornherein negativ attribuieren konnte – und doch sollte gerade der relativ plötzliche Wechsel des Leadsängers nicht jedermann gleichermaßen gut bekommen. So ertönt auf dem vorliegenden PORTRAIT OF A DYING HEART erstmals die Stimme von Michele Luppi, der seinen Vorgänger Roberto „Ramon“ Messina nach satten 15 Jahren als angestammter Frontmann der Band ablöste – und dem Sound von SECRET SPHERE abermals eine neue Marschrichtung verpasste. Allerdings keine, die man zuvor nicht schon irgendwo gehört hätte – schließlich war besagter Michele Luppi einige Jahre bei den Kollegen von VISION DIVINE aktiv. Das Kuriose, und letztendlich kaum vermeidbare: während SECRET SPHERE zuvor noch explizit im Fahrwasser von LABYRINTH gefahren waren, hatten sie mit der Verpflichtung von Michele Luppi abermals die Chance verpasst endlich als eigenständige Band wahrgenommen zu werden. Sicher; an der Gesangsdarbietung des Italieners ist grundsätzlich nichts auszusetzen – zumal sich die Band mit dem insgesamt eher düsteren und emotional-dramatischen Sound von PORTRAIT OF A DYING HEART auch in seine Richtung angepasst hatte. Doch vermutlich wäre es eine weitaus erfrischendere und überraschendere Angelegenheit gewesen, hätte man einen gänzlich neuen Sänger eingeführt. Entsprechende Talente gibt es schließlich genug.

So bleibt es kaum aus, dass PORTRAIT OF A DYING HEART weitaus weniger originär daherkommt als es potentiell möglich gewesen wäre – und das Album wenn schon nicht mit dem Werk von LABYRINTH (Parallelen sind zweifelsohne noch immer vorhanden, trotz des Lineup-Wechsels), dann doch relativ eindeutig mit dem von VISION DIVINE zu vergleichen und im schlimmsten Fall auch zu verwechseln wäre. Vielleicht aber auch, und das war dank der stilistischen Neuorientierung ein Novum; mit dem von SONATA ARCTICA (SECRETS FEAR) oder KAMELOT – nicht unbedingt in gesanglicher Hinsicht, aber doch in Bezug auf die durch emotional ausstaffierte Stampfer wie THE RISING OF LIVE etablierte Wirkung. Einen wirklich nennenswerten Tiefgang offenbart PORTRAIT OF A DYING HEART dabei aber nicht wirklich – und das, obwohl es mit dem zugegebenermaßen noch recht geschickt platzierten Opener und Titeltrack PORTRAIT OF A DYING HEART (der ein reines, knapp 6-minütiges Instrumental ist) noch recht spannend losgeht. Danach, und mit Nummern wie X, UNION, LIE TO ME oder dem Rausschmeißer ETERNITY schöpfen SECRET SPHERE aber auch schon aus dem für sie neu gewonnenen musikalischen Vollen – das in diesem Fall auf eine eher sanft-behutsame bis explizit balladeske Facette des europäischen Power Metals abzielt. Kräftigere Titel, wie das mit einer zusätzlich interessanten symphonischen Komponente ausgestattete THE FALL schneiden da schon wesentlich besser und vielleicht auch aussagekräftiger ab – ändern aber nichts daran, dass es dem Album insgesamt an Biss zu fehlen scheint. Und das trotz – oder paradoxerweise geraden wegen – der raueren Gangart, die zumindest vom Leadgesang und Michele Luppi ausgeht.

Dennoch, und trotz des stellenweise etwas zurückhaltenden Eindrucks bleiben dem Album einige Stärken – wie das rundum solide Handwerk der einzelnen Mitglieder, die ausgewogene Produktion oder die doch recht glaubhaft vermittelten Emotionen. PORTRAIT OF A DYING HEART ist damit weniger ein Album für Fans und Freunde der früheren SECRET SPHERE-Alben, als vielmehr ein ebenso erfrischendes wie teilweise leider auch ernüchterndes Werk – dass dem Hörer einen Einblick in die potentielle Zukunft der Band gewährt. Die spannende Frage ist nur, wie rosig selbige tatsächlich ausfallen wird – PORTRAIT OF A DYING HEART allein kann diesbezüglich noch nicht den nötigen Ausschlag liefern.

Absolute Anspieltipps: THE FALL, ETERNITY


Ein nur schwerlich einzuordnender Neuanfang – alles weitere wird sich (hoffentlich) noch zeigen.“

Metal-CD-Review: ARTHEMIS – We Fight (2012)

Alben-Titel: We Fight
Künstler / Band: Arthemis (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 13. Juni 2012
Land: Italien
Stil / Genre: Power Metal
Label: Helvete & Hate Records

Alben-Lineup:

Andrea Martongelli – Guitars
Damian Perazzini – Bass
Fabio D. – Vocals
Paolo Caridi – Drums

Track-Liste:

1. Apocalyptic Nightmare (01:05)
2. Empire (05:40)
3. We Fight (04:46)
4. Blood of Generations (04:10)
5. Burning Star (04:08)
6. Cry for Freedom (03:51)
7. Alone (03:55)
8. Reign of Terror (04:26)
9. Still Awake (04:47)
10. The Man Who Killed the Sun (05:30)
11. Metal Hammer (03:48)

Manche Wünschen gehen eben doch noch in Erfüllung.

Allzu lange ist sie noch gar nicht her – jene heiße Phase in der turbulenten Bandgeschichte von ARTHEMIS, in der die einst vielversprechende Combo kurz vor dem Aus stand. Doch bekanntlich hatte die Band, oder eher der hiesige Gitarrist und Hauptverantwortliche Andrea Martongelli doch noch die Kurve gekriegt – und ab 2008 ein komplett neues Lineup um sich geschart. Allemal beeindruckend ist, dass das erste musikalische Erzeugnis der so gesehen neu auferstandenen ARTHEMIS schon im Jahre 2010 folgte – und aufgrund der kurzen Eingewöhnungszeit erst gar keine Lücke zum noch von Alessio Garavello geführten Vorgänger BLACK SOCIETY (siehe Review) entstand. Eine Kehrseite aber hatte das Ganze, wobei nicht gänzlich klar ist ob sie tatsächlich auf die relativ schnelle Abfolge der Veröffentlichungen zurückzuführen ist: das 2010 erschienene HEROES konnte die Erwartungen schlicht nicht erfüllen. Sicher auch, da es die einst angenehm progressiv angehauchten ARTHEMIS erstmals von einer eher ungewohnten Seite zeigte – und der Sound der Italiener zunehmend moderner erschien (Review).

Die nächste Gelegenheit für eine Punktlandung der Italiener ließ indes nicht lange auf sich warten: 2012 erschien das mittlerweile siebte ARTHEMIS-Album WE FIGHT, welches 11 Titel bei einer Gesamtspielzeit von knapp 46 Minuten beinhaltet. Dabei kann die erste frohe Botschaft recht schnell erfolgen: den gleichen Fehler wie mit und auf HEROES machten ARTHEMIS hier keinesfalls. Vielmehr wirkt und klingt es so, als wäre WE FIGHT das geworden was schon der Vorgänger hätte sein sollen – ein dezent von der früheren Spielart der Band abweichendes, in Hinblick auf die neue und etwas aggressivere Gangart aber durchaus überzeugendes Endprodukt. So erhielt der 2008 zur Band hinzugestoßene, deutlich rauer als sein Vorgänger Garavello agierende Leadsänger Fabio D. hier endlich den nötigen Raum – und auch die instrumentale Komponente von WE FIGHT klingt schlicht deutlich griffiger als die von HEROES.

Eine mitunter noch wichtigere, dieses Mal absolut zugunsten von ARTHEMIS ausfallende Feststellung gibt es gleich obenauf: die noch auf HEROES vorhandenen, fast schon Chart-tauglichen Poprock-Anleihen inklusive nicht weniger peinlich-schlechter Refrains und allerlei merkwürdigen Gesangsstrukturen sind komplett verschwunden. WE FIGHT gibt schon von den ersten Takten an eine wesentlich besser zu ARTHEMIS passende Marschrichtung vor. Eine, die mit einem Bein im Genre des Trash Metal steht – doch bekanntlich wünschte sich die Band Veränderungen. Und wenn die so überzeugend ausfallen wie in diesem Fall, stimmt es einen schon nicht mehr ganz so wehmütig dass ARTHEMIS eigentlich mal einen gleichermaßen klassischen wie hymnischen progressiven Power Metal gespielt haben.

Und so kann sich grundsätzlich alles, was nach dem noch am ehesten zu vernachlässigen Intro APOCALYPTIC NIGHTMARE folgt; absolut hören lassen. Sei es der energetische und Riff-gelandene Opener EMPIRE, der schmackige Titeltrack WE FIGHT, das allein durch den erstklassigen Gesang überzeugende BLOOD OF GENERATIONS, das rhythmisch zugängliche aber alles andere als weichgespült klingende BURNING STAR – WE FIGHT zeigt ARTHEMIS endlich wieder von ihrer besten Seite. Gut, die Genre-Hymne METAL HAMMER ist dezent nervig; und die Ballade ALONE hätte so nicht unbedingt sein müssen – aber selbst die geht im Vergleich zu obligatorischen Erzeugnissen anderer Bands absolut in Ordnung. In Bezug auf die handwerklichen Leistungen der einzelnen Mitglieder gibt es nicht zu meckern, wobei insbesondere das variable Drumming sowie der gut in Szene gesetzte Bass zu überzeugen wissen – das seit jeher erstklassige Gitarrenspiel inklusive einiger markanter Soli-Momente rundet das Ganze ab. Ob man das Album nun als entschädigenden Ausgleich für das schwache HEROES betrachten sollte oder nicht, sei einmal dahingestellt – doch fest steht, dass WE FIGHT (fast) auf ganzer Linie überzeugt.

Absolute Anspieltipps: EMPIRE, BLOOD OF GENERATIONS, CRY FOR FREEDOM, REIGN OF TERROR


„Was für ein Comeback – ARTHEMIS sind wieder auf Kurs.“

Metal-CD-Review: BLOODBOUND – In The Name Of Metal (2012)

bloodbound-in-the-name-of-metal_500

Alben-Titel: In The Name Of Metal
Künstler / Band: Bloodbound (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 18. März 2011
Land: Schweden
Stil / Genre: Power Metal
Label: AFM Records

Alben-Lineup:

Tomas Olsson – Guitars
Fredrik Bergh – Keyboards
Pelle Åkerlind – Drums
Henrik Olsson – Guitars
Patrik „Pata“ Johansson – Vocals
Anders Broman – Bass

Track-Liste:

1. In the Name of Metal (04:16)
2. When Demons Collide (04:11)
3. Bonebreaker (03:05)
4. Metalheads Unite (05:00)
5. Son of Babylon (03:19)
6. Mr. Darkness (03:15)
7. I’m Evil (03:55)
8. Monstermind (03:34)
9. King of Fallen Grace (03:19)
10. Black Devil (03:47)
11. Bounded by Blood (04:07)
12. Book of the Dead 2012 (03:54)

Als wären MANOWAR und EDGUY intim geworden.

IN THE NAME OF METAL ist das fünfte offizielle Studioalbum der schwedischen Power Metaller von BLOODBOUND – und gleichzeitig eines, dass das bisher wohl größte Potential hat die geneigte Hörerschaft zu spalten. Die relative Streitbarkeit des Albums, die bereits anhand des Openers und Titeltracks IN THE NAME OF METAL auszumachen ist; liegt jedoch nicht an einem erneuten Wechsel des Lineups. Denn: mit der eher unschönen Tradition der durchwechselnden Leadsänger haben BLOODBOUND seit dem Vorgänger UNHOLY CROSS (Review) abgeschlossen – und mit Patrik „Pata“ Johansson endlich einen starken und hoffentlich dauerhaften Frontmann gefunden. Das potentielle Problem liegt eher woanders begraben – und zwar in der neuerlichen musikalischen Ausrichtung des Albums, und letztendlich auch der Band selbst.

Und tatsächlich: nachdem sich die Band bereits ausgiebig auf den vier Vorgängern austoben und vor allem ausprobieren konnte, hat man sich in Bezug auf IN THE NAME OF METAL offenbar auf eine nicht für jedermann bekömmliche Fahrtrichtung geeinigt. Der bereits erwähnte Opener (der auch aus Videosingle veröffentlicht wurde), aber auch einige der anderen Titelbezeichnungen weisen bereits dezent darauf hin – BLOODBOUND’s fünftes Album ist eher eine relativ einfache Zusammenstellung von Genre-Hymnen geworden, und kein thematisch eigenständiges Werk. Ganz im Stile von True Metal-Bands wie MANOWAR zelebrieren BLOODBOUND hier ihr heiß geliebtes Genre – was sicher berechtigt ist und den Hörer das eine oder andere Mal mitzureißen vermag. Andererseits öffnet man damit eine Tür für alle Kritiker, die sich an allzu simplen oder gar plumpen und selbst-verherrlichenden Genre-Hymnen wie etwa METALHEADS UNITE (das genauso gut von MANOWAR kommen könnte) stören. Und vielleicht auch all jenen denen schon auf UNHOLY CROSS aufgefallen war, dass BLOODBOUND es letztendlich relativ simpel angehen.

Doch was bei UNHOLY CROSS noch uneingeschränkt funktioniert hat, verhält sich nun etwas anders. Tatsächlich scheint BLOODBOUND das neue Album etwas zu leicht von der Hand gegangen zu sein – wirkliche Highlights, auf die man einfach immer wieder gerne zurückkommen könnte; lassen sich nur schwerlich ausmachen. Das mag Kritik auf einem vergleichsweise hohen Niveau sein – denn Fakt ist, dass die Schweden auch dieses Mal eine mehr als ordentliche handwerkliche Leistung sowie eine hervorragende Produktion vorlegen. Doch bleibt es dieses Mal eher bei einem recht kurzweiligen Gesamteindruck und dem Gefühl, dass BLOODBOUND noch so viel mehr aus dem hier vertretenen Material hätten machen können. So sind gerade das Riffing und der Leadgesang wunderbar kräftig, etwa in Nummern wie SON OF BABYLON, MR. DARKNESS oder I’M EVIL – doch inhaltlich, und speziell in Bezug auf die arg weichgespülten Refrains lässt sich einfach zu wenig holen. Schlussendlich geht IN THE NAME OF METAL somit noch immer als leicht überdurchschnittliches Genre-Album durch – doch waren BLOODBOUND schon einmal wesentlich stärker.

Absolute Anspieltipps: WHEN DEMONS COLLIDE, BONEBREAKER, KING OF FALLEN GRACE


60button

„Kein Totalausfall, nach dem grandiosen Vorgänger aber ein herber Rückschlag.“

Metal-CD-Review: ANDRE MATOS – The Turn Of The Lights (2012)

andre-matos-the-turn-of-the-lights_500

Alben-Titel: The Turn Of The Lights
Künstler / Band: Andre Matos (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 2012
Land: Brasilien
Stil / Genre: Power Metal
Label: earMUSIC

Alben-Lineup:

Hugo Mariutti – Guitars
Andre Hernandes – Guitars
Andre Matos – Vocals
Bruno Ladislau – Bass
Rodrigo Silveira – Drums

Track-Liste:

1. Liberty (04:11)
2. Course of Life (05:40)
3. The Turn of the Lights (04:21)
4. Gaza (05:30)
5. Stop! (05:16)
6. On Your Own (05:40)
7. Unreplaceable (04:49)
8. Oversoul (05:30)
9. White Summit (04:00)
10. Light-Years (04:08)
11. Sometimes (03:23)
12. Fake Plastic Trees (Radiohead cover) (04:42)

Der letzte macht das Licht aus.

THE TURN OF THE LIGHTS ist das dritte offizielle Studioalbum aus der Feder von ANDRE MATOS – jenem brasilianischen Ausnahme-Künstler, der seinen außergewöhnlichen musikalischen Werdegang zunächst mit VIPER und ANGRA beschritt und später maßgeblich zur Gründung der Power Metal-Combo SHAMAN beitrug. Doch ist all das bekanntlich längst Geschichte – seit 2006 liegt nicht nur sein Augenmerk, sondern auch das der internationalen Hörerschaft auf seiner ersten wirklich eigenen Band ANDRE MATOS. Und tatsächlich: wenngleich das diesbezügliche Debüt TIME TO BE FREE (2007, Review) sicher nicht jedermann gefallen wird, sah es in Bezug auf den vergleichsweise opulenten Nachfolger MENTALIZE (2009, Review) schon wesentlich besser aus. Somit war es auch keine große Überraschung, dass irgendwann ein weiteres Album folgen würde, folgen musste – was letztendlich schon gute drei Jahre später geschah.

Dabei ist THE TURN OF THE LIGHTS gleich in mehrerlei Hinsicht interessant, denn eines war und ist im Falle des Brasilianers klar: er würde sich nicht bloß wiederholen, sondern sicher immer wieder für eine Überraschung sorgen. Und das ist ihm auch dieses Mal gelungen, wenngleich hierzu höchst gemischte Gefühle anzuberaumen sind. So klingt das Album nicht unbedingt sperriger als sein ohnehin schon stark progressiver Vorgänger, aber doch merklich weniger energetisch und weniger packend. Sicher war es schwer, eine regelrechte Metal-Oper wie MENTALIZE zu toppen – etwas merkwürdig aber erscheint es dennoch, dass Matos nun erneut den umgekehrten Weg ging und sich auf THE TURN OF THE LIGHTS fast ausschließlich auf seine ruhige und eher unspektakuläre Seite beschränkt. So ist Zurückhaltung leider auch eines der Stichworte, mit welchem man das Release treffend beschreiben könnte. Eine Zurückhaltung sowohl auf Seiten aller beteiligten Musiker, aber auch auf Seiten des Hörers – der hier möglicherweise ein ähnlich fulminantes und überraschendes Werk erwartet hat wie MENTALIZE.

Aber auch vollkommen unabhängig von etwaigen Vergleichen zeigt sich, dass es THE TURN OF THE LIGHTS schlicht an etwas fehlt. Nach dem noch soliden COURSE OF LIFE dümpelt das Album schließlich recht lange vollkommen Highlight-los vor sich her – und serviert dem Hörer dabei auch die ein oder andere eher gewöhnungsbedürftige Nummer. Nummern, die man theoretisch in zwei Kategorien unterteilen könnte. Die einen präsentieren einen eher balladesk angehauchten Sound mit neuerlichen Merkwürdigkeiten wie Verzerr-Effekten oder Flüstertönen im Hintergrund – wie etwa GAZA (bei dem der Gesang und die klassische Instrumentierung überhaupt nicht zusammenzupassen scheinen) oder ON YOUR OWN, das trotz der später zugeführten Härte harmlos klingt und sich in einer kuriosen Instrumentalstrecke verirrt. Die anderen Nummern sind dann vornehmliche solche, die einige gute Basis-Zutaten mitbringen – aber dennoch extrem verhalten klingen und sich schlicht so anfühlen, als würden sie sich gen nirgendwo entwickeln. Seien es der Titeltrack, das rockige STOP! oder das noch recht variable UNREPLACEABLE – wirklich gelungen erscheint hier wenig.

Gründe für den nunmehr eher langatmigen Sound finden kann wohl nur Matos selbst – doch Fakt ist, dass es THE TURN OF THE LIGHTS als Album eher schlecht bekommt. Vieles wirkt stark vereinfacht, selbst die Instrumental- und Soliparts reichen bei weitem nicht mehr an die Qualität der beiden Vorgängeralben heran – und auch Matos schien in Bezug auf den Leadgesang wieder einmal eine kreative Pause einzulegen denn sich wirklich ins Zeug zu legen. Vielleicht ist das ja auch die Folge einer gewissen Heimatlosigkeit respektive einer fehlenden Vision. Wenn man schon so viele Bands hinter sich hat, die nun quasi zur Konkurrenz gehören und dabei große Erfolge für sich verbuchen (wie ANGRA mit eigentlich all ihren Alben ab 2001 oder SHAMAN mit dem Überraschungs-Album ORIGINS, Review) – dann könnte man verständlicherweise ins Grübeln kommen. Natürlich ist respektive wäre das schade, zumal es sich hier um bloße Unterstellung handelt – was es aber umso ärgerlicher macht ist, dass ANDRE MATOS erst 3 Jahre zuvor gezeigt hatte dass es auch anders geht. Schließlich war MENTALIZE über viele Zweifel erhaben – eine Feststellung, die man auf THE TURN OF THE LIGHTS leider nicht mehr anwenden kann.

Absolute Anspieltipps: COURSE OF LIGHTS, LIGHT-YEARS


40button

„Auf ein solides und ein sehr gutes Album folgt ein insgesamt enttäuschendes.“

Metal-CD-Review: AGE OF ARTEMIS – Overcoming Limits (2012)

age-of-artemis_overcoming-limits_500

Alben-Titel: Overcoming Limits
Künstler / Band: Age Of Artemis (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 2012
Land: Brasilien
Stil / Genre: Melodic Power Metal
Label: MS Metal Records

Alben-Lineup:

Giovanni Sena – Bass
Pedro Sena – Drums, Percussion
Gabriel „T-Bone“ Soto – Guitars
Nathan Grego – Guitars
Alírio Netto – Vocals

Track-Liste:

1. What Lies Behind… (00:52)
2. Echoes Within (04:04)
3. Mystery (05:39)
4. Take Me Home (03:34)
5. Truth in Your Eyes (03:44)
6. Break Up the Chains (03:44)
7. One Last Cry (04:06)
8. You’ll See (03:03)
9. God, Kings and Fools (09:25)
10. Till the End (04:53)

Das Album der 1000 Gesichter.

Zumindest im direkten Ländervergleich kommt es nicht allzu oft vor, aber: wenn sich eine Power Metal-Combo aus Brasilien zu Wort meldet, dann meist richtig. Vor allem sehr traditionell auftretende und in internationaler Hinsicht somit erst Recht erfrischend klingende Bands wie ANGRA, AQUARIA, EDNLESS, ETERNA, NOVALOTUS, TIERRA MYSTICA oder TOCCATA MAGNA fungieren daher nicht von ungefähr als waschechte Geheimtipps. Die Chancen bezüglich dessen, dass man nun auch AGE OF ARTEMIS auf jene illustre Liste aufnehmen kann; stehen gut: ihr Debütalbum OVERCOMING LIMITS klingt nach vielem, nur nicht nach einem zu vernachlässigenden Release. Mit ein Grund dafür wird die Mitarbeit von niemand geringerem als Edu Falashi (Ex-ANGRA, ALMAH) sein – der zusammen mit der Band und zahlreichen anderen Genre-Liebhabern dafür gesorgt hat, dass AGE OF ARTEMIS schon auf ihrem Debüt klingen wie eine langjährig bestehende Band. Insbesondere beim schwungvollen, enorm hymnischen Opener ECHOES WITHIN lassen sich gewisse Parallelen zu mSoudn von ANGRA (explizit: NOVA ERA) somit kaum verhelen – aber das ist beileibe nichts schlechtes.

AGE OF ARTEMIS behalten die zunächst etablierte Gangart und Marschrichtung jedoch nicht bei. Stattdessen finden sich im weiteren Alben-Verlauf immer mehr progressive Ansätze, komplexere Strukturen und auch eine handvoll explizit balladesker Momente. Die größte Überraschung ist dabei sicher LEadsänger Alírio Netto – der sich extrem wandelbar zeigt (man vergleiche nur ECHOES WITHIN und BREAK UP THE CHAINS) und dabei sowohl die für das Genre typischen hohen Lagen, als auch deutlich kräftigere und bodenständigere Passagen brillant meistert. Zwei Dinge fallen dann aber doch dezent negativ auf: zum einen klingen die quasi-Balladen TAKE ME HOME und ONE LAST CRY deutlich zu schwülstig; im schlimmsten Fall gar überflüssig – und müssen daher klar hinter den anderen Nummern anstehen. Zum anderen scheint es so als könnten AGE OF ARTEMIS den mit dem Intro, dem flotten ECHOES WITHIN und dem starken MYSTERY etablierten Ersteindruck im weiteren albenverlauf nicht mehr wirklich toppen. Die Nummern werden zwar nicht bedeutend schlechter, doch wirkliche Highlights bleiben aus – auch das überlange GOD KINGS AND FOOLS qqreißt einen nicht mehr wirklich vom Hocker.

Durch die markante Abwechslung, die überaus gelungene Produktion und den ebenfalls alles andere als zu überhörenden Leistungen an den Instrumenten kann man aber noch immer von einer gewissen Sogwirkung sprechen, die es vermag den Hörer lange an das Album zu binden. Der mächtig erscheinende Bandname und das schmucke Artwork versprechen also nicht zu viel: es lohnt sich zweifelsohne, das handwerklich schier perfekt inszenierte OVERCOMING LIMITS für sich zu entdecken.

Absolute Anspieltipps: ECHOES WITHIN, MYSTERY, TILL THE END


75button

„Gut, aber da geht noch mehr.“