Filmkritik: „Die Rote Schildkröte“ (OT: La Tortue Rouge, 2016)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Michael Dudok De Wit
Mit: Tom Hudson, Barbara Beretta u.a.
Land: Frankreich, Belgien, Japan
Laufzeit: ca. 81 Minuten
FSK: ab 0 freigegeben
Genre: Animation, Drama, Abenteuer, Fantasy
Tags: Schildkröte | Einsame Insel | Familie | Natur | Einklang | Schicksal

Seenot mal anders.

Inhalt: Als sich ein Schiffbrüchiger mit Ach und Krach auf eine einsame Insel irgendwo in den Weltmeeren retten kann, versucht er bald daraufhin alles um seiner misslichen Lage zu entgehen. Doch was er auch anstellt, es gelingt ihm einfach nicht die Insel zu verlassen – wobei es lange unklar bleibt, wer oder was dafür verantwortlich sein könnte. Eines Tages jedoch kann er einen Blick auf jene Kreatur erhaschen, die mit seinem Scheitern direkt in Verbindung zu stehen scheint – eine riesige rote Schildkröte. Auch wenn er nicht genau weiß wie sie seine Flucht hat verhindern können, dreht er das Tier kurz darauf wutentbrannt auf den Rücken – und lässt es zum Sterben in der prallen Sonne liegen. In der darauf folgenden Nacht plagen ihn jedoch Alpträume, und er setzt alles daran die Schildkröte doch noch zu retten. Ob es dafür bereits zu spät ist oder nicht, wird sich erst noch zeigen…

Kritik: Nein – man braucht nicht viel, um einen anständigen Animationsfilm auf die Beine zu stellen. Zumindest nicht, wenn man eine entsprechende inhaltliche Vision vor sich hat und die Gelegenheit erhält, sich in Bezug auf die technische und vor allem visuelle Komponente auf die Mitarbeit bereits erfahrener Veteranen verlassen zu können. Ungefähr hat es sich auch im Falle von LA TORTUE ROUGE ereignet, einem vom niederländischen Drehbuchautor und Trickfilmregisseur Michael Dudok De Wit erdachten; letztendlich auf multinationaler Ebene umgesetzten Projekt – das von niemand geringerem als ToshioSuzuki, dem Vorsitzenden des japanischen Studio GHIBLI (unter anderem verantwortlich für Anime-Meileinsteine wie PRINZESSIN MONONOKE, siehe Review) produziert wurde. Gesetzt dem Fall dass man hat schon einmal einen Blick auf die liebevollen zeichnerischen Welten des berühmten Studios hat werfen können, sieht man das auch direkt – wofür es nicht erst die spezielle Darstellung der kleinen Krabben braucht, die dezent an die sogenannten Rußmännchen aus MEIN NACHBAR TOTORO (Review) oder CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND (Review) erinnern.

Dementsprechend fällt es einem Film wie LA TORTUE ROUGE auch entsprechend leicht, den Zuschauer schnell mit seinen in sich stimmigen, trotz der relativen Kargheit des Inselschauplatzes detailreichen Bildern für sich zu gewinnen – wobei man sich speziell an die extrem minimalistisch gestalteten Gesichter und Animationen der Charaktere erst noch gewöhnen muss. Insgesamt aber sieht der Film recht gut bis stellenweise sogar atemberaubend aus – und der gefühlvolle Soundtrack fügt sich perfekt in die Abfolge der alles andere als hektisch aneinandergereihten Naturaufnahmen der Insel samt Umgebung ein. Was bleibt, ist die Frage nach der inhaltlichen Komponente – der im Falle von LA TORTUE ROUGE durchaus auch einige Besonderheiten innewohnen. So hat sich Michael Dudok De Wit etwa dazu entschlossen, für die gesamten 80 Minuten des Films auf jegliche Dialoge zu verzichten – was allemal ungewohnt ist, sich durch die dennoch vorhandenen Gesten, Laute und Interaktionen der Charaktere aber nicht negativ oder gar auf das Verständnis auswirkt.

Schließlich sollte das, was dem Zuschauer nach einem zugegebenermaßen noch etwas zähen Auftakt als Geschichte präsentiert wird; für jedermann verständlich sein – bedient sich Michael Dudok De Wit doch eigentlich nur an der absoluten Basis. In diesem Zusammenhang – und dies verbindet LA TORTUE ROUGE wiederum mit vielen anderen GHIBLi-Filmen – steht nicht weniger als die Natur selbst im Mittelpunkt der Erzählung, und das auf eine ebenso beruhigende wie spannende und inspirierende Art und Weise. Der Mensch selbst spielt hier nur eine eher untergeordnete Rolle, ebenso wie die mystisch-fantastische Komponente in Form der titelgebenden Schildkröte – die ihre Wirkung dennoch nicht verfehlt und einen großen Teil zur bemerkenswerten emotionalen Ebene des Films beiträgt. Die eigentliche Überraschung des Films ist demnach, dass er es trotz seiner relativen Zurückhaltung in Bezug auf die inhaltlichen und optischen Ausstaffierungen schafft; für eine vergleichsweise große und intensive Form der Unterhaltung zu sorgen.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © Wild Bunch Distribution

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„Minimalistisch, aber eindringlich – eine etwas andere Hommage an die Kraft der Natur.“

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Filmkritik: „The Boy“ (2016)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: William Brent Bell
Mit: Lauren Cohan, Rupert Evans, Ben Robson u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 97 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Horror / Thriller
Tags: Kind | Junge | Puppe | Lebensecht | Gruselig | Anwesen

Da hat mich doch gerade jemand angezwinkert…

Inhalt: Um ihre Vergangenheit endlich hinter sich lassen zu können, nimmt die junge Amerikanerin Greta (Lauren Cohan) einen Job als Kindermädchen bei einem älteren, in einem abgelegenen englischen Dorf lebenden Ehepaar an. Wie sich bald darauf herausstellt, muss sich Greta aber nicht wirklich einer für das Berufsfeld typischen Aufgabe stellen. In Wahrheit ist der 8-jährige Brahms schließlich kein wirklicher Junge – sondern lediglich eine lebensgroße Puppe aus Porzellan. Auch wenn Greta der Angelegenheit verständlicherweise mehr als skeptisch gegenübersteht, nimmt sie die Aufgabe der Betreuung an – und gibt sich alle Mühe, die Heelshires (Jim Norton, Diana Hardcastle) – die kurz darauf verreisen und das neue Kindermädchen allein mit Brahms zurücklassen – zufriedenzustellen. Als sie jedoch beginnt, die Liste mit den ihr gestellten Aufgaben zu hinterfragen und einigen Punkten nicht nachzukommen, ereignen sich plötzlich mehrere seltsame bis absolut furchteinflössende Dinge. Um nicht völlig auf sich allein gestellt zu sein, bittet sie den charismatischen Lebensmittel-Lieferanten Malcolm (Rupert Evans) um Hilfe…

Kritik: Wer kennt sie nicht – jene guten alten Horrorfilme, in denen größere Anwesen und allerlei damit verbundene übernatürliche Phänomene die Hauptrolle spielen… und das im Grunde noch weit vor den eigentlichen Darstellern ? Tatsächlich sollte jeder, der sich schon einmal in den Gefilden des Horrorfilms ausgetobt hat; bereits eine Vielzahl eben solcher Machwerke gesehen haben – und das vermutlich ohne größere Überraschungseffekte. Entsprechend schwierig hat es auch William Brent Bell’s (u.a. WER – DAS BIEST IN DIR) THE BOY, der zunächst wie ein absolut typisches Genre-Werk mit den allseits bekannten Formeln daherkommt: eine junge Frau wird von einem kauzig-mysteriösen Ehepaar als Babysitterin eingestellt, die in einem ebenso prunkvollen wie verwinkelten Anwesen hausen und einige merkwürdige Angewohnheiten pflegen. Immerhin: mit der Prämisse, dass niemals wirklich von Geistern oder Dämonen gesprochen wird und stattdessen eine gleichermaßen hübsch gestaltete wie furchteinflößende Porzellanfigur eines Kindes Dreh- und Angelpunkt der Gesichte ist; kann sich THE BOY durchaus von der Masse abheben – was auch für die glücklicherweise schnell abgelegten Verhaltensmuster nach dem typischen (Angst-)Schema F gilt.

So ist man geneigt, wie die Hauptdarstellerin selbst immer mehr über das vermeintliche Kind herausfinden zu wollen – wobei THE BOY in Sachen Atmosphäre und einer überraschenderweise wenig reißerischen Phantomspannung (etwa bei den längeren Einstellungen auf das Gesicht der Puppe) reichlich Pluspunkte sammelt. Problematisch ist nur der letzte Akt sowie sicher auch die finale Auflösung des Films, bei der man wieder zur guten alten Brechstange greift (und das im wahrsten Sinne des Wortes) – sowie sicher auch das verschenkte Potential in Bezug auf die psychologische Komponente des Films, der sich noch etwas mehr auf seine Stärken als Psycho-Thriller hätte fokussieren sollen. Und eben nicht als Horrorfilm, dafür ist THE BOY mit seiner FSK 12 ohnehin nicht gruselig genug – aber sei es drum. Im Sinne einer schnellen Unterhaltung für zwischendurch kann man hier wohl nicht viel falsch machen. Wer es noch intensiver respektive intelligenter möchte, sollte vielleicht mal einen Blick auf ICH SEH, ICH SEH (siehe Review) werfen.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © Capelight Pictures

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„Trotz zwei oder drei größerer Schwächen ist THE BOY eine nette kleine Erfrischung im mittlerweile völlig vorhersehbaren Horrorfilm-Genre.“

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Filmkritik: „Hinter Den Mauern“ (Mini-Serie, 2016)

Originaltitel: Au-Delà Des Murs
Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Hervé Hadmar
Mit: Veerle Baetens, Geraldine Chaplin, François Deblock u.a.
Land: Frankreich, Belgien
Laufzeit: 3 Episoden á 45 Minuten
FSK: unbekannt
Genre: Thriller, Horror, Mystery, Drama
Tags: Haus | Abenteuer | Erfahrung | Parallelwelt | Zeitreise | Paradoxon

Hat man erst einmal einen Blick riskiert…

Inhalt: Die als Logopädin arbeitende Lisa führt trotz ihrem Tagesgeschäft in einer Kinderklinik ein eher zurückgezogenes Leben. Umso seltsamer erscheint es ihr, als sie eines Tages ein altes Anwesen erbt – und das unter höchst mysteriösen Umständen. Und tatsächlich, wie sich bald darauf zeigt sollte sie mit ihren Vermutungen Recht behalten. Als sie im Haus Geräusche wahrnimmt und sich ein Stück der Tapete zu lösen beginnt, schlägt sie entschlossen ein Loch in die Wand – und entdeckt dahinter einen weiteren Korridor des Hauses. Mit dem was sie dort erwarten sollte, hätte sie indes kaum rechnen können – schließlich scheint sich ihr hier eine ganz eigene, surreal anmutende Parallelwelt zu offenbaren. Eine, in der es offenbar auch Gefahren gibt; sodass Lisa nach der Begegnung mit einem merkwürdig gekleideten Mann panisch flieht. Allerdings nicht in Richtung Ausgang, denn der ist plötzlich nicht mehr zu finden…

Kritik: Ja, doppelt hält oft besser – was insbesondere auf Filmschaffende zutrifft, die sich sowohl als Drehbuchautoren als auch Regisseure verdingen. Und, die im besten Fall gleich beide Betätigungsfelder in einem einzigen Projekt ausleben dürfen – wie im Falle von HINTER DEN MAUERN (im Original AU-DELÀ DES MURS). Dabei spielt es grundsätzlich keine große Rolle, ob man das auch von Marc Herpoux mit erdachte Werk nun als dreiteilige Mini-Serie betrachtet wie offiziell vorgeschlagen – oder aber als zusammenhängenden Spielfilm mit einer dezenten (sich aber nicht negativ auswirkenden) Überlänge. Beiden Varianten oder auch Betrachtungsweisen gemein ist in jedem Fall eine Einladung, die man nicht vorschnell abschlagen sollte – bedienen die Verantwortlichen doch längst nicht nur alteingefahrene oder gar ausgelutschte Tugenden des Horrorfilms. Nein, HINTER DEN MAUERN geht hier und da noch ein paar Schritte weiter. Und das beispielsweise, indem die Macher eine ebenso interessante wie spannend inszenierte Mystery-Komponente vorsehen – was ihr Werk eher in Richtung eines übernatürlich angehauchten Thrillers driften lässt. Und überhaupt: das gute alte Zeitreise-Paradoxon lässt – hier allerdings eher unerwartet – Grüßen…

Tatsächlich ist HINTER DEN MAUERN damit etwas gänzlich anderes geworden als eine typische, in eine einzelne Genre-Schublade zu steckende Fernsehproduktion – woraufhin aber nicht nur die ungewöhnliche und letztendlich überraschende Story hinweist. Schließlich sieht man dem Projekt auch jederzeit problemlos an, dass ihm etwas mitunter besonderes innewohnt. Derart stimmig anmutende, den Zuschauer schon allein durch ihren optischen Eindruck in den Bann ziehende Kulissen hat man so jedenfalls selten gesehen – und das weder in einer entsprechenden Serie, noch einem ähnlich aufgemachten Spielfilm. Anders gesagt: HINTER DEN MAUERN strahlt ganz offensichtlich aus, dass einiges an Arbeit und Herzblut in das Projekt investiert wurde – was sich nur positiv auf den Zuschauer auswirken kann. Das gilt im übrigen auch für die tadellosen Leistungen der beiden Hauptdarsteller, und das der hie und da auftretenden Nebenfiguren – die HINTER DEN MAUERN zu einem Grusel-Kabinett der einstweilen etwas prätentiösen, dabei aber doch angenehm extravaganten Art avancieren lassen. Allzu plumpe Jumpscares, nicht nachvollziehbare Handlungen der Charaktere oder auch ein unnötige wilde Zuarbeit seitens der Kamera oder des Soundtracks bleiben dem Zuschauer jedenfalls erspart.

Eines sollte damit schon jetzt feststehen: HINTER DEN MAUERN ist nicht nur eine auffällig gut gemachte Mini-Serie, sondern auch eine fast uneingeschränkt empfehlenswerte. Insbesondere natürlich für all jene, die sich von den typischen Horror-Szenarien der Marke es spukt in einem verlassenen, sonst aber stinknormalen Haus gelangweilt sehen. Der einzige Wermutstropfen ist, dass es am Ende doch alles etwas zu schnell geht – und die Geschichte durch ein so nicht gerade innovatives geschweige denn einleuchtendes Zeitreise-Paradoxon abgerundet wird. Sei es drum – einmal gesehen haben sollte man HINTER DEN MAUERN allemal. Und das allein aufgrund seiner surreal angehauchten, dabei aber dennoch stets greifbar erscheinenden Szenerie innerhalb einer makaberen Traumwelt, die die (einstweilen harte) Realität doch irgendwann einholt. Es sei denn natürlich, Lisa hätte sich doch anders entschieden… was das bei Fernsehproduktionen sonst eher seltene Gefühl aufkommen lässt, noch mehr Geschichten von der Welt HINTER DEN MAUERN hören zu wollen. Hervé Hadmar macht aber – und da ist es wieder, das Paradoxon – absolut alles richtig, wenn er die Miniserie genau so stehen lässt wie sie ist.

Bilder / Promofotos / Screenshots: ARTE

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„Eine qualitativ extrem überraschende Mini-Serie mit traumhaft-hypnotischen Kullissen und einer einzigartigen Atmosphäre.“

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Metal-CD-Review: OCEANS OF TIME – Trust (2016)

Alben-Titel: Trust
Künstler / Band: Oceans Of Time (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 26. Februar 2016
Land: Norwegen
Stil / Genre: Power Metal
Label: Alone Records

Alben-Lineup:

Geir Nilsen – Bass
Lasse Jensen – Guitars
Ken Lyngfoss – Vocals
Nicolay Ryen Christiansen – Drums

Track-Liste:

1. Charon (04:34)
2. Save You (05:43)
3. Pray for the Dying (04:08)
4. Trust (05:28)
5. Show Me the Way (04:17)
6. 1865 (04:50)
7. Black Death (04:02)
8. Nemesis (03:44)
9. Grapes of Baccus Pt. 1 (04:55)
10. Grapes of Baccus Pt. 2 (02:51)
11. Grapes of Baccus Pt. 3 (01:56)
12. Grapes of Baccus Pt. 4 (05:08)

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Als eine der interessanteren, dabei aber weitestgehend unbekannten Power Metal-Combos aus dem hohen Norden hatten sich die Recken von OCEANS OF TIME schon kurz nach ihrer Gründung im Jahre 2005 aufgemacht die europäische Metal-Szene mit ihrem Material zu begeistern. Neben zwei kleineren Veröffentlichungen stand und steht diesbezüglich vor allem das 2012 erschienene Debütalbum FACES (siehe Review) Pate, das zweifelsohne seine Schwächen hatte – grundsätzlich aber mit einer interessanten und für etwaige Genre-Bands aus Norwegen gar nicht mal so typischen Spielart inklusive einiger progressiver Ansätze daherkam. Auch mit dem vorliegenden, über das Label Alone Records erschienenen und auf 500 Exemplare limitierten Zweitwerk TRUST schickte man sich dementsprechend an, für einen möglichst überzeugenden und reichhaltigen Klangeindruck zu sorgen – und das mit einem allemal lobenswerten Ausgang.

Mit ein Grund dafür könnte sein, dass sich die OCEANS OF TIME dieses Mal etwas mehr vorgenommen hatten als noch zuvor – und TRUST eine ebenso überraschende wie effektive Wirkung als Metal-Oper zu etablieren vermag. Als vergleichsweise kleine und mit weniger Gastsängern (unter anderem Nils K. Rue von PAGAN’S MIND sowie Allrounder Jørn Lande) auskommende, versteht sich – aber doch eine, die vor allem in Bezug auf den Gesang und die Atmosphäre einiges abzuräumen vermag. Das wiederum liegt klar an den handwerklichen Leistungen der einzelnen Mitglieder, die im Vergleich mit dem Vorgänger noch einmal deutlich zugelegt haben – und TRUST so tatsächlich zu einer kleinen Entdeckungsreise in nicht unbedingt alltägliche Gefilde des europäischen Power Metals machen. In solche einer eher anspruchsvollen Natur noch dazu, denn immerhin und glücklicherweise fungieren die progressiven Strukturen nicht nur als bloße Aufhänger für ein möglichst effektvolles Spektakel.

Anders gesagt: die OCEANS OF TIME gehen auf ihrem TRUST spürbar bedacht vor und überlassen hier nichts dem Zufall. Das bezieht sich auch und explizit auf das Verhältnis von rundum knackigen, balladesken und auch mal deutlich düstereren Momenten. Wobei, und das ist im allgemeinen ein recht spannungsfördernder Faktor; die Stimmung auch mal innerhalb weniger Augenblicke umschlagen kann. In jedem Fall erscheint die hier von den Norwegern angestrebte Mixtur oder auch Symbiose aus verschiedenen Elementen recht ausgewogen und sorgt für einen hohen Unterhaltungswert – vor allem natürlich dann, wenn wie zum Alben-Auftakt gleich mehrere Brecher hintereinander um die Gunst der Hörerschaft buhlen. Sei es der noch am ehesten an eine typische Metal-Oper erinnernde Opener CHARON mit seinen symphonischen Einschüben und den Chor-Elementen, das balladesk angehauchte SAVE YOU mit seinen knackigen Strophen und dem emotionalen Refrain, das majestätisch stampfende und auch mal etwas schroffere Töne anschlagende PRAY FOR THE DYING oder der wuchtige Titeltrack TRUST – grundsätzlich gibt es hier nichts auszusetzen.

Vor allem natürlich nicht, was die Leistung des hiesigen Band-Frontmanns Ken Lyngfoss betrifft – der auf TRUST schlicht in jedem Moment überzeugt, und mit seiner dezent an Nils Patrik Johansson erinnernden Stimme einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Etwas schade ist dementsprechend, dass das Album das zu Beginn hoch gehaltene und eigentlich nur in Bezug auf die nicht perfekte Abmischung noch etwas Luft nach oben lassende Niveau im weiteren Verlauf nicht immer halten kann – und sich vor allem im Mittelteil einige Längen oder auch explizit schwächere Nummern eingeschlichen haben. Die Ballade SHOW ME THE WAY etwa wäre solch ein Beispiel. Zum einen, da sie dem vorangegangen SAVE YOU kaum das Wasser reichen kann –  und zum anderen, da man es im Hinblick auf den mit eher merkwürdig-schmachtenden Gesängen ausgestatteten Refrain doch etwas übertrieben hat. Auch 1865 hätte um ein vielfaches spannende ausfallen können, während BLACK DEATH und NEMESIS zumindest in Bezug auf ihre teils vordergründige elektronische Komponente etwas gewöhnungsbedürftig erscheinen.

Glücklicherweise aber zieht man mit dem vierteiligen GRAPES OF BACCUS noch einmal ordentlich an – und vermag es somit, den Kreis zum höchst gelungenen Alben-Auftakt doch noch zu schließen. Alles in allem ist den OCEANS OF TIME hier ein höchst respektables Genre-Album gelungen, dass den Vergleich mit zahlreichen anderen und vielleicht namhafteren Bands nicht scheuen muss – mindestens aber seinen direkten Vorgänger FACES locker in den Schatten stellt.

Absolute Anspieltipps: CHARON, SAVE YOU, PRAY FOR THE DYING, TRUST


„Im Mittelteil offenbaren sich Schwächen, aber: Anfang und Ende sind auf diesem beeindruckenden Zweitwerk von OCEANS OF TIME eins.“

Filmkritik: „Der Sohn“ (2016)

Filmtyp: Spielfilm (TV-Produktion)
Regie: Urs Egger
Mit: Mina Tander, Nino Böhlau, Muriel Baumeister u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 88 Minuten
FSK: keine Angabe / nicht geprüft
Genre: Drama / Thriller
Tags: Kleinstadt | Alleinerziehend | Mutter | Sohn | Mord | Verdacht

Wenn die Mutter mit dem Sohne…

Inhalt: Die alleinerziehende Katharina (Mina Tander) lebt mit ihrem 16-jährigen Sohn Stefan (Nino Böhlau) in einer beschaulichen Kleinstadt, in der jeder jeden kennt. Schnell wird klar, dass es die von ihrem Mann verlassene Katharina nicht immer leicht hat – erst Recht, da ihr Sohn schon seit seiner Geburt an einem besonders schweren Asthma leidet. Stefan indes scheint dies bestenfalls dann zu stören, wenn er mal wieder eine Hustenattacke bekommt – er scheint langsam aber sicher genug zu haben von seiner überfürsorglichen Mutter und ihren Ratschlägen. Die macht sich währenddessen Vorwürfe, und stellt sich immer wieder die Frage ob sie ihren Sohn überhaupt noch liebt; lieben kann – erst Recht, da ihr eines Tages eine schlimme Vermutung in den Sinn kommt. Denn: kurz nachdem sich der immer mehr von seiner Mutter abgrenzende Stefan mit seinen merkwürdigen nächtlichen Streifzügen begonnen hatte – in denen er unter anderem seiner aufkeimenden Sexualität Luft machte – wurden in der Gegend die Leichen von zwei ermordeten Frauen gefunden. Kann sich der grausame Verdacht der Mutter wirklich bestätigen, oder andersherum: könnte Stefan tatsächlich zu einem Mörder werden, um seine potentiell unkontrollierbaren Gelüste zu befriedigen ?

Kritik: Nein, ein Filmtitel wie DER SOHN zeugt nicht gerade von einem großen Erfindungsreichtum – und lässt auch nicht die Vermutung entstehen, dass hier mit ganz und gar spektakulären Inhalten zu rechnen wäre. Tatsächlich aber legt es der für die ARD produzierte und von Urs Egger umgesetzte Spielfilm durchaus darauf an, die Gemüter der Zuschauer zu erhitzen. Vornehmlich, in dem ein sonst üblicher Familien- und Generationskonflikt zwischen einer alleinerziehenden Mutter und ihrem jugendlichen Sohn gleich auf mehrerlei Art und Weise auf die Spitze getrieben wird – mit dem letztendlichen Ergebnis, dass sich beide Parteien nicht gerade mit Ruhm bekleckern und des Öfteren mehr als fragwürdige Verhaltensweisen an den Tag legen. Die dabei angeschnittenen oder teils auch etwas expliziter beleuchteten inhaltlichen Kernelemente des Films zielen dabei klar auf den Bereich der zwischenmenschlichen Interaktion im Kreise der Familie: Themen wie Überbehütung, Bevormundung, Misstrauen sowie eine daraus resultierende Aggression und Hilflosigkeit geben sich in DER SOHN die Klinke in die Hand.

Paart man diese heikle Mischung auch noch mit einer gehörigen Portion pubertären Wahnsinns und diversen die Situation nicht gerade erleichternden Umständen, scheint das Chaos perfekt – und ein Film wie DER SOHN voll in seinem Element. Leicht problematisch wird es nur, wenn Urs Egger respektive die verantwortlichen Drehbuchautoren Dagmar Gabler und Peter Andersson dann doch mal gehörig über die Stränge schlagen und den Film so fast schon unfreiwillig komisch, mindestens aber dezent überzogen wirken lassen – inklusive einiger Szenen die man komplett hätte streichen müssen (wie den Wachmann, der seine potentiellen Opfer offenbar im Flutlicht ausmacht). Immerhin bezieht der Film selbst keine klare Stellung zu den meisten der angeschnittenen Themen – und überlasst es in weitestem Sinne dem Zuschauer, über die Charaktere und ihre verfahrene Situation zu urteilen.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © BR | DasErste.de

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„Etwas weniger Hysterie und etwas mehr Glaubwürdigkeit wären dem Film sicherlich gut bekommen. Unterhaltsam und ausreichend heikel um für den nötigen Gesprächsstoff zu sorgen ist DER SOHN aber allemal.“

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Der Trailer:

http://www.daserste.de/embed/index~standalone.jsp?id=der-sohn-trailer-video-100&share=1&extern=1