Filmkritik: „Die Rote Schildkröte“ (OT: La Tortue Rouge, 2016)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Michael Dudok De Wit
Mit: Tom Hudson, Barbara Beretta u.a.
Land: Frankreich, Belgien, Japan
Laufzeit: ca. 81 Minuten
FSK: ab 0 freigegeben
Genre: Animation, Drama, Abenteuer, Fantasy
Tags: Schildkröte | Einsame Insel | Familie | Natur | Einklang | Schicksal

Seenot mal anders.

Inhalt: Als sich ein Schiffbrüchiger mit Ach und Krach auf eine einsame Insel irgendwo in den Weltmeeren retten kann, versucht er bald daraufhin alles um seiner misslichen Lage zu entgehen. Doch was er auch anstellt, es gelingt ihm einfach nicht die Insel zu verlassen – wobei es lange unklar bleibt, wer oder was dafür verantwortlich sein könnte. Eines Tages jedoch kann er einen Blick auf jene Kreatur erhaschen, die mit seinem Scheitern direkt in Verbindung zu stehen scheint – eine riesige rote Schildkröte. Auch wenn er nicht genau weiß wie sie seine Flucht hat verhindern können, dreht er das Tier kurz darauf wutentbrannt auf den Rücken – und lässt es zum Sterben in der prallen Sonne liegen. In der darauf folgenden Nacht plagen ihn jedoch Alpträume, und er setzt alles daran die Schildkröte doch noch zu retten. Ob es dafür bereits zu spät ist oder nicht, wird sich erst noch zeigen…

Kritik: Nein – man braucht nicht viel, um einen anständigen Animationsfilm auf die Beine zu stellen. Zumindest nicht, wenn man eine entsprechende inhaltliche Vision vor sich hat und die Gelegenheit erhält, sich in Bezug auf die technische und vor allem visuelle Komponente auf die Mitarbeit bereits erfahrener Veteranen verlassen zu können. Ungefähr hat es sich auch im Falle von LA TORTUE ROUGE ereignet, einem vom niederländischen Drehbuchautor und Trickfilmregisseur Michael Dudok De Wit erdachten; letztendlich auf multinationaler Ebene umgesetzten Projekt – das von niemand geringerem als ToshioSuzuki, dem Vorsitzenden des japanischen Studio GHIBLI (unter anderem verantwortlich für Anime-Meileinsteine wie PRINZESSIN MONONOKE, siehe Review) produziert wurde. Gesetzt dem Fall dass man hat schon einmal einen Blick auf die liebevollen zeichnerischen Welten des berühmten Studios hat werfen können, sieht man das auch direkt – wofür es nicht erst die spezielle Darstellung der kleinen Krabben braucht, die dezent an die sogenannten Rußmännchen aus MEIN NACHBAR TOTORO (Review) oder CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND (Review) erinnern.

Dementsprechend fällt es einem Film wie LA TORTUE ROUGE auch entsprechend leicht, den Zuschauer schnell mit seinen in sich stimmigen, trotz der relativen Kargheit des Inselschauplatzes detailreichen Bildern für sich zu gewinnen – wobei man sich speziell an die extrem minimalistisch gestalteten Gesichter und Animationen der Charaktere erst noch gewöhnen muss. Insgesamt aber sieht der Film recht gut bis stellenweise sogar atemberaubend aus – und der gefühlvolle Soundtrack fügt sich perfekt in die Abfolge der alles andere als hektisch aneinandergereihten Naturaufnahmen der Insel samt Umgebung ein. Was bleibt, ist die Frage nach der inhaltlichen Komponente – der im Falle von LA TORTUE ROUGE durchaus auch einige Besonderheiten innewohnen. So hat sich Michael Dudok De Wit etwa dazu entschlossen, für die gesamten 80 Minuten des Films auf jegliche Dialoge zu verzichten – was allemal ungewohnt ist, sich durch die dennoch vorhandenen Gesten, Laute und Interaktionen der Charaktere aber nicht negativ oder gar auf das Verständnis auswirkt.

Schließlich sollte das, was dem Zuschauer nach einem zugegebenermaßen noch etwas zähen Auftakt als Geschichte präsentiert wird; für jedermann verständlich sein – bedient sich Michael Dudok De Wit doch eigentlich nur an der absoluten Basis. In diesem Zusammenhang – und dies verbindet LA TORTUE ROUGE wiederum mit vielen anderen GHIBLi-Filmen – steht nicht weniger als die Natur selbst im Mittelpunkt der Erzählung, und das auf eine ebenso beruhigende wie spannende und inspirierende Art und Weise. Der Mensch selbst spielt hier nur eine eher untergeordnete Rolle, ebenso wie die mystisch-fantastische Komponente in Form der titelgebenden Schildkröte – die ihre Wirkung dennoch nicht verfehlt und einen großen Teil zur bemerkenswerten emotionalen Ebene des Films beiträgt. Die eigentliche Überraschung des Films ist demnach, dass er es trotz seiner relativen Zurückhaltung in Bezug auf die inhaltlichen und optischen Ausstaffierungen schafft; für eine vergleichsweise große und intensive Form der Unterhaltung zu sorgen.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © Wild Bunch Distribution

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„Minimalistisch, aber eindringlich – eine etwas andere Hommage an die Kraft der Natur.“

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Filmkritik: „Hüter Des Lichts“ (2012)

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Originaltitel: Rise Of The Guardians
Regie: Peter Ramsey
MitChris Pine, Isla Fisher, Alec Baldwin u.a.
Land: USA
Laufzeit: 97 Minuten
FSK: Ab 6
Genre: Animationsfilm
Tags: Hüter | Sandmann | Weihnachtsmann | Osterhase | Zahnfee | Jack Frost

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann… ?

Kurzinhalt: Viele Kinder glauben an den Weihnachtsmann, den Osterhasen, die Zahnfee und das Sandmännchen. Doch was sie nicht wissen ist, dass die  vier nicht nur unabhängig voneinander agieren, sondern tatsächlich ein eingespieltes Team sind. Als HÜTER DES LICHTS bewahren sie die Unschuld und die Magie der frühen Kindheitstage. Doch haben sie einen gemeinsamen Feind: den hinterhältigen Boogeyman Pitch, der sich abermals aufmacht um gegen die Hüter anzutreten und Angst und Schrecken zu verbreiten. Dieses Mal scheint er einen besonders perfiden Plan zu haben: er will mit aller Macht dafür sorgen, dass der Glaube an die jeweiligen HÜTER DES LICHTS schwindet, und sich danach selbst zum neuen, alleinigen Herrscher über die Welt krönen. Er beginnt mit dem Sandmännchen, dessen schöne Träume er kurzerhand in Alpträume verwandelt. Der Mann im Mond jedoch beäugt das Ganze kritisch – und beschließt in Anbetracht der Notlage, den Hütern einen fünften Mann zur Seite zur stellen: Jack Frost. Der hadert jedoch mit sich selbst und vergleicht seine allgemeine Anerkennung ständig mit denen der anderen – gegen die er so gesehen einfach keine Chance hat. Letztlich müssen sich aber alle Hüter zusammenraufen, um überhaupt eine Chance zu haben. Glücklicherweise sind sie dabei nicht allein, denn auch die Kinder selbst spielen eine große Rolle im alles entscheidenden Kampf gegen das Böse.

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Kritik: HÜTER DES LICHTS stammt aus dem Hause Dreamworks, und stellt so gesehen ein weiteres Konkurrenzprodukt zu den Arbeiten aus dem Hause Disney / Pixar. Dass das Studio sowohl in optischen als auch inhaltlichen Belangen längst mit den ehemaligen Pionieren des Genres (TOY STORY, 1995) mithalten kann, steht dabei außer Frage. Grundsätzlich eher für tierisch-spaßige Unterhaltungsfilme a’la SHREK, MADAGASCAR oder KUNG FU PANDA bekannt, wagt man sich bei Dreamworks nun auch vermehrt an etwas universellere, gleichermaßen für Kinder und Erwachsene geeignete Stoffe – den Anfang markierten so gesehen DRACHENZÄHMEN LEICHT GEMACHT (2010, Review) oder auch MEGAMIND (2010, Review). Ein weiterer Titel dieser Riege ist nun HÜTER DES LICHTS – ein Film, der auf den ersten Blick wie ein typischer Kinderfilm zur Weihnachtszeit anmutet; sich bei näherer Betrachtung aber als absolutes Gegenteil entpuppt. Der Clou: die ‚Hüter‘ sind eine fantastische Gruppe aus bekannten Figuren, im weitesten Sinne den ‚Helden‘ aus Kindertagen – zu denen eben nicht nur der Weihnachtsmann; sondern auch das Sandmännchen, die Zahnfee und der Osterhase gehören. Und im besten Fall auch Väterchen Frost, der hier in Form des jungen Jack Frost’s auftaucht – und dem magischen Quartett nicht nur äußerst hilfreich zur Seite steht; sondern ihnen überraschenderweise gleich komplett die Show stiehlt. HÜTER DES LICHTS hat dabei 2 entscheidende Vorteile, die den Film so gesehen von einer Vielzahl an Konkurrenzfilmen abheben.

Der eine wurde bereits genannt – er besteht schlicht darin, dass der Film nicht wie sonst üblich nur eine einzige markante Figur begleitet, sondern gleich ein ganzes Quartett, beziehungsweise später Quintett. Was auf den ersten Blick so anmutet, als hätten es die Macher schlicht etwas übertrieben – denn wann sieht man schon einmal den Weihnachtsmann, den Osterhasen, das Sandmännchen und die Zahnfee Seite an Seite für das Gute streiten – stellt sich im Endeffekt als markantestes Merkmal des Films heraus. Denn: die Charaktere werden hier eben nicht einfach plump zusammengewürfelt um möglichst viele bekannte Vertreter in einem Film zu vereinen. Vielmehr bekommen sie alle das nötige Maß an Aufmerksamkeit zugestanden; und haben jeweils ihre kleinen bis pompösen, dabei stets fantasievollen Auftritte. Dabei sollte man aber keineswegs erwarten auf typisch-kitschige, glattgeschliffene Versionen der jeweiligen Helden zu treffen. HÜTER DES LICHTS rückt sie alle in ein etwas anderes, recht einzigartiges Licht – und spendiert ihnen weitaus mehr Ecken und Kanten, was sowohl den Unterhaltungswert als auch die Glaubwürdigkeit enorm steigert. Das beste daran ist jedoch, dass alle Charaktere – so markant und eigenständig sie grundsätzlich sind – wunderbar miteinander interagieren. So transportiert HÜTER DES LICHTS nicht nur die ‚Magie‘ eines einzelnen Anlasses; sondern fasst sie anhand dessen was sie verbindet zu einem umfassenden Ganzen zusammen.

Neben dem ohnehin schon turbulenten und äußerst unterhaltsamen Zusammenspiel der eben genannten Protagonisten findet sich der zweite Vorteil des Films überraschenderweise in einem einzelnen Charakter – dem von Jack Frost. In vergleichbaren Genrefilmen gab es selten eine Figur, die so interessant, so glaubwürdig, so gut ausgearbeitet wirkt – und sich dann auch noch Sympathiepunkte noch und nöcher einheimsen kann. Das schöne, und auch spannende: wo die anderen Charaktere zumeist relativ fix auf ihren jeweiligen Posten verharren, muss Jack Frost seine Bestimmung erst noch finden, beziehungsweise sie akzeptieren – indem er mit sich selbst und seiner Vergangenheit ins reine kommt. Und nicht nur das: er stellt sich auch als fähigster Gegenspieler des durch und durch bösen schwarzen Mannes heraus. So sorgt er nicht nur für einige markante, so noch nie dagewesene Actionszenen (das Aufeinandertreffen von Schatten und Eis) – sondern fungiert auch als vermittelndes Bindeglied zwischen dem Guten und Bösen. Doch auch er muss am Ende eine Entscheidung treffen…

Diese Aspekte sind zweifelsohne die bemerkenswertesten an und in HÜTER DES LICHTS. Doch auch neben den starken Charakteren und damit einhergehenden Entwicklungen hat der Film einiges zu bieten. Zum einen wäre da die Story – die so gesehen zwar nicht besonders innovativ ausfällt; aber ihren Zweck vollkommen erfüllt. Vor allem aber ist sie spannend erzählt, bietet so manchen Höhepunkt – und streut gerade im Hinblick auf das Finale immer mehr geradezu magisch verpackte emotionale Komponente ein. Diese befassen sich mit der Bedeutung von Magie, von kindlicher Unschuld und Vorstellungskraft im allgemeinen – und sind dabei angenehm universell gehalten; auch wenn in diesem Fall (verständlicherweise) die bekanntesten Figuren der westlichen, christlich geprägten Gefilde als Aufhänger verwendet werden.

Ebenfalls bemerkenswert ist das Zusammenspiel der verschiedenen Stimmungen, die sehr variabel und vielfältig ausfallen. Grundsätzlich dominiert ein schnelles Tempo mitsamt entsprechenden, wahnwitzigen Action-Parts – doch hier und da wird es auch mal etwas ruhiger, besonnener. Stets genial wirken die vielen Einfälle, die den Zuschauer immer wieder staunen lassen – vor allem die eindrucksvollen Fortbewegungsmaßnahmen der Charaktere. Gut ist auch, dass grundsätzlich nicht allzu viel herumgeblödelt wird: die kleinen Streitereien zwischen den Protagonisten wirken wohl dosiert, stets passend, und lockern das Geschehen angenehm (da eher dezent) auf. Wie auch die kleinen Gags und witzigen Elemente, die sich dann und wann im Hintergrund abspielen, wie bei den quirligen Weihnachtselfen und pelzigen Yetis. In HÜTER DES LICHTS sind es eben jene, die für die Erstellung der Geschenke zuständig sind – eine von vielen Ideen und Eigenheiten, die den Film insgesamt sehr stark von der Masse abzuheben wissen.

Dass bei vergleichbaren Genrefilmen vorschnell auf die optischen Eindrücke eingegangen wird, ist kein Wunder: nicht selten offenbaren sie ihre Qualitäten ausschließlich in Bezug auf dieses Kriterium, und eventuell noch den Soundtrack. HÜTER DES LICHTS aber zeigt in keinem Bereich Schwächen – er ist inhaltlich ansprechend, die Sprecher sind fabelhaft, der Soundtrack eingängig; und: er sieht verdammt gut aus. Bei einem immensen Budget von über 100 Millionen Dollar vielleicht auch kein Wunder, doch merkt man dem Film einen Hang zur Perfektion einfach an. er sieht mindestens genauso gut aus wie die bisherigen Dreamworks-Werke (Figuren, Detailreichtum, Animation) – doch durch die atemberaubenden Effekte gewinnt er zusätzlich an Reiz. Ein Mehrwert, der besonders gut in der 3D-Fassung, oder aber zumindest der hochauflösenden Blu-Ray-Heimausgabe zur Geltung kommt.

Fazit: Die letzte, alles entscheidende Frage lautet: kann man den HÜTER(n) DES LICHTS überhaupt etwas negatives abgewinnen ? Nun, nicht wirklich – es sei denn, man geht explizit ins Detail. Vielmehr ein stiller Wunsch als ein Negativkriterium ist, dass man dem mysteriösen ‚Mann im Mond‘ etwas mehr Aufmerksamkeit hätte zugestehen können. Der Film ist ein Genuss – vor allem in optischen Belangen, aber glücklicherweise auch in inhaltlichen.

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„Action- und Ideenreich, kindgerecht, magisch – HÜTER DES LICHTS ist ein Volltreffer.“

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Filmkritik: „Reise Nach Agartha / Children Who Chase Lost Voices“ (2011)

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Originaltitel: Hoshi O Ou Kodomo
Regie: Makoto Shinkai
Drehbuch: Makoto Shinkai
Land: Japan
Laufzeit: ca. 116 Minuten
FSK: Ab 12 freigegeben
Genre: Animationsfilm (Abenteuer, Fantasy, Drama)
Tags: Agartha | Unterwelt | Erde | Leben | Tod | Quetzalcoatl | Paradies

Erhöre den Ruf aus der sagenumwobenen Welt Agartha…

Inhalt: Die junge Asuna gilt als besonders eifrige Schülerin. Auch im Haushalt hilft sie, wo sie nur kann – besonders, da ihre Mutter für den Lebensunterhalt der kleinen Familie, deren Vater viel zu früh verstarb; sorgen muss. Am liebsten zieht sie sich in ihre kleine Höhle zurück, die am Hang eines einsam gelegenen Berges liegt – und lauscht den Klängen, die sie mithilfe eines selbstgebauten Radios empfangen kann. Eine Melodie hat es ihr dabei besonders angetan – eine, die ganz anders ist als alles, was sie bisher gehört hat. Eines Tages aber gerät sie in eine gefährliche Situation: eine Art Monster taucht auf, welches im Begriff ist sie zu attackieren. In letzter Sekunde kann sie von einem mysteriösen Jungen gerettet werden, der sich als Shun vorstellt – und offenbar aus einem weit entfernten, fremden Land stammt. Sie freundet sich schnell mit ihm an – doch bevor sie ihn Tags darauf wiedersehen kann, verschwindet er plötzlich. Wenig später wird ein Junge nahe des Flusses tot aufgefunden – Asuna will es nicht wahrhaben, dass es ausgerechnet Shun getroffen haben soll. Dann überschlagen sich die Ereignisse: Asuna’s neuer Vertretungslehrer scheint offenbar mehr über das kürzlich aufgetauchte Monster zu wissen, und weiht Asuna teilweise in ein großes Geheimnis ein. Dann taucht ein weiterer Junge auf, der Shun zum verwechseln ähnlich aussieht – es ist Shin, sein jüngerer Bruder. Der nimmt Asuna mit auf eine Reise ins Ungewisse – hin zu einem sagenumwobenen Tor, welches den Zugang zu einer anderen, verborgenen Welt offenbart – Agartha. Doch sie sind nicht allein – Asuna’s Lehrer, ein sogenannter Acrangeli, ist mit von der Partie; und verschafft sich ebenfalls einen Zugang. Er hofft, dass er hier eine Möglichkeit entdecken würde, seine verstorbene Frau von den Toten auferstehen zu lassen, um endlich nicht mehr allein sein zu müssen.


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Kritik: Der 2011’er Anime REISE NACH AGARTHA stammt von Makoto Shinkai, der sich unter anderem auch für die Animes VOICES FROM A DISTANT STAR oder 5 CENTIMETERS PER SECOND (Review) verantwortlich zeichnet. Wer die bisherigen Werke jenes talentierten Regisseurs und Drehbuchautors kennt, der weiss; dass er gerne aus dem Vollen schöpft – sowohl in einer gestalterischen, aber auch inhaltlichen Hinsicht. Und so ist auch CHILDREN WHO CHASE LOST VOICES (der deutsche DVD-Titel – der schon wesentlich einzigartiger und spannender klingt als REISE NACH AGARTHA) ein bildgewaltiges Epos, welches allein in Bezug auf die visuellen und akustischen Eindrücke seinesgleichen sucht. Aber auch inhaltlich ist Makoto ein großer Sprung nach vorne gelungen. Im Gegensatz zu früheren (ebenfalls bildgewaltigen) Werken wie 5 CENTIMETERS PER SECOND, die sich eine eher subtile Erzählweise zunutze machten, geht er mit seinem bisher längsten Film erstmals in die Vollen – und präsentiert eine größere Bandbreite an behandelten Themen; verpackt sie geschickt unter dem Mantel des Abenteuer-Genres.

So wartet sein Werk CHILDREN WHO CHASE LOST VOICES nicht nur mit einem großen Abenteuer und einem dementsprechenden Spannungsbogen auf, sondern präsentiert sich gleichzeitig als solide Coming-Of-Age-Geschichte mit interessanten Fantasy-Elementen. Der Vergleich mit dem großen Anime-Studio Ghibli ist dabei alles andere als abwegig – auch Makoto scheint darauf bedacht, eine möglichst reichhaltige Palette an Themen und Inhalten zu offerieren, die im besten Falle eine generationsübergreifende Wirkung entfalten. Und: auch er verpackt seine Geschichte in geradezu sagenhaften Bildern, die fantasie- und liebevoller nicht hätten ausfallen können. Doch irgendetwas ist dann doch anders in CHILDREN WHO CHASE LOST VOICES. Vielleicht liegt dieser Eindruck darin begründet, dass der Film schlicht etwas erwachsener wirkt – und seine potentielle Zielgruppe so etwas deutlicher einschränkt, als dies die meisten Ghibli-Filme handhaben.

Dafür sprechen auch die vielen religiös-mythologischen Symbole, die hie und da eingeworfenen Begriffe – und letztendlich auch die gesamte Geschichte, die nicht unbedingt für einen Familien-Filmabend gemacht zu sein scheint, sondern vielmehr für vielseitig interessierte Jugendliche und Erwachsene. Denn auch wenn sie nicht wirklich als besonders tiefgreifend oder komplex zu bezeichnen ist spricht man doch eher Themen an, mit denen die allerkleinsten noch wenig anfangen dürften. Es geht um nicht weniger als das Leben und den Tod, den damit verbundenen Abschiedsschmerz; die Fähigkeit, einen geliebten Menschen trotz schwerer Trauer loslassen zu können – und letztendlich auch um das Bestreben einzelner, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Selbst, wenn sie sich dafür den Göttern widersetzen, oder zumindest die Macht einer sagenumwobenen Welt wie Agartha missbrauchen müssten – mit unterschiedlichen, nur schwer abschätzbaren Folgen. Sehr gewagt fiel in diesem Zusammenhang auch eine Darstellung aus, die einige bekannte Tyrannen und Diktatoren zeigte, die sich eben jener Macht bedienten – und dem Film nach nur so derart ‚erfolgreiche‘ Schreckensherrschaften anstreben konnten.

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Hierzulande erhielt der Film eine FSK 12 – eine durchaus berechtigte Einstufung, allein aufgrund der oben genannten Inhalte – aber nicht zuletzt auch der teils heftigen Gewaltdarstellung und den schaurigen Kreaturen. Solche bekommt man zwar auch in CHIHIROS REISE oder anderen Ghibli-Werken zu sehen – doch im Vergleich mit CHILDREN WHO CHASE LOST VOICES wirken diese Darstellungen eher handzahm. Eine Frage stellt sich dann allerdings doch, gerade im Zusammenhang mit den eigentlich vermeidbaren Gewaltszenen: wenn man den Film schon so offensichtlich auf eine eher ältere Zielgruppe trimmte, warum ging man diesen Weg nicht auch konsequent ? Man hätte noch mehr aus den nur angeschnittenen Themen machen können, beispielsweise indem man sie intensiver ausführt. Besonders das Innenleben der jungen Asuna (die sich einstweilen etwas merkwürdig verhält – das heisst, ihrem Alter eher voraus) gerät so etwas undurchsichtig, und bietet letztendlich zu wenige Anhaltspunkte, um ein wirkliches Charakter-Verständnis zu ermöglichen. Das selbe gilt für ihren Lehrer und besonders die Organisation, für die er steht. So muss man sich damit zufrieden geben, dass er schlicht einen begründeten, selbstsüchtigen Alleingang wagt – was nicht von ungefähr ein wenig an NERV’s Gendo aus EVANGELION erinnert.

Eben dieser Vergleich trifft es auch recht gut, will man die Schwächen von CHILDREN WHO CHASE LOST VOICES beschreiben: der Film lässt dem Zuschauer nicht wirklich eine Möglichkeit tiefer in die Materie einzusteigen – die im Endeffekt mit vielen guten Ansätzen aufwartet, aber doch etwas halbherzig, und in vielen Momenten einfach zu schnell abgehandelt wird (Stichworte: Quetzalcoatl, Azteken-Mythologie; und besonders spannend: Gnosis). So bleibt vor allem ein großes Abenteuer mit einer passenden Identifikationsfigur und einigen mystischen Elementen, und eine fabelhafte optische Inszenierung. Die Hintergrundzeichnungen, Animationen, Charakter- und Monsterdesigns fallen wahrhaft atemberaubend aus; sowohl die über- als auch unterirdischen Welten wirken geradezu malerisch, heimelig, und zu guter Letzt auf besondere Weise mysteriös und spannungserzeugend. Ein wohlklingender, stets passend erscheinender Soundtrack rundet den technischen Eindruck perfekt ab.

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Fazit: CHILDREN WHO CHASE LOST VOICES hat letztendlich mehr von einem Ghibli-Film, als man vielleicht erwarten würde – und dennoch ist er erfrischend anders. Die interessante Mischung aus eher familienfreundlichen, traditionellen Inhalten und den markanten mystischen Elementen erinnert an die Blütezeit des Animes in den 80er Jahren; und entfaltet eine geradezu zeitlose Wirkung. Die Geschichte ist spannend, die Mischung aus eher actionreichen und ruhigen Momenten funktioniert tadellos, während einige Elemente im Zusammenhang mit den atemberaubenden Bildern eine wohlige Gänsehaut auslösen. Sofern man sich denn auf Makoto’s bisher bestes Werk einlässt, versteht sich – doch das sollte den meisten gelingen, selbst ohne großartige Anime-Vorkenntnisse. Das einzige Manko ist wohl der fragwürdige Ansatz, dass man den Film mit einem eigentlich unnötigen Gewaltgrad eher auf eine ältere Zuschauergruppe zuschneidet – dieses Bestreben aber nicht vollständig, das heisst in Bezug auf die Tiefe und Komplexität der Geschichte ausweitet. Gerade aus der spannenden und ungewöhnlichen Bezugnahme zum Gnostizismus (Link) hätte man einfach mehr machen können, machen müssen. Andererseits kann man dankbar sein, dass (komplexe) Themen wie diese überhaupt in einem Anime aufgegriffen wurden, und vielleicht noch werden. Sei es drum – CHILDREN WHO CHASE LOST VOICES ist ein Anime, den man nicht nur gesehen, sondern zweifelsohne in seiner Sammlung stehen haben sollte. Ein zweites oder drittes Anschauen wird den positiven Eindruck nämlich nicht mindern – eher im Gegenteil.

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„Bildgewaltiges, aber auch inhaltlich ansprechendes Anime-Epos für Erwachsene“

Filmkritik: „Das Schloss Des Cagliostro“ (1979)

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Originaltitel: Rupan Sansei: Kariosutoro No Shiro
Regie: Hayao Miyazaki
Mit: Yasuo Yamada, Kiyoshi Kobayashi, Eiko Masuyama u.a. (Sprecher)
Land: Japan
Laufzeit: 110 Minuten
FSK: Ab 6 freigegeben
Genre: Animationsfilm (Action / Slapstick)
Tags: Lupin | Krieg | Familie | Geschwister | Vater | Liebe | Tod

Eines der ersten Werke des Anime-Großmeisters Miyazaki.

Inhalt: Nachdem Lupin und sein Kumpel Jigen gerade ein Staatscasino ausgeräumt haben, stellt sich die gemachte Beute als Falschgeld heraus. In ihrer Gangster-Ehre gekränkt versuchen die beiden, den Ursprung der Blüten zu ergründen. Ihr Weg führt sie dabei schnell in den kleinsten Staat der Welt, Cagliostro. Der hiesige Graf steht hier kurz vor einer Heirat mit Prinzessin Clarisse, die allerdings gegen ihren Willen festgehalten wird. So will er seine Machtposition festigen und das illegale Geschäft mit den Blüten weitertreiben – ohen dabei großartiges befürchten zu müssen, schließlich sind bereits zahlreiche Staaten eingeweiht. Lupin fasst kurzerhand einen Entschluss: nicht nur dass er den Geldfälschern ein für allemal das Handwerk legen will, auch die Prinzessin soll vor ihrem bösen Häscher gerettet werden. Um dieses Ziel zu erreichen, greift der Erbe des legendären Meisterdieben zu einer eher ungewöhnlichen Methode: er sorgt dafür dass sein Erzfeind, der Interpolinspektor Zenigata, ebenfalls mit von der Partie ist. In all dem Durcheinander bahnt er sich seinen Weg in das Innere des riesigen Schlosses – und versucht, die Prinzessin aus ihrem gut gesicherten Turmgefängnuis zu befreien. Doch hat er die Rechnung ohne die Schergen des Grafen gemacht…

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Kritik: Der 1941 in Japan geborene Hayao Miyazaki, der im Jahre 1985 zusammen mit Isao Takahata das renommierte Studio Ghibli gründete; ist vielen expliziten Anime-Fans ein Begriff. Doch nicht nur denen – insbesondere die letzten Werke des Studios, wie PONYO (mit Miyazaki als Drehbuchautor und Regisseur, Kritik) und ARIETTY – DIE WUNDERSAME WELT DER BORGER (als Drehbuchautor, Kritik) sorgten dafür, dass seine Fangemeinde wächst und wächst. Am bekanntesten ist er hierzulande für seine Erfolgsfilme MEIN NACHBAR TOTORO (Kritik), PRINZESSIN MONONOKE (Kritik) und CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND (Kritik) – doch gab es auch eine Zeit vor dem Studio Ghibli. Eine dieser filmischen Perlen ist DAS SCHLOSS DES CAGLIOSTRO aus dem Jahre 1979; ein Anime, der auf die Manga-Serie LUPIN III zurückgeht. LUPIN ? Das klingt in mancherlei Ohren doch sicher schon bekannter als DAS SCHLOSS DES CAGLIOSTRO. Sicher nicht von ungefähr, schließlich sind bereits drei japanische TV-Serien über den Enkel des Meisterdiebes Arsène Lupin aus den Romanen von Maurice Leblanc erschienen. Diese stammen aus den Jahren 1971-1972, 1977-1980 und 1984-1985; und haben somit auch schon einige Jahre auf dem Buckel.

Während eine deutsche Fassung der in Japan allseits bekannten und beliebten TV-Staffeln aber noch aussteht, hat es zumindest der Film geschafft; auch international durchzustarten. Und das erstmals in den späten 80er Jahren, damals noch unter dem Titel HARDYMAN RÄUMT AUF. Das Problem: der Film war stark geschnitten, erst 2006 wagte man sich bei Anime Virtual (Kazé) an eine entsprechend werkgetreue Veröffentlichung. Dabei ist DAS SCHLOSS DES CAGLIOSTRO bereits der zweite LUPIN-Film – ein Jahr zuvor erschien LUPIN SANSEI: LUPIN VS FUKUSEI NINGEN, der hierzulande aber weitaus weniger bekannt ist. Hier dürfte auch der Miyazaki-Bonus eine Rolle gespielt haben; schließlich verkauft sich ein Anime mit einem entsprechend großen, dahinter stehenden Namen einfach besser. Im vorliegenden Fall handelt es sich indes um alles andere als bloße Effekthascherei: DAS SCHLOSS DES CAGLIOSTRO hat es, wie die gesamte LUPIN-Reihe, schlicht in sich.

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Und das liegt vor allem an der äußerst sympathischen Darstellung der Hauptprotagonisten. Es ist schlicht eine wahre Freude, den durchtriebenen Lupin und seine Kollegen dabei zu beobachten; wie sie sich stets neue Tricks und Kniffe einfallen lassen und diese natürlich auch direkt in die Tat umsetzen. Alles, um dabei ein bestimmtes Ziel zu erreichen – in diesem Falle die Rettung einer Prinzessin und die Aufdeckung eines Geldfälscher-Skandals. Wenn nebenbei auch noch der ein oder andere Schatz herausspringen sollte, umso besser. Sicher wäre das keine Aufgabe für einen gewöhnlichen Dieb – gut also, dass Lupin alles andere als ein solcher ist. Gerade aus besagtem Zusammenspiel, den Hauptcharakter in der Öffentlichkeit als gesuchten (und vielleicht auch gefährlichen) Dieb abzustempeln und den Zuschauer daraufhin seine wahre Natur erkennen zu lassen; lebt auch DAS SCHLOSS DES CAGLIOSTRO. Eine entsprechend unterhaltsame Angelegenheit – die sich weit weg von einem plumpen Slapstick bewegt, auch wenn Lupin und Co. sicher auch gerne mal in das ein oder andere Fettnäpfchen treten. Wenn dann auch noch Lupin’s eigentlicher Gegenspieler, der Interpol-Inspektor Zenigata das Schlachtfeld betritt, ist das Chaos perfekt – und die Lachmuskeln entsprechend herausgefordert.

Das alles wäre indes nur halb so schön, hätte DAS SCHLOSS DES CAGLIOSTRO nicht noch so viel mehr zu bieten. So ist das zweite markante Highlight und Qualitätsmerkmal neben den durch und durch charmanten Charakteren eindeutig die spannende Kulisse – in diesem Fall ein riesiges, prunkvolles Schloss. Hier wurde wahrlich mit einer erstaunlichen Liebe zum Detail gearbeitet, und etwaige Kinderfantasien bestens bedient. Seien es Geheim- und Falltüren, verwinkelte Gänge, Wassergräben, ein Turmgefängnis, ein Rüstungszimmer, düstere Katakomben – alles, was man sich beim Anblick eines solchen Schlosses wie dem hier gezeigten vorstellen könnte, wird auch gezeigt und entsprechend in Szene gesetzt. Das fördert nicht nur die Spannung und den ganz eigenen Flair des Films, sondern sieht schlicht gut aus; den qualitativen und farblich satten Zeichnungen sei Dank. Ebenfalls hervorheben sollte man, dass beinahe nichts was in DAS SCHLOSS DES CAGLIOSTRO gezeigt wird, nicht auch genutzt wird. Anders gesagt: die Charaktere interagieren mit ihrer Umgebung, und das nicht zu knapp. Man taucht durch eine lange Bewässerungsanlage, gerät in riesige Zahnradwerke, versucht aus Fallen zu entkommen, begeht das Schloss auch von außen – und vieles mehr.

Wenn man Miyazaki’s Werk DAS SCHLOSS DES CAGLIOSTRO überhaupt etwas schlechtes nachsagen kann, dann betrifft das eventuell den etwas gewöhnungsbedürftigen Auftakt. Schließlich werden die Charaktere kaum vorgestellt, und die erste Verfolgungsjagd ist längst nicht so einzigartig und stilsicher inszeniert wie der Rest des Films. Ersteres ist aber nicht wirklich dem Film selbst geschuldet – sondern vielmehr dem Veröffentlichungskontext. Als der Film in Japan aufgeführt wurde, wussten die Zuschauer schließlich schon recht genau Bescheid über Lupin und das dazugehörige Handlungsuniversum; während man hierzulande quasi noch immer auf dem Schlauch steht. Zweiteres ist spätestens dann vergessen, wenn die Charaktere erstmals das Schloss erblicken – ab diesem Zeitpunkt gewinnt der Film mehr und mehr an Fahrt, wird immer aberwitziger, bunter und stilsicherer. Und, das ist ganz wichtig: ohne dabei ins Lächerliche abzudriften. Da sei selbst verzeihen, dass Lupin in einer Szene mit einem Sprung eine stattliche Distanz von etwa 30 Metern überwinden, und desöfteren auch steile Wände hinablaufen kann – solche Elemente gehören (wie auch die übertriebene Verfolgungsjagd) einfach zum Franchise dazu.

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Dass der Film in vielerlei Hinsicht auffällig kindgerecht ausgefallen ist, darüber könnte man sich streiten – sicher hätte eine etwas düsterere Aufmachung, sowie eine nicht ganz so ‚geschönte‘ Form der Gewalt dem Film ebenfalls nicht schlecht getan. Doch hier zeichnet sich der Werdegang Miyazaki’s eben schon recht gut ab – er wollte seit jeher Filme und Serien für die ganze Familie kreieren, alters- und generationsübergreifende Werke erschaffen. Ein solches ist DAS SCHLOSS DES CAGLIOSTRO allemal geworden – dass der Anime dabei letztendlich etwas harmloser als so manches Vergleichswerk daherkommt, stört überhaupt nicht. Auch die technische Inszenierungsqualität spricht dabei für sich. Sicherlich ist das hier zur Schau gestellte heute längst nicht mehr als Nonplusultra zu bezeichnen, doch ist ein charmantes original oftmals angenehmer als eine glattpolierte Neuauflage. Und überhaupt: die Farben wirken herrlich kräftig, Details sind ebenso vorhanden wie Lichtspiele und ausufernde Slapstick-Szenen; während die Hintergründe (ganz Miyazaki-typisch) geradezu phänomenal ausfallen. Wie in seinen späteren Filmen ist man geneigt, sich die ein oder andere Szene extrahieren und als Gemälde verewigen zu wollen. Ein guter Soundtrack und ein hervorragender Schnitt, der weder zu hektisch wirkt noch den Filmfluss bremst, runden das Ganze ab.

Fazit: DAS SCHLOSS DES CAGLIOSTRO schafft es mit Leichtigkeit, sowohl die Fantasie als auch die Lachmuskeln anzusprechen und den Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute fabelhaft zu unterhalten. Dabei spielen weder das Alter, noch das Geschlecht oder die Herkunft eine Rolle – Myiazaki vermochte es schon früh, seine Botschaften entsprechend universell zu vermitteln und ganze Familien wie gebannt vor dem Bildschirm zu versammeln. Die hier erzählte, herrlich erfrischende Räuber- und Gendarmengeschichte lebt von ihren spritzigen, zutiefst unkonventionellen Charaktären und dem tollen Setting; und lässt gerade in Anbetracht des Veröffentlichungsjahres viele Konkurrenten blass aussehen. Auch, oder gerade heute noch. Schließlich handelt es sich um einen Anime, der sich nicht aufgrund seiner technischen Qualität als zeitloses Meisterwerk qualifiziert – sondern aufgrund des rundum stimmigen Gesamtpaketes.

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Filmkritik: „From Up On Poppy Hill“ (2011, Studio Ghibli #18)

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Originaltitel: Kokurikozaka Kara
Regie: Gorō Miyazaki
Mit: Junichi Okada, Masami Nagasawa, Haruka Shiraishi u.a. (Sprecher)
Land: Japan
Laufzeit: 91 Minuten
FSK: Ab ? freigegeben
Genre: Animationsfilm (Drama)
Tags: Japan | Krieg | Familie | Geschwister | Vater | Liebe | Tod

Das Studio Ghibli auf gewohnten Pfaden.

Inhalt: Japan in den 1960ern. Das 14-jährige Schulmädchen Umi Matsuzaka hat es seit dem Verschwinden ihres Vaters nicht leicht. Noch immer hisst sie in der stillen Hoffnung auf dessen Rückkehr jeden Morgen die Signalflaggen vor dem Haus – andererseits aber ist sie sich gewiss, dass er vor Jahren im Krieg umgekommen sein muss. Nachdem ihre Mutter für einige Zeit beruflich nach Amerika gereist ist, liegt es beinahe allein an ihr den Haushalt zu führen – und nebenbei auch noch die Schule zu meistern. Eines Tages erfährt sie davon, dass ein bestimmtes Clubhaus auf dem Gelände abgerissen werden soll, und lernt bald darauf den jungen Shun Kazama kennen. Sie verliebt sich in ihn – und beschließt, gemeinsam mit ihm und zahlreichen anderen Schülern einen letzten Versuch zu unternehmen, das Clubhaus zu retten. Doch bald darauf erfährt sie mehr über Shun und ihre eigene Vergangenheit, sodass die Beziehung der beiden auf eine ganz besondere Probe gestellt wird.

Kritik: Endlich geht es weiter im GHIBLI-Universum – zumindest hier auf diesem Blog. Eigentlich erschien FROM UP ON POPPY HILL bereits Ende 2011 – jedoch nur in den japanischen Kinos; was mitunter auch der Grund für die verspätete Weiterführung der GHIBLI-Rezensionen (siehe Special hier) ist. Allerdings: ein großflächiges internationales Release des nunmehr 18.ten offiziellen Ghibli-Animes (Kurzfilme nicht mit eingeschlossen) steht noch immer aus. Das ist durchaus etwas merkwürdig, hatte man doch zuvor mit Filmen wie PONYO und ARIETTY – DIE WUNDERSAME WELT DER BORGER auch hierzulande entsprechende Erfolge feiern können. Lediglich einige wenige Länder kamen bisher in den Genuss des neuen Films – wie etwa Frankreich. Immerhin scheint ein DVD- und BluRay-Release nun auch in den USA greifbar zu werden: am dritten September diesen Jahres soll es dort soweit sein. Ob es später auch eine deutsche Fassung geben wird; darüber wird derzeit gestritten – es scheint beinahe sicher, doch wann genau; das ist eine ganz andere Frage.

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Eine beinahe ebenso wichtige wie die nach der Qualität des Films selbst. Lohnt sich das Warten auf ein entsprechendes Release, ja; zählt FROM UP ON POPPY HILL gar zu den besten der bisherigen GHIBLI-Filme ? Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die bisherige GHIBLI-Filmografie. Nicht nur zwecks etwaiger Vergleiche – sondern auch, um den Film bestmöglich thematisch einzuordnen. Somit können potentielle Interessenten bereits vorab auf den Film aufmerksam gemacht werden – während sichergestellt ist, dass andere nicht allzu bitter enttäuscht werden. Denn eines ist sicher: FROM UP ON POPPY HILL ist einer der weniger magischen, weniger fantastisch orientierten GHIBLI-Filme. Und: er ist insgesamt weniger für eine deutlich jüngere Zuschauergruppe geeignet, wie es beispielsweise PONYO war. Was nicht heissen soll, dass es sich automatisch um einen schlechteren Anime handelt – es soll lediglich auf die ungefähre Marschrichtung des Werkes hingewiesen werden. Dieses bewegt sich am ehesten im bodenständigen Drama-Bereich, und behandelt neben familiären Konstellationen vor allem auch ganz allgemeine Werte, die einen gehobenen Stellenwert in der japanischen Gesellschaft haben (Zusammenhalt, Zugehörigkeit; vorsichtig: traditionelle Rollenverteilung). Regie übernahm indes Goro Myazaki – der Sohn des eigentlichen Ideengebers und Anime-Genies Hayao Myazaki. Goro hatte sich zuvor schon mit DIE CHRONIKEN VON ERDSEE (Kritik) beweisen können – FROM UP ON POPPY HILL ist sein zweites Werk als Regisseur.

Die Chancen für den Film stehen dabei alles andere als schlecht – wie bei grundsätzlich allen GHIBLI-Werken. Denn obwohl das Studio hauptsächlich für die eher episch-fantastischen, alle Generationen gleichermaßen ansprechenden Geschichten bekannt ist (DAS SCHLOSS IM HIMMEL, PRINZESSIN MONONOKE, CHIHIROS REISE), sind unter der Leitung der renommierten Zeichenschmiede auch einige hochkarätige Dramen erschienen. Etwa das zeitlos-grandiose Antikriegsdrama DIE LETZTEN GLÜHWÜRMCHEN (Kritik) oder das stark realitätsbezogene Charakter-Drama TRÄNEN DER ERINNERUNG (Kritik), um nur zwei Beispiele zu nennen. Mit eben jenem Werk, und eventuell noch FLÜSTERN DES MEERES ist FROM UP ON POPPY HILL letztendlich auch am ehesten vergleichbar. Angesiedelt vor einem Schul-Setting um ein bestimmtes Clubhaus, welches eine kleine Gruppe von Schülern unbedingt erhalten möchte (es droht ein Abriss); meistert die junge Umi voller Tatendrang ihren Schul- und Hausarbeitsalltag – und verliebt sich kurz darauf in einen ihrer Mitschüler, Shun. Stets bedacht auf einen ernsten und zutiefst ehrlich wirkenden Unterton verknüpft man hier eher lockere und teils witzige Alltagsszenen (das gesamte Gebaren um das Clubhaus und die ausufernden Podiumsdiskussionen) mit tieferen Drama-Elementen. Diese beziehen sich vor allem auf die familiäre Situation von Umi, die früh ihren Vater verloren hat; und bieten so einiges an Potential.

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Wie auch die Geschichte von Shun; Umi’s neuer Liebe. Hier beweist das Studio GHIBLI erneut ein enormes Fingerspitzengefühl: plump wirkt hier nichts, vielmehr absolut authentisch und wunderbar gemäßigt dargestellt. Man meint so fast, die Schüchternheit der Charaktere in sich spüren zu können – eine bloße Effekthascherei oder perfide Symbolik sucht man vergebens. Der eigentliche Clou des Films ist letztendlich, dass er für eine kompromisslose Liebe plädiert; und überdies seine Charaktere lebendiger und in ihrem Handeln nachvollziehbar darzustellen vermag als so mancher Real-Film.

Umso schwerer fällt es, auf die Schattenseiten des Films einzugehen – denn eigentlich hat er keine expliziteren. Und doch gibt es da etwas, was dem Film seine Faszinationskraft raubt, ihn eher zu einem gewöhnlichen Anime denn zu einem unverwechselbaren GHIBLI macht. Natürlich bleiben die typischen Charakteristika (vor allem die optischen) erhalten – der Detailreichtum ist enorm, die Zeichnungen und Animationen wie gewohnt von hoher Qualität. Doch ist es vor allem der etwas zu willkürlich und belanglos wirkende Ansatz, der den Film zu allem macht – nur zu keinem überragenden Meisterwerk. Das Setting in den 60er Jahren ist gut gewählt, und die Kriegsthematik wird dezent mit in das Handlungsuniversum einbezogen – aber dennoch, so richtig mitreissen will das Gezeigte nicht. Etwas zu blass bleiben auch die Charaktere, die offenbar kaum Ecken und Kanten haben – noch weniger, als man ohnehin schon von GHIBLI gewöhnt ist. Folglich erscheint die Welt in FROM UP ON POPPY HILL sehr heil und gleichförmig fließend, ohne dass man markante und in Erinnerung bleibende Höhepunkte (wie bei grundsätzlich allen bisherigen GHIBLI-Filmen) eingeplant hat.

Gerade das Porträt von Umi wirkt so stellenweise doch etwas weit hergeholt: wie sie es schafft, all die ihr auferlegten Aufgaben zu meistern – in Anbetracht des Todes ihres Vaters und der Nicht-Anwesenheit ihrer Mutter – ohne psychisch oder physisch zusammenzubrechen, bleibt ein Rätsel. Schließlich handelt es sich hier um ein erst 14-jähriges Mädchen – dass sie nicht einmal einen größeren Gefühlsausbruch durchlebt, scheint etwas merkwürdig. Die (potentielle) Crux: ähnlich wie in anderen Ländern scheint man hier nicht immer ganz so akzeptable Botschaften zu verpacken, ob nun absichtlich oder nicht. Wo in den USA selbige Nation möglichst darauf bedacht ist, gut in entsprechenden Werken wegzukommen (gerne auch im Zusammenspiel mit der Armee und der Position als friedliebende Weltmacht), scheint man in Japan schon früh das Gefühl vermitteln zu wollen, dass alle Mitglieder der Gesellschaft möglichst akkurat zu funktionieren haben. Und was bietet sich da besser an als ein Film, der von der Aufmachung und Thematik her insbesondere an ältere Kinder / Jugendliche adressiert ist ? All das mag vielleicht nicht zu 100% auf FROM UP ON POPPY HILL zutreffen – doch handelt es sich um ein auffälliges Merkmal; eines das hier weitaus deutlicher hervorsticht als in allen anderen GHIBLI-Filmen zusammen.

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Fazit: FROM UP ON POPPY HILL ist vor allem etwas für Freunde des anspruchsvollen, aber dennoch möglichst zugänglichen Charakter-Dramas. Man sich recht gediegen – was einerseits die große Stärke des Animes (Glaubwürdigkeit, Realitätsbezug; teilweise: entstehende Empathie) ist, ihn andererseits aber auch zu einem Werk macht, welches man nicht unbedingt gesehen haben muss. Zumindest in Bezug auf die GHIBLI-Filmografie, die diesbezüglich mit so manch hochkarätigerem Werk aufzuwarten weiss – ob nun eher fantastisch angehaucht oder nicht. Stellenweise hat man unweigerlich das Gefühl, als wäre der Anime etwas zu glattgeschliffen, zu gewöhnlich; und vor allem auch zu langatmig ausgefallen. Und vor allem: etwas zu beliebig was die Geschichte angeht (Clubhauserhaltung + Nachkriegsdrama + Selbstfindung + Erste Liebe); potentiell fragwürdige Botschaften (sieh oben) inklusive. Hier hat man gerade aus dem Hause GHIBLI schon ausgefeilteres, spannenderes und in sich stimmigeres erleben dürfen. Nichts desto Trotz bleibt FROM UP ON POPPY HILL ein gerade noch überdurchschnittliches Drama, gesetzt dem Fall man besitzt ein entsprechendes Durchhaltevermögen.

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