Filmkritik: „Herr Der Fliegen“ (1963)

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Originaltitel: Lord Of The Flies
Regie: Peter Brook
Mit: James Aubrey, Tom Chapin, Hugh Edwards u.a.
Land: Großbritannien
Laufzeit: ca. 92 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Abenteuer, Drama
Tags: Ausflug | Absturz | Einsame Insel | Kinder | Überleben

Wer oder was ist der HERR DER FLIEGEN ?

Kurzinhalt: Kurz nachdem eine Gruppe englischer Schulkinder zu einem Urlaubsausflug mit einer Propellermaschine aufgebrochen ist, kommt es zu einem schwerwiegenden Zwischenfall. Das Flugzeug wird von einem Blitz getroffen und stürzt ab, scheinbar auf offener See. Doch die Kinder haben Glück im Unglück: ganz in der Nähe befindet sich eine einsame Insel, auf die sie sich gerade noch so retten können. Weniger Glück hatten indes die Piloten: von ihnen fehlt zunächst jede Spur; sodass die Kinder vollkommen auf sich alleine gestellt sind. Nach und nach sammeln sich die Überlebenden um Ralph (James Aubrey) und Piggy (Hugh Edwards), die eine erste Versammlung einberufen und einen Anführer bestimmen. Die Wahl fällt schnell auf Ralph – doch speziell Jack (Tom Chapin) aus der kleineren Chorgruppe der Schule scheint davon wenig begeistert. Als es zur Bewältigung der ersten Aufgaben kommt, gründet Jack die Jäger – jene Gruppe, die sich fortan auf die Suche nach Tieren machen würde um für Nahrung zu sorgen. Doch das allgemeine Unheil nimmt bald seinen Lauf… und die Verwilderung der Kinder nimmt immer groteskere Züge an.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! HERR DER FLIEGEN basiert auf dem gleichnamigen Roman von William Golding, und ist sowohl in der Ursprungs- als auch 1969 erstmals umgesetzten Filmform mit einem enormen Kultstatus versehen. Warum das so ist, wird schnell offenbar: die hier behandelte, in jeder Hinsicht dramatische Geschichte ist nicht nur eine vergleichsweise zeitlose – sondern auch eine, die die Leser respektive Zuschauer in einer etwas anderen Art und Weise berührt als es in Anbetracht des übergeordneten Genres üblich wäre. Schließlich geht es nicht um das typische Aufarbeiten eines Unglücks oder Schicksalsschlages, sondern vielmehr um das zeitlich unbestimmte Erleben einer verzweifelten Situation. Einer solchen, in der eine handvoll unbeaufsichtigter Kinder potentiell lebenslang auf einer einsamen Insel gefangen ist – ohne Aussicht auf Rettung, dafür aber mit der ständigen Gefahr einer völligen Eskalation der bereits von Beginn an wackeligen Hierarchie und des eigentlichen Zustands der Kinder.

Eine solche Prämisse schreit dabei nicht unbedingt nach einem breiten Publikum – was die Sache umso spannender macht. Überhaupt: wer hier gähnende Langeweile erwartet; der wird schnell eines besseren belehrt, denn gerade der Faktor einer größtmöglichen Authentizität macht den Film aus. Im Fokus steht dabei das Porträt der Kinder, die zunächst noch davon ausgehen bald gerettet zu werden. Schnell macht sich jedoch auch Angst breit – die sich in einem undefinierbaren Monster manifestiert und letztendlich auch zum Kernaspekt dieses Films avanciert. So zeigt HERR DER FLIEGEN gleichermaßen behutsam wie analytisch auf, welche Entwicklung die Kinder fernab der Zivilisation, allein unter sich und ohne größere äußere Einflüsse durchmachen. Durch das Fingerspitzengefühl der Macher; sowie der relativ strikten Orientierung an der Buchvorlage ist die erzielte Wirkung eine vergleichsweise intensive, im weiteren Filmverlauf mehr und mehr verstörende – was mit ein Grund ist weshalb man HERR DER FLIEGEN weniger als Film im eigentlichen Sinne, denn vielmehr als erschreckend realistische Sozialstudie betrachten könnte.

Eine; und das ist das besondere – die sich nicht nur auf die schiere Ausnahmesituation auf der Insel bezieht, sondern auch als Parabel auf die Gesellschaft verstanden werden kann. Speziell in Bezug auf die Rollenverteilung der Kinder ergeben sich hier vielerlei Parallelen – wie etwa beim eher stillen und introvertierten Außenseiter Simon, der als einer der wenigen einen kühlen Kopf bewahrt (Filmzitat: „vielleicht gibt es gar kein Monster, vielleicht sind es wir selbst“) und sich letztendlich gegen die Masse stellt. Welchen Preis er, oder aber der resolute Anführer Ralph für ihr Verhalten zahlen müssen steht auf einem anderen Blatt – und wird erst dann offenbar, als Jack seinen einen Urinstinkt (die Angst) gegen andere (das pure Überleben und den blinden Jagdtrieb) eintauscht und damit ebenfalls zahlreiche Anhänger um sich schart. Diese Form der Bildung einer tumben Masse; jene gefährliche Gruppendynamik ist es schließlich auch die für das eigentlich entstehende Gänsehaut-Gefühl von HERR DER FLIEGEN verantwortlich ist. Weil sie, und das sei noch einmal erwähnt; sowohl auf die Situation auf der Insel allein bezogen werden kann – aber eben auch auf diverse Gesellschaftsstrukturen. Vornehmlich solchen, in denen Menschen möglicherweise mit dem Leben bezahlen müssen wenn sie anders denken oder handeln als die meisten – auch ohne, und das ist das erschreckende: dass es eine entsprechende Hierarchie (wie etwa eine Diktatur) befürwortet.

Die Bildqualität ist entsprechend des Erscheinungsjahres nicht immer optimal – doch durch den reinen Schwarz-Weiss-Ton gewinnt das Projekt zusätzlich an Wirkungskraft und wirkt zeitlos. Spezielle Einzelszenen, wie etwa in Bezug auf den Tanz um das Lagerfeuer brennen sich schnell in das Gedächtnis – weil sie inhaltlich gut untermauert; aber auch schlicht hervorragend inszeniert werden. Somit entsteht das Gefühl, als müsste man sich tatsächlich als stiller Beobachter auf der Insel befinden. Eine besondere Bedeutung wird auch dem insgesamt dezenten Soundtrack zuteil, der mit dem perfekt auserwählten klassischen Chorstück Kyrie weitere Deutungsebenen zulässt.

Fazit: Die 1963’er Verfilmung zu HERR DER FLIEGEN glänzt in vielerlei Hinsicht – und was eher selten ist, sogar im direkten Vergleich mit der Buchvorlage. Die Prämisse ist außergewöhnlich, das Porträt der Charaktere intensiv, die erzielte Wirkung aufrüttelnd – und der damit erzielte Unterhaltungswert im Sinne eines ungeschönten Survival-Trips einer Gruppe Kinder enorm. Für die technisch-handwerklichen Aspekte sprechen die zeitlose Optik, der passige Soundtrack sowie das Schauspiel aller beteiligten Kinderdarsteller – das ohne Zweifel als konkurrenzlos betrachtet werden kann. Lediglich ein kleiner Wermutstropfen, der gleichzeitig eine Höchstwertung verhindert; bleibt: einstweilen kommt das Gefühl auf als würde der Schauplatz zu stark eingegrenzt. Eventuell hätte man die Kinder noch tiefer in die Wildnis der Insel vordringen lassen; sowie einen stärkeren Fokus auf die Nahrungs- und Wasserbeschaffung (als unbedingte, aber interessanterweise leicht vernachlässigte Elemente des Überlebenskampfes) legen sollen. Sei es drum – HERR DER FLIEGEN ist ein außergewöhnliches Kleinod und ein Meilenstein der Filmgeschichte.

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„Ein zu Recht kultiges Survival-Drama – und zugleich eine der vielleicht besten Buchverfilmungen überhaupt.“

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2 Gedanken zu “Filmkritik: „Herr Der Fliegen“ (1963)

  1. Herrvorragende Filmkritik!
    Ein kleiner sachlicher Fehler: es handelt sich nicht um eine Propellermaschine(obwohl das eigentlich egal ist), sondern um eine Comet4B, lange zeit Standard damals bei britischen und weiteren Fluggesellschaften. Das tut aber der Filmstory keinen Abbruch.

    Gefällt 1 Person

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