Filmkritik: „Die Insel Der Besonderen Kinder“ (2016)

die-insel-der-besonderen-kinder_500_poster_cover

Originaltitel: Miss Peregrine’s Home For Peculiar Children
Regie: Tim Burton
Mit: Eva Green, Asa Butterfield, Samuel L. Jackson u.a.
Land: USA, Belgien, Großbritannien
Laufzeit: ca. 123 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Abenteuer, Fantasy, Familie
Tags: Kinder | Insel | Außenseiter | Fähigkeiten | Geheimnis

Von besonderen Kindern – und der Kraft des Multiversums.

Kurzinhalt: Was wäre eine Kindheit nur ohne das Erlebnis fantasievoller Geschichten ? Auch der junge Jacob (Asa Butterfield) hatte stets das Glück, vielen abenteuerlichen Erzählungen seines geliebten Großvaters Abraham (Terence Stamp) lauschen zu können. Dabei waren das längst nicht nur die typischen Monstergeschichten – häufig ging es auch um eine Insel, auf der mehrere offenbar besonders befähigte Kinder verborgen von der Außenwelt leben und sich vor irgendetwas verstecken. Diese Vorstellung gefiel Jacob vor allem, als er noch jünger war – doch im Laufe der Zeit wurde sein Interesse an den fantastischen Geschichten zusehends geringer. Unglücklicherweise kommt der Tag, an dem er das bitter bereuen würde viel zu schnell: als Jacob 16 ist, wird sein Großvater unter mysteriösen Umständen getötet. Jedoch nicht, ohne Jacob zuvor noch etwas verheißungsvolles zuzuflüstern – woraufhin er sich unter einem Vorwand zu der Insel aufmacht, auf der sein Opa während des Zweiten Weltkriegs tatsächlich in einem Kinderheim wohnte. Jacob will schließlich nicht nur herausfinden, was es mit dem Tod seines Großvaters auf sich hat – sondern auch was an all den Geschichten wirklich dran war…

die-insel-der-besonderen-kinder_00_filmszene_screenshot_promo

Kritik: Zweifelsohne – der groß angelegte Fantasy-Blockbuster DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER wurde nicht nur von Fans des gleichermaßen bunten wie exzentrischen Regisseurs Tim Burton heiß erwartet. So konnten sich auch einige, die sich schon mit der gleichnamigen Buchvorlage des US-Amerikanischen Autors Ransom Riggs befasst hatten; auf die bestenfalls gelungene Portierung des ungewöhnlichen Stoffes freuen. Interessant ist, dass die entsprechende Vorlage aus dem Jahre 2011 stammt – und damit zu den deutlich jüngeren gehört, die erstmals einen Weg auf die große Kinoleinwand finden. Doch auch wenn sich die Frage, in wie weit Tim Burton und sein Gefolge dem Originalstoff auch tatsächlich treu geblieben sind direkt anbietet; soll diese Rezension den Film eher als alleinstehendes Werk betrachten. Schließlich muss DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER auch als eben solches funktionieren – im glücklichsten aller Fälle, versteht sich. Wenn analog dazu auch die Kenner der Buchvorlage nicht allzu sehr vergrämt werden, scheint die Sache schon halbwegs geritzt.

Und tatsächlich sieht es vor allem auf den ersten Blick nicht schlecht aus für DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER. Fakt ist, dass der Film die versprochene und wenn man so will typische Handschrift von Tim Burton trägt – und das nicht nur in Bezug auf die vergleichsweise bunte Farbgebung oder die magisch anmutenden Schauplätze. So erhält auch das bei Burton häufiger auftretende, übergeordnete Thema des Erwachsenwerdens seinen Platz – ebenso wie weitere unverkennbare Details, die sich speziell in Bezug auf die Darstellung der Nebencharaktere äußern. Doch während das einigen bereits reichen könnte, sieht es in Bezug auf eine eventuell von manchen gewünschte letzte Konsequenz a’la Burton nicht ganz so gut aus. Anders gesagt: es steckt zwar ein Tim Burton in DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER – aber eben auch nicht mit Nachdruck oder in der Form, dass er in irgendeiner Art und Weise für Aufsehen sorgen könnte.

Ob der Film als somit spürbar weniger schrulliges, aber trotzdem gut durchdachtes und wirksam präsentiertes Fantasy-Abenteuer durchgehen kann ist eine andere Frage – bei der längst nicht nur die diskutable Einflussnahme von Tim Burton zu Rate zu ziehen ist. Eine vorschnelle Beurteilung bietet sich hier allerdings nicht an. Erst Recht nicht da es scheint, als müsste man den Film in zwei unterschiedliche Kernkompetenzen gliedern.

Die eine besteht schlicht daraus, einen möglichst abenteuerlichen und unterhaltsamen Fantasy-Streifen auf die Beine zu stellen. Und das mit allem was dazu gehört – etwa einer möglichst auch emotional packenden Geschichte, ansprechenden Kulissen, liebenswerten Charakteren mit Identifikationsmöglichkeiten; und nicht zuletzt einer handwerklich und technisch zufriedenstellenden Umsetzung. Und tatsächlich: gerade in dieser Hinsicht sammelt DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER markante Pluspunkte. Die Geschichte ist ungewöhnlich genug um den Zuschauer schnell in ihren Bann zu ziehen, die Schauplätze und die schnellen Wechsel zwischen verschiedenen Orten und Zeiten werden perfekt inszeniert, die Bandbreite an vorgestellten Charakteren ist vielfältig und interessant. Hinzu kommt, dass die Entscheidung Asa Butterfield (u.a. ENDERS GAME) für die Hauptrolle zu besetzen eine ganz und gar vortreffliche war. Auch wenn sein Charakterporträt sicherlich nicht zu den spektakulärsten gehört, holt er das Maximum aus den ihm gegebenen Möglichkeiten – und sorgt im Zusammenspiel mit der ebenfalls gelungenen Darbietung von Eva Green als autoritäres Vogelwesen schnell für entsprechende Sympathien.

Etwas schade ist dagegen, dass die anderen Kinder – also vornehmlich die, die DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER erst zu einer solchen machen; eher weniger Aufmerksamkeit erhalten und im schlimmsten Fall zu bloßen Randfiguren avancieren. Solchen, deren Fähigkeiten man früher oder später zwar noch gut gebrauchen könnte – doch ein wenig mehr Hintergrundinformationen oder auch eigene kurze Subplots hätten dem Film sicher gut getan. Stattdessen bringt er umso mehr Energie und Zeit für seinen Einführungspart auf – der damit etwas länglicher ausfällt als nötig. Wie schwer man derartige, sicherlich kleinere Schwächen gewichtet muss man für sich selbst entscheiden – was sicher auch für die sich anbahnende, große Liebesgeschichte des Films gilt. Dabei stört es nicht gar nicht mal, dass sie als in Hollywood fast schon obligatorische Maßnahme grundsätzlich vorkommt – doch die Art und Weise wie sie inszeniert wurde schon eher. Deutliche Probleme finden sich hier schließlich nicht nur in Bezug auf die relativ beliebig und vorschnell wirkende Entstehung – sondern vor allem im Hinblick auf den weiteren, zusehends immer unglaubwürdigeren Verlauf. Dass Asa Butterfield und seine Kollegin Ella Purnell als Love-Interest Emma in den gemeinsam Szenen ihre schwächsten Momente haben, spielt hier ebenfalls mit hinein.

Doch ganz egal wie man es auch dreht und wendet: unter dem Strich ist DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER ein sichtlich aufwendiger, interessanter; und dabei vor allem visuell und akustisch ansprechender Fantasy-Streifen geworden – der seine auffälligsten Schwächen in der Handhabung der Charakterporträts hat. Das gilt zumindest für den einen Kernaspekt des Films und für all jene, denen bereits das reicht – oder die sich gar nicht erst näher mit dem zweiten Kernaspekt befassen wollen. Der besteht vornehmlich aus allem, was DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER wirklich besonders macht – wortwörtlich, aber auch in Bezug auf den Film im gesamten.

Anders gesagt: es geht um die Dinge, die sich so nur im Universum des Franchise abspielen – und die zumindest theoretisch das Zeug dazu gehabt hätten, die Zuschauer nachhaltig zu fesseln und zu wilden Interpretationsausflügen anzuregen. Denn: wen würde es nicht interessieren, wie es sich wirklich mit den seltsamen Zeitblasen verhält ? Wie lange gibt es sie schon, wie genau funktionieren sie wirklich, wer kann sie erschaffen und warum ? Und warum entscheidet man sich ausgerechnet für eine vergleichsweise komplizierte Variante wie diese, was bedeutet die Bürde vorerst nicht altern zu können ? Was hat es mit den Kindern auf sich, woher kommen ihre Fähigkeiten ? Wurden sie von ihren Familien verstoßen, liefen sie eines Tages davon; weiß die Außenwelt zumindest von deren Existenz ? Man merkt schnell: gerade in der potentiell ansprechenden Disziplin des Fantastischen scheitert DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER geradezu kläglich – was sicher eine kleine Überraschung ist.

Ein nennenswert intensives Filmerlebnis erlaubt die arg oberflächliche Erzählweise jedenfalls nicht. Mehr noch: dank der fehlenden Herausgabe von Details ergeben sich mitunter drastische Logik-Probleme. Entweder bleibt zu viel offen, oder ergibt nach näherem Hinsehen schlicht keinen Sinn. Insbesondere die Darstellung der Zeitreise-Mechanik wirkt dabei besonders unausgegoren und stets so, als wäre sie nur darauf ausgerichtet ein bestmögliches Happy-End für (fast) alle Beteiligten zu erreichen. Das erinnert an andere Filme mit einer ähnlichen Herangehensweise: wenn gewisse Dinge nicht anders zu erklären sind, bedient man sich einfach der Zeitreisenthematik – allerdings ohne dann zumindest diese zu erklären; und sei es nur in einem noch so merkwürdigen Ansatz. Es ist eben nicht unwichtig, ob man sich auch wirklich Gedanken um die Elemente macht; die man in (s)einem Film verpackt.

Schlussendlich: DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER ist eine kleine Enttäuschung. Vornehmlich deshalb, da es sich um ein nur auf den ersten Blick herausragendes Fantasy-Abenteuer handelt – das immerhin mit einem sehr guten handwerklichen Part und einer bildgewaltigen Inszenierung glänzt. Geht es aber um eine tiefere Einsicht in das anberaumte fantastische Universum, den letzten Feinschliff an den Charakteren und das schlicht außergewöhnlich spannende, auch nachhaltig faszinierende – so schlagen Tim Burton’s Ambitionen fehl.


border_01
60button

„Der Film unterhält, ja – das verschenkte Potential ist jedoch massiv.“

filmkritikborder

Advertisements

Die Kommentarfunktion wird noch zu selten genutzt... ändere dies !

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s