THE WIND RISES | Hayao Miyazaki’s Abschied (2013, Studio Ghibli #19)

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Auf zum letzten großen Flug.

Es wird den ein oder anderen Stuido-Ghibli-Fan traurig stimmen: der in Japan bereits ausgestrahlte Anime THE WIND RISES ist das letzte Filmprojekt des Altmeisters und Mitbegründers des Studios, Hayao Miyazaki. Der geht nach nunmehr 35 Jahren Tätigkeit als Regisseur und Drehbuchautor in den Ruhestand – wohlverdient, möchte man meinen. Schließlich haben seine Werke die Anime-Welt geprägt wie kaum andere; sodass sein Name als einer der wenigen auch international bekannt wurde (u.a. als japanischer Walt Disney). Umso spannender, und zusätzlich mit Emotionen aufgeladen dürfte sein neuer und letzter Film geworden sein – der sich abermals mit einer seiner großen Leidenschaften beschäftigt, der Luftfahrt. Der Veröffentlichungstermin für Deutschland ist allerdings noch unbekannt.

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Interessant ist auch, dass niemand geringeres als Hideaki Anno (EVANGELION) eine Sprechrolle übernommen hat – ein weiterer Coup hinsichtlich der Zusammenarbeit der beiden Legenden. Zuletzt sorgten sie mit dem ungewöhnlichen Projekt GIANT GOD WARRIOR für Aufsehen, welcher als Kurzfilm einen Platz auf der EVANGELION 3.33-Blu-Ray erhalten hat.

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Filmkritik: „From Up On Poppy Hill“ (2011, Studio Ghibli #18)

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Originaltitel: Kokurikozaka Kara
Regie: Gorō Miyazaki
Mit: Junichi Okada, Masami Nagasawa, Haruka Shiraishi u.a. (Sprecher)
Land: Japan
Laufzeit: 91 Minuten
FSK: Ab ? freigegeben
Genre: Animationsfilm (Drama)
Tags: Japan | Krieg | Familie | Geschwister | Vater | Liebe | Tod

Das Studio Ghibli auf gewohnten Pfaden.

Inhalt: Japan in den 1960ern. Das 14-jährige Schulmädchen Umi Matsuzaka hat es seit dem Verschwinden ihres Vaters nicht leicht. Noch immer hisst sie in der stillen Hoffnung auf dessen Rückkehr jeden Morgen die Signalflaggen vor dem Haus – andererseits aber ist sie sich gewiss, dass er vor Jahren im Krieg umgekommen sein muss. Nachdem ihre Mutter für einige Zeit beruflich nach Amerika gereist ist, liegt es beinahe allein an ihr den Haushalt zu führen – und nebenbei auch noch die Schule zu meistern. Eines Tages erfährt sie davon, dass ein bestimmtes Clubhaus auf dem Gelände abgerissen werden soll, und lernt bald darauf den jungen Shun Kazama kennen. Sie verliebt sich in ihn – und beschließt, gemeinsam mit ihm und zahlreichen anderen Schülern einen letzten Versuch zu unternehmen, das Clubhaus zu retten. Doch bald darauf erfährt sie mehr über Shun und ihre eigene Vergangenheit, sodass die Beziehung der beiden auf eine ganz besondere Probe gestellt wird.

Kritik: Endlich geht es weiter im GHIBLI-Universum – zumindest hier auf diesem Blog. Eigentlich erschien FROM UP ON POPPY HILL bereits Ende 2011 – jedoch nur in den japanischen Kinos; was mitunter auch der Grund für die verspätete Weiterführung der GHIBLI-Rezensionen (siehe Special hier) ist. Allerdings: ein großflächiges internationales Release des nunmehr 18.ten offiziellen Ghibli-Animes (Kurzfilme nicht mit eingeschlossen) steht noch immer aus. Das ist durchaus etwas merkwürdig, hatte man doch zuvor mit Filmen wie PONYO und ARIETTY – DIE WUNDERSAME WELT DER BORGER auch hierzulande entsprechende Erfolge feiern können. Lediglich einige wenige Länder kamen bisher in den Genuss des neuen Films – wie etwa Frankreich. Immerhin scheint ein DVD- und BluRay-Release nun auch in den USA greifbar zu werden: am dritten September diesen Jahres soll es dort soweit sein. Ob es später auch eine deutsche Fassung geben wird; darüber wird derzeit gestritten – es scheint beinahe sicher, doch wann genau; das ist eine ganz andere Frage.

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Eine beinahe ebenso wichtige wie die nach der Qualität des Films selbst. Lohnt sich das Warten auf ein entsprechendes Release, ja; zählt FROM UP ON POPPY HILL gar zu den besten der bisherigen GHIBLI-Filme ? Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die bisherige GHIBLI-Filmografie. Nicht nur zwecks etwaiger Vergleiche – sondern auch, um den Film bestmöglich thematisch einzuordnen. Somit können potentielle Interessenten bereits vorab auf den Film aufmerksam gemacht werden – während sichergestellt ist, dass andere nicht allzu bitter enttäuscht werden. Denn eines ist sicher: FROM UP ON POPPY HILL ist einer der weniger magischen, weniger fantastisch orientierten GHIBLI-Filme. Und: er ist insgesamt weniger für eine deutlich jüngere Zuschauergruppe geeignet, wie es beispielsweise PONYO war. Was nicht heissen soll, dass es sich automatisch um einen schlechteren Anime handelt – es soll lediglich auf die ungefähre Marschrichtung des Werkes hingewiesen werden. Dieses bewegt sich am ehesten im bodenständigen Drama-Bereich, und behandelt neben familiären Konstellationen vor allem auch ganz allgemeine Werte, die einen gehobenen Stellenwert in der japanischen Gesellschaft haben (Zusammenhalt, Zugehörigkeit; vorsichtig: traditionelle Rollenverteilung). Regie übernahm indes Goro Myazaki – der Sohn des eigentlichen Ideengebers und Anime-Genies Hayao Myazaki. Goro hatte sich zuvor schon mit DIE CHRONIKEN VON ERDSEE (Kritik) beweisen können – FROM UP ON POPPY HILL ist sein zweites Werk als Regisseur.

Die Chancen für den Film stehen dabei alles andere als schlecht – wie bei grundsätzlich allen GHIBLI-Werken. Denn obwohl das Studio hauptsächlich für die eher episch-fantastischen, alle Generationen gleichermaßen ansprechenden Geschichten bekannt ist (DAS SCHLOSS IM HIMMEL, PRINZESSIN MONONOKE, CHIHIROS REISE), sind unter der Leitung der renommierten Zeichenschmiede auch einige hochkarätige Dramen erschienen. Etwa das zeitlos-grandiose Antikriegsdrama DIE LETZTEN GLÜHWÜRMCHEN (Kritik) oder das stark realitätsbezogene Charakter-Drama TRÄNEN DER ERINNERUNG (Kritik), um nur zwei Beispiele zu nennen. Mit eben jenem Werk, und eventuell noch FLÜSTERN DES MEERES ist FROM UP ON POPPY HILL letztendlich auch am ehesten vergleichbar. Angesiedelt vor einem Schul-Setting um ein bestimmtes Clubhaus, welches eine kleine Gruppe von Schülern unbedingt erhalten möchte (es droht ein Abriss); meistert die junge Umi voller Tatendrang ihren Schul- und Hausarbeitsalltag – und verliebt sich kurz darauf in einen ihrer Mitschüler, Shun. Stets bedacht auf einen ernsten und zutiefst ehrlich wirkenden Unterton verknüpft man hier eher lockere und teils witzige Alltagsszenen (das gesamte Gebaren um das Clubhaus und die ausufernden Podiumsdiskussionen) mit tieferen Drama-Elementen. Diese beziehen sich vor allem auf die familiäre Situation von Umi, die früh ihren Vater verloren hat; und bieten so einiges an Potential.

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Wie auch die Geschichte von Shun; Umi’s neuer Liebe. Hier beweist das Studio GHIBLI erneut ein enormes Fingerspitzengefühl: plump wirkt hier nichts, vielmehr absolut authentisch und wunderbar gemäßigt dargestellt. Man meint so fast, die Schüchternheit der Charaktere in sich spüren zu können – eine bloße Effekthascherei oder perfide Symbolik sucht man vergebens. Der eigentliche Clou des Films ist letztendlich, dass er für eine kompromisslose Liebe plädiert; und überdies seine Charaktere lebendiger und in ihrem Handeln nachvollziehbar darzustellen vermag als so mancher Real-Film.

Umso schwerer fällt es, auf die Schattenseiten des Films einzugehen – denn eigentlich hat er keine expliziteren. Und doch gibt es da etwas, was dem Film seine Faszinationskraft raubt, ihn eher zu einem gewöhnlichen Anime denn zu einem unverwechselbaren GHIBLI macht. Natürlich bleiben die typischen Charakteristika (vor allem die optischen) erhalten – der Detailreichtum ist enorm, die Zeichnungen und Animationen wie gewohnt von hoher Qualität. Doch ist es vor allem der etwas zu willkürlich und belanglos wirkende Ansatz, der den Film zu allem macht – nur zu keinem überragenden Meisterwerk. Das Setting in den 60er Jahren ist gut gewählt, und die Kriegsthematik wird dezent mit in das Handlungsuniversum einbezogen – aber dennoch, so richtig mitreissen will das Gezeigte nicht. Etwas zu blass bleiben auch die Charaktere, die offenbar kaum Ecken und Kanten haben – noch weniger, als man ohnehin schon von GHIBLI gewöhnt ist. Folglich erscheint die Welt in FROM UP ON POPPY HILL sehr heil und gleichförmig fließend, ohne dass man markante und in Erinnerung bleibende Höhepunkte (wie bei grundsätzlich allen bisherigen GHIBLI-Filmen) eingeplant hat.

Gerade das Porträt von Umi wirkt so stellenweise doch etwas weit hergeholt: wie sie es schafft, all die ihr auferlegten Aufgaben zu meistern – in Anbetracht des Todes ihres Vaters und der Nicht-Anwesenheit ihrer Mutter – ohne psychisch oder physisch zusammenzubrechen, bleibt ein Rätsel. Schließlich handelt es sich hier um ein erst 14-jähriges Mädchen – dass sie nicht einmal einen größeren Gefühlsausbruch durchlebt, scheint etwas merkwürdig. Die (potentielle) Crux: ähnlich wie in anderen Ländern scheint man hier nicht immer ganz so akzeptable Botschaften zu verpacken, ob nun absichtlich oder nicht. Wo in den USA selbige Nation möglichst darauf bedacht ist, gut in entsprechenden Werken wegzukommen (gerne auch im Zusammenspiel mit der Armee und der Position als friedliebende Weltmacht), scheint man in Japan schon früh das Gefühl vermitteln zu wollen, dass alle Mitglieder der Gesellschaft möglichst akkurat zu funktionieren haben. Und was bietet sich da besser an als ein Film, der von der Aufmachung und Thematik her insbesondere an ältere Kinder / Jugendliche adressiert ist ? All das mag vielleicht nicht zu 100% auf FROM UP ON POPPY HILL zutreffen – doch handelt es sich um ein auffälliges Merkmal; eines das hier weitaus deutlicher hervorsticht als in allen anderen GHIBLI-Filmen zusammen.

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Fazit: FROM UP ON POPPY HILL ist vor allem etwas für Freunde des anspruchsvollen, aber dennoch möglichst zugänglichen Charakter-Dramas. Man sich recht gediegen – was einerseits die große Stärke des Animes (Glaubwürdigkeit, Realitätsbezug; teilweise: entstehende Empathie) ist, ihn andererseits aber auch zu einem Werk macht, welches man nicht unbedingt gesehen haben muss. Zumindest in Bezug auf die GHIBLI-Filmografie, die diesbezüglich mit so manch hochkarätigerem Werk aufzuwarten weiss – ob nun eher fantastisch angehaucht oder nicht. Stellenweise hat man unweigerlich das Gefühl, als wäre der Anime etwas zu glattgeschliffen, zu gewöhnlich; und vor allem auch zu langatmig ausgefallen. Und vor allem: etwas zu beliebig was die Geschichte angeht (Clubhauserhaltung + Nachkriegsdrama + Selbstfindung + Erste Liebe); potentiell fragwürdige Botschaften (sieh oben) inklusive. Hier hat man gerade aus dem Hause GHIBLI schon ausgefeilteres, spannenderes und in sich stimmigeres erleben dürfen. Nichts desto Trotz bleibt FROM UP ON POPPY HILL ein gerade noch überdurchschnittliches Drama, gesetzt dem Fall man besitzt ein entsprechendes Durchhaltevermögen.

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EVA-Spinoff: Impressionen Zum Epischen Kurzfilmprojekt „Giant God Warrior“ (2013)

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Der Vogel ward wieder einmal abgeschossen.

Vorwort: Bereits vor einigen Monaten tauchte ein seltsamer, beeindruckender Screenshot auf (siehe oben), der bei vielen ein markantes Gänsehautgefühl auslöste – aber auch eine gewisse Ratlosigkeit. Jener Screenshot zeigte eine Reihe von seltsamen, monströsen Gestalten – die von ihrer Präsenz und ihrem Design her stark an die Evangelion-Einheiten erinnerten. Tatsächlich wussten die Japaner schon länger um das dahinterstehende Mysterium – sofern sie denn in die Kino-Vorstellung von EVANGELION 3.33 gegangen sind. Denn: die besagte Szene stammt aus einem Kurzfilm, der auf den Titel GIANT GOD WARRIOR hört – welcher unmittelbar vor dem Hauptfilm gezeuigt wurde, und somit auch auf der japanischen Blu-Ray von EVANGELION 3.33 zu finden ist. Die Spielzeiten wurden für die offizielle Längenangabe sogar zusammengerechnet.

Was aber hat es mit diesem Kurzfilm überhaupt auf sich, und vor allem mit der offensichtlichen EVANGELION-Verbindung ? Die Antwort fällt einerseits ernüchternd, andererseits aber immer noch ausreichend spektakulär aus. Ernüchternd ist, dass der Kurzfilm grundsätzlich nichts mit dem EVANGELION-Franchise zu tun hat – zumindest nicht direkt, doch dazu gleich mehr. Die Hoffnung, dass es sich um ein EVANGELION-Realfilmprojekt handeln könnte, wurde also schnell zerstreut – was vielleicht auch besser ist, ist die Idee einer eigentlich als ‚unmöglich‘ bezeichneten Realfilmumsetzung wie dieser sehr umstritten. Spektakulär dagegen ist, dass der Kurzfilm dennoch nicht zufällig vor EVANGELION 3.33 gezeigt wurde und wird. Zum einen passt das in GIANT GOD WARRIOR gezeigte Szeneario natürlich bestens zum EVANGELION-Universum, in dem riesige Krieger (die Evangelions) und gottähnliche, mächtige Kreaturen (die Engel) ebenfalls eine Rolle spielen. Viel wichtiger aber ist, dass der Kurzfilm von Hideaki Anno selbst in Auftrag gegeben wurde. Und so scharte der findige EVANGELION-Schöpfer einen großartigen Cast um sich: als Regisseur fungiert Shinji Higuchi (der Chef-Animator von EVANGELION), und niemand geringerer als Hayao Miyazaki (Studio Ghibli) zeichente sich für das Creature-Design verantwortlich.

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Das Creature-Design wirkt verblüffend echt…

Moment, das renommierte Studio Ghibli und Hideaki Anno mit seinem etablierten Evangelion-Franchise, wie passt das zusammen ? Was als plötzliche, kongeniale Fusion zweier Meister ihrer Zunft anmutet, hat tatsächlich tiefere Wurzeln in der Vergangenehit: Hideaki Anno arbeitete als aufstrebender Künstler einst unter der Leitung von Miyazaki, und zwar als Key-Animator am Projekt NAUSICAA AUS DEM TAL DER WINDE. In jenem genailen Erstwerk des Studio Ghilbi (welches noch vor der eigentlichen Gründung entstand, Review) gehörten die nun zurück ins Leben gerufenen ‚Gotteskrieger‘ zum stryotechnischen Repertoire, wie es auch folgender Screenshot deutlich zeigt:

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Die ‚Giant God Warriors‘ aus Nausicaa (1984)

Und so schließt sich der durchaus fasznoierende Kreis der großen japanischen Künstler und Geschichtenerzähler. Eine gegenseitige Tributzollung und das Wieder-Aufleben des guten alten NAUSICAA-Franchise ist Grund genug, sich den Kurzfilm anzusehen (Link) – auch unabhängig vom dazugehörigen Hauptfilm. Etwas schade ist nur, dass bisher keine englischen Untertitel verfügbar sind – die Japaner sind wieder einmal exklusiv unterwegs. Ebenfalls markant und hervorzuheben ist die für den Film verwendete Technik: als Projekt und Werbekampagne für das Tokusatsu Special-Effects-Museum (Link) weden Erinnerungen an die japanische Filmgeschichte wach. Godzilla lässt grüßen…

Ein Trailer zum Tokusatsu-Museum:

Eine Meinung oder gar eine Wertung zum Kurzfilm abzugeben, davon soll an dieser Stelle indes (noch) abgesehen werden – solange keine Untertitel zwecks eines besseren Verständis Aufschluss über den erzählerischen Part geben, bleibt es bei einer optisch ungewöhnlich umgesetzten Zerstörung Japans durch riesige Monsterwesen. Das ist zwar nichts grundsätzliches neues, doch nett anzusehen ist es allemal. Ohnehin wird sich der Film vor allem an langjährige Fans und Anhänger von Hideaki Anno und Herrn Miyazaki richten, anstatt als komplett eigenständiges Werk zu fungieren.

Studio Ghibli / Hayao Miyazaki Spezial

Herzlich willkommen zu meinem Special über das Studio Ghibli – dem wohl bekanntesten japanischen Zeichentrickfilmstudio. Der Grad der Berühmtheit kommt dementsprechend nicht von ungefähr: mit Filmen wie Prinzessin Mononoke, Chihiros Reise Ins Zauberland oder ganz aktuell Ponyo – Das Große Abenteuer Am Meer erreicht das Studio – beziehungsweise die genialen Köpfe dahinter – immer wieder eine riesige internationale Zuschauergemeinde. Doch eigentlich begann alles viel früher… nämlich im Jahre 1984 und aufgrund des großen Erfolges des zeitlosen Anime-Meisterwerkes Nausicaä Aus Dem Tal Der Winde. Dieser führte dazu, dass einige kreative Köpfe nur ein Jahr später, 1985, das bis heute überaus erfolgreiche Studio gründeten. Das besondere ist nach wie vor, dass das Studio in erster Linie nicht auf die aktuellen technischen Möglichkeiten – sondern deutlich auf Tradition und „Handarbeit“ setzt. Aufwendige und teure Computeranimationen beschränken sich also auf ein absolutes Minimum, stattdessen regieren oft farbenfrohe Szenenbilder und eine ganz besonderes, liebevolles Detailreichtum. Unter anderem deshalb, und weil auch ich persönlich mit dem Film Nausicaa mein erster Werk von einem der heute berühmtesten Köpfe hinter dem Studio – Hayao Miyazaki – gesehen habe (wenn auch nicht im eigentlichen Erscheinungsjahr, sondern weit davon entfernt), möchte ich dieses „Special“ ins Leben rufen und einige der wichtigsten Werke des Studios vorstellen und rezensieren. Dabei soll möglichst chronologisch vorgegangen werden, was sich gut trifft – da ich nunmehr in Besitz beinahe aller Ghibli-Filme bis 2004 (Das Wandelnde Schloss) bin. Die anderen werden noch folgen, daran besteht kein Zweifel – selbst wenn es sich dabei um explizite Kinderfilme für die jüngeren handelt (Ponyo). Denn eines ist sicher: alles, was dieses Studio respektive besonders Hayao Myazaki anfässt, wird zu Gold. Weniger auf den kommerziellen Erfolg bezogen, als auf den Inhalt: jeder noch so als „Kinderkram“ abgestempelte Anime-Film (diese Ignoranten gibt es nach wie vor) dieser Meister des Genres trägt eine überaus epische Stimmung in sich, und verbindet traditionelle Geschichten und Werte mit den fanatischsten Fantasy-Welten und der Fiktion.

Filmkritik: „Arrietty – Die Wundersame Welt Der Borger“ (2010, Studio Ghibli #17)

Originaltitel: Kari-Gurashi No Arietti
Regie: Hiromasa Yonebayashi (Studio Ghibli)
Mit: Mirai Shida – Ryunosuke Kamiki – Kirin Kiki
Laufzeit: 94 Minuten
Land: Japan
FSK: Ab 0
Genre: Animationsfilm (Fantasy 50 % / Drama 50 %)

Inhalt: Arrietty ist ein vierzehnjähriges Mädchen, welches nur auf den ersten Blick wie ein gewöhnliches wirkt… denn sie und ihre Eltern gehören zu den wenigen noch verbleibenden Wesen die sich Borger nennen. Die Borger sind winzige, menschenähnliche Wesen – die sich von ihren „großen Verwandten“ die ein oder anderen Dinge ausleihen, natürlich ohne dass sie es bemerken. Doch bei aller nötigen Heimlichkeit, die nur zum Schutze der Spezies dient, möchte die junge Arrietty offenbar mehr über die Welt der Menschen wissen. Sie nimmt mit einem schwer kranken Jungen namens Sho Kontakt auf – zuerst eher unfreiwillig; doch es scheint als entwickele sich langsam eine zweifelsohne ungewöhnliche, aber doch feste Freundschaft zwischen den beiden. Doch es droht Gefahr: nicht alle Menschen sind den Borgern gegenüber so aufgeschlossen wie Sho… und auch Arrietty’s Eltern beharren darauf, dass ein Umzug unausweichlich ist sobald sie ein Mensch gesehen hat.

Kritik: Bereits auf dem deutschen Filmposter heisst es lautstark „das neueste Meisterwerk des Studio Ghibli“ – doch man sollte Vorsicht walten lassen, nicht jeder Film aus diesem Studio ist automatisch einer der besten Animationsfilme aller Zeiten. Zweifelsohne arbeiten fast ausschließlich „Meister“ ihres Fachs im renommierten Anime-Produktionsstudio, doch gerade dieser Meister selbst haben die Messlatte in der Vergangenheit recht hoch angesetzt. Mit Klassikern wie Prinzessin Mononoke oder Chihiros Reise Ins Zauberland lieferte das Studio Werke ab, die weltweit für Begeisterungsstürme sorgen konnten – und auch der letztaktuellste Film Ponyo (Review hier) konnte die Zuschauergemeinde und so mancherlei Kritiker restlos begeistern. Nun also steht ein neuer Film in den Startlöchern, allerdings nur hierzulande: denn tatsächlich wurde Arrietty bereits 2010 fertiggestellt. Die sogenannten Borger dürften auch hierzulande nicht gänzlich unbekannt sein, sodass der Anime im Gegensatz zu früheren Werken einen gewissen Bonus hat, wenn man so will. Als Zuschauer weiss man so nämlich ungefähr, um was es diesmal gehen wird – aber natürlich hat solch eine Medaille immer zwei Seiten. Denn gleichzeitig geht so ein großer Teil des Überraschungsmoments verloren, und auch inhaltlich mussten sich die Macher Grenzen setzten, um nicht völlig von dem abzuweichen, was man sich allgemein unter den „Borgern“ vorstellt.

So fällt die Geschichte im Gegensatz zu früheren Werken deutlich simpler und überschaubarer aus, auch in Sachen „Magie“ oder die Macht der Vorstellungskraft hält man sich dezent zurück. Das einzige, was den Film zu gefühlten 50 Prozent in das Fantasy-Genre ugsiert, ist eben die Tatsache dass die sogenannten Little People existieren – und wenn sie nur wollten, auch mit den Menschen in Kontakt treten könnten. Die anderen 50 Prozent bestehen hauptsächlich aus Ghibli-typischen Darstellungen von verschiedenen jungen Persönlichkeiten, zwischenmenschlichen Kontakten und den Schwierigkeiten die man im Leben – ob nun als Mensch oder als Borger – zu bewältigen hat. Wenn das Studio eines kann, dann ist es die Darstellung solcher dezenten, tief menschlichen Porträts – die stets für eine erhöhte Glaubwürdigkeit der Charaktere und für den ein oder anderen markanten Empathie-Anflug sorgen. Jedoch stellt sich bei Arrietty die Frage, ob es dafür wirklich noch einmal einen eigenständigen Film gebraucht hätte – oder, ob ein wenig Experimentierfreude angebrachter gewesen wäre. Denn viele, wenn nicht alle Elemente die Arrietty (vermeintlich) stark machen, gab es so oder ähnlich schon in der Filmografie des Studios zu bestaunen.

Die Geschichte um das Aufwachsen eines jungen Mädchens, welches ein wenig anders ist als andere ihres Alters, gab es so zum Beispiel bereits ausführlich und zeitlos gut inszeniert in Kikis Kleiner Lieferservice zu sehen. Für eine dezente, größtenteils nur angedeutete Liebesgeschichte dient dagegen die Stimme des Herzens als Vorzeigefilm des Studios, und für große Abenteuer in liebevoll gestalteten Fantasy-Welten mit Fabelwesen steht Prinzessin Mononoke als grandioser Stellvertreter parat. Und auch die jüngeren Zuschauer wurden – sogar erst kürzlich – mit einem explizit auf sie zugeschnittenen Anime-Kinderfilm beglückt – Ponyo. Arrietty scheint nun weder Fisch noch Fleisch zu sein, und ein wenig von all diesen Filmen miteinander zu kombinieren – allerdings stets nur einen kleinen Teil. Und genau das ist das Problem: vieles wirkt (zumindest Ghibli-Kennern) schon in irgendeiner Form bekannt, die einzelnen Themen werden nur oberflächlich behandelt. Auch die beiden Hauptthemen: so erfährt man überraschend wenig von der Geschichte und Historie der Borger – man zeigt nur den aktuellen Status Quo, das heisst eine Borger-Familie mit ihren Problemen. Die sich anbalndene Beziehung zwischen einem Borger-Mädchen und einem schwer kranken, menschlichen Jungen / Teenager ist zwar gefühlvoll inszeniert – doch auch hier fehlt ein etwas ausführlicherer Kontext.

So bleiben die positivsten Aspekte die Freiheit in Bezug auf die Zielgruppe – wirklich jeder kann sich diesen Film ansehen (und wird gleichsam Gefallen / Nicht-Gefallen daran finden): ob jung oder alt, ob männlich oder weiblich, ob Anime-Fan oder Gelegenheitsfilmgucker. Und, wie sollte es auch anders sein; die technischen Aspekte fallen Ghibli-typisch aus. Das heisst: sie bewegen sich in Bezug auf Animes auf dem höchsten nur erdenklichen Niveau. Die Farben wirken ausserordentlich satt, die Szenerie markant detailreich, die Kombination von der „kleinen“ Borgerwelt und der der Menschen ist gelungen, die Schnitte sind angenehm; der Soundtrack stimmig. Hier wird man nichts zu bemängeln haben – und in Sachen Hintergrundzeichnungen setzt das Studio die allgemeine Messlatte vielleicht sogar noch ein Stück höher. Szenen wie die, in denen Sho auf einer saftigen Wiese liegt und Kontakt mit der Natur / den Tieren aufnimmt; wirken wie ein fantastisches, gemäldetaugliches Stillleben für sich. Auch die Animationen wirken geschmeidig, wenngleich nicht so flüssig wie in anderen modernen Animes – doch wenn man den Grund dafür kennt; nämlich dass das Studio nach wie vor auf den Einsatz moderner Techniken zugunsten der Tradition verzichtet, ist dieser Fakt schnell wieder verziehen.

Fazit: Arrietty ist mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu betrachten – alle Ghibli-typischen Stärken kommen auch in diesem Werk vor, doch grundsätzlich fehlt es an Innovation und frischen Ideen. Für Zuschauer die die anderen Ghibli-Werke nicht kennen ist dieser Film sicherlich eine gute Möglichkeit zum Einstieg – doch Ghibli-Kenner werden eher enttäuscht. Dabei bietet die Borger-Geschichte so viel Potential; dieses wird in Arrietty leider nur höchst bedingt ausgenutzt. Die mögliche Komplexität und Philosophie wichen letztendlich einer leichten Zugänglichkeit und stellenweise sogar einigen etwas langatmigen Szenen – schade ! Aber immer noch kein Reinfall – Arrietty gehört lediglich nicht zu den Glanzlichtern und Vorzeigefilmen des Studio Ghibli.