Filmkritik: „Das Neunte Leben Des Louis Drax“ (2017)

Originaltitel: The 9th Life Of Louis Drax
Regie: Alexandre Aja
Mit: Aiden Longworth, Jamie Dornan, Sarah Gadon u.a.
Land: USA, Kanada, Großbritannien
Laufzeit: ca. 108 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama, Thriller, Horror
Tags: Junge | Kind | Mutter | Unfälle | Koma | Kommunikation

Wenn selbst neun Leben nicht genug sind.

Kurzinhalt: Den jungen Louis Drax (Aiden Longworth) als Pechvogel zu bezeichnen scheint noch leicht untertrieben – schließlich hat er seit seiner Geburt immer wieder merkwürdige Unfälle, die ihm fast das Leben kosten. Trotzdem scheint sich der mit einer lebhaften Fantasie ausgestattete Junge nicht den Lebensmut nehmen zu lassen, und blickt relativ gelassen auf die zahlreichen Zwischenfälle. Bis, ja bis es an seinem neunten Geburtstag zu einem weiteren und wohl auch dem bisher schlimmsten Unglück kommt. Nicht nur, dass seine mittlerweile getrennt lebenden Eltern ausgerechnet an seinem Geburtstag einen heftigen Streit vom Zaun brechen – inmitten eines darauf folgenden Gerangels stürzt Louis von einer schwindelerregend hohen Klippe. Unglaublicherweise überlebt er den Sturz, doch nach seiner Rettung aus dem eiskalten Wasser liegt er schwer verletzt im Koma. Als er kurz darauf in die aus derartige Fälle spezialisierte Klinik von Dr. Allan Pascal (Jamie Dornan) eingewiesen wird; setzen der Arzt und seine Mutter (Sarah Gadon) alles daran, dass es dem kleinen Patienten bald wieder besser gehen würde. Höchst merkwürdig erscheint indes, dass der Vater (Aaron Paul) seit dem Vorfall verschwunden ist…

Kritik: Filme, in denen komatöse Patienten in einem ersten aber nicht hoffnungslosen Zustand auf eine Rettung warten gibt es eigentlich gar nicht so wenige – eine entsprechende Bandbreite zwischen eher klassischen medizinischen Dramen und geradezu fantastisch anmutenden Ausflügen in die Bereiche der Metaphysik inklusive. Manchmal können die Grenzen aber auch fließend ausfallen, wie im etwas sperrig betitelten DAS NEUNTE LEBEN DES LUIS DRAX vom frisch gebackenen Horror-Spezialist Alexandra Aja. Der hatte sich speziell durch seine gelungene Neuverfilmung des Klassikers THE HILLS HAVE EYES einem Namen gemacht, war daraufhin aber auch an einigen mindestens diskutablen Werken beteiligt – wie etwa dem puren Trash-Vergnügen in der Gestalt von PIRANHA 3D (siehe Review) oder dem schonungslosen Remake von MANIAC (Review). Unter anderem deshalb fühlt es sich etwas überraschend an, ihm nun bei einer Umsetzung eines für ihn und seine bisherige Filmografie eher ungewöhnlichen Stoffes beizuwohnen. Schließlich basiert DAS NEUNTE LEBEN DES LUIS DRAX auf einer gleichnamigen Buchvorlage der Autorin Liz Jensen, und richtet seinen Fokus explizit auf das Erleben eines kindlichen Hauptprotagonisten in einer nicht nur medizinischen Ausnahmesituation.

Die ersten Minuten des Films offenbaren dabei schnell einen weiteren Überraschungsmoment, denn: es gelingt dem Regisseur durchaus, den Zuschauer mit seinem etwas anderen Einblick in die Gedankenwelt eines kleinen Jungen zu fesseln. Der dezente Ausflug in Richtung einer klassischen Coming Of Age-Geschichte, die gleichermaßen frische wie unkonventionelle Erzählweise irgendwo zwischen einer kindlichen Poesie, fast schon komödiantischen Einschüben und einer subtilen Dramatik geht zunächst wunderbar auf – und macht neugierig auf den weiteren Verlauf des Films. Im selbigen kommt es jedoch, wie es kommen muss: nicht alle der an den Tag gelegten Ideen sind gut respektive sonderlich effektiv, und vor allem hinsichtlich der angepeilten Kohärenz des Films hapert es. Stellenweise sogar gewaltig – was umso deutlicher auffällt, wenn man den eigentlichen Überraschungseffekt des Films zu Rate zieht. Schließlich hat gerade der zwei kaum miteinander vereinbare Seiten, oder anders gesagt: für DAS NEUNTE LEBEN DES LOUIS DRAX ist er Fluch und Segen zugleich.

Denn: so unerwartet die eigentliche Wendung sein mag, eigentlich hat sie nur wenig mit dem zuvor etablierten Atmosphäre des Films am Hut. Streckenweise könnte man somit den Eindruck gewinnen, als handelte es sich bei DAS NEUNTE LEBEN DES LOUIS DRAX um zwei oder drei ineinander verwobene Filme – die nicht immer miteinander harmonieren, und bei deren Verknüpfung einiges auf der Strecke bleibt. Sicher ist es mutig, eine wie hier gezeigte Symbiose aus verschiedenen Genres anzustreben – doch letztendlich wirkt die Mixtur aus Elementen des Coming Of Age-Films, des Dramas, des Thrillers; aber eben auch der Fantasy und des Horrors schlicht etwas zu wild und unentschlossen. Somit bleibt kaum aus, dass sich ein vergleichsweise seltener Gesamteindruck einstellt: die Grundidee inklusive der überraschenden Auflösung bleibt der wohl größte Vorteil in und an LOUIS DRAX, wohingegen der Weg zu eben jener Auflösung auffällig holperig wirkt – und zudem einige Längen aufweist.

Immerhin: Alexandra Aja begeht somit schon einmal nicht den Fehler, viel Lärm um nichts zu machen. Eigentlich ist es hier sogar genau andersherum: die Ausschmückungen um den Kern der Geschichte herum sind es, die für Verdruss sorgen – und nicht die Geschichte an sich. Ein ebenso ambivalentes Gefühl stellt sich auch ein, wenn man die handwerklichen Kniffe, den Soundtrack und die Leistungen der Darsteller in Betracht zieht. Schließlich gilt auch hier: für sich betrachtet macht vieles einen guten Eindruck. Das gilt insbesondere für die teils hervorragenden Aufnahmen, die atmosphärisch inszenierten Schauplätze, die eingestreuten Special Effects oder aus dem Kontext gerissene Einzel-Momente – wie etwa die gruselige Verfolgung einer Schlamm-Spur im Krankenhaus, oder aber die Szenen des Hauptcharakters mit einer zunächst nicht zuzuordnenden Gestalt in Form eines allwissenden Erzählers.

Im Zusammenspiel folgt jedoch die relative Ernüchterung: DAS NEUNTE LEBEN DES LOUIS DRAX will schlicht etwas zu viel, und verhaspelt sich dabei dezent in Bezug auf seine eben nicht oder nur kaum vorhandene Konsequenz. Leicht kritisch muss wohl auch die Leistung des Nachwuchstalentes Aiden Longworth in der für ihn eventuell etwas zu großen Hauptrolle betrachtet werden – auch hier sind einige deutliche Abstriche zu machen. Die angepeilte Emotionalität, das ganz große Einfühlen im Sinne einer übergreifenden Empathie bleibt jedenfalls aus.

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„Eine gute Idee trifft auf eine schwache und inkonsistente Umsetzung.“

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Filmkritik: „Baby Bump“ (2015)

Auch bekannt als: Guziukas
Regie: Kuba Czekaj
Mit: Kacper Olszewski, Agnieszka Podsiadlik, Caryl Swift u.a.
Land: Polen
Laufzeit: ca. 89 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Drama, Komödie
Tags: Junge | Kind | Mutter | Familie | Pubertät | Sexualität | Erwachen

Ein etwas anderer Kindheits- und Jugendtribut.

Vorsicht – in BABY BUMP wird scharf geschossen.

Kurzinhalt: Mit dem Eintritt in die Pubertät beginnt sich das Leben des jungen Mickey (Kacper Olszewski) markant zu verändern. Doch nicht nur, dass er Probleme mit seinem eigenen Körper entwickelt und sein sexuelles Erwachen unmittelbar bevorsteht; auch das Verhältnis zu seiner Mutter (Agnieszka Podsiadlik) und seinen Schulkameraden wird das eine ums andere Mal komplett auf den Kopf gestellt. Klar scheint: Mickey ist gefangen zwischen seinem bisherigen Dasein als kleiner Junge, der sich nach mütterliche Fürsorge sehnt – und dem von nicht immer überzeugenden männlichen Vorbildern geformten Bild des Mannes, zu welchem er sich möglicherweise entwickeln wird. Um sein Gefühlschaos besser verarbeiten zu können, bedient er sich einfach seiner ohnehin recht ausgeprägten Fantasie…

Kritik: Wie viele Filmemacher sich insgesamt schon an einer filmischen Umsetzung respektive cineastisch aufbereiteten Interpretation zum Thema des Erwachsenwerdens versucht haben, steht in den Sternen. Fest steht nur, dass es zahlreiche waren – und das Genre des Coming Of Age-Films ein gleichermaßen spannendes wie zeitloses ist. Während ein Großteil der entsprechenden Werke am ehesten innerhalb der Bereiche des Dramas und der Komödie zu verorten ist, gibt es jedoch auch einige Ausreißer – wie ein vergleichsweise kuriose Genre-Erguss mit dem Titel BABY BUMP. Der extravagante polnische Film von Kuba Czekaj hatte seinen ersten internationalen Auftritt im Rahmen des Filmfestival Cottbus – und ist gleich in mehrerlei Hinsicht dafür geeignet, für Aufsehen zu sorgen.

Denn auch wenn sich selbst ein BABY BUMP die unspektakuläre Zuordnung zum Genre des Dramas, oder eher der Drämödie gefallen lassen muss; bietet der Film ausreichend Anhaltspunkte um nicht mit anderen verwechselt werden zu können. Anders gesagt: BABY BUMP ist auffällig wild, anarchistisch; und wenn man so will sogar verstörend. Mit dafür verantwortlich ist hier die explizite Vermengung von Traum und Realität, durch die er immer wieder dezent surrealistische Züge annimmt – die man sonst eigentlich von ganz anderen Werken gewohnt ist. Sicher, von der ganz großen Filmkunst ist das Werk von Kuba Czekaj noch weit entfernt. Vornehmlich, da sich der Film stark auf seine durchtriebene symbolische Ebene verlässt – selbige insgesamt betrachtet aber eher ernüchternd ausfällt. Und: die es schlicht nicht vermag, den mit handfestem Inhalt geizenden Film sinngemäß über seine lange Laufzeit zu füllen. Der Gedanke, dass sich das Ganze auch oder vielleicht sogar besser als Kurzfilm geeignet hätte; ist jedenfalls nicht gänzlich von der Hand zu weisen.

Doch für ein markantes und vor allem alles andere als alltägliches Aha-Erlebnis reicht es allemal. Dabei ist das Gelingen des Films in erster Linie auf den durchaus unterhaltsamen Faktor der handwerklichen Aspekte zu beziehen. Die außergewöhnliche Kameraführung, die geschickten Schnitte, die Einbeziehung der Umgebung und diverser zweckentfremdeter Objekte; die bunten eingeworfenen Text- und Gedankenfetzen, der unkonventionelle Soundtrack – BABY BUMP macht technisch einen angenehm unkonventionellen, gleichzeitig aber niemals zu forciert wirkenden Eindruck. Nicht ganz unbeteiligt daran sind sicher auch die beiden Hauptdarsteller, das ungewöhnliche Duo aus den polnischen Talenten Kacper Olszewski (als Sohn) und Agnieszka Podsiadlik (als Mutter) – die in ihren Rollen mit weniger Eigenregie, dafür aber mit der perfekten Umsetzung der Anleitungen des Regisseurs glänzen können.

Selbiger sollte schließlich genau wissen, was er hier von seinen beiden Figuren verlangt – wobei man zumindest einstweilen das Gefühl entwickelt, als gehe das Konzept auf. Schließlich entstehen im Verlauf des Films durchaus Momente, in denen die anberaumte Themen-bezogene Symbolik tatsächlich greifbar wird. Ein riesiges Ei – welches als Kokon und als zweite Geburtsstätte eines Heranwachsenden dient – zählt hier noch zu den harmlosen Varianten. Die (täuschend echt wirkende) Enthauptung eines Huhns fällt dagegen schon in die Kategorie einer deutlich krasseren, sich im Kontext des Films aber fast schon selbsterklärenden Bildersprache. Trotz der auffällig starr agierenden, oder eher den absichtlich mit einer weniger vielfältigen Mimik ausgestatteten Darstellern kann man sich jedenfalls sehr gut vorstellen, dass beim Dreh einige kuriose Momente entstanden sind.

Im Film selbst hält sich der Spaß allerdings in klaren Grenzen – explizite komödiantische Einschübe oder gar solche, die lauthalse Lacher erzeugen gibt es höchst selten. Analog zu einigen teils recht verstörenden Szenen – die sich indes weniger auf eine explizit dargestellte Sexualität, als vielmehr die Amputation etwaiger Körperteile beziehen – kommt der unterschwellige Leitspruch von BABY BUMP also genau richtig. Aufwachsen, das ist nun wirklich nichts für Kinder. Zumindest nicht in Bezug auf die ureigene Atmosphäre dieses Films – der hierzulande auch mit einer entsprechenden Altersfreigabe ab 16 eingestuft wurde. Unterhalten kann er aber, und dass auf eine höchst rebellische Art und Weise. Nicht allzu zart besaitete, sowie generelle Freunde des kuriosen sollten demnach ruhig mal einen Blick riskieren.


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„Weder für Kinder noch den typischen Kinogänger – und gerade deshalb eine vergleichsweise erfrischende Erfahrung.“

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Filmkritik: „Is Anbody There ?“ (2008)

Originaltitel: Is Anybody There ?
Regie: John Crowley
Mit: Michael Caine, Bill Milner, Anne-Marie Duff u.a.
Land: Großbritannien
Laufzeit: ca. 94 Minuten
FSK: unbekannt
Genre: Tragikomödie
Tags: Altenheim | Pflegefamilie | Großvater | Magie | Kind | Junge

Wenn Freundschaften auch generationsübergreifend funktionieren.

Kurzinhalt: Der junge Edward (Bill Milner) lebt mit seinen Eltern (Anne-Marie Duff, David Morrissey) in einem großen Einfamilienhaus in England, das trotz seines offenbar recht maroden Zustands vollständig in ein privates Altersheim umfunktioniert wurde. Hier pflegt die Familie alte und gebrechliche Menschen als regelrechte Lebensaufgabe – wobei sie insbesondere jenen helfen möchten, die aufgrund verschiedenster Umstände nicht mehr allzu lange zu leben haben. Eines Tages taucht mit dem kauzigen Clarence (Michael Caine) aber jemand auf, der mit seinem Leben noch ganz und gar nicht abgeschlossen hat – und das Leben der Familie folglich ordentlich durcheinander wirbelt. Überdies scheint der früher als erfolgreicher Zauberkünstler umherziehende Clarence einen besonderen Draht zum jungen Edward zu entwickeln. Wohl auch, da der allein aufgrund der ungewöhnlichen Wohnsituation seiner Familie ein Dasein als Außenseiter fristet – und aufgrund der angedeuteten Vernachlässigung seiner Eltern somit erst Recht an den Geschichten und dem Geheimnis des alten Mannes interessiert ist.

Kritik: Ganz im Stil von großen Filmklassikern wie DER ALTE MANN UND DAS KIND erzählt die von Regisseur John Crowley auf die Leinwand gebrachte Tragikomödie IS ANYBODY THERE ? die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem gebrechlichen Ex-Zauberkünstler und einem kindlichen Außenseiter, die aufgrund spezieller Umstände zusammenfinden. Trotz der alles andere als neuen Idee spricht dabei einiges für den Erfolg oder eher das Gelingen des Films, welcher seine beiden Hauptprotagonisten von Altstar Michael Caine sowie dem vielversprechenden Nachwuchstalent Bill Millner (unter anderem SON OF RAMBOW) verkörpern lässt. Der krude Charme des anberaumten Schauplatzes, die grundsätzliche Thematik über den Sinn des Lebens (und dem, was darauf noch folgen könnte) sowie der ausgeprägte Erzählfokus auf den jungen Edward und seine besondere Familienkonstellation machen jedenfalls Lust auf mehr. Überdies entfaltet die Mischung aus Witz und Emotionalität schnell einen gewissen Reiz – ebenso sehr wie die behandelten oder potentiell seitens des Zuschauers entstehenden Fragen in Bezug auf die Meta-Ebene des Films. Was bedeutet es, wenn man tagtäglich nicht nur von alten Menschen; sondern gar vom Tod umgeben ist – und das schon als Kind ? Und andersherum: kann das Leben selbst im hohen Alter noch Spaß machen, welche Dinge gilt es eventuell noch aufzuarbeiten ? Sicher sind Fragen wie diese höchst interessant, zumal sie nicht nur innerhalb einer Generation kursieren – womit sich der Kreis zum Protagonisten-Paar des Films schließt, das ebenfalls schnell einen gemeinsamen Nenner findet.

Und doch ist IS ANYBODY THERE ? – oder auch der fragende Ruf nach dem, was möglicherweise auf das Leben selbst folgen könnte – nicht gänzlich frei von inszenatorischen Schwächen. Auffällig und offensichtlich dabei ist speziell, dass den Machern gute Ideen nicht gerade auf der Hand lagen – und der Film so einige (auch längere) Durststrecken aufweist. Etwas problematisch, aber nicht zwingend negativ auszulegen ist auch das völlige Fehlen einer Form der filmischen Magie; wie man sie eventuell von und in einem Film wie diesem vermutet hätte. Sicher ist es angenehm  Dramen zu erleben, die ausnahmsweise mal nicht allzu kitschig inszeniert werden und analog dazu mit offensichtlichen Mitteln auf die Tränendrüse drücken – doch im Falle des regelrechten Gegenentwurfs von IS ANYBODY THERE ? könnte sich schlicht ein etwas zu gleichförmiger Eindruck einstellen. Aus dem emotionalen Vollen schöpft der Film jedenfalls nicht – und die wenigen interessanteren Zwischentöne, die vornehmlich aus der Interaktion der beiden kauzigen Hauptprotagonisten entstehen; reichen nicht aus um den Film über seine volle Laufzeit zu tragen. Jene fehlende Geschicklichkeit ist es auch, die IS ANYBODY THERE ? relativ vorhersehbar ausfallen lässt – sodass es kaum verwunderlich ist, dass auch das große Finale eher enttäuscht als eine nachhaltige Wirkung zu etablieren.

In eine ganz ähnliche Kerbe schlägt dann auch der technische Part. Immerhin, man war sichtlich bemüht möglichst authentische Bilder zu liefern – der absichtlich auf altbacken getrimmte Look, die entsprechenden Kostüme und eine insgesamt unaufgeregte Atmosphäre hätten aus IS ANYBODY THERE ? zumindest theoretisch etwas viel größeres machen können. Doch die absolut unspektakuläre Kameraführung, der eher nichtssagende Soundtrack, die fehlende künstlerische Raffinesse; und nicht zuletzt die gefühlte Lustlosigkeit der beteiligten Verantwortlichen verhindern in diesem Falle vieles.


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„Eine etwas andere, gleichzeitig aber auch etwas anstrengende und langatmige Tragikomödie.“

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Filmkritik: „Lauf Junge Lauf“ (2013)

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Originaltitel: Lauf Junge Lauf
Regie: Pepe Danquart
Mit: Kamil Tkacz, Andy Tkacz, Elisabeth Duda u.a.
Land: Frankreich, Deutschland
Laufzeit: ca. 107 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama, Kriegsfilm, Historie
Tags: Zweiter Weltkrieg | Holocaust | Flucht | Vertreibung | Überleben

Wer nicht läuft, stirbt.

Kurzinhalt: Während des Zweiten Weltkrieges werden nicht wenige, hauptsächlich deutsche und polnische Juden auf engstem Raum im sogenannten Warschauer Ghetto zusammengepfercht. Und auch wenn es beinahe unmöglich erscheint, schafft es der erst neunjährige Srulik (Andrzej und Kamil Tkacz) eines Tages aus eben jenem abgegrenzten und streng bewachten Bereich zu fliehen – woraufhin eine außergewöhnliche Odyssee mit ungewissem Ausgang beginnt. Zunächst bleibt ihm kaum etwas anderes übrig, als sich in den nahe gelegenen Wäldern zu verstecken und das mögliche Ende des Krieges abzuwarten. Doch alsbald steht für ihn fest, dass er es nicht alleine schaffen kann. So entschließt er sich, den Kontakt mit anderen Menschen zu suchen – von denen er nie genau wissen kann, wie vertrauenswürdig sie sind. Glücklicherweise jedoch scheint die zu diesem Zeitpunkt allein lebende Bäuerin Magda (Elisabeth Duda) dem Jungen helfen zu wollen. Mit einem neuen Namen und dem gleichzeitigen Verleugnen seiner eigentlichen Religion beginnt der Junge daraufhin, auch bei anderen Bauern nach Arbeit und Brot zu fragen – immer mit dem Ziel das Ende des Krieges noch zu erleben, und eines Tages die verbleibenden Mitglieder seiner Familie wiederzufinden.

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Kritik: LAUF JUNGE LAUF ist ein deutsch-französisches Kriegsdrama von Pepe Danquart, der sich bei seiner Schilderung einer Flucht in Zeiten des Zweiten Weltkriegs auf eine gleichnamige Buchvorlage von Uri Orlev stützt. Eben daraus ergibt sich auch die relative Besonderheit des Films: die auf einer wahren Begebenheit beruhenden Ereignisse werden konsequent aus einer kindlichen und somit recht unbefangenen Erzähl-Perspektive heraus geschildert. Das mag vor allem in Anbetracht der unzähligen anderen bereits abgedrehten Genre-Filme kein gänzliches Novum mehr sein, und führt an einigen Stellen des Films zu kleineren Problemen in Bezug auf die Glaubwürdigkeit – doch letztendlich macht LAUF JUNGE LAUF damit eine überraschend gute Figur. Sicher auch, da der Film auf eine sonst übliche Schwarzweißmalerei verzichtet, viele stimmungsvolle Bilder und einen dazu passenden Soundtrack liefert; und mit den bis dato unbekannten Haupt- und Nachwuchsdarstellern Andrzej und Kamil Tkacz den wohl größten Glücksgriff landete. Erst die Leistung der beiden Zwillinge führt dazu, dass man den gesamten handwerklichen und technischen Part des Films unbesorgt absegnen kann – was für die inhaltliche Komponente und die damit erzielte Wirkung indes leider nur in Teilen gilt.

Sicher, im Bereich der Kriegsfilme und der bestenfalls eindringlichen Weltkriegsdramen sollte man allgemein weniger von einem im Filmgeschäft üblichen Konkurrenzverhalten, als vielmehr um ganz und gar persönliche Geschichten mit einer allgemeinen Bedeutung ausgehen. Doch so wertvoll und wichtig die einzelnen Geschichten auch erscheinen mögen – es bleibt auch hier nicht aus, dass sich die Geschichten irgendwann wiederholen und jemand anderes schon entsprechend vorgelegt hat. LAUF JUNGE LAUF bietet dem Zuschauer so gesehen nichts, was man nicht bereits in Filmen wie dem ebenfalls aus einer Kinderperspektive erzählten DER JUNGE IM GESTREIFTEN PYJAMA (Review), DIE KINDER VON PARIS (Review) oder dem eher unbekannten EDGES OF THE LORD hat sehen können – und diese drei Beispiele stammen ebenfalls aus der jüngeren Filmgeschichte. Ein vorschnelles Urteil darüber, ob sie ihre Sache wirklich besser machen; erscheint indes nicht wirklich angebracht. Es gilt wie so oft, sich selbst ein Bild zu machen – wovon im Falle von LAUF JUNGE LAUF nicht explizit abzuraten ist. Ein Status als Meisterwerk oder ganz und gar besonderes Kriegsdrama wird ihm allerdings ebenfalls verwehrt bleiben.


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„Ein gutes, aber nicht herausragendes Kriegsdrama.“

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Filmkritik: „Die Verlorene Zeit“ (2011)

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Originaltitel: Die Verlorene Zeit
Regie: Anna Justice
Mit: Alice Dwyer, Dagmar Manzel, Mateusz Damiecki u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 96 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Zweiter Weltkrieg | Holocaust | Romanze | Flucht | Rückblende

Manchmal ist es fatal, die Vergangenheit ruhen zu lassen.

Kurzinhalt: Eigentlich führt die jüdische Holocaust-Überlebende Hannah Silberstein (Dagmar Manzel) ein erfolgreiches und beschauliches Leben in den USA der 1970er Jahre. Sie ist glücklich verheiratet, hat eine Tochter – doch plagen sie auch immer wieder Erinnerungen an die Zeit des Krieges und der Gefangenschaft. Als sie eines Tages auch noch glaubt, ihren ehemaligen und lange verschollenen Geliebten Tomasz Limanowski (Lech Mackiewicz) in einem Fernsehinterview wiederzuerkennen; setzt sie alles daran sich noch einmal intensiv mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Und so erinnert sie sich, wie sie als junge Frau (Alice Dwyer) zum ersten Mal auf Tomasz (Mateusz Damiecki) traf und gemeinsam mit ihm aus der Gefangenschaft der Nazis floh. Ist es wirklich möglich, dass Tomasz allen Anzeichen zum Trotz überlebt hat – und sich die beiden nur unter tragischen Umständen aus den Augen verloren hatten ?

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Mit Filmen und Beiträgen zum Thema Zweiter Weltkrieg ist das immer so eine Sache. Einerseits kann es der Aufarbeitung wohl niemals genug sein, erst Recht wenn es unzählige verschiedene (und zumeist schreckliche) Schicksale aus unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen gilt. Auf der anderen Seite steht dagegen die Tatsache, dass im Laufe der Jahre und Jahrzehnte schon unzählige dementsprechende Filme produziert wurden – mit mal mehr, mal weniger großem Erfolg. Und auch die Vorbildfunktion etwaiger zeitloser Meisterwerke des Genres – ob nun in Form historisch akkurater Dokumentationen, aufwühlender Kriegsdramen oder aber geschickt umgesetzter Tragikomödien – sollte Filmemachern dieser Welt eigentlich eher einen stillen Respekt einflößen als dazu zu animieren, es ihnen gleichzutun. Sofern – und das ist der Knackpunkt – dies überhaupt möglich ist. Dennoch sehen sich auch weiterhin viele dazu berufen, eine eigenständige und möglicherweise neue Sichtweise auf die Gräueltaten des NS-Regimes anzubieten. Und überhaupt – was sollte schon schief gehen, wenn man sich dabei auch noch auf eine wahre Begebenheit beruft oder sich zumindest von einer eben solchen inspirieren lässt ?

Eben das ist nun auch beim deutschen Spielfilm DIE VERLORENE ZEIT von Anna Justice geschehen, der sich damit in die dezent unübersichtliche Riege der zahlreichen Kriegsdramen einreiht. Schon der Filmtitel an sich beschreibt recht gut, worauf der Film abzielt: zwei verliebten Kriegsgefangenen gelingt die eigentlich unmögliche Flucht aus einem Konzentrationslager, woraufhin sie sich gemeinsam verstecken und in der unübersichtlichen Endphase des Krieges aus den Augen verlieren. Und von da an beginnt eben jene verlorene Zeit, die die mittlerweile gealterten Protagonisten eigentlich zusammen hätten verbringen können. Wenn, ja wenn sich das Schicksal nicht doch anders entschieden hätte. Aus dieser Prämisse, und dem letztendlich expliziten Fokus auf eine Liebesgeschichte unter tragischen Umständen schafft es Anna Justice so vor allem eines zu generieren: eine große Portion Herzschmerz. Die Überraschung folgt jedoch sogleich; denn auch wenn es sich hier um einen grundsätzlich eher negativ besetzten Begriff handelt, geht das Konzept in diesem Fall voll auf. Die Geschichte wird spannend und aus einer psychologisch interessanten Sicht erzählt, die aufkommende Empathie für die Charaktere (sowohl in der Vergangenheit, aber auch in der Zeit der 70er Jahre) ist enorm. Anders gesagt: DIE VERLORENE ZEIT bleibt ein über weite Strecken bodenständig und authentisch anmutendes Werk.

Ein kleiner Wermutstropfen ist dagegen, dass die Bezüge zur eigentlichen Rahmenhandlung überraschend überschaubar bleiben; trotz der sich allein aus dem Zeitsprung und der damit verbundenen Reflexion ergebenden Möglichkeiten. Eine der Folgen ist, dass der Film so komplizierter wirken könnte als er eigentlich ist; oder anderes ausgedrückt: trotz der relativ klaren Fakten und Fronten versprechen die sich aus der speziellen Erzählweise ergebenden Zeitsprünge etwas mehr, als der Film halten kann. Immerhin ist die Gegenüberstellung der Moderne (in diesem Falle sind es die 70er-Jahre) mit der Vergangenheit weitestgehend gelungen – auch, da man dem Film das nötige Fingerspitzengefühl bezüglich der Kulissen, Kostüme, Kameraführung und Szenengestaltung durchaus anmerkt. Auch der Soundtrack schneidet – wenngleich er des öfteren ein wenig zu sehr auf die Tränendrüse drückt – gut ab und untermalt die tragische Rahmenhandlung passend. Hinsichtlich der Darsteller gibt es ebenfalls nichts oder kaum etwas zu bemängeln, was vermutlich eine weitere Überraschung ist. Doch gerade den beiden Hauptdarstellern Alice Dwyer und Mateusz Damiecki nimmt man ihre Rollen als Opfer des Regimes problemlos ab.

Fazit: DIE VERLORENE ZEIT wartet mit vor allem einem Vorteil auf, denn die angedeuteten menschlichen Schicksale sowie speziell die porträtierte Liebesgeschichte wirken unter Umständen tatsächlich herzergreifend. Zumal sie im Endeffekt deutlich weniger kitschig inszeniert werden als eventuell angenommen, und durch die rückblickende Erzähl-Perspektive von einer zusätzlich vermittelten Bedeutsamkeit profitieren. Zudem ist der Film ansprechend fotografiert, gut besetzt – und schafft es weiterhin, einige gleichermaßen schwierige wie interessante Fragen aufzuwerfen. Selbst das recht offene Ende vermag es so nicht, für Verdruss zu sorgen – eher im Gegenteil. DIE VERLORENE ZEIT mag noch ein paar Meter von einem Status als Genre-Meisterwerk entfernt sein, doch das ist in diesem Fall allemal zu verschmerzen.

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„Ein überraschend ansprechendes Kriegsdrama – trotz oder gerade wegen des Fokus auf eine ungewöhnliche Liebesgeschichte.“

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