Filmkritik: „Der Verlorene Bruder“ (2015)

Filmtyp: Spielfilm (TV-Produktion)
Basierend Auf: Der Verlorene (Roman)
Regie: Matti Geschonneck
Mit: Noah Kraus, Katharina Lorenz, Charly Hübner u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 93 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Drama / Komödie
Tags: Nachkriegszeit | Flüchtlinge | Familie | Verlorener Sohn | Bruder

Willkommen im Land des Lächelns.

Kurzinhalt: Wie so viele Familien sind gegen Kriegsende auch die Blaschkes aus ihrer Heimat im Osten in Richtung Westdeutschland geflüchtet. Einmal in der westfälischen Provinz angekommen, haben sie sich mit ihrem expandierenden Lebensmittelhandel eine recht ansehnliche Existenz aufgebaut – und mit Sohn Max (Noah Kraus) einen entsprechend quirligen Familienzuwachs bekommen. Und doch gibt es da etwas, was vor allem Mutter Elisabeth (Katharina Lorenz) nicht aus dem Kopf geht: ihr erster Sohn Arnold, der als Kleinkind in den damligen Wirren der Flucht verlorenging. Während Vater Ludwig (Charly Hübner) so gut es geht versucht über den Verlust hinwegzusehen und ihn mit seinen beruflichen Plänen zu verdrängen; erreicht die Familie eines Tages doch noch die Nachricht, dass Arnold möglicherweise gefunden wurde. Doch um wirklich sichergehen zu können, muss sich die Familie einigen langwierigen testverfahren unterziehen… was vor allem dem jungen Max eher missfällt.

Kritik: Seine eher einseitige inhaltliche Gewichtung und das plötzliche bis plumpe Finale geraten dem VERLORENEN BRUDER leicht zum Nachteil. Davon abgesehen handelt es sich um ein gleichermaßen solides wie sympathisch erzähltes Nachkriegs-Drama mit komödiantischen Elementen, die sich vor allem aus der kindlichen Erzählperspektive des Hauptprotagonisten ergeben. Die atmosphärischen Kulissen und die engagierten, teilweise sogar hervorragenden darstellerischen Leistungen runden das Ganze ab – ob nun im Sinne einer für das Fernsehen produzierten Tragikomödie, oder einer zumindest für deutsche Verhältnisse überraschend stimmigen Coming Of Age-Geschichte.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © Universum Film Home Entertainment

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„Eine nicht spektakuläre, aber doch grundsolide deutsche Nachkriegs-Dramödie mit dem gewissen Etwas.“

Hinweis: Bei dieser Rezension handelt es sich um eine auf das nötigste beschränkte Kurzfassung. Für weitere Kritiken, von denen ein Großteil in voller Textlänge gehalten ist; empfiehlt sich ein Blick auf das alphabetisch geordnete Filmarchiv des Blogs.

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Filmkritik: „Shin Godzilla“ (2016)

Originaltitel: Shin Gojira
Regie: Hideaki Anno
Mit: Hiroki Hasegawa, Satomi Ishihara, Yutaka Takenouchi u.a.
Land: Japan
Laufzeit: ca. 120 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Science Fiction / Drama
Tags: Godzilla | Monster | Japan | Zerstörung | Katastrophe

Da stampft er wieder.

Kurzinhalt: Als sich im Küstengebiet Japans einige seltsame Zwischenfälle ereignen, sind die Verantwortlichen schnell alarmiert. Viel mehr als der Dinge zu Harren die da noch kommen bleibt ihnen allerdings nicht übrig – denn zunächst bleibt die eigentliche Ursache unklar. Bis, ja bis die schlimmsten und als Geschwätz abgetanen Befürchtungen einiger weniger doch noch wahr werden: es scheint sich um ein gleichermaßen riesiges wie mysteriöses Seeungeheuer zu handeln. Eines, von dem man nicht genau weiß was es als nächstes vorhaben könnte – doch auch so sind die durch die Kreatur verursachten Zerstörungen enorm. Schließlich scheint sich der Organismus in spezieller Weise weiterzuentwickeln, sodass die alsbald als GODZILLA getaufte Kreatur auch an Land geht und sich bald darauf in Richtung des Landesinneren aufmacht. Neben dem Versuch, möglichst viele Informationen über die Bestie einzuholen werden eifrig Pläne geschmiedet, wie man den nicht nur massiven wirtschaftlichen Schaden hinterlassenden GODZILLA aufhalten könnte – und das im besten Fall ohne die Zivilbevölkerung zu gefährden.

Kritik: Die Japaner und ihr gleichermaßen kultiges wie heißgeliebtes GODZILLA-Franchise – es kennt kein Ende. Während man das furchteinflößende Leinwandmonster in der westlichen Welt höchstens alle paar Jahre zu Gesicht bekommt (entweder in Form von starbesetzten amerikanischen Blockbustern, oder aber durch die hie und da ausgestrahlten alten japanischen Filme), scheint die Faszination im Heimatland der ursprünglich im Jahre 1954 von Ishiro Honda ins Leben gerufenen Kreatur ungebrochen. Sicher auch, da man den Mythos GODZILLA seit jeher mit durchaus realen Ereignissen innerhalb der jüngeren japanischen Geschichte in Verbindung bringen konnte; woran auch SHIN GODZILLA nichts ändert – in Anbetracht der noch nicht allzu lange zurückliegenden Katastrophe in Fukushima sogar eher im Gegenteil. Jedoch, und diese Herausforderung galt es speziell in Bezug auf SHIN GODZILLA zu meistern – hatte das Franchise bereits mit einigen Alterserscheinungen zu kämpfen und drohte sich zumindest aus einer künstlerisch etwas gehobeneren Sicht, in einem unwiederbringlichen Maße abzunutzen. Die vielen über die Jahre gesammelten, dabei aber nicht immer besonders herausragenden Filme zum Thema erledigten hier wohl ihr übriges – sodass SHIN GODZILLA tatsächlich als eine Art Wendepunkt fungiert.

Schließlich standen die Chancen in beide Richtungen gut. Entweder, man würde das Franchise langsam aber sicher zu Grabe tragen – oder aber es doch noch einmal neu beleben. Mit dem nötigen Fingerspitzengefühl und gewissen stilistischen Raffinessen, versteht sich – wofür in Anbetracht von SHIN GODZILLA niemand geringeres als Hideaki Anno auserkoren wurde. Vielen dürfte das japanische Ausnahmetalent aber eher nicht als Meister des Kaiju-Films geläufig sein – sondern vielmehr als Schöpfer der Anime-Serie NEON GENESIS EVANGELION und des einige Jahre später realisierten Reboots in Form von 4 neuen Filmen. Realfilme hat er zwar auch einige gedreht, doch rangieren diese eher unter ferner Liefen – wie etwa der 2004 erschienene und recht alberne Spielfilm CUTIE HONEY (siehe Review). Dass er dennoch für die Wiederbelebung des GODZILLA-Franchise auserkoren wurde hat andere Gründe – vornehmlich solche, für die man schon etwas tiefer graben muss. So hat ihn seine gleichermaßen intensive wie durchdachte Arbeit an EVANGELION durchaus für ein zumindest oberflächlich vergleichbares, so gesehen endzeitlich-apokalyptisches Szenario wie das in SHIN GODZILLA porträtierte qualifiziert. Auch die nahe Verbindung zu Kollegen wie Hayao Myazaki (Studio Ghibli), daraus resultierende Projekte wie GIANT GOD WARRIOR (siehe Artikel) und die Liebe zur traditionellen japanischen Kinotechniken – die sich in etwa im weitestgehenden Verzicht auf im Westen nur zu gern genutzte CGI-Effekte beziehen – machte ihn zu einem interessanten, ja wenn nicht dem einzigen in Frage kommenden Kandidaten.

Ob ihm das große Unterfangen auch gelungen ist, ist dagegen eine ganz andere Frage. Eine, die man wohl auch nicht ohne eine gewisse Trennung beantworten kann; denn: SHIN GODZILLA hat höchst unterschiedliche Kompetenzen – und darüber hinaus noch solche, die man hierzulande gänzlich anders bewerten oder einstufen würde als im eigentlichen Entstehungsland.

Immerhin: in Bezug auf das an den Tag gelegte Handwerk und die Art der Inszenierung sollte das Urteil schon eher eindeutig ausfallen respektive ohne das in Betracht ziehen weiterer Faktoren gefällt werden können. Anders gesagt: ob man der von Hideaki Anno verwirklichten GODZILLA-Variante optisch etwas abgewinnen kann, ist stark geschmacksabhängig. So ist es einerseits angenehm und höchst erfrischend zu sehen, dass man einen sogenannten Blockbuster auch ohne allzu teure und rein am Computer hergestellten Special Effects realisieren kann – wenn im Ausgleich dazu ein großes Augenmerk auf Handarbeit gelegt wurde. Doch während das Konzept vor allem in Bezug auf die stattfindende Panik und Zerstörung wunderbar aufzugehen scheint, fallen gerade die Ansichten der Kreatur selbst zutiefst gewöhnungsbedürftig aus. Mindestens, sollte man sagen – denn gerade der GODZILLA der ersten bzw. zweiten Evolutionsstufe sieht dank seiner unecht wirkenden Haut und der riesig-glasigen Augen alles andere als furchteinflößend aus. Eher befremdlich, was sicher auch Sinn und Zweck der Gestaltungsarbeit war – doch das letztendliche Ergebnis offenbart dann wohl doch etwas zu viel des Guten.

Ähnliches gilt auch für den weiteren mit der Kreatur verbundenem Lauf der Geschichte. Zwar sieht GODZILLA hier schon wesentlich besser und so gesehen auch wirkungsvoller aus – doch die relative Starrheit seiner Bewegungen sowie die wieder überaus künstlich erscheinenden besonderen Fähigkeiten (wie die im Westen eher nicht bekannten Energieausstöße in Form von alles zerstörenden Strahlen) sorgen eher für ein müdes Lächeln denn für eine wirkliche Atmosphäre. Das gilt hingegen nicht für den ganz und gar hervorragenden Soundtrack von Shiro Sagisu, der schon des öfteren mit Hideaki Anno zusammenarbeitete – und auch dieses Mal eine kleine Meisterleistung abliefert. Dass gerade durch die gespielten Stücke zusätzliche Seitenhiebe auf das EVANGELION-Franchise erkennbar werden, ist hier wohl nur ein i-Tüpfelchen. Während die verpflichteten Darsteller einen soliden Job machen; fällt die sonstige handwerkliche Arbeit nicht sonderlich spektakulär, aber doch weitestgehend zufriedenstellend aus. Die Wahl und Gestaltung der Schauplätze ist gelungen, die Kamera-Arbeit überzeugt durch teils gewagte aber niemals überdreht inszenierte Ansichten, die zwischengeschobenen Aufnahmen diverser Stadtansichten und der Panik der Bevölkerung erfüllen ihren Zweck.

Woran sich die Geister in Bezug auf SHIN GODZILLA scheiden werden sind aber ohnehin nicht die technischen Spezifikationen oder das zumindest dezent in Frage zu stellende handwerkliche Geschick der Verantwortlichen – sondern vielmehr die letztendliche Gewichtung des Films. Die sieht schließlich vor, dass weitaus mehr geredet als gehandelt wird – und das auf so gut wie allen Ebenen. Entsprechend ausschweifende Action-Szenen oder inhaltlich allzu rasant voranpreschende Abschnitte (bei denen eine hohe Aufmerksamkeit gefragt wäre) sollte man also keineswegs erwarten. SHIN GODZILLA ist ein ungewöhnlich politischer Film geworden, bei dem analog zu realen Bedrohungssituationen wie der in Fukushima versucht wurde; ein möglichst realistisches Porträt der handelnden Verantwortlichen zu zeichnen. So ist die Kamera stets nah am Geschehen, auch wenn nicht viel mehr geschieht als das hektische Zusammentragen von Informationen wie zum Auftakt des Films. Dementsprechend kann es durchaus vorkommen, dass mehrere Protagonisten wild durcheinander reden und dabei nicht immer sinniges respektive wichtiges von sich geben – was in Anbetracht des doch enormen Fokus auf die entsprechenden Konversationen irgendwann zu einer recht ermüdenden Angelegenheit werden kann.

Das potentielle Problem: zu einer dahingehenden Erlösung des Zuschauers kommt es nicht wirklich – selbst die wenigen Action-Szenen werden durch das Einstreuen minutiöser Planung und der Abschätzung aller erdenklichen Eventualitäten garniert. Anders gesagt: jeder, der etwas zum Thema zu sagen hat kommt auch zu Wort. Ob eine Vorgehensweise wie diese tatsächlich Vorteile mit sich bringen kann, bleibt fraglich. Fakt ist nur, dass SHIN GODZILLA gerade dadurch einen äußerst zähen Fluss bekommt, erst Recht natürlich aus der Sicht des westlichen Zuschauers. Dabei hätte es gar nicht erst ein Mehr an weiteren ellenlangen und im schlimmsten Fall substanzlosen Actionszenen sein müssen, mit denen man im Westen gerne mal etwas zu oft und aufdringlich konfrontiert wird – doch ein wenig mehr Witz oder Charme hätte man durchaus einbringen dürfen. Ja, selbst die Charaktere bleiben allesamt relativ unsympathisch und erscheinen kaum greifbar – was abermals im krassen Gegensatz zu diversen Star-Allüren der Marke Hollywood steht und grundsätzlich erfrischend ist, doch eine wie auch immer geartete Empathie entsteht so kaum. Und: dass eigentlich nur die allerletzte Szene des Films für ein wenig Aufsehen sorgt (genauer gesagt bei einer Nahaufnahme des Schwanzes des nunmehr eingefrorenen GODZILLA) und dezent auf eine der maßgeblichen Themengebiete von END OF EVANGELION verweist, ist in Anbetracht der in dieser Hinsicht kaum genutzten vorangegangenen zwei Stunden (!) fast schon ein Schlag ins Gesicht.

Mit dem Wissen um das langjährig erfolgreiche und allseits beliebte GODZILLA-Franchise, die Vorliebe für aus internationaler Sicht etwas eigen erscheinenden Stilmittel und nicht zuletzt die vergangenen Atomkatastrophen wird so vor allem eines klar: SHIN GODZILLA ist nicht nur ein zutiefst japanischer Film, sondern auch einer der fast ausschließlich für das hiesige Publikum gemacht wurde. Schlussendlich besitzt der Film so eine deutlich geringere universelle oder auch Faszinationskraft als etwa das vergleichsweise offene und prinzipiell für jedermann zugängliche EVANGELION-Franchise – sodass es äußerst wahrscheinlich ist, dass SHIN GODZILLA auf dem internationalen Markt nur wenig Erfolg haben wird. Ob das schade ist oder eine zu vernachlässigende Feststellung, muss ein jeder für sich ausmachen. Fest steht wohl nur: die Geschichten um und mit GODZILLA werden weitergehen – jetzt erst Recht.

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„Eine eher Japan-exklusive Monster-Mär mit teils gravierenden Problemen hinsichtlich der Gestaltung und der inhaltlichen Gewichtung.“

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Filmkritik: „Das Neunte Leben Des Louis Drax“ (2017)

Originaltitel: The 9th Life Of Louis Drax
Regie: Alexandre Aja
Mit: Aiden Longworth, Jamie Dornan, Sarah Gadon u.a.
Land: USA, Kanada, Großbritannien
Laufzeit: ca. 108 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama, Thriller, Horror
Tags: Junge | Kind | Mutter | Unfälle | Koma | Kommunikation

Wenn selbst neun Leben nicht genug sind.

Kurzinhalt: Den jungen Louis Drax (Aiden Longworth) als Pechvogel zu bezeichnen scheint noch leicht untertrieben – schließlich hat er seit seiner Geburt immer wieder merkwürdige Unfälle, die ihm fast das Leben kosten. Trotzdem scheint sich der mit einer lebhaften Fantasie ausgestattete Junge nicht den Lebensmut nehmen zu lassen, und blickt relativ gelassen auf die zahlreichen Zwischenfälle. Bis, ja bis es an seinem neunten Geburtstag zu einem weiteren und wohl auch dem bisher schlimmsten Unglück kommt. Nicht nur, dass seine mittlerweile getrennt lebenden Eltern ausgerechnet an seinem Geburtstag einen heftigen Streit vom Zaun brechen – inmitten eines darauf folgenden Gerangels stürzt Louis von einer schwindelerregend hohen Klippe. Unglaublicherweise überlebt er den Sturz, doch nach seiner Rettung aus dem eiskalten Wasser liegt er schwer verletzt im Koma. Als er kurz darauf in die aus derartige Fälle spezialisierte Klinik von Dr. Allan Pascal (Jamie Dornan) eingewiesen wird; setzen der Arzt und seine Mutter (Sarah Gadon) alles daran, dass es dem kleinen Patienten bald wieder besser gehen würde. Höchst merkwürdig erscheint indes, dass der Vater (Aaron Paul) seit dem Vorfall verschwunden ist…

Kritik: Filme, in denen komatöse Patienten in einem ersten aber nicht hoffnungslosen Zustand auf eine Rettung warten gibt es eigentlich gar nicht so wenige – eine entsprechende Bandbreite zwischen eher klassischen medizinischen Dramen und geradezu fantastisch anmutenden Ausflügen in die Bereiche der Metaphysik inklusive. Manchmal können die Grenzen aber auch fließend ausfallen, wie im etwas sperrig betitelten DAS NEUNTE LEBEN DES LUIS DRAX vom frisch gebackenen Horror-Spezialist Alexandra Aja. Der hatte sich speziell durch seine gelungene Neuverfilmung des Klassikers THE HILLS HAVE EYES einem Namen gemacht, war daraufhin aber auch an einigen mindestens diskutablen Werken beteiligt – wie etwa dem puren Trash-Vergnügen in der Gestalt von PIRANHA 3D (siehe Review) oder dem schonungslosen Remake von MANIAC (Review). Unter anderem deshalb fühlt es sich etwas überraschend an, ihm nun bei einer Umsetzung eines für ihn und seine bisherige Filmografie eher ungewöhnlichen Stoffes beizuwohnen. Schließlich basiert DAS NEUNTE LEBEN DES LUIS DRAX auf einer gleichnamigen Buchvorlage der Autorin Liz Jensen, und richtet seinen Fokus explizit auf das Erleben eines kindlichen Hauptprotagonisten in einer nicht nur medizinischen Ausnahmesituation.

Die ersten Minuten des Films offenbaren dabei schnell einen weiteren Überraschungsmoment, denn: es gelingt dem Regisseur durchaus, den Zuschauer mit seinem etwas anderen Einblick in die Gedankenwelt eines kleinen Jungen zu fesseln. Der dezente Ausflug in Richtung einer klassischen Coming Of Age-Geschichte, die gleichermaßen frische wie unkonventionelle Erzählweise irgendwo zwischen einer kindlichen Poesie, fast schon komödiantischen Einschüben und einer subtilen Dramatik geht zunächst wunderbar auf – und macht neugierig auf den weiteren Verlauf des Films. Im selbigen kommt es jedoch, wie es kommen muss: nicht alle der an den Tag gelegten Ideen sind gut respektive sonderlich effektiv, und vor allem hinsichtlich der angepeilten Kohärenz des Films hapert es. Stellenweise sogar gewaltig – was umso deutlicher auffällt, wenn man den eigentlichen Überraschungseffekt des Films zu Rate zieht. Schließlich hat gerade der zwei kaum miteinander vereinbare Seiten, oder anders gesagt: für DAS NEUNTE LEBEN DES LOUIS DRAX ist er Fluch und Segen zugleich.

Denn: so unerwartet die eigentliche Wendung sein mag, eigentlich hat sie nur wenig mit dem zuvor etablierten Atmosphäre des Films am Hut. Streckenweise könnte man somit den Eindruck gewinnen, als handelte es sich bei DAS NEUNTE LEBEN DES LOUIS DRAX um zwei oder drei ineinander verwobene Filme – die nicht immer miteinander harmonieren, und bei deren Verknüpfung einiges auf der Strecke bleibt. Sicher ist es mutig, eine wie hier gezeigte Symbiose aus verschiedenen Genres anzustreben – doch letztendlich wirkt die Mixtur aus Elementen des Coming Of Age-Films, des Dramas, des Thrillers; aber eben auch der Fantasy und des Horrors schlicht etwas zu wild und unentschlossen. Somit bleibt kaum aus, dass sich ein vergleichsweise seltener Gesamteindruck einstellt: die Grundidee inklusive der überraschenden Auflösung bleibt der wohl größte Vorteil in und an LOUIS DRAX, wohingegen der Weg zu eben jener Auflösung auffällig holperig wirkt – und zudem einige Längen aufweist.

Immerhin: Alexandra Aja begeht somit schon einmal nicht den Fehler, viel Lärm um nichts zu machen. Eigentlich ist es hier sogar genau andersherum: die Ausschmückungen um den Kern der Geschichte herum sind es, die für Verdruss sorgen – und nicht die Geschichte an sich. Ein ebenso ambivalentes Gefühl stellt sich auch ein, wenn man die handwerklichen Kniffe, den Soundtrack und die Leistungen der Darsteller in Betracht zieht. Schließlich gilt auch hier: für sich betrachtet macht vieles einen guten Eindruck. Das gilt insbesondere für die teils hervorragenden Aufnahmen, die atmosphärisch inszenierten Schauplätze, die eingestreuten Special Effects oder aus dem Kontext gerissene Einzel-Momente – wie etwa die gruselige Verfolgung einer Schlamm-Spur im Krankenhaus, oder aber die Szenen des Hauptcharakters mit einer zunächst nicht zuzuordnenden Gestalt in Form eines allwissenden Erzählers.

Im Zusammenspiel folgt jedoch die relative Ernüchterung: DAS NEUNTE LEBEN DES LOUIS DRAX will schlicht etwas zu viel, und verhaspelt sich dabei dezent in Bezug auf seine eben nicht oder nur kaum vorhandene Konsequenz. Leicht kritisch muss wohl auch die Leistung des Nachwuchstalentes Aiden Longworth in der für ihn eventuell etwas zu großen Hauptrolle betrachtet werden – auch hier sind einige deutliche Abstriche zu machen. Die angepeilte Emotionalität, das ganz große Einfühlen im Sinne einer übergreifenden Empathie bleibt jedenfalls aus.

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„Eine gute Idee trifft auf eine schwache und inkonsistente Umsetzung.“

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Filmkritik: „Baby Bump“ (2015)

Auch bekannt als: Guziukas
Regie: Kuba Czekaj
Mit: Kacper Olszewski, Agnieszka Podsiadlik, Caryl Swift u.a.
Land: Polen
Laufzeit: ca. 89 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Drama, Komödie
Tags: Junge | Kind | Mutter | Familie | Pubertät | Sexualität | Erwachen

Ein etwas anderer Kindheits- und Jugendtribut.

Vorsicht – in BABY BUMP wird scharf geschossen.

Kurzinhalt: Mit dem Eintritt in die Pubertät beginnt sich das Leben des jungen Mickey (Kacper Olszewski) markant zu verändern. Doch nicht nur, dass er Probleme mit seinem eigenen Körper entwickelt und sein sexuelles Erwachen unmittelbar bevorsteht; auch das Verhältnis zu seiner Mutter (Agnieszka Podsiadlik) und seinen Schulkameraden wird das eine ums andere Mal komplett auf den Kopf gestellt. Klar scheint: Mickey ist gefangen zwischen seinem bisherigen Dasein als kleiner Junge, der sich nach mütterliche Fürsorge sehnt – und dem von nicht immer überzeugenden männlichen Vorbildern geformten Bild des Mannes, zu welchem er sich möglicherweise entwickeln wird. Um sein Gefühlschaos besser verarbeiten zu können, bedient er sich einfach seiner ohnehin recht ausgeprägten Fantasie…

Kritik: Wie viele Filmemacher sich insgesamt schon an einer filmischen Umsetzung respektive cineastisch aufbereiteten Interpretation zum Thema des Erwachsenwerdens versucht haben, steht in den Sternen. Fest steht nur, dass es zahlreiche waren – und das Genre des Coming Of Age-Films ein gleichermaßen spannendes wie zeitloses ist. Während ein Großteil der entsprechenden Werke am ehesten innerhalb der Bereiche des Dramas und der Komödie zu verorten ist, gibt es jedoch auch einige Ausreißer – wie ein vergleichsweise kuriose Genre-Erguss mit dem Titel BABY BUMP. Der extravagante polnische Film von Kuba Czekaj hatte seinen ersten internationalen Auftritt im Rahmen des Filmfestival Cottbus – und ist gleich in mehrerlei Hinsicht dafür geeignet, für Aufsehen zu sorgen.

Denn auch wenn sich selbst ein BABY BUMP die unspektakuläre Zuordnung zum Genre des Dramas, oder eher der Drämödie gefallen lassen muss; bietet der Film ausreichend Anhaltspunkte um nicht mit anderen verwechselt werden zu können. Anders gesagt: BABY BUMP ist auffällig wild, anarchistisch; und wenn man so will sogar verstörend. Mit dafür verantwortlich ist hier die explizite Vermengung von Traum und Realität, durch die er immer wieder dezent surrealistische Züge annimmt – die man sonst eigentlich von ganz anderen Werken gewohnt ist. Sicher, von der ganz großen Filmkunst ist das Werk von Kuba Czekaj noch weit entfernt. Vornehmlich, da sich der Film stark auf seine durchtriebene symbolische Ebene verlässt – selbige insgesamt betrachtet aber eher ernüchternd ausfällt. Und: die es schlicht nicht vermag, den mit handfestem Inhalt geizenden Film sinngemäß über seine lange Laufzeit zu füllen. Der Gedanke, dass sich das Ganze auch oder vielleicht sogar besser als Kurzfilm geeignet hätte; ist jedenfalls nicht gänzlich von der Hand zu weisen.

Doch für ein markantes und vor allem alles andere als alltägliches Aha-Erlebnis reicht es allemal. Dabei ist das Gelingen des Films in erster Linie auf den durchaus unterhaltsamen Faktor der handwerklichen Aspekte zu beziehen. Die außergewöhnliche Kameraführung, die geschickten Schnitte, die Einbeziehung der Umgebung und diverser zweckentfremdeter Objekte; die bunten eingeworfenen Text- und Gedankenfetzen, der unkonventionelle Soundtrack – BABY BUMP macht technisch einen angenehm unkonventionellen, gleichzeitig aber niemals zu forciert wirkenden Eindruck. Nicht ganz unbeteiligt daran sind sicher auch die beiden Hauptdarsteller, das ungewöhnliche Duo aus den polnischen Talenten Kacper Olszewski (als Sohn) und Agnieszka Podsiadlik (als Mutter) – die in ihren Rollen mit weniger Eigenregie, dafür aber mit der perfekten Umsetzung der Anleitungen des Regisseurs glänzen können.

Selbiger sollte schließlich genau wissen, was er hier von seinen beiden Figuren verlangt – wobei man zumindest einstweilen das Gefühl entwickelt, als gehe das Konzept auf. Schließlich entstehen im Verlauf des Films durchaus Momente, in denen die anberaumte Themen-bezogene Symbolik tatsächlich greifbar wird. Ein riesiges Ei – welches als Kokon und als zweite Geburtsstätte eines Heranwachsenden dient – zählt hier noch zu den harmlosen Varianten. Die (täuschend echt wirkende) Enthauptung eines Huhns fällt dagegen schon in die Kategorie einer deutlich krasseren, sich im Kontext des Films aber fast schon selbsterklärenden Bildersprache. Trotz der auffällig starr agierenden, oder eher den absichtlich mit einer weniger vielfältigen Mimik ausgestatteten Darstellern kann man sich jedenfalls sehr gut vorstellen, dass beim Dreh einige kuriose Momente entstanden sind.

Im Film selbst hält sich der Spaß allerdings in klaren Grenzen – explizite komödiantische Einschübe oder gar solche, die lauthalse Lacher erzeugen gibt es höchst selten. Analog zu einigen teils recht verstörenden Szenen – die sich indes weniger auf eine explizit dargestellte Sexualität, als vielmehr die Amputation etwaiger Körperteile beziehen – kommt der unterschwellige Leitspruch von BABY BUMP also genau richtig. Aufwachsen, das ist nun wirklich nichts für Kinder. Zumindest nicht in Bezug auf die ureigene Atmosphäre dieses Films – der hierzulande auch mit einer entsprechenden Altersfreigabe ab 16 eingestuft wurde. Unterhalten kann er aber, und dass auf eine höchst rebellische Art und Weise. Nicht allzu zart besaitete, sowie generelle Freunde des kuriosen sollten demnach ruhig mal einen Blick riskieren.


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„Weder für Kinder noch den typischen Kinogänger – und gerade deshalb eine vergleichsweise erfrischende Erfahrung.“

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Filmkritik: „Is Anbody There ?“ (2008)

Originaltitel: Is Anybody There ?
Regie: John Crowley
Mit: Michael Caine, Bill Milner, Anne-Marie Duff u.a.
Land: Großbritannien
Laufzeit: ca. 94 Minuten
FSK: unbekannt
Genre: Tragikomödie
Tags: Altenheim | Pflegefamilie | Großvater | Magie | Kind | Junge

Wenn Freundschaften auch generationsübergreifend funktionieren.

Kurzinhalt: Der junge Edward (Bill Milner) lebt mit seinen Eltern (Anne-Marie Duff, David Morrissey) in einem großen Einfamilienhaus in England, das trotz seines offenbar recht maroden Zustands vollständig in ein privates Altersheim umfunktioniert wurde. Hier pflegt die Familie alte und gebrechliche Menschen als regelrechte Lebensaufgabe – wobei sie insbesondere jenen helfen möchten, die aufgrund verschiedenster Umstände nicht mehr allzu lange zu leben haben. Eines Tages taucht mit dem kauzigen Clarence (Michael Caine) aber jemand auf, der mit seinem Leben noch ganz und gar nicht abgeschlossen hat – und das Leben der Familie folglich ordentlich durcheinander wirbelt. Überdies scheint der früher als erfolgreicher Zauberkünstler umherziehende Clarence einen besonderen Draht zum jungen Edward zu entwickeln. Wohl auch, da der allein aufgrund der ungewöhnlichen Wohnsituation seiner Familie ein Dasein als Außenseiter fristet – und aufgrund der angedeuteten Vernachlässigung seiner Eltern somit erst Recht an den Geschichten und dem Geheimnis des alten Mannes interessiert ist.

Kritik: Ganz im Stil von großen Filmklassikern wie DER ALTE MANN UND DAS KIND erzählt die von Regisseur John Crowley auf die Leinwand gebrachte Tragikomödie IS ANYBODY THERE ? die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem gebrechlichen Ex-Zauberkünstler und einem kindlichen Außenseiter, die aufgrund spezieller Umstände zusammenfinden. Trotz der alles andere als neuen Idee spricht dabei einiges für den Erfolg oder eher das Gelingen des Films, welcher seine beiden Hauptprotagonisten von Altstar Michael Caine sowie dem vielversprechenden Nachwuchstalent Bill Millner (unter anderem SON OF RAMBOW) verkörpern lässt. Der krude Charme des anberaumten Schauplatzes, die grundsätzliche Thematik über den Sinn des Lebens (und dem, was darauf noch folgen könnte) sowie der ausgeprägte Erzählfokus auf den jungen Edward und seine besondere Familienkonstellation machen jedenfalls Lust auf mehr. Überdies entfaltet die Mischung aus Witz und Emotionalität schnell einen gewissen Reiz – ebenso sehr wie die behandelten oder potentiell seitens des Zuschauers entstehenden Fragen in Bezug auf die Meta-Ebene des Films. Was bedeutet es, wenn man tagtäglich nicht nur von alten Menschen; sondern gar vom Tod umgeben ist – und das schon als Kind ? Und andersherum: kann das Leben selbst im hohen Alter noch Spaß machen, welche Dinge gilt es eventuell noch aufzuarbeiten ? Sicher sind Fragen wie diese höchst interessant, zumal sie nicht nur innerhalb einer Generation kursieren – womit sich der Kreis zum Protagonisten-Paar des Films schließt, das ebenfalls schnell einen gemeinsamen Nenner findet.

Und doch ist IS ANYBODY THERE ? – oder auch der fragende Ruf nach dem, was möglicherweise auf das Leben selbst folgen könnte – nicht gänzlich frei von inszenatorischen Schwächen. Auffällig und offensichtlich dabei ist speziell, dass den Machern gute Ideen nicht gerade auf der Hand lagen – und der Film so einige (auch längere) Durststrecken aufweist. Etwas problematisch, aber nicht zwingend negativ auszulegen ist auch das völlige Fehlen einer Form der filmischen Magie; wie man sie eventuell von und in einem Film wie diesem vermutet hätte. Sicher ist es angenehm  Dramen zu erleben, die ausnahmsweise mal nicht allzu kitschig inszeniert werden und analog dazu mit offensichtlichen Mitteln auf die Tränendrüse drücken – doch im Falle des regelrechten Gegenentwurfs von IS ANYBODY THERE ? könnte sich schlicht ein etwas zu gleichförmiger Eindruck einstellen. Aus dem emotionalen Vollen schöpft der Film jedenfalls nicht – und die wenigen interessanteren Zwischentöne, die vornehmlich aus der Interaktion der beiden kauzigen Hauptprotagonisten entstehen; reichen nicht aus um den Film über seine volle Laufzeit zu tragen. Jene fehlende Geschicklichkeit ist es auch, die IS ANYBODY THERE ? relativ vorhersehbar ausfallen lässt – sodass es kaum verwunderlich ist, dass auch das große Finale eher enttäuscht als eine nachhaltige Wirkung zu etablieren.

In eine ganz ähnliche Kerbe schlägt dann auch der technische Part. Immerhin, man war sichtlich bemüht möglichst authentische Bilder zu liefern – der absichtlich auf altbacken getrimmte Look, die entsprechenden Kostüme und eine insgesamt unaufgeregte Atmosphäre hätten aus IS ANYBODY THERE ? zumindest theoretisch etwas viel größeres machen können. Doch die absolut unspektakuläre Kameraführung, der eher nichtssagende Soundtrack, die fehlende künstlerische Raffinesse; und nicht zuletzt die gefühlte Lustlosigkeit der beteiligten Verantwortlichen verhindern in diesem Falle vieles.


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„Eine etwas andere, gleichzeitig aber auch etwas anstrengende und langatmige Tragikomödie.“

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