Filmkritik: „Alien: Covenant“ (2017)

Originaltitel: Alien: Covenant
Regie: Ridley Scott
Mit: Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup u.a.
Land: USA, Großbritannien
Laufzeit: ca. 126 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Science Fiction, Horror
Tags: Prometheus | Alien | Sequel | Weltraum | Isolation

Mit diesen Aliens ist nicht gut Kirschen essen.

Kurzinhalt: Eigentlich befindet sich das Forschungs- und Kolonisationsraumschiff COVENANT auf dem Weg zu einem weit entfernten Sternensystem. Ein Zwischenfall jedoch sorgt dafür, dass die Crew aus dem Kälteschlaf erwacht – und kurz darauf ein mysteriöses Notrufsignal empfängt. Da sie eine menschliche Quelle vermuten, beschließen sie der Sache auf den Grund zu gehen. Schließlich könnten sie dabei auch einen bisher durch das Suchraster gefallenen Planten finden, auf dem die Menschheit fortan leben könnte – und sich die eigentlich geplante, noch einige Jahre währende Reise sparen. Auf dem Planten jedoch erwartet die Crew vor allem eines: eine verdächtige Stille, und ein damit einhergehendes ungutes Gefühl. Weiterhin scheinen sich einige Mitglieder mit einer Art Virus zu infizieren – woraufhin die Katastrophe ihren Lauf nimmt…

Kritik: Es war einmal im Jahre 2012, als ein gewisser Ridley Scott den auf die ursprüngliche ALIEN-Filmreihe aufbauenden Science Fictioner PROMETHEUS (siehe Review) auf die Leinwände brachte – und die sich rund um die furchteinflößenden Weltraum-Monster scharende Fangemeinde regelrecht spaltete. Dabei ist dem Regisseur, der schon beim eigentlichen und mittlerweile legendären Auftakt der Reihe (ALIEN aus dem Jahre 1979, Review) maßgeblich beteiligt war; ein durchaus solider Genre-Film gelungen. Einer, der sich dabei weder vor seiner direkten Konkurrenz; noch hinter den nach Teil 2 der Reihe (ALIENS aus dem Jahre 1986, Review) folgenden Sequels verstecken musste. Schließlich konnten Teil 3 (Review) und 4 (Review) den alten Geschichten tatsächlich nichts bemerkenswertes mehr hinzufügen – und wiederholten vielmehr altbekanntes in neuen Umgebungen.

Gute 15 Jahre nach dem letzten ALIEN-Teil lag es somit allein an PROMETHEUS, für eine möglichst stimmige Wiederbelebung des Franchise zu sorgen – und das im besten Fall ohne die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Und auch wenn einige das Gegenteil behaupten, scheint das Konzept von PROMETHEUS gerade in dieser Hinsicht aufgegangen zu sein – trotz der sicher nicht gänzlich von der Hand zu weisenden Gefahr einer Entmystifizierung des Franchise. Doch da man den Zuschauern endlich wieder mehr als einen weiteren typischen ALIEN-Teil offerieren wollte, schien ein eben solches Wagnis unbedingt notwendig. Tatsächlich aber ist es Ridley Scott hoch anzurechnen, dass er die Gefahr zu viele Erklärungen zu machen weitestgehend umschiffte – und so gesehen eigentlich nur Handlungselemente aufgriff, die schon in den früheren ALIEN-Teilen angedeutet wurden.

PROMETHEUS behandelte damit nicht weniger als den Ursprung der Alien-Rasse, griff scheinbar ganz nebenbei noch die Entstehungsgeschichte der Menschheit auf (wenn auch etwas plakativ und provokant) – und ließ noch mehr als genug Fragen offen. Solche, die das Filmerlebnis zwar weniger in Richtung des typischen ALIEN-Horrors ausfallen ließen – dafür aber eine umso größere Faszination für das gesamte ALIEN-Handlungsuniversum an sich entfachen konnten. Entsprechend heiß erwartet wurde somit auch der zweite Teil des wiederbelebten Franchise, der interessanterweise nicht auf den Titel PROMETHEUS 2 horcht. Doch viel wichtiger ist das ist ohnehin die Frage, ob es ALIEN: COVENANT tatsächlich schafft die angenehme Marschrichtung seines Vorgängers beizubehalten – und auch davon abgesehen ein guter Science Fiction-Film ist.

Unglücklicherweise weicht die zu Anfang gehegte Hoffnung und die Lust auf ein gutes Sequel aber schnell einer eher ernüchternden Feststellung: ALIEN: COVENANT legt schon zu Beginn ein auffällig langatmiges Tempo vor, führt eine nicht gerade markante Charakterkonstellation ein – und scheint auch sonst ein relativ ideenarmer, unspektakulärer, ja wenn nicht gar seelenloser Science Fictioner zu sein. Gründe dafür gibt es einige, wovon sich einer besonders markant auswirkt: grundsätzlich gibt es so gut wie überhaupt keinen Fortschritt in der übergeordneten Handlung, und somit auch keine spektakulären Enthüllungen oder Andeutungen wie noch in PROMETHEUS. Eben solche, die nicht unbedingt zum Nachdenken; aber doch zu einem tieferen Eintauchen in das hiesige ALIEN-Universum einladen. Eher ist das Gegenteil der Fall: vor allem alteingesessenen ALIEN-Fans werden viele der in ALIEN: COVENANT anberaumten Elemente verdächtig bekannt vorkommen.

Dabei bleibt es fraglich, was genau sich bei Ridley Scott und den anderen Verantwortlichen abgespielt hat – denn mit einer derart enttäuschenden und sich bis ins kleinste Detail erstreckenden Misere vom Schlage eines ALIEN: COVENANT konnte wohl niemand rechnen. Sicher, grundsätzlich werden einige typische Elemente der Science Fiction bedient – in Bezug auf das Roboter-Duo David und Nathan sogar recht anschaulich und interessant, wenn auch mit der Gefahr ins dezent Lächerliche abzudriften. Einige recht ästhetische Weltraum-Aufnahmen, ein paar Kamerafahrten über fremde Planeten, eine Prise Creature-Horror und sogar einen waschechten interstellaren Genozid gibt es obendrauf – analog zu einem nicht spektakulären, aber doch grundsoliden technischen Part inklusive vieler annehmbarer CGI-Sequenzen.

Das Problem ist, dass viele dieser Elemente schon in Klassikern wie in Kubrick’s 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM (Review) behandelt wurden; und das wesentlich effektiver – und ein Film mit einem ALIEN im Titel seine Stärken hauptsächlich in anderen Bereichen suchen sollte. Gerade das ist hier aber nicht geschehen: alles, was im Sinne der Filmreihe eher als Beiwerk betrachtet werden kann (die eben genannten Aspekte beispielsweise) fallen solide aus – doch der eigentliche Kern, die eigentliche Besonderheit des Franchise verpufft fast vollständig. Natürlich ist das ärgerlich, wobei man sich nie so ganz des Gefühls erwehren kann, als sei dies so gewollt – vielleicht wurde Scott absichtlich zurückgehalten, etwa um nicht zu viel vorwegzunehmen und möglichst viele weitere Sequels zu ermöglichen. Wenn dem so wäre, könnte man immerhin die inhaltliche Stagnation nachvollziehen – wohl aber nicht einige der weiteren begangenen Fehler.

Denn: es kommt wahrlich selten vor, auch heute noch auf eine derart klischeehafte gezeichnete und kontinuierlich stumpf agierende Charakter-Riege wie die von ALIEN: COVENANT zu stoßen. Und das ist sicher nicht auf das Schauspiel der beteiligten Darsteller zurückzuführen, welches insgesamt betrachtet akzeptabel ist – sondern auf mehr als nur eine handvoll falsch getroffener Entscheidungen. Zusammenfassend könnte man auch sagen: wenn das Schicksal der Menschheit in den Händen einer Crew wie dieser läge, könnte man sich auch gleich begraben. ALIEN: COVENANT wird damit gerade in den Momenten der zwischenmenschlichen Interaktion und dem schier stupiden Handeln der meisten Protagonisten zu einer waschechten, fast schon bemitleidenswerten Lachnummer.

Schlussendlich: ALIEN:COVENANT hat weit mehr von einem ermüdenden, stellenweise sogar unfreiwillig komischen denn von einem wirklich spannenden Sequel – wobei man sich dezent an die Wirkung des vierten ALIEN-Teils erinnert fühlen könnte. Damit steht er nicht nur in einem gleichermaßen krassen wie ärgerlichen Gegensatz zu seinem erfrischenden Vorgänger – er ist auch sonst ein absolut unspektakulärer Science Fictioner, der sich zu nicht mehr als zum Vergessen eignet. Sicher ist das schade, aber: irgendwie war es in Anbetracht des immer perfideren Remake- und Sequelwahns der Marke Hollywood auch zu erwarten. Lasst sie also kommen, die nächsten Teile…


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„Noch ist Platz nach unten, aber: mit ALIEN: COVENANT beschreitet Scott einen qualitativen Abstieg von erschreckenden Ausmaßen.“

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Filmkritik: „Arrival“ (2016)

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Originaltitel: Arrival
Regie: Denis Villeneuve
Mit: Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 116 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Science Fiction
Tags: Zukunft | Aliens | Außerirdische | Kontaktaufnahme

Wenn die Antworten (nicht) auf der Hand liegen.

Kurzinhalt: Als die Erde Besuch von insgesamt zwölf außerirdischen Raumschiffen in riesiger Gesteinsform bekommt, ist das Chaos und eine groß angelegte Panik vorprogrammiert. Doch es scheint, als würden die Besucher nicht in feindlicher Absicht kommen. Immerhin verhalten sie sich ruhig, und versuchen mit den Menschen zu kommunizieren – weshalb die Regierung Colonel Weber (Forest Whitaker) beauftragt, die erfahrene Linguistin Louise Banks (Amy Adams) sowie den Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) ins Boot zu holen. Beide machen sich daraufhin mit höchst unterschiedlichen Erwartungen auf nach Montana – und landen in einem Camp, welches ganz in der Nähe des Landungsplatzes eines der schwebenden Schiffe liegt. Die ersten Kontaktversuche erweisen sich jedoch als schwierig. Hinzu kommt, dass die Regierungen anderer Länder ähnliche Projekte führen – sich aber offenbar schon für eine handfeste Auseinandersetzung rüsten. Dabei scheint sich nur Louise für die fremdartigen Wesen sensibilisieren zu können. Langsam aber sicher entwickelt sie ein Verständnis für die fremdartigen Kreaturen und ihre wahren Absichten…

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Kritik: Einer der überraschenderen Neuveröffentlichungen des Kinojahres 2016 horcht auf den Namen ARRIVAL. Das Science Fiction-Epos von Denis Villeneuve, der sich für sein Werk auf eine Kurzgeschichte des US-Amerikanischen Genre-Autors Ted Chiang gestützt hat; ist schließlich kein pompös angelegtes Effektspektakel – sondern ein eher ruhiges, atmosphärisches und in seinen besten Momenten dezent an INTERSTELLAR (zur Filmkritik) oder gar an 2001 – A SPACE ODSYSEE (zur Filmkritik) erinnerndes Werk. Und damit auch eines, welches einen vergleichsweise starken Fokus auf seine inhaltliche und stilistische Komponente legt – und nicht bei jedem Zuschauer gleichermaßen gut ankommen wird.

Tatsächlich dauert es auch einige Zeit, bis der Film vollständig an Fahrt aufnimmt. Zunächst gibt man sich eben doch eher formelhaft – und beweist mit der eindeutigen Fehlbesetzung von Forest Whitaker als Colonel Weber, sowie dem wenig aussagekräftigen Auftritt von Jeremy Renner als Ian Donelly überraschend wenig Fingerspitzengefühl. Und auch in Bezug auf den Soundtrack respektive die Soundkulisse des Films gibt es dezent störende Faktoren – an einigen Stellen legt es ARRIVAL einfach zu sehr darauf an, mit lauten akustischen Mitteln um Aufmerksamkeit zu buhlen. Das wirkt nicht selten arg prätentiös, was in einem deutlichen Gegensatz zu den allgemein eher zurückhaltenden optischen Aspekten steht. Anders gesagt: ARRIVAL sieht schlicht atemberaubend gut aus – und das auch ohne allzu dick aufzutragen.

Richtig stimmig wird das Bild aber erst, wenn ARRIVAL auch inhaltlich anzieht. Das geschieht vornehmlich im letzten Drittel, in dem die gesamte vorangegangene Handlung gehörig auf den Kopf gestellt wird – und der Zuschauer erstmals explizit dazu angehalten wird, mitzudenken. Im Mittelpunkt steht hierbei die Themen Kultur und Kommunikation, allerdings in einem etwas größeren Ausmaß als sonst üblich – sodass neben der sogenannten Sapir-Whorf-Hypothese (Wikipedia-Link) auch die Zeit als vierte und in diesem Fall nur vermeintlich unkontrollierbare Dimension eine Rolle spielen wird. Etwas schade bleibt, dass derlei Ambitionen vergleichsweise spät kommen, der Zuschauer nach einigen Durststrecken plötzlich überrumpelt wird – und der Film so insgesamt weniger rund wirkt als es eigentlich möglich gewesen wäre. Das gilt ansatzweise auch für das dezent halbgare Finale, bei dem man das Gefühl hatals bliebe der ein oder andere Aspekt auf der Strecke.

Immerhin: gerade Amy Adams überzeugt als eigentliche Hauptdarstellerin in der Rolle von Dr. Louise Banks – mit dem kleinen aber in Form einer etwas eingeschränkten emotionalen Bandbreite – und die intelligenten Denkanstöße vermögen es, den Zuschauer auch über die Laufzeit des Films hinaus zu beschäftigen. Ein zeitloser Paukenschlag der Science Fiction mag ARRIVAL zwar nicht geworden sein – doch um einen der angenehmeren Genre-Vertreter der letzten Jahre handelt es sich allemal.


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„Vergleichsweise substanzielle und hervorragend gefilmte Science Fiction speziell für Genre-Fans.“

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Filmkritik: „Midnight Special“ (2016)

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Originaltitel: Midnight Special
Regie: Jeff Nichols
Mit: Michael Shannon, Jaeden Lieberher, Joel Edgerton u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 111 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Science Fiction, Drama
Tags: Kind | Junge | Übernatürlich | Licht | Wesen | Mysteriös | Jagd

Schau mir in meine Augen, Kleiner.

Kurzinhalt: Der von seiner Frau getrennt lebende Roy (Michael Shannon) befindet sich gemeinsam mit seinem Sohn Alton (Jaeden Lieberher) auf einer Farm, deren Bewohner nach strengen religiösen Vorschriften leben. Mehr noch: offenbar glaubt ein Großteil der Gemeinde, dass der junge Alton ein ganz besonderes Kind mit speziellen Fähigkeiten ist. Mit ein Grund dafür ist ein extrem starkes Licht, welches des öfteren auf mysteriöse Weise aus seinen Augen strahlt und innerhalb einer gewissen Reichweite bestimmte Gefühle erzeugt – sowie Alton’s ebenso atemberaubende Fähigkeit, Zugang zu völlig geheimen Informationen zu erhalten. Da der hiesige Anführer der Gemeinde (Sam Shepard) Alton offenbar für seine eigenen Zwecke missbrauchen will, beschließt Roy mit seinem Sohn zu fliehen. Das gelingt ihm auch – jedoch sind ihm bald darauf nicht nur die Mitglieder der Gemeinschaft, sondern auch Spezialkräfte des FBI und der NSA auf den Fersen. Der versierte Spezialist Sevier (Adam Driver) wird zum Haupt-Verantwortlichen für den Fall, und soll mehr über Alton und seine seltsame Gaben herausfinden.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Was in erster Linie wie ein Schnäppchen-Angebot einer beliebigen Cocktail-Bar klingt, ist in Wahrheit der Titel eines brandaktuellen Mystery-Dramas aus der Feder von Jeff Nichols – einem aufstrebenden amerikanischen Drehbuchautor und Regisseur, der sich zuletzt für das Coming Of Age-Drama MUD (Review) verantwortlich zeichnete. Offenbar besitzt der Mann ein Händchen für auf den ersten Blick eher alltäglich erscheinende, bei näherem Hinsehen dann aber doch recht eigene Geschichten – sodass die Chancen, dass auch MIDNIGHT SPECIAL von seinem Fingerspitzengefühl profitieren könnte vergleichsweise gut stehen. Immerhin: wie bei MUD bringt er auch in MIDNIGHT SPECIAL einen jungen Hauptcharakter mit speziellen Eigenheiten an den Start – einen, der sich in einem zunehmend komplizierten Umfeld aus einem wachsenden Fanatismus, dem Forschungsdrang der Regierung und allerlei ungläubigem Staunen zurechtfinden muss. Trotz des übernatürlichen Story-Zusatzes und des vorgelegten Tempos ist MIDNIGHT SPECIAL aber alles andere als ein rasanter Action- oder gar Superheldenfilm – sondern vielmehr ein dramatisches Roadmovie mit Thriller-Elementen und mit einer speziellen, wenn man so will heiklen Konstellation von Charakteren. So oder so steht schnell fest: der Stoff ist ungewöhnlich, die überraschend stilvolle Inszenierung macht direkt Lust auf mehr – und MIDNIGHT SPECIAL hätte zumindest theoretisch das Zeug dazu, einer der Filme des Jahres zu werden.

Theoretisch. Der erste Dämpfer folgt jedoch sogleich, oder spätestens wenn die erste Hälfte des Films vorüber ist: MIDNIGHT SPECIAL nimmt den Zuschauer nicht wirklich an die Hand und führt ihn auf eine spannende Reise, sondern lässt ihn bis zum bitteren Ende absichtlich im Unklaren. Und das nicht unbedingt, da die Antworten auf die wichtigen Fragen des Films wenig geistreich wären – sondern schlicht, da jenes Wundern und Rätselraten an sich schon einen Großteil der Wirkung von MIDNIGHT SPECIAL ausmacht. Wenn, ja wenn man sich denn als Zuschauer darauf einlässt – und in Anbetracht der relativen Erklärungsnot nicht vorzeitig abschaltet. Immerhin: die dichte Atmosphäre des Films sollte dies eher unwahrscheinlich machen, doch wer immer neue Aha-Momente oder Enthüllungen bezüglich der Mystery-Aspekte des Films erwartet; könnte dezent enttäuscht werden. Anders gesagt: MIDNIGHT SPECIAL macht ein recht großes Aufheben um seinen Hauptcharakter, kann die somit gehegten Erwartungen (die verständlicherweise auch inhaltlicher Natur sind) aber nicht wirklich erfüllen.  Das Gefühl, dass durch Alton etwas wirklich bedeutsames oder gar die gesamte Menschheit betreffendes geschieht; entsteht jedenfalls nicht – woran auch die unterschwellig beigebrachte religiöse Symbolik inklusive eines potentiellen Verweises auf eine andere so bezeichnete Lichtgestalt (namens Jesus) nicht viel ändern können.

Neben der somit relativ wenig spannenden, künstlich hinausgezögerten Ausführung der Geschichte offenbart MIDNIGHT SPECIAL aber noch eine weitaus größere Schwäche – und die betrifft die für den Film essentiellen Charaktere. Zum einen sind hier die drei bis einstweilen vier erwachsenen Hauptprotagonisten zu nennen, die zwar noch die größte erzählerische Aufmerksamkeit bekommen – in ihren Charakterzügen aber auffallend eindimensional gezeichnet werden und in einer regelrechten emotionalen Schockstarre zu verweilen scheinen. Da hilft es auch nicht viel, dass die entsprechenden Darsteller einen guten Job respektive eine über weite Strecken niederschmetternde Miene machen; und dem Zuschauer ihre Sorgen und Nöte immer wieder einen eigentlich nicht nötigen Nachdruck verleihen. Noch ärger trifft es dann nur den vermeintlichen Hauptcharakter, oder anders gesagt den versprochenen Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Alton ist nicht wie wir, das sagt schon das Filmposter  – aber was bedeutet das genau, von seinen offensichtlichen Fähigkeiten einmal abgesehen ? Was genau in ihm vorgeht, was es bedeuteten könnte dass man wie er aus der Reihe fällt (und das ist noch eine untertriebene Formulierung) wird nicht klar oder scheint nicht wirklich von Interesse. Sicher, bei mysteriös angehauchten Filmen mit eher spektakulären Hintergrund-Ideen mag das nichts wirklich neues sein. Doch dass es ausgerechnet einen Film von Jeff Nichols trifft – von dem man eigentlich hätte erwarten können dass er spätestens nach dem rundum gelungenen MUD zu einem kleinen Charakter-Spezialisten avanciert ist – schon eher.

Was MIDNIGHT SPECIAL hauptsächlich bleibt, ist seine in gewisser Hinsicht spektakuläre Inszenierung. Eine Inszenierung, die ein wenig an die bildgewaltige Eleganz eines Opus wie INTERSTELLAR erinnert – der ebenfalls mit vergleichsweise wenig Licht, dafür aber umso prägnanteren Highlights respektive Fixpunkten versehen ist. Im Unterschied zu INTERSTELLAR spielt sich MIDNIGHT SPECIAL jedoch eher im Mikrokosmos einer einzelnen Gegend, und nicht in den Weiten des Alls ab – zu sehen gibt es hauptsächlich kleinere Waldabschnitte, verlassene Straßenzüge, ein paar Gebäude und noch viel mehr Innenansichten eben jeder Aufenthaltsorte der Protagonisten. Die düsteren Bilder sind stimmig und zeichnen eine dichte Atmosphäre, die Kamerafahrten erzeugen Spannung, der Soundtrack unterstützt die mitunter apokalyptische Atmosphäre. Eine Atmosphäre, die ausgesprochen vielversprechend ist und den Zuschauer trotz des inhaltlichen Leerlaufs vor allem zu Beginn des Films bei der Stange zu halten weiß. Umso enttäuschender ist dann natürlich, dass es bei einer Art Phantomspannung bleibt. Großes wird unterschwellig angekündigt, doch geht letztendlich zu viel ungenutzte Zeit ins Land. Und als es schon fast zu spät ist, schöpft man plötzlich aus dem Vollen; zumindest in Bezug auf die explizite Ausführung der Sci-Fi-Elemente – was sich ein wenig wie das berühmt-berüchtigte Brett vor dem Kopf anfühlt.

Fazit: MIDNIGHT SPECIAL hätte mit Leichtigkeit der Film des Jahres werden können. Doch es kommt wohl, wie es kommen musste – leider. Die finale Auflösung des Films als über die vielen Minuten immer wieder hintenan gestelltes Highlight verpufft fast vollständig, zumal die zuvor nur punktuell gegebenen Informationen bezüglich der Mystery-Elemente erstaunlich wenig Sinn ergeben und wichtige Emotionen auf der Strecke bleiben. Anders gesagt: auch wenn die Grundidee interessant gewesen sein mag, so wirkt sie in der letztendlichen Ausführung viel zu lückenhaft und beliebig konstruiert. MIDNIGHT SPECIAL enttäuscht damit vor allem auf hohem Niveau – das heißt in Bezug auf sein wahnwitziges, im Endeffekt aber leidlich verschenktes Potential, während er im Kern ein höchst solider Mystery-Thriller mit einer markanten Hauptfigur bleibt. Über die teils deutlichen Parallelen zu ET (Review) und ganz besonders auch KNOWING (Review) kann man dagegen hinwegsehen. Der letzte Wermutstropfen bleibt wohl, dass der junge und vielversprechende Nachwuchsdarsteller Jaeden Lieberher (u.a. ST VINCENT, Review) gut spielt – in Anbetracht der schlichten Rolle aber etwas unterfordert gewesen sein muss.

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„MIDNIGHT SPECIAL bleibt ein starker Thriller mit einer spannenden Grundidee und einer stilistisch ansprechenden Inszenierung. Schade ist nur, dass hier auch ganz locker ein Meisterwerk hätte entstehen können.“

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Filmkritik: „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen Der Macht“ (2015)

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Originaltitel: Star Wars: Episode VII – The Force Awakens
Regie: J.J. Abrams
Mit: Daisy Ridley, John Boyega, Adam Driver u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 135 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Sci-Fi, Action
Tags: Krieg Der Sterne | Macht | Kampf | Lichtschwert | Luke Skywalker

Die mannigfaltigen Auswüchse eines Franchise.

Kurzinhalt: Nachdem die Rebellen um Han Solo und Luke Skywalker ihre Erzfeinde Darth Vader, den dunklen Lord der Sith und damit auch das gesamte restliche Imperium ein für allemal besiegen konnten, sollte eigentlich Frieden in der Galaxis herrschen. Doch im Laufe der Jahre und Jahrzehnte kam doch alles anders: aus den Trümmern des Imperiums entstieg die sogenannte Erste Ordnung, eine ebenfalls diktatorische Organisation mit großen Zielen – und der einzig verbliebene Jedi-Ritter Luke ist verschwunden. Doch nicht alle, die in den Reihen der Ersten Ordnung stehen; folgen ihren Anführern auch bedingungslos. Ein junger Soldat (John Boyega) etwa entscheidet sich gegen die befohlenen Grausamkeiten – und desertiert. Bei seiner Flucht trifft er auf den Widerstands-Piloten Poe Dameron (Oscar Isaac), der wiederum auf der Suche nach einem Droiden mit einer sehr wichtigen Information ist. Der ging ihm bei einem Aufeinandertreffen mit einem der oberen Anführer der Neuen Ordnung, dem fiesen Schergen Kylo Ren (Adam Driver) verloren – und befindet sich seitdem in der Obhut der Schrottsammlerin Rey (Daisy Ridley). Es scheint geradezu von der Macht bestimmt, dass diese ungleichen drei Charaktere aufeinander treffen sollten – um gemeinsam nicht nur die Rebellen zu unterstützen, sondern auch den bisher verborgenen Standort von Luke Skywalker herauszufinden.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Der Gründe, das altehrwürdige STAR WARS-Franchise auch auf der großen Kinoleinwand weiterleben zu lassen, gibt es sicherlich viele. So erscheint allein das erzählerische Potential des Sci-Fi-Opus schier unerschöpflich, und könnte auch in Zukunft noch ein Garant für eine unbestimmte Anzahl von Themen-bezogenen Blockbustern ermöglichen – neben den zahlreichen anderen Veröffentlichungen wie Videospielen, TV-Formaten und vielem mehr. Wobei es immer darauf ankommt, ob der Staffelstab auch in den richtigen Händen landet – und die Qualität nicht unter der Quantität; sowie einer eventuell fehlgeleiteten Maxime der Verantwortlichen leidet. Gerade deshalb steht die Frage nach der Unantastbarkeit der Original-Trilogie respektive die nach der Notwendigkeit von immer weiteren Verfilmungen nach wie vor im Raum. Hat es einen Film wie EPISODE VII als Auftakt einer weiteren STAR WARS-Kinotrilogie wirklich noch gebraucht ?

Eine Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Zumal mit der aus EPISODE I, II und III bestehenden Trilogie schon einige Jahre zuvor ein eher bedenklicher Weg beschritten wurde – jenen drei Filmen, mit denen man analog zur weisen Voraussicht von George Lucas noch am ehesten hatte rechnen müssen. Besonders EPISODE I (Review) und EPISODE II (Review) sind dabei derart oberflächlich, kitschig und auffallend kindgerecht ausgefallen, dass böse Zungen das Ganze am liebsten mit dem Werk des Disney-Konzerns assoziiert hätten… erst mit EPISODE III (Review) hatte man die Kurve zur alten Trilogie gerade noch bekommen und einen annehmbaren, wenn nicht gar sehr guten STAR WARS-Film abgeliefert. Ohne den Kontext zu betrachten, versteht sich – die Trilogie war im Gesamten trotzdem ruiniert. Im Jahre 2015 sieht das alles ein wenig anders aus, wobei mindestens zwei Überraschungen eingetreten sind. Die eine ist, dass das böse Unken in Bezug auf Disney durch den Aufkauf von Lucasfilm Wirklichkeit geworden ist – was nicht wenige Fans schlimmes befürchten ließ. Zum anderen aber, und das ist die größere Überraschung – wirkt sich das nicht negativ auf den neuen STAR WARS-Film aus. Zumindest nicht so, wie man es gedacht hätte.

Schließlich war man offensichtlich bestrebt sich mit EPISODE VII wieder dem ureigenen Charme der Originalfilme zu nähern, und verzichtete analog dazu auch auf eine allzu kindliche Gestaltung. Und noch etwas schimmert hier und da durch: jene originelle Mischung aus der Ernsthaftigkeit einer düsteren Weltraum-Saga und der witzelnden Leichtigkeit eines turbulenten intergalaktischen Abenteuers, welche das Original einst auszeichnete. Theoretisch könnte es EPISODE VII also durchaus mit der Originaltrilogie aufnehmen – theoretisch. Dem entgegen stehen allerdings gleich eine handvoll Aspekte, die je nach persönlicher Facón mehr oder weniger schwerwiegend ausfallen können.

Zum einen wäre da die Tatsache, dass EPISODE VII alles andere als originell ausgefallen ist. Sicher ist es nur schön und gut, dass man die Fehler von EPISODE I und II nicht wiederholen und man anstatt auf allzu exotische Elemente lieber auf altbewährtes setzen wollte – doch offenbar gerät dem neuen STAR WARS-Film gerade diese Ambition zum Verhängnis. Vieles von dem, was man in dieses Mal zu Gesicht bekommt; gab es eben auch schon vorher – entweder in ähnlicher, oder aber in sehr ähnlicher Form. Ein markanter Unterschied aber bleibt: die Zeitlosigkeit, den mittlerweile entstanden Kult der alten Darstellungen konnte man verständlicherweise nicht übernehmen. Die Spannung hält sich jedenfalls in überschaubaren Grenzen – und ein wie auch immer gearteter Wow-Effekt bleibt vollständig aus. Und so avanciert auch die gewagte und charmant anmutende Entscheidung, einige der Darsteller der Original-Trilogie erneut zu verpflichten; zu einer zweiseitigen Medaille. Auch wenn es sich erzählerisch angeboten hat, fühlt es sich schlicht nicht besonders gut an das Franchise derart altern zu sehen – und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Doch bleibt es nicht bei diesem einen Problem – auch die handwerkliche und vor allem optische Gestaltungsarbeit des neuen STAR WARS-Films kann nicht durchweg überzeugen. Zwar sieht man, dass hier deutlich mehr Zeit und Arbeit investiert wurde als beispielsweise noch bei einem reinen Bluescreen-Intermezzo a’la EPISODE II – doch ob der neue, einstweilen düster-apokalyptische und gleichzeitig eher glattgeschliffene Look eines J.J. Abrams wirklich zum Franchise passt, ist eine andere Frage. Dass es weniger pompöse CGI-Sequenzen gibt als sonst üblich, hat ebenfalls nicht den vermuteten positiven Effekt. Theoretisch wäre so mehr Platz für Atmosphäre und Charakterzeichnung – aber eben nur theoretisch, man füllt diese Lücke nicht wirklich sinnig. Dafür wird man aber auch von den reinen optischen Schauwerten her gnadenlos enttäuscht – was in der heutigen Zeit von Eye-Candy und übertriebenem Bombast eher eine Seltenheit ist. Die Weltraum-Kämpfe beispielsweise wirken eher beliebig und verwechselbar, das Bild ist oft rauschig und unscharf, die wenigen Szenen mit der Nutzung der Macht oder aber den kultigen Lichtschwertern sind harmlos und prägen sich kaum ein.

Den vermutlich größten Knackpunkt aber offenbart EPISODE VII in Bezug auf seine Filmformel selbst – ob man nun die Vorgänger und baldigen Nachfolger mit einrechnet oder nicht. Im Kern handelt es sich hier um nicht mehr als einen Science Fiction-Actioner mit opulenten Bildern – und vereinzelten Elementen die irgendwie besonders erscheinen (politische Verhältnisse, Technologien sowie die sagenumwobene Macht), auf die aber nicht näher eingegangen wird. Vieles geschieht einfach, ohne dass man es hinterfragen könnte oder wollte – wobei auch der vermeintliche Zufall ein Wörtchen mitzureden hat. Dass der altehrwürdige Millenium Falcon beispielsweise ausgerechnet dort steht wo er steht, dass das Lichtschwert von Luke ausgerechnet dort liegt wo es liegt – vieles wirkt beliebig konstruiert, wenn nicht gar ärgerlich forciert (in Bezug auf das Drehbuch). Auch die eigentliche Geschichte bleibt klischeehaft und überraschungsarm, die Charaktere sind flach, vieles wird nur angedeutet aber explizit auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Beispielsweise darf man wahrlich gespannt sein auf den Grund für das Verschwinden von Luke Skywalker. Die bisherigen Andeutungen reichen jedenfalls kaum aus, um zu erklären warum er derart lethargisch auf einer Steininsel ausharrt und die gesamte Galaxie im Stich lässt.

Fazit: Der Ansatz, sich mit dem neuen STAR WARS-Film wieder deutlicher auf die alten Werte des Franchise zu besinnen; war ein guter – doch in der letztendlichen Ausführung ein dennoch enttäuschender. Zwar wird das historische Debakel von EPISODE I und II nicht wiederholt, aber mit Ruhm bekleckert haben sich die Macher ebenfalls nicht. Dafür ist der Wiederholungs-Effekt in Bezug auf so gut wie alle Elemente des Films zu groß, das Drehbuch zu konstruiert und ideenlos. Sicher hätte man keine besonders originelle oder gar revolutionäre Trilogie erwarten können – doch dass EPISODE VII auch auf eher handelsüblichen Ebenen versagt, ist eine kleine Überraschung. Die ständigen erzählerischen Zufälle, die schablonenhaften Charaktere und die regelrecht lahmen Actionsequenzen summieren sich so zu einem großen, viel zu langatmigen Ganzen. In Anbetracht dessen steht schon jetzt eines fest, auch wenn die nächsten beiden Filme der Trilogie besser werden sollten: die Originaltrilogie bleibt weiterhin die empfehlenswerteste.

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„Ein weiterer Trilogie-Auftakt über den man streiten könnte. Eines steht aber fest: EPISODE VII bleibt deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück.“

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Filmkritik: „E.T. – Der Außerirdische“ (1982)

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Originaltitel: E.T. The Extra-Terrestrial
Regie: Steven Spielberg
Mit: Henry Thomas, Drew Barrymore, Dee Wallace u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 126 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Science Fiction, Drama
Tags: Außerirdischer | Junge | Familie | Gefahr | Nach Hause

So rührend wollte noch niemand nach Hause telefonieren.

Kurzinhalt: Als eines Tages eine Gruppe Außerirdischer auf der Erde landet um zu forschen, werden sie jäh von einer handvoll auf den Plan gerufener FBI-Agenten und NASA-Wissenschaftler unterbrochen. Da die fremden Wesen vermutlich gefangengenommen wären, fliehen sie – und lassen dabei aus Versehen ihren jüngsten Spross zurück. Der flüchtet sich daraufhin in eine nahe Vorstadtsiedlung, und trifft alsbald auf den 10-jährigen Elliot (Henry Thomas). Nach dem ersten Schreck scheinen sich die beiden tatsächlich anzufreunden – woraufhin Elliot den Außerirdischen auf den Namen E.T. tauft. Auch stellt er ihn seinen Geschwistern vor, die zunächst verdutzt reagieren – sich aber ebenfalls schnell mit der liebenswerten Kreatur anfreunden. Die stellt sich schnell als echter Vielfraß heraus, sodass die Küche und die hiesigen Kinderzimmer des öfteren auf den Kopf gestellt werden – und doch schaffen es die Kinder, ihn vor ihrer Mutter zu verbergen. Nach und nach lernt E.T. sogar die menschliche Sprache, woraufhin er einen besonderen Wunsch äußert: er will nach Hause telefonieren, und wieder mit seinen Eltern vereint werden. Problematisch ist nur, dass die Wissenschaftler dem Wesen bereits auf den Fersen sind – und so ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Es war einmal im Jahre 1982, als ein vielversprechender Nachwuchs-Regisseur E.T. ins Rennen schickte – die Geschichte um ein seltsames außerirdisches Wesen, das sich mit dem jungen Elliot (Henry Thomas) anfreundet. Einige Millionen Zuschauer, 4 Oscars und mehr als drei Jahrzehnte später ist die eigentlich von Drehbuchautorin Melissa Mathison (DER SCHWARZE HENGST, DER INDIANER IM KÜCHENSCHRANK) erdachte Geschichte noch immer in aller Munde – und Regisseur Spielberg längst eine Hollywood-Legende. Eine einstweilen umstrittene, das bleibt kaum aus – doch in jedem Fall war die frühere Schaffensperiode des Amerikaners von so manchem auch heute noch gern gesehenen Highlight gekennzeichnet. Nach dem WEISSEN HAI, UNHEIMLICHE BEGEGNUNGEN DER DRITTEN ART und dem ersten INDIANA JONES sollte E.T. der erste waschechte Familienfilm der bunten Filmografie Spielberg’s sein – einer, der im Laufe der Jahre und Jahrzehnte andere Filmemacher nicht von ungefähr inspirierte (siehe zum Beispiel JOEY oder DER FLUG DES NAVIGATORS). Doch selbst wenn man den mittlerweile in Stein gemeißelten Kultstatus des Films einmal gedanklich außen vor lässt, so finden sich mindestens drei Gründe warum er als Kinder- respektive Familienfilm brillant funktioniert und angenehm zeitlos wirkt. Ob nun in der Originalen, oder anlässlich des 20sten Jubiläums digital überarbeiteten Fassung.

Der erste Grund, oder auch die erste markante Stärke von E.T. liegt wohl in seiner gelungenen Art der Inszenierung; und damit auch der erzielten Gesamtwirkung. Spielberg hat es schließlich geschafft die Geschichte sowohl jüngeren Zuschauern zumuten zu können, als auch ältere zu begeistern. Und somit im besten Fall genau das abzuliefern, was auch angedacht war – eine generationsübergreifende Familienunterhaltung. Anders und in Gegensätzen gesagt: E.T. ist für ein jüngeres Publikum geeignet, und das ganz ohne die erwachsenen Mitseher durch eine zu simple oder gar infantile Machart zu vergrätzen. Der Zweite Grund für die zeitlose, intensive und verträumte Wirkung ist in Falle von E.T. ein regelrechtes Doppel-Feature – und wird durch die Rolle des jungen Elliot und dessen Darsteller Henry Thomas begründet. Zweifelsohne handelt es sich um eine sympathische, durch und durch glaubwürdige Rolle, die dazu noch die perfekte Identifikationsmöglichkeit für jüngere Zuschauer offeriert – und die durch den damals erst 10-jährigen Schauspieler respektabel verkörpert wurde. Der dritte Hauptgrund für das Funktionieren von E.T. als Familienfilm mit allerhand sehenswerten Elementen ist dann schlicht in der überragenden Cinematographie zu suchen und zu finden: Spielberg ließ hier eher ruhige Bilder für sich sprechen, verzichtete auf hektische Schnitte oder allzu drastisch-künstliche Effekte – sodass bereits das erste Aufeinandertreffen von Elliot und E.T. denkwürdig ausfällt und die eher behutsame Erzählweise unterstreicht.

Abgesehen davon vermag es E.T. auch in so gut wie allen anderen Bereichen zu überzeugen – und sei es in Bezug auf die gelungene Maskenarbeit. Markant: E.T. sieht grundsätzlich eher fremdartig und dezent gruselig aus; was zu einer der vielen quasi nebenbei präsentierten Botschaften des Films führt: der erste Eindruck (der in diesem Fall gar von dem ein oder anderen Angst-Schrei garniert wird) kann täuschen. Der Soundtrack stammt von John Williams und entzündet eine seltsame Mischung aus Bombast und Emotionen – die aber gut funktioniert, und nur in vereinzelten Szenen etwas zu dick aufgetragen wirkt. Das gilt teilweise auch für die wohl kritischste Rolle des Films, die von Gertie – die von einer noch sehr jungen Drew Barrymore verkörpert wird. Hierbei kann man sich kaum des Gefühls erwehren, als sei vieles explizit auf eine gewisse kindliche Niedlichkeit getrimmt – die in Anbetracht der einstweilen zu abgebrühten Sprüche schlicht wenig glaubwürdig wirkt und so dezent im Gegensatz zum handfesten Porträt von Elliot steht.

Was bleibt, ist die eigentliche Geschichte – die im Endeffekt zwar nicht sonderlich überraschend ausfällt, dafür aber alles hat was ein guter Kinderfilm braucht. Und sogar noch etwas mehr – schließlich stehen den schon eher üblichen Elementen wie der Selbsterkenntnis, der grenzenlosen Freundschaft oder der Bereitschaft für andere einzustehen noch die Aspekte der Science Fiction zur Seite. Die sollten dann zwar tatsächlich nur jüngere begeistern – doch allein die berühmten Fahrrad-Flugszenen vor der Kulisse des Vollmondes oder die Darstellung des Raumschiffes gegen Ende sollten jedem in Erinnerung bleiben. Ein Film, der den Spagat zwischen kindgerechter Erzählweise und; man nenne sie einmal Bonus-Elementen für Erwachsene noch besser hinbekommen hat war der spätere FLUG DES NAVIGATORS (Review). Doch irgendwer musste es schließlich erst vormachen – was die Wichtigkeit von E.T. nochmals unterstreicht.

Fazit: E.T – der Außerirdische, oder: wie schreibt man Filmgeschichte. Stephen Spielbergs‘ frühes Werk schafft den Spagat zwischen dem (Sparten-)Dasein als reiner Kinderfilm und einer generationsübergreifenden, so gut wie jeden begeisternden Familienunterhaltung. Auch wenn das Szenario einstweilen fantastisch und dezent abgehoben erscheint, so wartet der Film mit eher bodenständigen Kernaussagen auf – die auch die kleinsten verstehen sollten; und die es im besten Fall vermögen die Erwachsenen zu Tränen zu rühren. Inszenatorisch und handwerklich macht E.T. alles richtig – von der behutsamen Art der Kameraführung über die gelungene Kulissen- und Maskenarbeit bis hin zu den starken und rundum sympathischen Charakteren gibt es nichts zu mäkeln. Grundsätzlich könnte man E.T. ’nur‘ als ausgezeichneten Film mit kleineren Schwächen betrachten – doch sein wegweisender Status und die gut zu beobachtende Tatsache, dass er viele andere Genre-Werke beeinflusste führen unweigerlich dazu; dass er sich den Status eines zeitlosen Meisterwerkes verdient hat.

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„E.T. ist abenteuerlich, spannend und fantastisch – aber auch angenehm ungekünstelt, ehrlich und rührend. Ein Zeitloser, wichtiger Kinder- und Familienfilm.“

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