Filmkritik: „Herr Der Fliegen“ (1990)

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Originaltitel: Lord Of The Flies
Regie: Harry Hook
Mit: Balthazar Getty, Danuel Pipoly, Edward Taft u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Abenteuer, Drama
Tags: Ausflug | Absturz | Einsame Insel | Kinder | Überleben

Der HERR DER FLIEGEN will es noch einmal wissen.

Kurzinhalt: Nach einem Flugzeugabsturz gelangt eine Gruppe von jungen Militär-Kadetten auf eine einsame Insel mitten im Nirgendwo – und muss sich ganz ohne die Hilfe von Erwachsenen zurechtfinden. Zwar hat einer der Piloten überlebt, doch ist er den Kindern aufgrund seiner Verletzung keine große Hilfe. So versuchen sich die Kinder, mit der im besten Fall nur temporären Ausnahme-Situation zu arrangieren – und erste Regeln für ein gerechtes Zusammenleben aufzustellen. Doch obwohl die Kinder gerade in dieser Situation zusammenhalten sollten, zeichnet sich alsbald ein Konkurrenzkampf ab: der erfahrene und grundsätzlich besonnene Ralph (Balthazar Getty) wird immer wieder vom jüngeren Jack (Chris Furrh) herausgefordert. Der gründet bald darauf eine eigene kleine Splittergruppe – und streift fortan als Jäger über die Insel. Doch was zunächst nur der Nahrungsbeschaffung dienen sollte, wandelt sich nach und nach in einen echten Überlebenskampf für alle Beteiligten.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Bei der vorliegenden 1990’er Fassung von HERR DER FLIEGEN handelt es sich bereits um die zweite offizielle Verfilmung des Buchstoffes von William Golding. Die erste stammt aus dem Jahre 1963, ist etwas altehrwürdiger – und wurde noch komplett in Schwarzweiß gedreht (siehe Filmkritik). Und obwohl bereits diese ursprüngliche Fassung eine zeitlose, gute und zudem keinen bis kaum Verbesserungsbedarf anmeldende war; hat man sich gute 27 Jahre später doch noch für eine Neuverfilmung entschieden – mit der Folge einer entsprechend gespaltenen Zuschauergemeinde. Immerhin hat sich das Team um Regisseur Harry Hook (der bis dahin nur mit einem einzigen Film in Erscheinung getreten war) wie zuvor schon Peter Brook relativ streng an die Buchvorlage gehalten – sodass die inhaltlichen Unterschiede der beiden Versionen überschaubar bleiben. Markantere Unterschiede finden sich daher vor allem in Bezug auf den Cast – und die handwerklichen Aspekte, die die einsame Insel nun erstmals in Farbe erstrahlen lassen und auch einige geschickt platzierte Zeitlupen-Effekte vorsehen.

Dennoch gibt es hie und da auch inhaltliche respektive inszenatorische Abweichungen – die sich zunächst nur in einem eher kleinen Rahmen bemerkbar machen; aber letztendlich doch eine immense Wirkung auf den Film im gesamten haben können. Da wäre zum Beispiel die Tatsache, dass die 1990’er Version keine klassischen Schul- oder Chorjungen mehr porträtiert – sondern eine Gruppe Kinder aus einer Art Militärakademie. Analog dazu wird auch nicht mehr das im Original vieldeutige Kyrie gesungen und als Teil des Soundtracks genutzt. Bereits eine kleine Änderung wie diese kann zu gänzlich anderen Assoziationen führen. In diesem Falle vornehmlich weniger zweckdienlichen – da man beispielsweise automatisch davon ausgeht, dass diese Kinder andere Voraussetzungen haben in der Wildnis zu überleben.

Gelangt man zu den Umständen des Absturzes, werden ebenfalls nur angedeutete Informationen gegeben wie im Original – doch hat in der 1990’er Version überraschenderweise einer der Piloten überlebt. Wer allerdings davon ausgeht, dass sich das markant auf das Verhalten der Kinder auswirken müsste täuscht sich – im Endeffekt ändert sich nicht viel, zumal der Pilot schwer verwundet ist und die Kinder so gesehen weiterhin alleine über die Insel herrschen. Was genau diese Änderung zu bedeuten hat, wird es später offenbar – nämlich dann, wenn man jenem Piloten einen letzten denkwürdigen Auftritt beschert und ihn zum Monster der Insel macht. Jenes letztendlich nicht durch eine einzelne Person vertretene Monster hatte als Manifestation der Angstgefühle schon im Original eine große Bedeutung. Doch wie sich nunmehr zeigt, war die Art der Darstellung hier eine wesentlich subtilere, stilvollere – und somit auch dezent wirkungsvollere.

Ein weiterer, und gleichzeitig auch der letzte gravierende Unterschied findet sich in Bezug auf den Tod des Charakters Simon – eine der Schlüsselszenen des Originalfilms. Auch hier gilt: wieder weiß das Original zu überzeugen, vor allem in der Retrospektive. Hier wurden die Ereignisse als Folge eines gegenseitigen Aufstachelns im schwachen Licht eines Lagerfeuers dargestellt; während die Neuverfilmung erst gar nicht die Vermutung aufkommen lässt, dass es sich um einen Irrtum gehandelt haben könnte. Die Folge; mit der der Bogen zur eher militaristischen Darstellung der Kinder geschlagen wird, ist die einer schnelleren und noch offensichtlicheren Verwandlung der Kinder – die bereits nach kurzer Zeit nicht vor einem Mord zurückschrecken. Wenn man so will könnte man auch von einer Holzhammermethode sprechen – das Original ging hier deutlich geschickter vor, und ließ den Zuschauer zunächst anhand von subtilen Stimmung das Ausmaß des Schreckens begreifen.

Doch hat die Neuverfilmung auch Vorzüge – die sich allerdings hauptsächlich auf die technischen Aspekte beziehen. Zum einen ist es angenehm, die Insel in Farbe und damit automatisch auch etwas greifbarer zu erleben; was im Zusammenspiel mit den etwas großzügigeren Kameraschwenks und den gefühlt etwas erweiterten Schauplätzen auf der Insel zu einer intensiven Film-Erfahrung führt. Eher überraschend ist, dass auch die Zeitlupeneffekte ihren Zweck ganz und gar nicht verfehlen und dem Film keinen künstlich-modernen Anstrich verliehen. Im Gegenteil: in den zwei entscheidenden Momenten in denen sie eingesetzt werden, sind sie schlicht beeindruckend – und untermauern das inhaltlich bereits angedeutete. In Bezug auf die Leistungen der Darsteller und den Soundtrack gibt es verständlicherweise weitere Unterschiede – doch vom letztendlich erzielten Eindruck nehmen sich Original und Neuverfilmung hier nicht viel.

Fazit: Wie auch immer man generell zu Neuverfilmungen stehen mag – voreilige Schlüsse in Bezug auf entsprechende Werke zu ziehen scheint nur selten ratsam. Schließlich kann es sich trotz aller Bedenken lohnen, sowohl dem Original als auch der Neuverfilmung eine Chance zu geben. Und sie vielleicht auch unabhängig voneinander zu betrachten – wie bei den beiden Versionen von HERR DER FLIEGEN. Im Grunde hätte man der sehr guten Originalversion von 1963 nichts hinzufügen brauchen – und doch wirkt die Neuverfilmung alles andere als lieblos oder so, als wäre sie aus weniger ehrenwerten Gründen realisiert worden. Sicher bleibt es hier vor allem bei den technisch-handwerklichen Vorzügen, während der Inhalt zumeist deckungsgleich bleibt – mit Ausnahme einiger Entscheidungen, die man vielleicht anders hätte treffen sollen. Anders gesagt: die Neuverfilmung ist keinesfalls besser als das Original; die angewandte Holzhammermethode und Vereinfachung in Bezug auf die zu entdeckenden Kernelemente nicht immer angenehm – und doch fühlt sich die 1990’er Version des Films nicht an, als könnte oder sollte man gänzlich auf sie verzichten. Nur wenn man sich für ausschließlich eine Fassung entscheiden müsste, dann sollte die Wahl vielleicht doch eher auf das Original fallen.

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„Über den Sinn oder Unsinn dieser Neuverfilmung lässt sich streiten – doch auch diese Version des klassischen Buchstoffes ist über weite Strecken gelungen.“

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