Filmkritik: „Mein Nachbar Totoro“ (1988, Studio Ghibli #2)

Originaltitel: Tonari No Totoro
Regie: Hayao Miyazaki
Mit: /
Laufzeit: 86 Minuten
Land: Japan
Genre: Animationsfilm

Inhalt: Das 10-jährige Mädchen Satsuki zieht mit ihrem Vater und ihrer kleinen Schwester Mei in das idyllische Umland von Tokio, damit die Familie näher am Aufenthaltsort ihrer Mutter wohnen kann. Die ist leider krank und liegt in einem nahe gelegenen, ländlichen Krankenhaus um sich auszukurieren. Das neue Haus der Familie wirkt auf den ersten Blick eher baufällig und ein wenig heruntergekommen – so liegt besonders für die Kinder die Vermutung nahe, dass hier mit hoher Wahrscheinlichkeit Geister ihr Unwesen treiben müssten. Doch die ersten Ängste sind schnell spielerisch überwunden, und man lebt sich so gut es geht ein. Während Satsuki schnell eine gleichaltrige Freundin findet, geht ihre kleine Schwester erst einmal alleine auf Entdeckungsreise in der sagenhaft schönen Natur. Dabei stösst sie unerwartet auf merkwürdige Wesen, erst 2 kleine – und dann das vermutliche „Oberhaupt“ der Familie, eine riesige Plüschgestalt namens Totoro. Die Wesen sind offenbar freundlich gesinnt, und auch Satsuki würde die Bande bald kennenlernen. Als Mei eines Tages spontan und alleine zu ihrer Mutter ins Krankenhaus laufen möchte, verläuft sie sich – und versetzt das ganze kleine Dorf in Aufruhr. Es scheint, als ob jetzt nur noch Totoro helfen könnte… zusammen mit ihm, und einer schelmisch grinsenden Buskatze – macht sich Satsuki voller Sorge auf, um ihre Schwester zu finden und zu retten.

Kritik: Mein Nachbar Totoro ist einer dieser Animationsfilme, der in seinem Entstehungsland (Japan) längst einen enormen Kultstatus genießt, und sich besonders bei Kindern größter Beleibtheit erfreut. Aber auch hierzulande ist der 1988 erstmals veröffentlichte, charmante Film nicht gänzlich unbekannt: schließlich entstammt er der Schmiede eines der berühmtesten Animationsstudios überhaupt, dem Studio Ghibli – und ausserdem führte Anime-Altmeister Hayao Miyazaki höchstselbst Regie. Nach Nausicaä Aus Dem Tal Der Winde und Das Schloss Im Himmel sollte dies seine dritte, groß angelegte Kino-Produktion sein – heute weiss man, dass noch viele weitere folgten und dass gerade diese ersten 3 Werke den Grundstein für seine weitere Laufbahn legten. Dementsprechend „wissbegierig“ in Bezug auf seine früheren Werke zeigen sich also Fans, die beispielsweise erst mit dem überaus bekannten Chihiros Reise Ins Zauberland in seine Filmografie eingestiegen sind – und die bisherigen Wertungen auf diesem Blog (Nausicaä 10/10, Das Schloss… 9/10) zeigen, dass dies auch nicht von ungefähr kommt. Nach den ersten beiden geradezu epischen Werken, die sich an vielerlei Genres bedienten, folgte mit Mein Nachbar Totoro nun der erste explizite Film für jüngere Zuschauer. Doch auch hier wird der Begriff Abenteuer ganz groß geschrieben: zwar findet nun keine groß angelegte Odyssee der Protagonisten wie noch beim Schloss Im Himmel statt – dafür kann man als Zuschauer den Erlebnissen der beiden Kinder Satsuki und Mei beiwohnen, für die es viel zu entdecken gibt. Das besondere hierbei ist: den „Faktor Totoro“ gibt es quasi noch obendrauf, im Grunde wäre die Geschichte auch ohne ihn eine einfühlsame, tragisch-komische Familiengeschichte in der es sich um ganz grundsätzliche, und damit absolut zeitlose und wichtige Werte dreht.

Das sind Dinge wie der Zusammenhalt innerhalb einer Familie, aber auch ganz generell wird den (jüngeren) Zuschauern eine Vorstellung vermittelt, was „richtig“ und was eher „falsch“ sein könnte – diese Pädagogikansätze werden dabei niemals mit der besonders im Westen berühmt-berüchtigten Holzhammermethode präsentiert, sondern schwingen behutsam zischen den Zeilen mit. Im großen und Ganzen ist der Film ein unterhaltsamer, stellenweise lustiger Film geworden, der durch den ersten Hintergrund (der kranken Mutter) jedoch ein zusätzliches Spannungs- und Dramapotential erhält. Nicht, weil man sich als Zuschauer zwingend fragen muss ob die Mutter die Krankheitsphase übersteht – sondern weil die entstehende Spannung darauf beruht, wie die Kinder mit der für sie schwierigen Situation umgehen. An dieser Stelle kommt dann auch Totoro ins Spiel, der einen durchaus zwiespältigen Eindruck erwecken kann – ein wenig zum fürchten ist er ja, besonders da er nicht sprechen kann und man nur erahnt, was er mit seinen brachialen Lauten die er des öfteren von sich gibt, bewerkstelligen kann. Doch diesem Faktor der Furcht (auf die jüngsten Zuschauer bezogen) wirkte man mit einem einfachen Stilmittel entgegen – indem die kleine Mei mit Totoro in Berührung kommt und sich äusserst tapfer zeigt, bekommt das Kinopublikum hier eine entsprechende Identifikationsfigur geboten. So fällt der Film äusserst kindgerecht aus, und kann bedenkenlos im Kreise eines Familien-Fernsehabends geschaut werden.

Mein Nachbar Totoro ist ein überdurchschnittlicher guter Anime – und das besonders für Kinder. Erwachsene Anime-Fans werden aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls begeistert sein, und auch die ein oder andere altersunabhängige Emotion sollte überschwappen – und sei es ein kleines Schmunzeln in Anbetracht des „knuffigen“ Designs der Plüschwesen. Heute weiss man, dass es schon damals Zweifler gab, die Miyazaki keine finanzielle Unterstützung ob der großen Scheiterungsgefahr zusagen wollten – dass sie Unrecht behalten sollten, zeigte sich (glücklicherweise) alsbald. Denn als das vermarktet was er ist – ein herzerweichender Kinderfilm – musste Mein Nachbar Totoro einfach erfolgreich werden. Jedoch muss man zwischen diesem Film und Miyazaki’s früheren und späteren Werken differenzieren – ganz so universell und bedeutsam ist er einfach nicht geworden – nicht zuletzt durch die eingeschränkte Zielgruppe. Während Das Schloss Im Himmel noch ein wenig von allem hatte und als generationsübergreifendes Abenteuer-Filmfest gefeiert werden konnte, bietet Mein Nachbar Totoro nun wesentlich mehr offensichtliche Highlights für Kinder, die bei Erwachsenen nicht immer zünden werden. So hat man durch den Charakter Mei zwar eine gute Identifikationsfigur für die jüngeren geschaffen, gleichzeitig aber auch eine Art potentiellen Nerv-Faktor für ältere: selbst wenn man kein Kinderhasser ist, fällt einem die reichlich quengelige Synchronisation des Mädchens auf, sowie das hier stark (oder: übertrieben ?) in Szene gesetzte, natürliche Verhalten einer vierjährigen. Da eifert man eben schon mal die große Schwester nach, und möchte am liebsten so sein wie sie – doch diese Tatsache wird in Mein Nachbar Totoro wahrlich enorm stark ausgereizt.

Die Totoro’s erlauben den größten Interpretationsspielraum am und im Film – als Zuschauer hat man quasi die Wahl, ob es sich dabei um reine Produkte der kindlichen Fantasie, oder aber vielleicht doch um eine Art freundliche Waldgeister handeln könnte, die von den Menschen (Kinder ausgenommen) unbemerkt ihr mysteriöses Handwerk verrichten – zum Wohle der Natur. Das ist nur gut so, und zeigt Miyazaki’s Fingerspitzengefühl für behutsam inszenierte Szenarien, bei denen Kinder und deren Fantasie stets eine große Rolle spielen. Schließlich stehen den Imaginationen oftmals ernste Gegenpole in der definitiven Wirklichkeit gegenüber, in diesem Falle die kranke Mutter; was ein stimmig-emotionales Wechselspiel erst möglich macht. Eine der größten Stärken des Films ist sicherlich der technisch-zeichnerische Aspekt: selten dufte man so stimmige Hintergründe, viele liebevolle Details und eine starke Präsenz der Natur in einem Anime bewundern. Viele einzelne Szenen könnte man so direkt aus dem Film auf eine Postkarte oder ein Poster bannen – stets würde sich eine stimmungsvolle, farbenfrohe und detailreiche Momentaufnahme ergeben. Auch der Soundtrack geht in die selbe, emotional-kultige Richtung, sei es in den behutsamen Tönen im Film, oder aber festzumachen am netten Intro- und Outrosong (auch in der deutschen Version im japanischen belassen – gut !).

Fazit: Für die Japaner längst unanfechtbarer Kult, für (jüngere) Kinder eine spannende Reise und ein einfühlsames Porträt von wichtigen Coming-Of-Age Faktoren, für Fans des Animegenres und von Hayao Miyazaki ohnehin ein absolutes Muss. Gleichzeitig ist Mein Nachbar Totoro eine Ode an viele Dinge: die Kindheit selbst, die Fantasie, die Natur, ein generationsübergreifendes Miteinander… kurzum, man kann ihn bedenkenlos empfehlen. An wahrhaft epische Meisterwerke wie Nausicaä Aus Dem Tal Der Winde oder Das Schloss Im Himmel reicht er, auch wenn ein Vergleich nicht wirklich möglich ist (generell eine etwas ältere Zielgruppe), aber nicht heran.

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Ein Gedanke zu “Filmkritik: „Mein Nachbar Totoro“ (1988, Studio Ghibli #2)

  1. In der Tat zeigt Super-RTL dieser Tage einige äusserst gute Animes im Abendprogramm – so wie auch Mein Nachbar Totoro und weitere (Meister-)Werke des Studio Ghibli. Einschalten lohnt sich.

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