Filmkritik: „Chihiros Reise Ins Zauberland“ (2001, Studio Ghibli #12)

Originaltitel: Sen To Chihiro No Kamikakushi
Regie: Hayao Miyazaki
Mit: /
Laufzeit: 122 Minuten
Land: Japan
Genre: Animationsfilm

Inhalt: Chihiro ist ein kleines Mädchen, welches mit ihren Eltern gerade auf dem Weg zu ihrem neuen Wohnort unterwegs ist. Sie ist über den Umzug jedoch nicht sonderlich begeistert, und zeigt sich entsprechend quengelig und lustlos. Kurz vor der Ankunft entscheidet sich der Vater, einen anderen Weg als den ursprünglich geplanten zu nehmen – und vor einer Art Schrein mitten im Wald Halt zu machen. Um sich ein wenig die Beine zu vertreten, erkundet die Familie die Gegend – Chihiro folgt nur widerwillig. Sie durchschreiten eine Art Tunnel, der zu einem unberührt wirkenden Tal führt. Sie schauen sich weiter um, entdecken eine verlassene, kleine Stadt – wobei die Eltern plötzlich einen angenehmen Duft vernehmen. Sie entdecken einen reich gedeckten Tisch und bedienen sich mit dem Gedanken, später immer noch zahlen zu können sollte der Wirt auftauchen. Chihiro aber hat keinen Appetit und streunert über eine Brücke – wo plötzlich ein Junge namens Haku auftaucht. Der scheint in Eile zu sein, hat aber noch Zeit eine Warnung auszusprechen: Chihiro solle so schnell wie möglich weg von diesem Ort ! Doch dann ist es auch schon passiert: ihre Eltern sitzen zwar immer am gedeckten Tisch, doch sie haben sich in Schweine verwandelt. Es wird deutlich: Chihiro ist nicht mehr in der ihr bekannten Welt.

Kritik: Und genau damit beginnt das große Abenteuer… welches man grundsätzlich weniger gut beschreiben kann. Chihiros Reise ist einer der besseren japanischen Animationsfilme (im übrigen kein Wunder, mit einem Regisseur wie Hayao Miyazaki), den man einfach sehen; ja: erleben muss um sich einen Eindruck zu verschaffen. Dennoch soll es an dieser Stelle versucht werden, um möglichen Interessenten eine Meinung zu bieten, oder anderen eine (Meinungs-)Vergleichsmöglichkeit zu schaffen. So ist die Welt, in die der Zuschauer hier mitgenommen wird, unendlich bunt, fantasievoll – und wimmelt nur so von Leben. Allerdings keinem üblichen: seien es Geister, Götter, oder andere „Zwischenwesen“ in allen Formen, Farben und Größen – das Ganze gleicht einem großen Karnevalsfestzug. Auch die Landschaften, beziehungsweise viel eher das Hauptgebäude – eine Art riesiges Badehaus – strotzen nur so vor Prunk und allgemeiner Wuselei. Und vor allem noch etwas anderem: Detailverliebtheit. Es ist einfach unglaublich, wieviel Schweiss und Herzblut hier investiert wurde – beinahe jede einzelne Szene ist ein (erst einmal optisches) Highlight für sich. Auch die vielen verschiedenen Charaktere, die sich in einige wenige „Hauptfiguren“ und unendlich viele anderen Kreaturen gliedern, wissen zu faszinieren.

Aber eben nicht nur in optischer Hinsicht – denn das was aufgrund der versierten technischen Arbeiten an diesen Animationsfilm nach Leben aussieht, lebt auch tatsächlich. Das heisst: im Gegensatz zu anderen, eventuell auch speziell gewissen Hollywood-Pendanten, sind die Charaktere hier nicht einfach nur gut oder böse. Dieses Schwarz-Weiss Schema lässt sich auf Chihiros Reise einfach nicht anwenden – man weiss eigentlich nie so genau, woran man nun ist, vor allem zu Beginn des Films. Mal wirken besonders die tierähnlichen Wesen einfach nur niedlich oder putzig, und ein anderes Mal fürchtet man sich gar vor ihnen – wobei Furcht auch ein vielleicht wichtiges Stichwort ist. Der Film rangiert zwar offiziell als Kinderfilm, doch das ist er nur bedingt – nämlich für etwas ältere Kinder. Das „wahnwitzige Puppenhaus“ wartet nämlich auch mit einigen besonders fiesen Gestalten auf, obwohl, wie gesagt- das „reine Böse“ gibt es nicht – aber die Darstellung mancher „Gewohnheiten“ dieser Wesen definitiv nichts für jüngere Kinder. Die werden sich vielleicht etwas mehr als erwünscht gruseln – gerade auch bei den beiden Hexen, von denen die eine doch recht „fies“ und furchteinflößend daherkommt. Doch auch dieser Charakter befindet sich in einem stetigen Wandel – gerade durch den Einfluss der erwachsen werdenden Chihiro.

Erwachsen werden – ein weiteres, essentielles Stichwort in Chihiros Reise. Denn die hier präsentierte „Fantasiewelt“ steht als Sinnbild für neues, für Veränderungen – wie eben auch der Umzug, dem Chihiro eher abgeneigt gegenübersteht. Als Kind hat sie jedoch nicht viel zu melden – und muss lernen, sich entweder der Situation anzupassen, oder: aus der jeweiligen, neuen Situation das Beste zu machen. Veränderungen gehören zum Leben dazu – eine wichtige Erfahrung auf dem Weg ins Erwachsenendasein. Und dieser Film porträtiert gerade diesen Fakt sehr geschickt, und niemals zu aufdringlich oder offensichtlich. Zugegeben, der Beginn in den Film könnte sich als etwas zäh erweisen – doch ist man erst einmal „mittendrin“ im Geschehen (und der Fantasiewelt), lässt sie einen nicht mehr los. Zu ambivalent sind die Charaktere, zu ambivalent ist, ja: die Fantasiewelt im Gesamten. Und ein kleines, erst hilfloses Mädchen fasst immer mehr Selbstvertrauen, gewinnt neue Freunde – und „leuchtet“ dabei geradezu, als Sinnbild für die Kinder, vielleicht sogar die Menschheit (natürlich nur im übertragenen Sinne). Chihiros Reise ist ein faszinierendes Abenteuer, welches gerade zum Ende hin immer emotionaler wird.

Fazit: Chihiros Reise ist eine wunderbare Alternative zu Märchen wie Alice Im Wunderland – inhaltlich geht es sogar sehr, sehr ähnlich zu (2 Hexenschwestern, ein Mädchen als „Heldin“). Doch allein von der Aufmachung, dem Soundtrack und der speziellen Anime-Magie hier hebt sich der Film dann doch noch merklich ab. Eine Höchstwertung erreicht der Film ganz knapp nicht – dies liegt an der schwierigen Genre-Zuordnung. Er weiss sowohl (ältere) Kinder als auch Erwachsene zu faszinieren – für jüngere Kinder ist er aber zu gruselig und ein klein wenig zu… ja, abgedreht; und Erwachsene könnten sich, gerade im Vergleich mit anderen Werken des Regisseurs – an einer nicht ganz so ausgeprägten „Universalbedeutung“ oder fehlender inhaltlicher Komplexität (beispielsweise überraschende Twists) stören. Allerdings auch nicht wirklich: denn erzählerische Tiefe bietet Chihiros Reise im Grunde genug, und das jeweils adäquat für (fast) alle Altersklassen. Eine definitive Empfehlung !

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