Filmkritik: „Life Of Pi – Schiffbruch Mit Tiger“ (2012)

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Originaltitel: Life Of Pi
Regie: Ang Lee
Mit: Suraj Sharma, Irrfan Khan, Adil Hussain u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 125 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Abenteuer / Drama
Tags: Schiffbruch | Unglück | Tiger | Zoo | Indien | Einsam | Rettung | Glaube

Schiffbruch einmal anders.

Kurzinhalt: Wie alle Teenager in seinem Alter geht Pi Patel (Suraj Sharma) als Sohn eines indischen Zirkusdirektors durch so manch interessante Lebensphase. Dabei ist Pi ein besonders vielseitig interessierter Mensch, der gleich mehrere Religionen zugleich angenommen hat und immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen ist. Dass eine weitere große schon sehr bald anstehen würde, damit hätte er allerdings nicht gerechnet: sein Vater beschließt aufgrund von wenig rosigen Zukunftsaussichten die Tiere seines Zoos zu verkaufen, und mit dem Erlös ein neues Leben in Kanada zu beginnen. Pi, der sich gerade frisch verliebt hat; fügt sich der Entscheidung seines Vaters – er will weiterhin bei seiner Familie bleiben und sie so gut es nur geht unterstützen. Bald darauf finden sich alle Familienmitglieder an Bord eines Ozeandampfers wieder, auf dem auch die zahlreichen Tiere untergebracht sind. Doch kurz nachdem das Schiff in See gestochen ist, wird es mit einem heftigen Sturm konfrontiert – sodass es kentert und so gut wie alle Passagiere und auch Tiere mit in die tiefe reißt. Nicht jedoch Pi, der auf ein kleines Rettungsboot gestoßen wird. Offenbar scheint es sonst niemand geschafft zu haben – mit Ausnahme eines bengalischen Tigers, der auf den Namen Richard Parker hört. Das ungewöhnliche Duo muss daraufhin den zahlreichen Gefahren der offenen See trotzen – und sich auch untereinander arrangieren, was in Anbetracht des Hungers und der Wildheit des Tigers sicher nicht zu den leichtesten Aufgaben gehört. Fakt ist nur, dass den beiden einmal mehr eine Reise ins Ungewisse bevorsteht…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Wenn ein Film aus dem Jahre 2012 von einem auffälligen Hype umgeben war, dann war es Ang Lee’s LIFE OF PI. Und das nicht nur, weil er als groß angelegter Blockbuster mit schicken 3D-Effekten beworben wurde – sondern hauptsächlich auch, da der anberaumte Erzählinhalt die satten 100 Millionen Dollar Produktionskosten zu untermauern und gewissermaßen auch zu rechtfertigen schien. Tatsächlich sieht LIFE OF PI ein eher ungewöhnliches Konzept vor: den prächtigen und opulenten Bildern steht eine auf einer Romanvorlage von Yann Martel basierende Handlung gegenüber, die eher ruhige und dezent philosophische Töne anschlägt – und gerade deshalb vergleichsweise erfrischend erscheint. So wird dem Zuschauer ein Film präsentiert der als typisches Familiendrama beginnt; und  nach und nach sowohl zu einem packenden Survival-Thriller als auch einer im wahrsten Sinne des Wortes ausufernden Reise im metaphysischen Sinne avanciert.

Allein diese Tatsache schien bei vielen Kritikern einen wahren Begeisterungssturm auszulösen – die relative Andersartigkeit eines Films wie LIFE OF PI (mit seiner guten Buchvorlage im Hintergrund) führte dazu; dass der Film nicht nur mit Höchstwertungen, sondern sogar einigen Oscars überhäuft wurde. Dabei bleibt fraglich, wie gerecht Entscheidungen wie diese tatsächlich waren – und aus welcher Motivation heraus sie getroffen wurden. Denn abzüglich der potentiellen Vorkenntnisse aus der Buchvorlage und allen selbst angestellten Interpretationen (ein wichtiger Faktor, der in den folgenden Absätzen noch behandelt werden wird) präsentiert sich LIFE OF PI zunächst als bemerkenswert durchschnittlicher Film. Einer, bei dem man sich hie und da leicht verhaspelt und nur allzu sehr auf die Zuschauer und deren Interpretationswillen verlässt – ohne den jeweils bedienten Genres ausreichend Raum zu geben. So verkommt schon die gesamte Einführungsphase zu einer regelrechten Farce, einem wenig Charakter-intensiven Vorspiel – auf dass man auf der daraufhin folgenden Reise nicht einem gänzlich Fremden beiwohnen muss.

Dabei offeriert der Film selbst ein Sinnbild, welches man gut als Bewertungsgrundlage verwenden könnte: wenn Pi als Kind in die Augen des Tigers schaut, glaubt er darin mehr zu erkennen als sein Vater; der jene Gefühle als Form der Selbstreflexion, als Spiegelbild eigener Gefühle ansieht. Genau so verhält es sich letztendlich auch mit LIFE OF PI: je nach Gusto wird der eine mehr, der andere weniger im Film sehen und für sich verwerten können. Aber, und um einen potentiellen Streitpunkt auszuhebeln: ebenso wenig wie der kritisch hinterfragende und rational denkende Vater ein schlechter Mensch ist, ist der Zuschauer der LIFE OF PI eher nüchtern betrachtet ein wenig verstehender. Es gibt schlicht nichts zu verstehen, wenn man sich schon zuvor mit etwaigen Glaubensfragen beschäftigt hat, sein Leben dann und wann hinterfragt – denn genau dazu hält LIFE OF PI letztendlich an. Gut dabei ist allerdings, dass man sich nicht auf eine (Welt-)Religion beschränkt – sondern zu einem eher universellen Glauben aufruft. Eine Art verkappter Propaganda-Film ist LIFE OF PI also nicht geworden.

Zieht man alle Subtexte und religiös-philosophischen Anhaltspunkte aber einmal gedanklich ab – was in diesem Fall nicht unbedingt schwerfällt; handelt es sich bei LIFE OF PI um einen eher offen gehaltenen und niemals einen Zeigefinger erhebenden Film – dann sieht es sogar auffällig düster aus für Ang Lee’s mit Lobpreisungen überhäuftes Werk. Filme sollten immer dann geehrt werden, wenn sie auf besonders universellen Ebenen funktionieren oder in einzelnen Bereichen klare und überdeutliche Stärken haben – was beides nicht der Fall ist bei LIFE OF PI. Inhaltlich wird es aufgrund oben genannter Aspekte schwierig – die Odyssee des Hauptcharakters ist ganz nüchtern betrachtet nicht mehr als ein Überlebenskampf auf hoher See. Einer, bei dem vor allem das pure Glück eine Rolle zu spielen scheint – und die Tatsache, wie man rückwirkend mit einer solch einschneidenden Erfahrung umgehen würde. Alle anderen Fragen, die aus einer Hypothese wie dieser zusätzlich entstehen, sind dagegen schon im Bereich der Meta-Ebene des Films anzusiedeln. In wie weit wird man das vermeintliche Schicksal dafür verantwortlich machen, inwiefern vielleicht sogar höhere Mächte ? Sollte man selbst aus schlimmen Schicksalsschlägen das Beste machen, auf dass uns ein bestimmter Weg schon vorgezeichnet ist und wir mit so manch bestandener übernatürlichen Prüfung umso reiner im Herzen, umso mehr vom Leben beschenkt werden ?

Doch ob man sich nun Fragen wie diese stellt oder nicht – der Weg dorthin, dass heißt der gesamte Mittelteil des Films; gehört nicht unbedingt zu dem Besten was man jemals in Hollywood fabriziert hat. Angefangen bei etwaigen merkwürdigen und dezent unglaubwürdigen Handlungen und Verhaltensweisen des Hauptcharakters über die Tatsache dass ausgerechnet ein Tiger zwecks einer zweiten Identifikationsfigur herhalten muss; bis hin zum vieles überstrahlenden Effekt der Bilder – weder funktioniert LIFE OF PI hier als nüchternes Survival-Drama, noch als Film mit einem höheren metaphysischen Anspruch. Der eigentliche Clou oder auch Knackpunkt ist dann aber wohl das Ende – bei dem angedeutet wird, dass die gesamte vorherige Geschichte allein dem Kopf des Überlebenden entsprungen sein könnte. Das mag den Film noch nicht vollständig relativieren, doch ist die anberaumte Lösung eine denkbar schlechte. Wenn man als Zuschauer dazu angehalten werden soll selbst zu hinterfragen was Realität und was Fiktion ist, sollte man einen derartigen Kniff nicht erst in der letzten Minute des Films offenbaren – einige werden sich verständlicherweise um ihre Zeit betrogen fühlen.

Denn was letztendlich bleibt, ist ein interessanter Dialog zwischen einem Schiffbrüchigen und einem Tiger – und allen sich daraus ergebenen interessanten Ansätzen. Beispielsweise ist die Darstellung der Ungewissheit gelungen, die aus den Annäherungsversuchen des Hauptprotagonisten und dem regelrechten Revier-Kampf hervorgeht – dass es sich noch immer um ein Raubtier handelt, ein Mensch wie Pi (der die Welt mit anderen sieht) aber einfach eine Art Zugang bekommen muss, generiert einen Großteil der auf der Leinwand entstehenden Spannung. Die Survival-Elemente stehen diesbezüglich klar hintenan, allein aufgrund ihrer schieren Unglaubwürdigkeit – doch auch hier ist es spannend zu sehen, welche Möglichkeiten sich entsprechend verhaltende Menschen selbst in den ausweglosesten Situationen bieten. Hinsichtlich seiner Optik ist LIFE OF PI dann ein zweischneidiges Schwert: die Kraft der Bilder scheint enorm, doch nicht immer bekommen sie eine Seele eingehaucht. Die Animation der Tiere und speziell des Tigers ist gelungen – auch wenn es hie und da Momente gibt, in denen man eindeutig sieht dass doch nicht alles so echt ist wie es den Anschein hat. Zwei der anberaumten Oscars sind dagegen absolut unverständlich: der Soundtrack ist wenig prägnant, und auch die Kameraführung bewegt sich auf einem zutiefst durchschnittlichen Niveau. Das, was hier so faszinierend wirkt ist schlicht die Technik der Aufnahmen – bei der man das Boot aus einigen Metern Entfernung in den Fokus rückt und dabei die Weite des Meeres stets stimmig einfängt (oder auch: per Computer einfügt). Ein kleiner Handlungskosmos (ein Boot, auf dem ein menschlich-tierischer Tumult herrscht) wird so inmitten eines größeren gebettet (das Meer, das mal zu allem zu schweigen scheint und sich auch mal aufbäumt) – was durchaus bemerkenswert, aber auch nicht gänzlich neu ist.

Fazit: Nüchtern betrachtet ist LIFE OF PI ein tierisch angehauchtes Survival-Drama auf der tatsächlichen, und ein hochtrabend-philosophisches Werk auf seinen Metaebenen. Das Problem ist nur, dass nicht jeder einen gleichwertigen Zugang zu eben jenem, nur äußerst vorsichtig angedeuteten Subtext bekommen wird – und sich somit umso stärker auf das fokussieren wird, was eigentlich auf der Leinwand geschieht. Und das ist – mit Ausnahme der interessanten Situation auf dem Boot – nicht viel. Die Folge: selbst die schön eingefangen Bilder und die schicken Animationen können im schlechtesten Fall auch nicht mehr viel retten, das Ende mit seinem regelrechten Twist – der noch einmal einen anderen Blick auf den Film zulässt – kommt viel zu spät. Dass der Film tatsächlich etwas anders ist als vieles, was man in den letzten Jahren aus Hollywood serviert bekommen hat (allein da man keine spezielle Religion auf ein Podest stellt) ist schön und gut – doch reicht das noch nicht aus, um ihn wirklich zu einer uneingeschränkten Empfehlung zu machen.

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„Ein typischer Fall von Hype und Gegenhype, dem tatsächlich nur eine Wertung gebührt.“

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