Filmkritik: „Prinzessin Mononoke“ (1997, Studio Ghibli # 10)

Originaltitel: Mononoke-Hime
Regie: Hayao Miyazaki (Studio Ghibli)
Mit: /
Laufzeit: 133 Minuten
Land: Japan
Genre: Animationsfilm

Inhalt: Irgendwann in einem Japan einer längst vergangenen Ära… das Land ist von dichten Wäldern übersät, zwischen denen nur wenige Siedlungen der Menschen liegen. Hier leben sie meist friedlich und im Einklang mit der Natur – wie auch der junge Prinz Ashitaka, der zukünftige Häuptling eines Dorfes im Osten des Landes. Eines Tages aber geschieht etwas schreckliches: ein Dämon in Ebergestalt rennt wie besessen auf das friedliche Dorf zu – und nur Ashitaka scheint in der Lage, das Unheil abzuwehren. Er besiegt den Eber – aber der Preis den er dafür zahlen muss, ist hoch. Denn der Dämon kam mit seinem linken Arm in Berührung – fortan wuchert dort ein seltsames Mal. Die weise Seherin des Dorfes prophezeit ihm über kurz oder lang den sicheren Tod, mit der einzigen eventuellen Chance, im Westen des Landes die „Wahrheit“ zu sehen. Denn von dort kam der Eber – irgendetwas schlimmes muss dort vor sich gehen. So macht sich Ashitaka auf, die fernen Länder zu bereisen und zu erkunden; und stösst dabei alsbald auf ein verbarrikadiertes Dorf unter der Führung von Lady Eboshi. Hier wird kostbares Eisenerz abgebaut, welches als Handelsgut, aber auch für den Bau moderner Waffen eingesetzt wird. Offenbar hat sich die undurchschaubare Lady Eboshi zum Ziel gesetzt, den nahegelegenen riesigen Wald, der noch von mystischen Tiergeistern und Göttern bewohnt wird, abzuholzen. Dies scheint der Grund für die immer heftigeren Auseinandersetzungen zwischen Mensch und Natur zu sein – Ashitaka ist sich nicht sicher, was er glauben soll. Er weiss nur, dass sein Herz rein ist, und er gegen jede Art von Ungerechtigkeit vorgehen würde. Und dann taucht auch noch ein seltsames Wolfsmädchen auf, San. Dieses Mädchen hat offenbar klar Position auf der Seite der Tiere und der Natur bezogen, und schon bald wird auch klar, warum: sie wurde liebevoll von einer mächtigen Wolfsgöttin aufgezogen.

Kritik: In der heutigen Besprechung findet sich also wieder ein Werk des renommierten Studio Ghibli – den japanischen Großmeistern der Anime-Schöpfer. Nachdem vor allem zu Beginn der 90er Jahre einige nicht ganz so universelle und gleichsam positiv aufgenommene Werke den Weg aus der hiesigen Filmschmiede fanden (Porco Rosso, Pom Poko, Flüstern Des Meeres), merkte man bereits der letztaktuellen Produktion vor Prinzessin Mononoke (Stimme Des Herzens) an, dass abermals ein Weg für zeitlos-gute Animeproduktionen geebnet werden sollte. Es scheint, als war Altmeister Hayao Miyazaki enorm bestrebt ein Werk zu schaffen, welches ähnlich wie zuvor Nausicaä Aus Dem Tal Der Winde für Furore sorgen würde. Und, dass Prinzessin Mononoke letztendlich zu einem der bekanntesten Animes überhaupt avancierte, kommt dabei nicht von ungefähr. Gewiss nicht – denn in diesem Werk finden sich alle Aspekte wieder, die man am bisherigen Schaffen von Miyazaki lieb gewonnen hatte. Und das sind nicht wenige: die zeitlosen Darstellungen von Welten, in denen an jeder Ecke ein neues Abenteuer wartet, die genialen Porträts des ewigen Kampfes zwischen gut und böse, der bis heute andauernde Konflikt zwischen Mensch und Natur, das Auferstehen mystischer Kreaturen – und besonders auch das „Erwachen“ eines wahren Helden, der fortan für Gerechtigkeit zwischen allen Lebewesen sorgen würde. All diese vielfältigen inhaltlichen Aspekte werden zusätzlich mit dem mehr als markanten Ghibli-Charme garniert – der sich auch in Prinzessin Mononoke durch sagenhafte Hintergrundzeichnungen, liebevoll gestaltete Fantasy-Kreaturen oder den atemberaubenden Szenen-Arrangements (riesige Schlachten) deutlich macht.

Und, ebenfalls niemals aussen vor zu lassen bei beinahe allen Ghbili-Filmen: der Soundtrack, der auch ein Prnzessin Mononoke ein äusserst zeitloses, mehr als nur solides Niveau aufweist. Wenn man Ghibli-Produktionen etwas vorwerfen kann, dann wäre dies zumeist auf inhaltliche Aspekte bezogen (siehe Pom Poko) – in technischer Hinsicht aber ist das Studio seit jeher über jeden Zweifel erhaben. Glücklicherweise ist Prinzessin Mononoke einer der Ghibli-Filme, die auch inhaltlich absolut nichts verkehrt machen – sondern von der ersten Minute an den Zuschauer mit auf eine abenteuerliche Reise nimmt; gleich einem Traum. Zwar keinem durchgehend schönen, aber einem der derart spannend ist, dass man unbedingt das Ende erfahren möchte. So kommt es, dass die sage und schreibe 133 Minuten Spieldauer wie im Fluge vergehen, und man sich zu keinem Zeitpunkt in einer filmischen „Durststrecke“ wiederfindet – gesetzt dem Fall, man lässt sich wirklich auf diesen „Traum“ ein. Dann aber funktioniert es reibungslos: die Charaktere sind spannend, die Ereignisse umso mehr: dies spürt man, als zum ersten Mal ein Dämon in Erscheinung tritt. Miyazaki-typisch bleibt es natürlich nicht dabei: die Welt aus Prinzessin Mononoke nimmt immer mehr Form an, stellt sich letztendlich als äusserst komplex und, auch das ist Ghibli-typisch: gar nicht mal so Fantasy-bezogen heraus. Denn schließlich ist der hier dargestellte „Kampf“ zwischen Mensch und Natur (beziehungsweise der Tierwelt) ein stets aktueller, der auch heute noch stattfindet. Nur eben ohne jegliche Dämonen oder Waldgeister – schade eigentlich, denn vielleicht wäre es tatsächlich einmal wieder an der Zeit für eine wirkliche Veränderung, nicht erst seit der Klimakatastrophe.

Aber auch diesen Aspekt fügt der Film geschickt mit in die Handlung ein – sollte sich also tatsächlich einer der (älteren) Zuschauer über die Logik-Ebene an diesen Film heranwagen, so kann man auch hier Antworten erhalten. Und das bei einem Anime-Film mit sprechenden Tieren, gefährlichen Dämonen und einem Gott des Waldes ! So kann man dem Film entnehmen, dass eine solche Kette von Ereignissen zwar geradezu fantastisch anmutet, so oder ähnlich aber durchaus in der Historie hätte stattfinden können – der Grund, warum dies nun nicht mehr so ist; wird gegen Ende ebenfalls ersichtlich. Schließlich haben die Menschen schon einmal einen nicht unerheblichen Fehler begangen (Finale), sodass sie nun auf sich selbst gestellt und ohne eine moralische „Gegenpartei“ ihr Handwerk verrichten können oder müssen, und das in allen Konsequenzen. Wow, selten schafft es ein Film, so geschickt Fantasy und Realität  zu kombinieren (zumindest gedanklich und bei den Zuschauern, die sich wirklich in diese Welt „entführen“ lassen) – indem er für beinahe alles entsprechende Erklärungen anbietet. Natürlich ist auch ein gewisser moralischer Zeigefinger im Werk zu spüren, doch daran sollte man ohnehin schon gewöhnt sein, kennt man frühere Ghibli-Werke: es finden sich zuhauf Anspielungen auf das „richtig“ oder „falsch“ in Bezug auf die menschliche Zivilisation und ihrem Lebensraum auf der guten alten Mutter Erde. Das angenehme dabei aber ist, dass diese Botschaften niemals aufdringlich daherkommen, oder sich gar wie in so manchem Öko-Film als Hauptmotor des Films herausstellen. Schließlich gibt es genug weitere Aspekte die den Film schmackhaft machen, und sei es; dass man einfach an einer spannenden Abenteuergeschichte eines jungen Prinzen und Kriegers teilhaben möchte – unabhängig davon wo das Ganze spielt.

So bietet Prinzessin Mononoke für beinahe jedermann etwas, und lässt sich kaum einer speziellen Zielgruppe zuordnen. Dafür ist der Film schlicht zu universell, und behandelt eine große Bandbreite an Themen (auch die japanische Kulturgeschichte). Übrigens, so mancherlei Poster des Films weist (nicht gerade dezent) darauf hin, dass der Film durchaus einige Gewaltszenen beinhaltet, die nicht zimperlich inszeniert werden und teilweise sogar an das Splattergenre erinnern. Jedoch, und hier muss man klar differenzieren; fokussiert sich der Film nicht auf diese Gewaltdarstellungen und misst ihnen keinen hohen Bedeutungsgrad zu. Einerseits ist das gut, da so der Fokus auf dem was wichtig ist bleibt – andererseits kommt man als Zuschauer stellenweise schon leicht in stocken ob der unglaublichen Kraft, die Ashitaka offenbar unter dem Einfluss des Dämonen entwickelt; eine wirkliche Erklärung aber wird nicht geliefert. So kann man nur mutmaßen, dass der Zorn des Dämons versucht, von Ashitaka Besitz zu ergreifen, und dass diese manifestierende Kraft eine Art „Angebot“ des Dämons ist – auf dass Ashitaka absichtlich aus ihr Nutzen ziehen und so eine Art „Pakt“ besiegeln würde. Solcherlei Andeutungen und seichte Hinweise gibt es im übrigen zuhauf im Film – wer also generell Freund von eher offenen Interpretationsangeboten ist und gerne mal auf eine Holzhammermethode verzichtet, der ist hier gut beraten. Denn dem Zuschauer bleibt eindeutig ein großer Teil überlassen, den er selbst bewerten und sicherlich jeweils unterschiedlich interpretieren wird. Nur eines sollte man beachten: für deutlich (jüngere) Kinder ist der Film nicht zu empfehlen.

Fazit: epische Welten, epische Schlachten, interessante Charaktere, eine riesige Bandbreite an behandelten Aspekten; die Möglichkeit zur Formung einer Aussage, einer „Moral“ von der Geschichte. Dazwischen gibt es eine Riesenportion Abenteuer, Porträts von (allzu menschlichen) Konflikten; und auch die „Götter“ treten in Erscheinung. All dies kombiniert sorgt für eine wohlige Gänsehaut und das Gefühl, dass man hier etwas höchst bedeutsames sieht. Die Zeichnungen und sonstigen technischen Aspekte sind brilliant, äusserst detailreich und farbenfroh, die Synchronisation ist perfekt (selbst in der deutschen Version). Was soll man sagen ? Nach Nausicaä und Die Letzten Glühwürmchen ist Prinzessin Mononoke der dritte Film aus dem Studio Ghibli, der nicht nur an der Wertungsobergrenze kratzt sondern sie auch locker erklimmt. Wenn das überhaupt reicht…

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