Metal-CD-Review: GAMMA RAY – Insanity And Genius (1993)

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Alben-Titel: Insanity And Genius
Künstler / Band: Gamma Ray (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 28. September 1993
Land: Deutschland
Stil / Genre: Power Metal
Label: Noise Records

Alben-Lineup:

Jan Rubach – Bass
Thomas Nack – Drums
Kai Hansen – Guitars
Ralf Scheepers – Vocals
Dirk Schlächter – Guitars, Keyboards

Track-Liste:

1. Tribute to the Past (05:04)
2. No Return (04:06)
3. Last Before the Storm (04:28)
4. The Cave Principle (06:51)
5. Future Madhouse (04:07)
6. Gamma Ray (Birth Control cover) (05:20)
7. Insanity & Genius (04:30)
8. 18 Years (05:23)
9. Your Tørn Is Over (03:52)
10. Heal Me (07:32)
11. Brothers (05:14)

Die letzte Stufe vor dem Erreichen des Gipfels.

INSANITY AND GENIUS ist nicht nur das dritte offizielle GAMMA RAY-Album der Hamburger Kult-Combo – sondern so gesehen auch das letzte ihrer ersten Schaffensperiode von 1990 bis 1993. Das besondere ist, dass Ralf Scheepers hier letztmalig den Leadgesangsposten übernahm – bevor er das Zepter an Gitarrist Kai Hansen weiterreichte. Wie man heute weiß, hat erst dieser markanter Lineup-Wechsel zum eigentlichen Aufstieg der Band in den Power Metal-Olymp geführt – sodass man die Entscheidung zweifelsohne begrüßen kann. Zumal Ralf Sheepers später bei PRIMAL FEAR ebenfalls sehr gut aufgehoben war – und auch er weiterhin das machen konnte, was er schon immer liebte. INSANITY AND GENIUS wohnt also durchaus ein Gefühl des besonderen inne – aber vielleicht interpretiert man diese gefühlte Aufbruchstimmung auch retrospektiv in das Hörerlebnis hinein.

Fakt ist dagegen, dass die ersten drei GAMMA RAY-Alben eher weniger mit dem späteren Sound-Outfit der Band am Hut haben – sondern grundsätzlich eher entspannt, rockig und entsprechend feucht-fröhlich daherkommen. Doch im Gegensatz zum lauen Vorgänger SIGH NO MORE (Review) hat INSANITY AND GENIUS schon wesentlich mehr von der eigentlichen GAMMA RAY-Essenz zu bieten. Zumindest strotzt schon der Opener TRIBUTE TO THE PAST vor einer ungeahnten Kraft, überzeugt mit einem hymnisch-eingäniggen Refrain – was auch für LAST BEFORE THE STORM gilt. Doch zwischen den flotten und angenehm erhabenen Hymnen finden sich interessanterweise auch eher experimentelle Ansätze – wie etwa in THE CAVE PRINCIPLE, das einen markanten Spannungsbogen vorzuweisen hat und speziell in instrumentaler Hinsicht brilliert. Jene auf dem Album häufiger vorkommenden Experimente fallen aber nicht immer derart zufriedenstellend aus – auch das Gegenteil kann der Fall sein. Vornehmlich dann, wenn sich GAMMA RAY etwas zu sehr dem eigentlichen Alben-Titel angepassten respektive dem dahinterstehenden Konzept widmen. Schlussendlich klingt die wahnsinnige Seite der Band hier etwas zu aufgedreht, und Nummern wie FUTURE MADHOUSE oder INSANITY GENIUS folglich höchst gewöhnungsbedürftig.

Etwas unglücklich ist auch der für die Band eigentlich stellvertretende Titel GAMMA RAY ausgefallen, was vor allem an den eher platt inszenierten Strophen liegt. Gegen Ende des Albums wird es dann allerdings noch einmal interessant: im Party-tauglichen YOUR TURN IS OVER übernimmt plötzlich Gitarrist Dirk Schlächter den Leadgesang, und im darauf folgenden HEAL ME Kai Hansen – bei dem es zumindest in diesem Fall aber gesanglich eher drunter und drüber geht. Letztendlich entsteht so vor allem ein Eindruck: ein recht variabler. Wenn man so will, könnte man allerdings auch als relativ unentschlossen bezeichnen – wirklich rund klingt das Album in seiner Gesamtheit nicht, eher wie eine bunt gemischte und teils skurrile Ansammlung von überdurchschnittlichen, aber keineswegs ausgezeichneten GAMMA RAY-Nummern. Handwerklich, gesanglich und in Bezug auf die Produktion gibt es dagegen nichts zu mäkeln.

Absolute Anspieltipps: TRIBUTE TO THE PAST, LAST BEFORE THE STORM, THE CAVE PRINCIPLE


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„GAMMA RAY haben es selbst festgestellt: Genie und Wahnsinn liegen nah beieinander.“

Filmkritik: „Flying Dagger“ (1993)

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Originaltitel: Shen Jing Dao Yu Fei Tian Mao
Regie: Yen-Ping Chu
Mit: Tony Ka Fai Leung, Sharla Cheung, Jimmy Lin u.a.
Land: China
Laufzeit: ca. 86 Minuten
FSK: ab 16 / 18 freigegeben
Genre: Martial Arts / Komödie / Fantasy
Tags: Kampf | Dolche | Diebe | Kopfgeldjäger | Kung-Fu

Hier fliegen nicht nur Dolche durch die Luft…

Kurzinhalt: Als ein riesiges Kopfgeld auf einen hochgradig kriminellen ausgesetzt wird, geraten zwei verfeindete Kopfgeldjäger-Banden aneinander. Beide wollen die Belohnung einheimsen, doch werden ihnen derart viele Steine in den Weg gelegt dass sie kaum darum herumkommen sich doch noch zu verbünden. Tatsächlich scheinen die ungleichen Kämpfer dann so gut miteinander zu harmonieren, dass sich sogar zwei kleine Liebesgeschichten anbahnen. Doch selbst als der gesuchte Übeltäter, der sogenannte neunschwänzige Fuchs dann endlich gefasst wird, scheint die Odyssee noch lange nicht vorbei:der Auftraggeber stellt sich als perfider Lügner heraus, der mit der Bezichtigung eines unschuldigen nur von einem viel größeren Problem ablenken wollte. Und das kann keiner der Beteiligten auf sich sitzen lassen…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Müsste man wie-auch-immer geartete Martial-Arts-Streifen aus Fernost zusätzlich zur vordergründigen Genre-Attribuierung kategorisieren, ergäben sich sicher zwei grobe Marschrichtungen. So gibt es viele Werke mit einem eher seriösen Anstrich – sei es in Form einer tiefgreifenden Geschichte, historischen Bezugnahmen oder intensiven Charakterporträts; wobei etwaige Kampfszenen meist kunstvoll-ästhetisch und am ehesten als verzierendes Element in Szene gesetzt werden. Mindestens ebenso stark vertreten sind indes jene Genrevertreter, die es vielleicht nicht ganz so ernst meinen – und vordergründig auf reine Unterhaltung abzielen; ob durch fulminante Actionszenen oder eine gewisse Witzigkeit. Zwar gibt es nicht wenige Werke, die aus eher unfreiwilligen Gründen für eine gewisse Erheiterung gerade bei Zuschauern aus dem Westen sorgen können – doch gibt es auch solche, die explizit als überdrehte Komödien aufgemacht sind. FLYING DAGGER ist ein eben solcher Kandidat – ein Film, der es darauf anlegt die Lachmuskeln der Zuschauer zu strapazieren; um ganz nebenbei auch noch mit einigen völlig abstrusen, aber dennoch sehenswerten Kampf-Choreografien zu glänzen.

Dementsprechend fällt auch die Gewichtung der inhaltlichen Aspekte aus: die Story ist schnell erzählt und ist aus der Sicht aller Weltanschauungen heraus verständlich, auf (ernsthafte) Charakterentwicklung legt man keinen Wert – und der Spannungsbogen des Films baut allein auf eine schablonenhafte Aneinanderreihung von immer heftigeren Kämpfen auf. Analog dazu bewegen sich die Darsteller stets an der Grenze zum Overacting oder haben diese bereits deutlich überschritten, während die Dialoge nur einen Zweck verfolgen: den Zuschauer mit allerlei abstrusem Witz (der stets irgendwo zwischen Situationskomik, schwarzem Humor und auch eher unter der Gürtellinie anzusiedelndem Fäkalien-Geplapper angesiedelt ist) dazu zu bringen, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen. Das klingt eigentlich nach einem Totalausfall, tatsächlich aber schafft es FLYING DAGGER auf seine ganz eigene Art und Weise zu unterhalten, auch wenn dies nur selten auf einem hohen Niveau geschieht.

Dennoch sind gerade die Kampfszenen ein echter Hingucker, zumal sie für den investierten Aufwand sprechen. In FLYING DAGGER wird schließlich nicht nur wild herumgewirbelt und mit den Titel-gebenden Dolchen Schindluder getrieben – auch fliegt man des öfteren der Schwerkraft trotzend durch die Luft oder bewerkstelligt andere ähnlich-übermenschliche Leistungen. Dabei ist es nicht nur die relativ hohe Frequenz dieser Actionszenen, die es so gut wie unmöglich macht dass Langeweile entsteht – auch sind die Kämpfe äußerst variabel, und im weiteren Verlauf gesellen sich immer neue und mächtigere Widersacher hinzu. Wann immer mal nicht die Fäuste oder Dolche gekreuzt werden oder sich elegant über Baumwipfel bewegt wird; greifen dann die überzogenen Dialoge – die vor allem zu Beginn des Films den ein oder anderen Lacher garantieren. Lediglich im späteren Verlauf scheint man es dann doch etwas zu übertreiben – FLYING DAGGER funktioniert immer noch am besten, wenn etwaige Witzeleien zumindest von ihrer Wirkung her als bloße Zufallsprodukte durchgehen könnten; man den Witz also nicht explizit forciert.

Fazit: FLYING DAGGER ist zweifelsohne ein Film-Fest der besonderen Art – allerdings nur für vergleichsweise hart gesottene. Denn nicht nur die relativ kitschige Aufmachung könnte einige verschrecken; auch der einstweilen hanebüchene (und schnelle) Schnitt sowie ein besonders zu Beginn extrem verwaschener Bildeindruck könnten hier und da Probleme bereiten. Dennoch ist es angenehm geradezu zu spüren, mit welchem Spaß einerseits; und mit welchem Ehrgeiz andererseits alle Beteiligten hier ans Werk gegangen sind. Über etwaige Stil- oder Niveaufragen könnte man sich sicherlich streiten – doch haben die Macher offenbar genau das erreicht, was sie sich vorgenommen hatten. Da man sich ohnehin nicht sonderlich viel von einer Filmperle wie dieser hier versprechen wird, ist das Ergebnis umso überraschender – da der Unterhaltungswert durchaus gewisse Rahmen sprengt und FLYING DAGGER damit mehr von einer Komödie hat als so manches US-Pendant.

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„Eine wahrhaft fulminante Martial-Arts-Komödie mit einem hohen Unterhaltungswert und Kampfeinlagen, die jeder Beschreibung spotten.“

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Filmkritik: „Jack Der Bär“ (1993)

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Originaltitel: Jack The Bear
Regie: Marshall Herskovitz
Mit: Danny DeVito, Robert J. Steinmiller Jr., Miko Hughes u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 99 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Jack | Familie | Sohn | Söhne | Einsamkeit | Alkohol | Entführung

Trauer, Wut und Verzweiflung… und ein bestimmtes Kinderlied.

Kurzinhalt: Kalifornien in den frühen 1970er Jahren. Nachdem sie aus New York weggezogen sind, lebt die Familie der Laery’s in einem kleinen Einfamilienhaus in einem idyllischen Vorort. Tatsächlich haben John (Danny DeVito) und seine beiden Söhne Jack (Robert J. Steinmiller Jr.) und Dylan (Miko Hughes) aber mit zahlreichen Problemen zu kämpfen – ganz besonders nach dem plötzlichen Tod der geliebten Ehefrau und Mutter. So ist das Familienleben teils enormen Spannungen ausgesetzt; während sich John hauptsächlich um seinen Job als Unterhaltungsmoderator in einer abendlichen TV-Sendung verdingt. Der führt auch dazu, dass er in der Nachbarschaft bereits wohlbekannt ist – die vielen hier lebenden Kinder kennen seine Auftritte und wollen das von ihm gespielte TV-Monster so oft es geht hautnah erleben. Es scheint, dass die Familie eine Menge Leben in die eher verschlafene Gegend brächte – doch geschieht dies nicht zur Freude aller Anwohner. Besonders der sture Patriot und Nationalist Norman (Gary Sinise) beäugt die Familie mit einem kritischem Blick. Eines Tages versucht er, John von seinen merkwürdigen politischen Ansichten zu überzeugen – scheitert jedoch spätestens in dem Moment, als er sieht dass John eine schwarze Hausfrau angestellt hat. John, der zum Leidwesen seiner Kinder des öfteren zu viel Alkohol trinkt, spürt den Hass in Norman – und macht seiner Wut in einer seiner weiteren Sendung Luft, indem er Norman öffentlich denunziert. Obwohl er sich später für seinen Auftritt entschuldigt, scheint sich bei Norman ein Schalter umgelegt zu haben – er erklärt John zu seinem Feind und begeht bald darauf eine folgenschwere Tat…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! JACK DER BÄR basiert auf einem gleichnamigen Buch des US-Autors Dan McCall, und ist entgegen des dezent verniedlichten Filmtitels und den teilweise kursierenden Trailern alles andere als eine Feel-Good-Familienkomödie. Bereits durch das Buch wurde offenbar; dass es sich um ein äußerst persönliches, emotional tiefgreifendes Familiendrama mit einer zusätzlichen Thriller-Komponente handeln würde – hier noch explizit aus der Erzählperspektive der kindlichen Hauptfigur. Die im Jahre 1993 verwirklichte Realverfilmung geht das Ganze zwar etwas anders an; beispielsweise indem sie den kindlichen Erzählfokus etwas lockert und den Zuschauer in eine nicht mehr ganz so nahbare Beobachterperspektive versetzt – aber dennoch wissen sowohl das Buch als auch der Film in beinahe jedem Moment zu überzeugen. Das liegt vor allem daran, dass die behandelten Problematiken innerhalb einer Familienkonstellation zweifelsohne als universell zu bezeichnen sind, andererseits aber dennoch mit einer markanten persönlichen, einzigartigen Note vorgestellt werden. Sicher gibt es zahlreiche Dramen, die sich in irgendeiner Art und Weise mit dem Verlust von Familienmitgliedern beschäftigen – doch das hier präsentierte Setting, die besonderen Eigenheiten der Charaktere und der tragisch-dramatische Zusatz einer Kindesentführung verpassen JACK DER BÄR einen ganz besonderen Feinschliff. Einen intensiven, glaubwürdigen; und nicht zuletzt einen äußerst unterhaltsamen und bewegenden.

Besonders auffällig ist, dass der Film in der Lage ist eine bemerkenswerte erzählerische Dichte und Atmosphäre zu etablieren, die durch die stimmig eingefangenen, sommerlich-süffigen Bilder noch unterstützt wird. Auch führt ein gewisser Hang zur Retrospektive dazu, dass man sich schnell mit den Charakteren identifizieren kann – und sei es, dass man sich dabei teilweise auf eigene Kindheitserinnerungen stützt. Und auch wenn das nicht der Fall sein sollte, wird man kaum unberührt bleiben vom Schicksal der hier vorgestellten Familie – für die man relativ schnell eine enorme Empathie entwickeln wird; trotz oder gerade wegen der vielen persönlichen Ecken und Kanten. JACK DER BAR zeigt dem Zuschauer einmal mehr auf, wie gut und intensiv ein Drama inszeniert werden kann – wenn man sich nur auf die richtigen Zutaten besinnt und ein gewisses Händchen für die Inszenierung beweist, was Regisseur Marshall Herskovitz zweifelsohne gelungen ist. Schließlich funktioniert das Zusammenspiel von teils sommerlich-lockeren, teils emotional aufgeladenen Bildern und dem ergreifenden Soundtrack tadellos – und führt nie dazu, dass ein gekünstelter oder allzu gezwungen wirkender Eindruck entsteht. Besonders herausragend fallen in diesem Zusammenhang auch die Darsteller auf, und das nicht nur in Bezug auf den allseits bekannten Mimen Danny DeVito. Während Miko Hughes als kleiner Bruder von Jack zwar die Rolle einer wichtigen Schlüsselfigur innehat, aufgrund seines jungen Alters aber kaum über den Eindruck eines Statisten hinauskommt – ist es vor allem Robert J. Steinmiller Jr. dem ein großes Lob zugesprochen werden muss. Seine Darstellung des innerlich zerrissenen Jack ist bemerkenswert und bewegend; mehr noch: vermutlich trägt er einen Großteil der etablierten Wirkung des Films allein auf seinen Schultern.

Fazit: JACK DER BÄR ist nicht nur als äußerst gelungenes Drama zu bezeichnen – sondern auch als äußerst persönliches, lebensnahes und glaubhaftes. Wer sich auch nur ansatzweise für die Thematik eines familiären Verlusts und den damit verbundenen Folgen für die Angehörigen interessiert, für den ist der Film ein Muss – allein aufgrund der gelungenen Charakterporträts und der emotional aufgeladenen, aber letztendlich doch angenehm bodenständigen Inszenierung. Als quasi-Zugabe beinhaltet der Film glücklicherweise einen ebenfalls überragenden technischen und darstellerischen Part, sowie eine (beinahe unnötige, aber doch für weitere emotionale Höhepunkte sorgende) Entführungsgeschichte und schließt somit den Kreis. Der einzige Wermutstropfen, der wohl allein für die Kenner der Buchvorlage gilt; ist in der etwas zahmen und allgemein hinsichtlich einer besseren Zugänglichkeit getrimmten Art der Inszenierung zu sehen – das Buch schlug hier wesentlich rebellischere Töne an, erzeugte aber eine ganz ähnliche Wirkung. Aber wer weiß – vielleicht hätte es den Film gar nicht erst gegeben, hätte man keine dahingehenden Zugeständnisse an die Produzenten gemacht. Ein klassisches, aber dennoch herausragendes Familiendrama mit einem ergreifenden emotionalen Unterton – JACK DER BÄR macht ebenso glücklich wie er zu Tränen rührt.

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„Unverwechselbar, universell und intensiv.“

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Filmkritik: „Das Zweite Gesicht“ (1993)

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Originaltitel: The Good Son
Regie: Joseph Ruben
Mit: Macaulay Culkin, Elijah Wood, Wendy Crewson u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 87 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Thriller / Horror
Tags: Sohn | Junge | Kind | Freundschaft | Gefahr | Dämonisch | Tod

Das Böse lauert auch da, wo man es nicht vermutet.

Kurzinhalt: Irgendwo in einem stillen, ruhigen Örtchen in den USA meint es das Schicksal nicht gut mit dem jungen Mark (Elijah Wood). Bereits wenige Tage nachdem seine Mutter gestorben ist und er sich noch immer mit Selbstvorwürfen quält, entschließt sich sein Vater zu einer wichtigen Geschäftsreise – und lässt seinen Sohn allein zurück. Für die geplanten 2 Wochen quartiert er seinen Sohn bei seinem Bruder und dessen Familie ein, und hofft dass Mark so auf andere Gedanken kommen könnte. Tatsächlich schließt er schnell Freundschaft mit dem etwa gleichaltrigen Henry (Macaulay Culkin) – dem er sich anvertraut und mit dem er einige spannende Tage verbringt. Doch als sich Henry im Laufe der wenigen noch verbleibenden Tage zunehmend merkwürdiger benimmt und sogar zu brutalen Ausbrüchen neigt, weicht die Idylle schnell einer alles beherrschenden Angst. Die Erwachsenen jedoch scheinen nicht allzu viel davon mitzubekommen…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! DAS ZWEITE GESICHT setzt wie viele Filme einer vergleichbaren Machart auf eine vergleichsweise simple Prämisse, die man am ehesten mit den Begriffen Wissen und Halbwissen umschreiben kann. Ein Charakter weiß von einem anderen, dass er nicht das ist für das er sich ausgibt – der andere jedoch schafft es stets, nicht aufzufliegen. Im Gegenteil, er bringt den Wissenden selbst in eine bedrohliche Lage – indem er alle ihn umgebenden Menschen an der Nase herumführt. Das ist im Grunde ein Stoff für einen handelsüblichen Thriller; wäre da im Falle von DAS ZWEITE GESICHT nicht der Umstand, dass es sich um zwei kindliche Protagonisten handelt. Das wiederum führt den Zuschauer näher an die Stimmung und Ausgangslage von Filmklassikern wie DAS OMEN heran; welcher ebenfalls einen unschuldigen Jungen in der Rolle des personifizierten Bösen vorsah. Und doch ist es schwierig, DAS ZWEITE GESICHT in eine vorgefertigte Schublade zu stecken – denn auch im Horrorgenre fühlt er sich nicht wirklich wohl; zumindest nicht ausschließlich. Denn auch wenn sich der Film meilenweit von einem Drama bewegt; besitzt er doch dezente, diesbezüglich relevante Einschübe – etwa in Bezug auf die vergleichsweise intensiven Charakterporträts und mögliche Indizien für das Verhalten der jeweils betroffenen.

Das heisst, dass dem Film neben den expliziten Thriller- und Horroranleihen auch eine dezente psychologische Komponente innewohnt – die jedoch niemals vollständig ausgearbeitet wird. Auch wenn sich so einstweilen das Gefühl einstellen kann er wäre weder Fisch noch Fleisch respektive etwas unentschlossen; vermag er es überraschenderweise den Zuschauer gut und spannend zu unterhalten. Vielleicht ist es so gesehen auch ganz gut, dass ihm durch die in diesem Falle auflockernde (man will nicht sagen verharmlosende) Horror-Atmosphäre ein wenig an Zündstoff genommen wird, und man sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnt. Dies wird auch durch den allgemeinen technischen Part untermauert, der überraschend versiert ausfällt und dem Zuschauer immer dann visuell und akustisch hochwertiges präsentiert, wenn sich erzählerische Lücken ergeben; ergeben könnten. Die sind jedoch kaum auf eine Nachlässigkeit der Macher zurückzuführen, sondern vielmehr auf die selbst auferlegten Beschränkungen durch das zugrundeliegende Konzept.

Letztendlich hat man also doch das Gefühl, als hätten die Macher alle Möglichkeiten ausgeschöpft, und DAS ZWEITE GESICHT zu einem vor allem auch optisch und akustisch ansprechenden Gesamtwerk gemacht. Die stimmig eingefangenen Bilder, die stets von einem passenden (und nicht allzu reißerischen) Soundtrack untermalt werden; werden zudem noch von besonders markanten darstellerischen Leistungen gekrönt. Elijah Wood und Macaulay Culkin sind zwei Kinderdarsteller über die man sagen kann was man will – doch wenn das Filmteam ein entsprechendes war, haben diese durchaus beeindruckende Leistungen erbracht. Es reicht eben nicht, sich allein auf die Tatsache zu verlassen dass das Involvieren von Kinderdarstellern an sich schon ein Garant für einen funktionierenden Film wie diesen ist – und man den Rest einfach dem Zufall überlässt. Genau das ist bei DAS ZWEITE GESICHT nicht der Fall; der Film wirkt über weite Strecken durchdacht und vergleichsweise anspruchsvoll.

Fazit: THE GOOD SON ist wie ein fleischgewordener Kompromiss. Grundsätzlich als Horrorfilm einzustufen, wehrt er sich einerseits gegen allzu genretypische Oberflächlichkeiten – andererseits aber kommt er nicht über den Status einer reichlich konstruiert und zurechtgebogen wirkenden Geschichte hinaus. Auch wenn man mehr Einblicke in die Seelenwelten der Charaktere erhält als üblich, sollte man ihn beileibe nicht als Charakterstudie begreifen – sondern eher als Horrorthriller des etwas anderen, da zumindest zu weiterführenden Gesprächen anregenden Art. Was ist eher als überspitzte, eventuell sogar religiös angehauchte Zeichnung der Begriffe von Gut und Böse (im Sinne einer Vorlage wie DAS OMEN) zu begreifen, was dagegen könnte so oder so ähnlich eher der menschlichen Natur entspringen und somit durchaus nachvollziehbar erscheinen ? Genau das ist die Frage, die man sich in Anbetracht eines Films wie THE GOOD SON unweigerlich stellen wird – und muss. Da der Film am ehesten als Klassiker zu verstehen ist und er auf allzu plumpe, reißerische oder gar blutige Elemente verzichtet (im Gegensatz zu vielen späteren Werken einer ähnlichen Machart) kann eine Empfehlung ausgesprochen werden.

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„Psycho-Thriller trifft auf Horror trifft auf Drama mit grandiosen Kinderdarstellern.“

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Filmkritik: „Return Of The Living Dead III“ (1993)

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Originaltitel: Return Of The Living Dead 3
Regie: Brian Yuzna
Mit: J. Trevor Edmond, Melinda Clarke, Kent McCord u.a.
Land: USA
Laufzeit: 92 Minuten
FSK: Ab 18 freigegeben
Genre: Horror / Drama
Tags: Zombies | Untote | Liebe | Love-Story | Makaber | Trioxin | Living Dead

Toll treiben es… die wilden Liebenden.

Inhalt: In den 1960er Jahren hat das US-Militär einen speziellen Kampfstoff entwickelt, dessen Wirkung nicht allein darauf beschränkt ist; Menschen zu töten. Vielmehr für das gasförmige Gift dazu, dass Tote wiederauferstehen – und danach weitaus widerstandsfähiger sind als zuvor; wenn nicht gar unsterblich. Und so experimentiert die Army auch heute noch mit dem sogenannten Trioxin – um die nächste Generation der Kriegsführung einzuläuten. Dass die Experimente fehlschlagen, oder zumindest durch Unfälle gestört werden könnten; damit rechneten die Verantwortlichen – und so befinden sich einige hochrangige Militärs hinter dicken Panzerglasscheiben, als ein wiederbelebter Zombie in einem Versuchsraum plötzlich Amok läuft. Was sie nicht wissen ist, dass das Geschehen von zwei Jugendlichen beobachtet wird – Julie und Curt, dessen Vater selbst Mitglied im engsten Kreis der Versuchsleiter ist. Kurz darauf haben die beiden einen Motorradunfall, bei dem Julie stirbt. Curt entschließt sich notgedrungen dazu, sich das soeben Gesehene zunutze zu machen – und seine Freundin wiederzubeleben. Das gelingt ihm auch; doch dachte er dabei nicht an die möglichen Nebenwirkungen der Prozedur. Aber die beiden lieben sich – und wollen zusammen entkommen, koste es was wolle.

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Wo bitte geht’s zur nächsten Fete… ?

Kritik: Irgendwie lag es auf der Hand, dass nach dem 1985’er Kult-Horrorfilm VERDAMMT, DIE ZOMBIES KOMMEN (Kritik) und dessen grundsätzlich ebenso guter Fortsetzung TOLL TREIBEN ES DIE WILDEN ZOMBIES (Kritik) das nunmehr etablierte Franchise um die Auswirkungen eines mysteriösen Giftgases nicht einfach so fallen gelassen würde. Und so folgte 1993 ein dritter Teil – RETURN OF THE LIVING DEAD 3. Dabei fallen zwei Dinge sofort – und vorab – ins Auge. Nicht nur, dass der Original-Titel der deutschen Variante erstmals glich (was entweder auf eine gewisse Ideenlosigkeit, Lustlosigkeit oder gewagt: auf eine sinngemäße Abspaltung des zweiten vom dritten Teil hinweist) – auch der verantwortliche Stab war ein gänzlich anderer. Ist RETURN OF THE LIVING DEAD 3 also noch als würdiger Nachfolger zu bezeichnen, oder handelt es sich um ein gänzlich überflüssiges Sequel eines mittlerweile ausgereizten Stoffes ?

Eine schwierige Frage, die jedoch eher zum Nachteil des Films ausgelegt werden kann. Denn: der dritte Teil macht grundsätzlich vieles anders; womit sich die oben genannten Vermutungen bereits innerhalb der ersten Film-Minuten bestätigen – er macht es jedoch keinesfalls besser. Sicher ist es nett zu sehen, wenn sich ambitionierte Filmemacher bemühen, möglichst viel aus einem Franchise herauszuholen und ihm dabei neue Facetten abzugewinnen – doch im Falle von RETURN OF… 3 hat man nicht weniger als eine 180-Grad-Kehrtwende vollzogen. Der markanteste Unterschied ist dabei zweifelsohne der, dass sich der dritte Teil schlicht gnadenlos ernst nimmt – und so viel vom ehemals positiv-trashigen Charme der Reihe verliert. Jene Selbstironie, jenes Augenzwinkern; jene Querverweise auf das Genre werden in diesem Fall komplett durch eine schier unerträgliche Ernsthaftigkeit, wenn nicht gar vermeintliche Seriosität ersetzt. Das ist sicher mutig, betrachtet man die gänzlich anders gehaltenen Vorgänger – doch zeigt sich spätestens mit dem vorliegenden dritten Teil, dass die Kombination der recht hanebüchene Story, der stereotypen Charaktere und der überspitzten Horror-Elemente nur in einem gewissen Kontext aufgeht.

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Nicht, dass es ohne Zielscheibe schwieriger wäre…

Vielleicht wäre RETURN OF…3 trotz eben genannten Missstände gar kein so schlechtes Sequel geworden – wären da nicht noch mehr Unstimmigkeiten. Diese können, neben der ungewöhnlichen Grundstimmung, auch in Form von gänzlich neuen Elementen daherkommen – wie einer schrecklich klischeehaften Love-Story zwischen den Hauptprotagonisten Julie und Curt. Wer jedoch denkt, dass diese ein blosses Beiwerk wäre, hat sich getäuscht. Vielmehr baut der gesamte dritte Teil auf ihr auf, macht die (mehr oder weniger fürchterlichen) Ereignisse erst möglich. Dabei kommt nur allzu selten das Gefühl auf, dass die Macher den Zuschauer vielleicht doch an der Nase herumführen wollen und der Film satirischer ist als es den Anschein hat. Spätestens mit dem merkwürdigen Mittelteil, in dem die beiden Hauptprotagonisten auf eine Art Latino-Gang treffen; und sich zudem tiefgehenden, emotionsgeladenen Diskussionen über Sinn und Unsinn des Lebens widmen – driftet die Atmosphäre und Stimmung des Films in eine Richtung, die ihm einfach nicht gut zu Gesicht steht. Kleinere Drama-Ansätze können natürlich auch in einem Zombiefilm Platz finden – doch sollte man das nötige Fingerspitzengefühl waren und es nicht übertreiben.

Wahrlich – bei Voraussetzungen wie diesen (zwei Vorlagen, sowie einer Story, die im besten Fall als Grundgerüst zu bezeichnen ist) sollte man nicht allzu hoch stapeln. Genau das aber macht RETURN OF… 3, und scheitert dabei kläglich. Irgendwo gefangen zwischen einer Zombie-Satire, einem Familiendrama und einer über den Tod hinausgehenden Romanze schafft man es nicht, die Schwächen in der Story und den klischeehaften Charakteren auszugleichen – beispielsweise in Form eines hohen Unterhaltungswertes, wie es bei den Vorgägnern der Fall war. Stattdessen herrscht ein überraschend träges Erzähltempo vor, und die Atmosphäre ist beklemmend bis erdrückend. Die Ausrutscher aus diesem Konzept, die man sich dann doch erlaubt; sind offenbar unfreiwilliger Natur: sei es, dass eine Frau wie eine Rakete vom Motorradsitz abhebt und gegen einen Pfosten knallt (während der vorn sitzende Mann beinahe unbehelligt davonkommt), sei es; dass die Verfolger der Frau sich offenbar selbst dann nicht beeindruckt zeigen, wenn sie mit einer aufgerissenen und von Nägeln durchbohrten Haut vor ihnen steht – das alles wirkt mindestens kurios. Letztendlich macht es dann auch keinen Unterschied mehr, ob man derlei Inhalte wirklich ernst meint oder nicht – die Wirkung ist viel zu diffus, die getroffenen Entscheidungen unentschlossen. Es ergibt sich einfach kein in sich stimmiges Gesamtbild.

Der mitunter einzige Vorzug, den der dritte Teil somit offeriert, findet sich in abgewandelter Form auch schon in den Vorgängern: der Zuschauer kann erleben, wie infizierte Personen von einem quicklebendigen langsam in einen untoten Zustand übergehen. Dabei sind mal kürzer, mal länger bei vollem Bewusstsein – eine interessante Angelegenheit. Fraglich ist nur, warum man diese Linie nicht konsequent fuhr – und die Hauptprotagonistin offenbar willkürlich zwischen verschiedenen ‚Zuständen‘ balancieren lässt. Die Erklärung, dass Schmerz den Zombie-Heisshunger zu unterdrücken vermag (was zu einigen makaberen Selbstverstümmelungs-Szenen führt), reicht hier einfach nicht aus; zumindest nicht in Bezug auf diesen Zeitraum. Offensichtlich ist, dass es auch im dritten Teil einige Splatter- und Gore-Effekte zu sehen gibt; sowie auch die berühmt-berüchtigten Gehirn-Mahlzeiten (dieses Mal jedoch ohne die entsprechenden Rufe nach ‚mehr‘). Diese sind jedoch rar gesät und vergleichsweise harmlos. Die Zombies, die man zu Gesicht bekommt; sehen dafür recht furchterregend aus – hier driftet RETURN OF… 3 dann doch noch explizit in Richtung der Horror-Schiene. Eines von vielen Genres, welcher der vorliegende Film bedient – neben dem Trash, versteht sich. Die Kulissen könnten billiger (und zerbrechlicher, selbst wenn es sich um Stahltüren handelt) nicht wirken, die Darsteller sind gerade noch erträglich (die deutschen Synronstimmen indes nicht), ein Soundtrack ist quasi nicht vorhanden, und in Sachen allgemeiner Optik und des Aufwands scheint man im Vergleich zum zweiten Teil einen deutlichen Rückschritt gemacht zu haben.

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Nur Schmerzen können vorübergehend vom Hunger ablenken…

Fazit: Erst heiter, dann stürmisch ? Was auch immer sich die Macher des dritten Teils gedacht haben; ihr Versuch dem RETURN OF THE LIVING DEAD-Franchise eine gewisse Ernsthaftigkeit (samt intensiver Love-Story, Todesphilosophie) einzuverleiben, konnte eigentlich nur scheitern. Denn wer wird sich jenen dritten Teil hauptsächlich ansehen, wenn nicht die Fans und Kenner der ersten beiden Teile ? Die werden knallhart vor den Kopf gestossen, und alles andere als zufrieden aus diesem Teil hervorgehen. Der Unterhaltungswert hinsichtlich einer originellen, witzigen Zombie-Komödie ist gleich null – lediglich Freunde von abenteuerlichen Genre-Mixturen ohne Rücksicht auf Verluste (das heisst, eine möglichst zielgerichtete Wirkung) sollten mal einen Blick riskieren. Die RETURN OF THE LIVING DEAD-Trilogie ist so gesehen das Gegenteil der EVIL-DEAD-Reihe, wo sich der erste und zweite Teil ebenfalls stark ähnelten; der dritte jedoch den krönenden Abschluss und den Siedepunkt des positiv-makaberen bildete. Hier ist die Tendenz genau andersherum – aber es gibt ja noch einen vierten und einen fünften Teil. Wer’s braucht…

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