Filmkritik: „Das Belko Experiment“ (2017)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Greg McLean
Mit: John Gallagher Jr., Tony Goldwyn, Adria Arjona u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 88 Minuten
FSK: ab 18 freigegeben
Genre: Thriller / Action
Tags: Experiment | Ausnahmesituation | Kein Entkommen | Big Brother

Es melde sich, wer mal wieder aus seinem tristen Büroalltag ausbrechen möchte.

Inhalt: Morgenstund hat Gold im Mund – und wohl auch die gute alte Routine, die die Mitarbeiter der Non-Profit-Organisation Belko Corp. tagtäglich in das hochmoderne Bürogebäude irgendwo in einem Randbezirk der Kolumbianischen Hauptstadt Bogotá treibt. Dementsprechend hat wohl auch niemand damit gerechnet, dass es doch einmal ganz anders laufen könnte. Während man bei der urplötzlich stattfindenden hermetischen Abriegelung des Gebäudes noch an einen technischen Defekt oder ein Versehen denkt, sich dazu noch auf ein wenig zusätzliche Freizeit am Arbeitsplatz freut – weicht die allgemeine Unsicherheit alsbald einer waschechten Panik. Schließlich wird den Mitarbeiten über die Lautsprecheranlage mitgeteilt, dass es sich eben nicht um ein Versehen handelt – sondern dass sie für ein ganz besonders perfides Experiment auserkoren wurden. Ein Experiment, welches sie nicht ablehnen können – und dessen erste Aufgabe bereits unmöglich zu lösen scheint, zumindest bei klarem Verstand. So werden die Mitarbeiter aufgefordert, 30 beliebige Angestellte zu töten. Weigern sie sich, so droht ihnen noch schlimmeres – das behauptet zumindest die mysteriöse Stimme. Trotz dessen, dass sie im schlimmsten Fall nicht mehr allzu viel Zeit haben; setzten die Mitarbeiter alles daran aus dem Gebäude zu entkommen – und herauszufinden, wer für das tödliche Spiel verantwortlich ist.

Kritik: Nein, und auch wenn es im ersten Moment danach klingt – das Wörtchen Belko im Film DAS BELKO EXPERIMENT bezieht sich weder auf einen putzigen Hundenamen, noch zitiert es den Namen eines so tatsächlich stattgefundenen Experiments oder Wissenschaftlers. Vielmehr handelt es sich um einen geschickt gewählten Titel des für das Drehbuch und die Produktion des Films hauptverantwortlichen Multitalents James Gunn, der sich trotz seines Erfolges mit groß angelegten Holywood-Blockbustern (GUARDIANS OF THE GALAXY) hie und da noch an kleinere Projekte wagt. Und damit auch Projekte wie DAS BELKO EXPERIMENT – die auf den ersten Blick eher unscheinbar wirken, und sich dabei weder durch ein schwindelerregendes Budget noch den Auftritt zahlreicher möglichst bekannter Top-Stars auszeichnen. Als den Zuschauer zusätzlich herausfordernde Maßnahme kommt hinzu, dass sich der Titel-gebende Schauplatz des Films innerhalb eines fiktiven Büro-Gebäudes als recht übersichtlich erweist – und DAS BELKO EXPERIMENT so von vorne herein mehr von einem kammerspielartigen Psycho-Thriller als von einem typischen Schauermärchen der Marke Hollywood hat. Ein Psycho-Thriller, dessen Grundgedanke zwar alles andere als neu ist und so auch schon in Genre-Filmen wie BATTLE ROYALE oder etwa der CUBE-Reihe behandelt wurde – der aber dennoch mit einem vergleichsweise starken Fokus auf die Charaktere sowie der Darstellung einer sich jenseits von gut und böse bewegenden Ausnahmesituation überzeugt.

Eine Situation, die durch die vorliegende Art der Inszenierung mindestens zweierlei Blickwinkel zulässt. Wobei, und das ist das besondere; es gar keine allzu große Rolle spielt ob man den Film nun eher oberflächlich betrachtet oder sich auf sein nicht zu knappes Interpretationsangebot stürzt. Beiden Varianten gemein ist schließlich, dass DAS BELKO EXPERIMENT dem Zuschauer einige durchaus markante Charaktere präsentiert – die von ihrem Wesen her nicht unterschiedlicher hätten sein könnten, und sich in der Interaktion entsprechend interessant verhalten. Gut ist auch, dass deren Gebaren nur selten allzu übertrieben wirkt – zumindest nicht so übertrieben oder weltfremd wie in etwaigen vergleichbaren Filmen, welche eine ähnliche Ausnahmesituation in den Fokus rücken. Analog zu den entstehenden Möglichkeiten einer Identifikation gesellt sich so auch ein nicht zu verachtender Spannungsbogen, der sich bis kurz vor das große und leider nicht mehr ganz so überzeugende Finale erstreckt. Selbst die teils heftigen Gewaltszenen verfehlen ihre Wirkung nicht, auch wenn man sie absichtlich mit einer gewissen Form der Überzeichnung versehen hat – was auch für den hie und da zwischengeschobenen, recht makaberen Witz gilt. Stellenweise könnte man so meinen, man müsste sich in einem x-beliebigen Splatter- respektive Trashfilm befinden – doch glücklicherweise ist DAS BELKO EXPERIMENT weit mehr als das.

Schließlich – und wenn man so will – könnte man den Film problemlos als ebenso zwischenmenschliches wie auf die Gesellschaft übertragbares Drama betrachten. Ein Drama über die Natur des vermeintlich zivilisierten Menschen – was hier auch als Metapher bestens funktioniert, sogar im Hinblick auf einen größeren Zusammenhang. Offenbar war dies auch genau so von den Machern beabsichtigt – denn sonst hätte man sich wohl kaum eines recht offensichtlichen Gesellschafts-Querschnitts bedient, welcher direkt auf die beteiligte Charakter-Riege übertragen wurde. Doch wie man es auch dreht und wendet und betrachtet: DAS BELKO EXPERIMENT bleibt ein überzeugender Psycho-Thriller mit dem gewissen Etwas, der nicht nur mit seinem überraschend effektiven Schauspiel und der handwerklich ansprechenden Inszenierung punkten kann – sondern auch mit seinen ungeschönt dargestellten Inhalten. James Gunn holt hier klar das Maximum aus der bereits bekannten Grundidee und dem vergleichsweise eingeschränkten Setting heraus – und vermag es dabei tatsächlich, den Zuschauer in der ein oder anderen Form aufzurütteln.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © Kinostar Filmverleih GmbH

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„Die Idee ist nicht neu und das Setting auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig – umso überraschender ist, was letztendlich aus DAS BELKO EXPERIMENT geworden ist.“

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Filmkritik: „Der Sohn“ (2016)

Filmtyp: Spielfilm (TV-Produktion)
Regie: Urs Egger
Mit: Mina Tander, Nino Böhlau, Muriel Baumeister u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 88 Minuten
FSK: keine Angabe / nicht geprüft
Genre: Drama / Thriller
Tags: Kleinstadt | Alleinerziehend | Mutter | Sohn | Mord | Verdacht

Wenn die Mutter mit dem Sohne…

Inhalt: Die alleinerziehende Katharina (Mina Tander) lebt mit ihrem 16-jährigen Sohn Stefan (Nino Böhlau) in einer beschaulichen Kleinstadt, in der jeder jeden kennt. Schnell wird klar, dass es die von ihrem Mann verlassene Katharina nicht immer leicht hat – erst Recht, da ihr Sohn schon seit seiner Geburt an einem besonders schweren Asthma leidet. Stefan indes scheint dies bestenfalls dann zu stören, wenn er mal wieder eine Hustenattacke bekommt – er scheint langsam aber sicher genug zu haben von seiner überfürsorglichen Mutter und ihren Ratschlägen. Die macht sich währenddessen Vorwürfe, und stellt sich immer wieder die Frage ob sie ihren Sohn überhaupt noch liebt; lieben kann – erst Recht, da ihr eines Tages eine schlimme Vermutung in den Sinn kommt. Denn: kurz nachdem sich der immer mehr von seiner Mutter abgrenzende Stefan mit seinen merkwürdigen nächtlichen Streifzügen begonnen hatte – in denen er unter anderem seiner aufkeimenden Sexualität Luft machte – wurden in der Gegend die Leichen von zwei ermordeten Frauen gefunden. Kann sich der grausame Verdacht der Mutter wirklich bestätigen, oder andersherum: könnte Stefan tatsächlich zu einem Mörder werden, um seine potentiell unkontrollierbaren Gelüste zu befriedigen ?

Kritik: Nein, ein Filmtitel wie DER SOHN zeugt nicht gerade von einem großen Erfindungsreichtum – und lässt auch nicht die Vermutung entstehen, dass hier mit ganz und gar spektakulären Inhalten zu rechnen wäre. Tatsächlich aber legt es der für die ARD produzierte und von Urs Egger umgesetzte Spielfilm durchaus darauf an, die Gemüter der Zuschauer zu erhitzen. Vornehmlich, in dem ein sonst üblicher Familien- und Generationskonflikt zwischen einer alleinerziehenden Mutter und ihrem jugendlichen Sohn gleich auf mehrerlei Art und Weise auf die Spitze getrieben wird – mit dem letztendlichen Ergebnis, dass sich beide Parteien nicht gerade mit Ruhm bekleckern und des Öfteren mehr als fragwürdige Verhaltensweisen an den Tag legen. Die dabei angeschnittenen oder teils auch etwas expliziter beleuchteten inhaltlichen Kernelemente des Films zielen dabei klar auf den Bereich der zwischenmenschlichen Interaktion im Kreise der Familie: Themen wie Überbehütung, Bevormundung, Misstrauen sowie eine daraus resultierende Aggression und Hilflosigkeit geben sich in DER SOHN die Klinke in die Hand.

Paart man diese heikle Mischung auch noch mit einer gehörigen Portion pubertären Wahnsinns und diversen die Situation nicht gerade erleichternden Umständen, scheint das Chaos perfekt – und ein Film wie DER SOHN voll in seinem Element. Leicht problematisch wird es nur, wenn Urs Egger respektive die verantwortlichen Drehbuchautoren Dagmar Gabler und Peter Andersson dann doch mal gehörig über die Stränge schlagen und den Film so fast schon unfreiwillig komisch, mindestens aber dezent überzogen wirken lassen – inklusive einiger Szenen die man komplett hätte streichen müssen (wie den Wachmann, der seine potentiellen Opfer offenbar im Flutlicht ausmacht). Immerhin bezieht der Film selbst keine klare Stellung zu den meisten der angeschnittenen Themen – und überlasst es in weitestem Sinne dem Zuschauer, über die Charaktere und ihre verfahrene Situation zu urteilen.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © BR | DasErste.de

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„Etwas weniger Hysterie und etwas mehr Glaubwürdigkeit wären dem Film sicherlich gut bekommen. Unterhaltsam und ausreichend heikel um für den nötigen Gesprächsstoff zu sorgen ist DER SOHN aber allemal.“

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Der Trailer:

http://www.daserste.de/embed/index~standalone.jsp?id=der-sohn-trailer-video-100&share=1&extern=1

Filmkritik: „Dog Days Of Summer“ (2007)

Filmtyp: Spielfilm
Regie: Mark Freiburger
Mit: Richard Herd, Devon Gearhart, Colin Ford u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
FSK: keine Angabe
Genre: Thriller / Drama
Tags: Kleinstadt | Kinder | Fremder | Mysteriös | Veränderungen

Wie im Kleinen, so im Großen…

Inhalt: Ein einsamer Mann durchwandert die Straßen einer verlassenen und vermüllten Kleinstadt, in der nur noch das pfeifende Geräusch des Windes zu hören ist – und wenn man genau hinhört, auch die Stimmen der Vergangenheit. So erinnert sich der Hauptprotagonist Philip zurück an die Zeit, in der er hier als Kind (Devon Gearhart) viel Zeit mit seinem besten Freund Jackson (Colin Ford) verbrachte. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm dabei ein ganz besonderer Sommer, in dem ein mysteriöser Fremder in der Stadt auftauchte. Sicher, Eli Cottonmouth (Will Patton) war ein äußerst fähiger Modellbauer, und erhielt seitens der Stadtverwaltung schnell den Auftrag auch von ihr ein detailliertes Modell anzufertigen. Im Großen und Ganzen aber machte er den Menschen eher Angst – und auch Philip wusste als Kind kaum, wie er den Fremden einschätzen sollte. Immerhin händigte er den beiden Freunden eine Kamera aus, und bat sie von möglichst vielen Objekten in der Stadt Bilder zu schießen. Das taten sie auch, ohne sich großartig Gedanken darüber zu machen – bis sich die Lage mit dem plötzlichen Verschwinden einer hochschwangeren Frau zuspitzte. So sollten die Menschen doch noch herausfinden, was es mit dem seltsamen Fremden und seinen Modellen tatsächlich auf sich hatte…

Kritik: Die US-Amerikanische Produktion DOG DAYS OF SUMMER ist alles andere als ein gewöhnlicher Spielfilm – und gleichzeitig auch einer, mit dem man erst warm werden muss. So können sich schon die ersten Minuten als recht zäh erweisen, und welche Marschrichtung das filmische Erstwerk von Regisseur Mark Freiburger letztendlich einschlagen würde; ist zunächst kaum zu erahnen. Aber auch in seinem weiteren Verlauf wirkt der Film etwas zu unentschlossen, zumindest stellenweise. Am ehesten wird der Zuschauer so einem wahren Wechselspiel aus verschiedenen Emotionen und Eindrücken ausgesetzt, ohne dass eine der vielen inhaltlichen Komponenten nachhaltig fokussiert wird. In seinem Dasein irgendwo zwischen einer klassischen Coming Of Age-Geschichte, einem netten Mystery-Thriller und einem Gesellschaftsdrama mit teils kritischen Botschaften lebt DOG DAYS OF SUMMER vor allem von seinen ungewöhnlichen Charakteren, dem soliden bis hervorragenden Schauspiel, der teils eindringlichen Filmmusik sowie seinem stimmig in Szene gesetzten Vergangenheits-Setting inklusive einer entsprechenden Erzähl-Perspektive.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © Anchor Bay Entertainment

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„Eine insgesamt noch etwas zu konfuse und unentschlossene Angelegenheit – aber das an den Tag gelegte Handwerk überrascht, wie auch der allgemein ambitionierte und gewissermaßen erfrischende Gesamteindruck.“

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Filmkritik: „Shut In“ (2016)

Originaltitel: Shut In
Regie: Farren Blackburn
Mit: Naomi Watts, Oliver Platt, Charlie Heaton u.a.
Land: Frankreich, Kanada
Laufzeit: ca. 90 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Horror, Thriller
Tags: Mutter | Sohn | Familie | Unfall | Wachkoma

Willkommen im Land der (un)begrenzten Möglichkeiten.

Kurzinhalt: Nachdem ihr Mann Richard (Peter Outerbridge) und ihr Stiefsohn Stephen (Charlie Heaton) bei einem Autounfall schwer verunglückten, lebt die als Kinderpsychologin arbeitende Mary (Naomi Watts) zurückgezogen in einem großen Anwesen im ländlichen Neuengland. Neben ihrer Arbeit kümmert sie sich vor allem um ihren seit dem Unfall stark beeinträchtigten, pflegebedürftigen Stiefsohn – und hat bis auf gelegentliche Videochats mit ihrem Kollegen Dr. Wilson (Oliver Platt) kaum Kontakte zur Außenwelt. Eines Tages taucht plötzlich der Waisenjunge Tom (Jacob Tremblay) auf, der nach der bereits bei ihr absolvierten psychologischen Behandlung in einem speziellen Heim untergebracht werden sollte – sich aber offenbar von der einfühlsamen Mutter angezogen fühlt. Das Problem: so schnell und unerwartet er aufgetaucht ist, so schnell verschwindet er auch wieder. Und das in Richtung der verschneiten Wälder, ohne zusätzliche Winterkleidung. Mary macht sich Vorwürfe, und wird neben den ohnehin allgegenwärtigen Sorgen um ihren Stiefsohn nun auch noch von der Ungewissheit über den Verbleib des kleinen Jungen geplagt. Dass sie bald darauf starke Schlafprobleme entwickelt, gehört noch zu den kleineren Übeln…

Kritik: Ja, sie haben wieder Hochkonjunktur – Horrorfilme der guten alten Schule, die trotz vergleichsweise geringer Mittel eine möglichst große Wirkung erzielen sollen. Die gegen Ende 2016 in den Kinos erschienene Grusel-Mär SHUT IN bildet da keine Ausnahme – womit sich der vom bis dato eher unbekannten britischen Regisseur Farren Blackburn inszenierte Film auch einer entsprechenden Konkurrenz stellen muss. Zwar keiner durchweg hochkarätigen, schließlich impliziert die Rückkehr zu gleichermaßen bekannten wie altbewährten Stilmitteln nicht automatisch ein gelungenes Werk – doch in Anbetracht ihrer schieren Anzahl sollte man sich mit Filmen wie SHUT IN zumindest bemüht zeigen, für entsprechende Alleinstellungsmerkmale zu sorgen. Gerade das scheint in diesem Fall aber nicht allzu leicht, was gleich mehrere Gründe hat. Beispielsweise sieht SHUT IN abermals ein großes, selbstverständlich mit vielen Holzdielen ausgestattetes (Geister-)Haus als Schauplatz vor, bezieht sich wie im Genre typisch auf das gespenstische Erleben einiger weniger beteiligter Hauptpersonen – und treibt die Geschichte grundsätzlich nur mit jenen Zutaten voran, die man auch genau so von einem Film wie diesem erwartet hätte.

Anders gesagt: um einen allzu erfrischenden, gar Neuland betretenden Genre-Film handelt es sich nicht. Eher ist das Gegenteil der Fall – wobei es fast schon ironisch wirkt, dass man dem allgemein gefeierten Nachwuchsdarsteller Jacob Tremblay auch in SHUT IN eine Rolle gegeben hat. Schließlich konnte man den durchaus fähigen, seit RAUM weltweit bekannten Darsteller erst kürzlich – dass heißt im nur wenige Monate älteren BEFORE I WAKE (siehe Review) erleben. Hierbei handelt es sich um einen insgesamt ebenfalls nicht gerade herausragenden Film – aber doch zumindest einen, der sich das Potential des Jungdarstellers zunutze machte. In SHUT IN dagegen scheint er fast schon unterfordert zu sein, zumal seiner Rolle als Waisenjunge Tom eine eher geringe Bedeutung zuteil wird. Immerhin: während die eigentliche Hauptdarstellerin Naomi Watts eigentlich nur das typische Genre-Repertoire aufruft und bis auf ein entsprechenden Mienenspiel kaum aus sich herausgehen muss, sieht es in Bezug auf den 1994 geborenen Charlie Heaton (u.a. STRANGER THINGS) schon wesentlich besser respektive interessanter aus. Gerade im späteren Verlauf des Films verkörpert er die Rolle des eigentlich im Wachkoma liegenden Film-Sohnes Stephen Portman mit einer gewissen; man nenne es Vehemenz – unter hinterlässt damit einen intensiveren Eindruck als alle anderen Beteiligten des Films zusammen.

Allerdings keinen, der sich nachhaltig festsetzen würde – wofür sich aber vornehmlich nicht die Darsteller, sondern das grundsätzlich reichlich spröde, uninspirierte und einstweilen auch schlicht sinnlose Drehbuch verantwortlich zeichnet. Sicher, Filme die ausnahmsweise mal nicht auf einer entsprechenden Buchvorlage basieren und somit perfekt auf das Medium Film zugeschnitten werden könnten; sind immer öfter eine Seltenheit – und haben im besten Falls das Zeug dazu, für einen angenehm frischen Wind zu sorgen. Wenn, ja wenn denn das nötige Fingerspitzengefühl und vor allem auch einige guten Ideen vorhanden sind – was bei SHUT IN offensichtlich kaum der Fall war. Somit ist der eher lauwarme, sich dezent in die Länge ziehende; ja schlicht ärgerlich typische Auftakt des Films auch erst der Anfang der Misere – wobei man gar nicht erst anfangen sollte, gewisse Dinge zu hinterfragen (beispielsweise wie der junge Tom zur und in die Garage von Mary kommt). Richtig übel wird es schließlich erst wenn SHUT IN seinen großen Twist, oder so gesehen auch seinen eigentlichen Höhepunkt präsentiert. Immerhin: langweiliger wird er dadurch nicht – dafür aber umso abstruser und unglaubwürdiger. Dabei spielt es übrigens auch keine Rolle, ob man als Zuschauer bereits entsprechende Vorahnungen hegt oder wirklich vom Film überrascht wird. Denn: die Mühe, die speziell in Bezug auf die Atmosphäre von SHUT IN investiert wurde; war und ist schlicht zu gering.

So gering, dass sich neben der sich deutlich zu hanebüchen anfühlenden Story auch keine nennenswerte Spannung ergibt und erst Recht keine Empathie für die Charaktere entsteht. Selbst wer auf einzelne Gänsehaut-Momente aus ist, wird eher enttäuscht – bis auf ein paar klischeehaft inszenierte, altbekannte Jumpscares gibt es einfach nichts zu holen. Insgesamt betrachtet ist SHUT IN eine echte Enttäuschung – zumindest, wenn man sich doch noch etwas mehr erhofft als einen weiteren absolut typischen Horrorfilm der Marke Hollywood zu entdecken. Da können auch Naomi Watts, Charlie Heaton und Jacob Tremblay nichts daran ändern – die in einem anderen Film ein wirklich starkes Charakter-Trio hätten ergeben können. Eventuell, und mit dem bereits erwähnten; unbedingt nötigen Fingerspitzengefühl…

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„Ein Film so platt, konstruiert und austauschbar wie eine Schablone.“

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Filmkritik: „Das Neunte Leben Des Louis Drax“ (2017)

Originaltitel: The 9th Life Of Louis Drax
Regie: Alexandre Aja
Mit: Aiden Longworth, Jamie Dornan, Sarah Gadon u.a.
Land: USA, Kanada, Großbritannien
Laufzeit: ca. 108 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama, Thriller, Horror
Tags: Junge | Kind | Mutter | Unfälle | Koma | Kommunikation

Wenn selbst neun Leben nicht genug sind.

Kurzinhalt: Den jungen Louis Drax (Aiden Longworth) als Pechvogel zu bezeichnen scheint noch leicht untertrieben – schließlich hat er seit seiner Geburt immer wieder merkwürdige Unfälle, die ihm fast das Leben kosten. Trotzdem scheint sich der mit einer lebhaften Fantasie ausgestattete Junge nicht den Lebensmut nehmen zu lassen, und blickt relativ gelassen auf die zahlreichen Zwischenfälle. Bis, ja bis es an seinem neunten Geburtstag zu einem weiteren und wohl auch dem bisher schlimmsten Unglück kommt. Nicht nur, dass seine mittlerweile getrennt lebenden Eltern ausgerechnet an seinem Geburtstag einen heftigen Streit vom Zaun brechen – inmitten eines darauf folgenden Gerangels stürzt Louis von einer schwindelerregend hohen Klippe. Unglaublicherweise überlebt er den Sturz, doch nach seiner Rettung aus dem eiskalten Wasser liegt er schwer verletzt im Koma. Als er kurz darauf in die aus derartige Fälle spezialisierte Klinik von Dr. Allan Pascal (Jamie Dornan) eingewiesen wird; setzen der Arzt und seine Mutter (Sarah Gadon) alles daran, dass es dem kleinen Patienten bald wieder besser gehen würde. Höchst merkwürdig erscheint indes, dass der Vater (Aaron Paul) seit dem Vorfall verschwunden ist…

Kritik: Filme, in denen komatöse Patienten in einem ersten aber nicht hoffnungslosen Zustand auf eine Rettung warten gibt es eigentlich gar nicht so wenige – eine entsprechende Bandbreite zwischen eher klassischen medizinischen Dramen und geradezu fantastisch anmutenden Ausflügen in die Bereiche der Metaphysik inklusive. Manchmal können die Grenzen aber auch fließend ausfallen, wie im etwas sperrig betitelten DAS NEUNTE LEBEN DES LUIS DRAX vom frisch gebackenen Horror-Spezialist Alexandra Aja. Der hatte sich speziell durch seine gelungene Neuverfilmung des Klassikers THE HILLS HAVE EYES einem Namen gemacht, war daraufhin aber auch an einigen mindestens diskutablen Werken beteiligt – wie etwa dem puren Trash-Vergnügen in der Gestalt von PIRANHA 3D (siehe Review) oder dem schonungslosen Remake von MANIAC (Review). Unter anderem deshalb fühlt es sich etwas überraschend an, ihm nun bei einer Umsetzung eines für ihn und seine bisherige Filmografie eher ungewöhnlichen Stoffes beizuwohnen. Schließlich basiert DAS NEUNTE LEBEN DES LUIS DRAX auf einer gleichnamigen Buchvorlage der Autorin Liz Jensen, und richtet seinen Fokus explizit auf das Erleben eines kindlichen Hauptprotagonisten in einer nicht nur medizinischen Ausnahmesituation.

Die ersten Minuten des Films offenbaren dabei schnell einen weiteren Überraschungsmoment, denn: es gelingt dem Regisseur durchaus, den Zuschauer mit seinem etwas anderen Einblick in die Gedankenwelt eines kleinen Jungen zu fesseln. Der dezente Ausflug in Richtung einer klassischen Coming Of Age-Geschichte, die gleichermaßen frische wie unkonventionelle Erzählweise irgendwo zwischen einer kindlichen Poesie, fast schon komödiantischen Einschüben und einer subtilen Dramatik geht zunächst wunderbar auf – und macht neugierig auf den weiteren Verlauf des Films. Im selbigen kommt es jedoch, wie es kommen muss: nicht alle der an den Tag gelegten Ideen sind gut respektive sonderlich effektiv, und vor allem hinsichtlich der angepeilten Kohärenz des Films hapert es. Stellenweise sogar gewaltig – was umso deutlicher auffällt, wenn man den eigentlichen Überraschungseffekt des Films zu Rate zieht. Schließlich hat gerade der zwei kaum miteinander vereinbare Seiten, oder anders gesagt: für DAS NEUNTE LEBEN DES LOUIS DRAX ist er Fluch und Segen zugleich.

Denn: so unerwartet die eigentliche Wendung sein mag, eigentlich hat sie nur wenig mit dem zuvor etablierten Atmosphäre des Films am Hut. Streckenweise könnte man somit den Eindruck gewinnen, als handelte es sich bei DAS NEUNTE LEBEN DES LOUIS DRAX um zwei oder drei ineinander verwobene Filme – die nicht immer miteinander harmonieren, und bei deren Verknüpfung einiges auf der Strecke bleibt. Sicher ist es mutig, eine wie hier gezeigte Symbiose aus verschiedenen Genres anzustreben – doch letztendlich wirkt die Mixtur aus Elementen des Coming Of Age-Films, des Dramas, des Thrillers; aber eben auch der Fantasy und des Horrors schlicht etwas zu wild und unentschlossen. Somit bleibt kaum aus, dass sich ein vergleichsweise seltener Gesamteindruck einstellt: die Grundidee inklusive der überraschenden Auflösung bleibt der wohl größte Vorteil in und an LOUIS DRAX, wohingegen der Weg zu eben jener Auflösung auffällig holperig wirkt – und zudem einige Längen aufweist.

Immerhin: Alexandra Aja begeht somit schon einmal nicht den Fehler, viel Lärm um nichts zu machen. Eigentlich ist es hier sogar genau andersherum: die Ausschmückungen um den Kern der Geschichte herum sind es, die für Verdruss sorgen – und nicht die Geschichte an sich. Ein ebenso ambivalentes Gefühl stellt sich auch ein, wenn man die handwerklichen Kniffe, den Soundtrack und die Leistungen der Darsteller in Betracht zieht. Schließlich gilt auch hier: für sich betrachtet macht vieles einen guten Eindruck. Das gilt insbesondere für die teils hervorragenden Aufnahmen, die atmosphärisch inszenierten Schauplätze, die eingestreuten Special Effects oder aus dem Kontext gerissene Einzel-Momente – wie etwa die gruselige Verfolgung einer Schlamm-Spur im Krankenhaus, oder aber die Szenen des Hauptcharakters mit einer zunächst nicht zuzuordnenden Gestalt in Form eines allwissenden Erzählers.

Im Zusammenspiel folgt jedoch die relative Ernüchterung: DAS NEUNTE LEBEN DES LOUIS DRAX will schlicht etwas zu viel, und verhaspelt sich dabei dezent in Bezug auf seine eben nicht oder nur kaum vorhandene Konsequenz. Leicht kritisch muss wohl auch die Leistung des Nachwuchstalentes Aiden Longworth in der für ihn eventuell etwas zu großen Hauptrolle betrachtet werden – auch hier sind einige deutliche Abstriche zu machen. Die angepeilte Emotionalität, das ganz große Einfühlen im Sinne einer übergreifenden Empathie bleibt jedenfalls aus.

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„Eine gute Idee trifft auf eine schwache und inkonsistente Umsetzung.“

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