Metal-CD-Review: BLIND GUARDIAN – Beyond The Red Mirror (2015)

Alben-Titel: Beyond The Red Mirror
Künstler / Band: Blind Guardian (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 30. Januar 2015
Land: Deutschland
Stil / Genre: Power Metal
Label: Nuclear Blast

Alben-Lineup:

Hansi Kürsch – Vocals
André Olbrich – Guitars
Marcus Siepen – Guitars
Frederik Ehmke – Drums

Track-Liste:

1. The Ninth Wave (09:28)
2. Twilight of the Gods (04:50)
3. Prophecies (05:26)
4. At the Edge of Time (06:54)
5. Ashes of Eternity (05:39)
6. The Holy Grail (05:59)
7. The Throne (07:54)
8. Sacred Mind (06:22)
9. Miracle Machine (03:03)
10. Grand Parade (09:28)

Vom Wunderland hinter dem Spiegel.

Gute 5 Jahre nach ihrem neunten Studioalbum AT THE EDGE OF TIME (siehe Review) erschien 2015 das bis heute letztaktuelle BLIND GUARDIAN-Album BEYOND THE RED MIRROR. Und damit auch ein Album, welches die Tradition der Band in vielerlei Hinsicht fortsetzte – und das nicht nur in Bezug auf das fantastische Artwork oder die Anzahl von exakt 10 vollwertigen Alben-Titeln. Mindestens einen Unterschied zum Vorgänger gibt es dann aber doch, und der spielt (wie nicht selten in der hiesigen Diskografie) auf das durchaus ehrenwerte Bestreben der Band an, sich mit ihrem jeweils neuesten Album nicht bloß wiederholen zu wollen. Ehrenwert ist das vor allem deshalb, da man so erst die Chance erhält näher zwischen den Alben der Genre-Pioniere differenzieren zu können – die sich seit dem früh vollzogenen Wandel der Band von einer Speed Metal-Combo in eine auf eine gewisse Epik ausgerichtete Power Metal-Formation allesamt in einem stilistisch gut zueinander passenden Fahrwasser bewegen. Dennoch, und wie sich zeigt birgt diese Form des minimalen, sich aber doch hörbar auswirkenden Neu-Erfindens auch eine gewisse Gefahr. Im größeren Kontext und in Bezug auf die gesamte Diskografie der Band bedeutet dies, dass BLIND GUARDIAN eine der; man nenne es qualitativ abwechslungsreichsten Diskografien überhaupt vorweisen können – und im kleinen Kontext, das heißt in Bezug auf das vorliegende BEYOND THE RED MIRROR; dass sich die Band abermals einen Schritt in eine so nicht unbedingt wünschenswerte Richtung erlaubt hat.

Sicher handelt es sich hierbei um eine etwas zugespitzte Formulierung, aber dennoch: gerade im Vergleich mit dem direkten Vorgänger AT THE EDGE OF TIME macht BEYOND THE RED MIRROR eine wesentlich schlechtere Figur als erwartet. Zwar legen es BLIND GUARDIAN hörbar darauf an, gerade das zu vermeiden – beispielsweise in Form ihrer dieses Mal doch recht üppig inszenierten symphonischen Facette inklusive eines echten Orchesters und Chors. Doch trotz der somit eigentlich zu erwartenden klanglichen Reichhaltigkeit ist das Album kurioserweise alles andere als spannend oder nennenswert facettenreich ausgefallen; oder mehr noch: über weite Strecken klingt es einfach nur ärgerlich langatmig. Woran genau das liegen könnte, ist schwer zu sagen – Fakt ist nur, dass es nicht auf die Leistungen der einzelnen (und der Band schon seit unzähligen Jahren die Treue haltenden) Mitglieder oder aber die zahlreichen anderen am Album beteiligten und dabei ebenfalls ihr Handwerk verstehenden Musikern zurückgeführt werden kann. Wobei, ganz stimmt das nicht – denn letztendlich muss sich ja irgendjemand für das Songwriting und das Konzept als vermutlich einzigen und wahren Knackpunkt von BEYOND THE RED MIRROR verantwortlich zeichnen. Wer genau hier welche Entscheidung zu welchem Zeitpunkt herbeigeführt hat, spielt dabei allerdings keine allzu große Rolle – nur, dass sie sich eher schlecht als recht auf das Album auswirken.

Vielleicht wollten BLIND GUARDIAN aber auch einfach zu viel – worauf bereits der überlange, mit wuchtigen Chor-Passagen ausgestatteter Opener THE NINTH WAVE hinweist. Aber auch wenn insbesondere der Orchester-Auftakt einen für BLIND GUARDIAN eher ungewöhnlichen Eindruck hinterlässt, ist der gar nicht erst das eigentliche Problem. Dieses findet sich schließlich erst im weiteren Verlauf, und folglich auch mit der Entwicklung der Nummer – der dabei ganz offensichtlich einige Stolpersteine in den weg gelegt wurden. Anders sind die stellenweise auftretenden, in Anbetracht des bisherigen Werdegangs der Band überraschend langatmigen und unspektakulären Momente wohl kaum zu erklären – wobei es sich um eine Form der Gleichförmigkeit handelt, die sich unglücklicherweise auch durch den Rest des Albums zieht. Viel zu oft hat man das Gefühl, als würden sich BLIND GUARDIAN aus unbestimmten gründen zurückhalten – was sich hier insbesondere durch die sich stark ähnelnden Strukturen und Stimmungen, das Ausbleiben von nennenswert andersartigen und die Atmosphäre befeuernden Titeln (MIRACLE MACHINE ist eine Ausnahme, aber leider keine besonders gute), das Fehlen von klaren Highlights sowie die relative klanglichen Dissonanzen in Bezug auf die nicht ganz glückliche Abmischungs- und Produktionsarbeit beziehen.

Ein in diesem Fall ebenfalls nicht zu verachtender Kritikpunkt (mit dem die Band im übrigen schon des öfteren zu kämpfen hatte) bezieht sich auf die überlagerten Gesänge sowie die Inszenierung der Chöre, die auf BEYOND THE RED MIRROR einen alles andre als wuchtigen oder ausgewogenen Eindruck hinterlassen – und so dazu führen, dass sich die Nummern noch gleichförmiger anfühlen als ohnehin schon. Aber auch Leadsänger Hansi Kürsch hat schon einmal eine bessere Figur gemacht – was den insgesamt doch eher enttäuschenden Eindruck des Albums unterstreicht. Momentan mag es zwar ein schwacher Trost sein, aber: wenn man so will und der bisher eigentlich immer bei der Betrachtung von BLIND GUARDIAN aufgegangen Rechnung traut, sollte das nächste Album wieder ein Highlight werden…

Absolute Anspieltipps: AT THE EDGE OF TIME, THE HOLY GRAIL


„Das erste deutlicher enttäuschende BLIND GUARDIAN-Album als hoffentlich nur einmaliger Ausrutscher.“

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Metal-CD-Review: BLIND GUARDIAN – At The Edge Of Time (2010)

Alben-Titel: At The Edge Of Time
Künstler / Band: Blind Guardian (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 29. Juli 2010
Land: Deutschland
Stil / Genre: Power Metal
Label: Nuclear Blast

Alben-Lineup:

Hansi Kürsch – Vocals
André Olbrich – Guitars
Marcus Siepen – Guitars
Frederik Ehmke – Drums

Track-Liste:

1. Sacred Worlds (09:17)
2. Tanelorn (Into the Void) (05:58)
3. Road of No Release (06:30)
4. Ride into Obsession (04:46)
5. Curse My Name (05:52)
6. Valkyries (06:38)
7. Control the Divine (05:26)
8. War of the Thrones (04:55)
9. A Voice in the Dark (05:41)
10. Wheel of Time (08:55)

Je knapper die Zeit, umso größer der Schöpfungsdrang ?

Man mag über sie denken was man will, aber: trotz dessen, dass sie schon seit unzähligen Jahren im Geschäft sind, mindestens einen markanten Stilwechsel vollzogen und dabei auch das ein oder andere Experiment gewagt haben; standen die deutschen Power Metaller von BLIND GUARDIAN noch zu keinem Zeitpunkt vor der Gefahr, sich in irgendeiner Form die Blöße zu geben. Dementsprechend – und mal abgesehen von ihrer ohnehin vorhandenen Wegbereiter-Funktion – sind sie mit ihren bis dato veröffentlichten, allesamt rundum zufriedenstellenden Studioalben auch nicht mehr aus der allgemeinen Power Metal-Szene wegzudenken. Dennoch, und das gilt längst nicht nur für BLIND GUARDIAN; ist es nur selten ratsam sich auf seinen bisherigen Erfolgen auszuruhen – weshalb das Bestreben immer neue Höhen zu Erreichen auch noch nach vielen Jahren vorhanden sein kann oder sollte. Zumindest im besten Fall – und glücklicherweise auch in Anbetracht eines Albums wie AT THE EDGE OF TIME, dem mittlerweile neunten offiziellen Langspieler der niemals ruhenden Power Metaller.

Anders gesagt: auch wenn bisher kein einziges BLIND GUARDIAN-Album Schwächen aufwies die den Hörgenuss in einer wirklich nachhaltigen Art und Weise hätten trüben können, ließen die Krefelder hie und da doch etwas Luft nach oben. Was nur verständlich ist, auf die auch bei einer großen Band wie dieser vorhandenen (menschlichen) Makel hinweist – und eine spezifischere Differenzierung zwischen den einzelnen Alben überhaupt erst möglich macht. Während der Vorgänger A TWIST IN THE MYTH (siehe Review) also möglicherweise nicht zum besten gehörte, was die Band der geneigten Hörerschaft jemals präsentiert hatte; schien die Band auf dem 2010 nachgeschobenen AT THE EDGE OF TIME noch einmal deutlich zugelegt zu haben. Und das in mehrerlei Hinsicht – vor allem aber was die an den Tag gelegte Härte, den spürbaren Druck und auch die Ausgewogenheit zwischen antreibend-rassigen Momenten und den für die Band typischen folkloristischen oder balladesken Einschüben betrifft. Betrachtet man den überraschend gut funktionierenden Opener SACRED WORLDS, sicher auch den symphonischen – die bei BLIND GUARDIAN eher selten Verwendung finden, hier aber schon einmal für einen vergleichsweise erfrischenden Alben-Auftakt sorgen.

Schon kurz darauf, und mit Titeln wie TANELORN oder RIDE INTO OBSESSION macht sich die im Gegensatz zum noch etwas luftigeren Vorgänger neu entdeckte Härte und Griffigkeit von BLIND GUARDIAN bemerkbar – die dem Album einen ebenso interessanten wie antreibenden Charakter einverleibt, und die dazwischenliegenden Titel wie etwa das stampfende ROAD OF NO RELEASE oder das für die Band typische Folk-Intermezzo CURSE MY NAME zu wunderbar aufgehenden atmosphärischen Einschüben macht. Was darauf folgt, ist ebenfalls nicht von schlechten Eltern – läuft dann aber zugegebenermaßen auch mal Gefahr, etwas zu eintönig zu klingen. Während das recht ansprechende VALKYRIES dabei eigentlich nur – und leider – im Refrain schwächelt, wirkt sich das insbesondere bei einer sich nicht wirklich für eine Marschrichtung entscheidenden Nummer wie CONTROL THE DIVINE eher negativ aus. Glücklicherweise haben BLIND GUARDIAN aber noch etwas in Petto – und das ist das höchst geniale Trio aus der fast schon magischen Ballade WAR OF THE THRONES, dem Gassenhauer A VOICE IN THE DARK (der richtigerweise auch als Videosingle ausgekoppelt wurde) sowie dem episch aufgemachten und überlangen Rausschmeißer WHEEL OF TIME; der noch einmal alles abreißt was geht.

Letztendlich handelt es sich damit um ein BLIND GUARDIAN-Album, dass wieder mal einen dezenten Vorsprung gegenüber seinem direkten Vorgänger aufzuweisen vermag – und demnach auch in keiner gut sortierten Power Metal-Sammlung fehlen sollte.

Absolute Anspieltipps: SACRED WORLDS, TANELORN, RIDE INTO OBSESSION, VALKYRIES, A VOICE IN THE DARK, WHEEL OF TIME


„Ein vor allem zum Auftakt und zum Ende immens starkes BLIND GUARDIAN-Album.“

Metal-CD-Review: BLIND GUARDIAN – A Twist In The Myth (2006)

Alben-Titel: A Twist In The Myth
Künstler / Band: Blind Guardian (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 01. September 2006
Land: Deutschland
Stil / Genre: Power Metal
Label: Nuclear Blast

Alben-Lineup:

Hansi Kürsch Vocals
André Olbrich – Guitars
Marcus Siepen – Guitars
Frederik Ehmke – Drums

Track-Liste:

1. This Will Never End (05:07)
2. Otherland (05:14)
3. Turn the Page (04:16)
4. Fly (05:43)
5. Carry the Blessed Home (04:03)
6. Another Stranger Me (04:36)
7. Straight Through the Mirror (05:48)
8. Lionheart (04:15)
9. Skalds and Shadows (03:13)
10. The Edge (04:27)
11. The New Order (04:49)

Ganz so groß ist die Überraschung dann doch nicht.

Gute 4 Jahre nach dem ebenso überraschenden wie überraschend guten A NIGHT AT THE OPERA (2002, siehe Review) legten die angestammten Genre-Pioniere von BLIND GUARDIAN ihr zum Zeitpunkt der Veröffentlichung achtes Studioalbum A TWIST IN THE MYTH nach. Selbiges beinhaltet 11 Titel bei einer Gesamtspielzeit von knapp 51 Minuten, kommt mit einem für die Band typisch-fantastischen Artwork daher – und schickte sich an, die ebenso wahnwitzige wie unvergleichliche Erfolgsgeschichte der bereits seit 1984 aktiven Kult-Band fortzusetzen. Ob dies den stets in vielerlei Hinsicht engagierten Recken um Frontmann Hansi Kürsch aber auch tatsächlich gelungen ist, ist eine andere Frage. Denn wie so oft – und speziell in Anbetracht der doch recht turbulenten (und teilweise umstrittenen) Diskografie der Band – zeigte sich, dass auch hinter einer legendären Combo wie BLIND GUARDIAN nur Menschen stecken. Menschen, die sich glücklicherweise als waschechte Vollblut-Musiker profilierten – und der Metal-Welt dabei das ein oder andere hochkarätige, im besten Fall auch bis heute nachhallende Geschenk bereiteten. Gleichzeitig sollte man aber auch von Musikern ausgehen, die in ihrem Geschäft – und im Hinblick auf die nicht selten über viele Jahre (oder Jahrzehnte) aktive Konkurrenz – nicht gänzlich davor gefeit sind, Fehler zu begehen.

Und auch wenn es sich hierbei um eine absichtlich etwas zugespitzte Formulierung handelt – und A TWIST IN THE MYTH folglich weit davon entfernt ist, um als Fehler durchgehen zu können – schienen sich BLIND GUARDIAN nach ihren bis dato an den Tag gelegten Erfolgen erst einmal dezent zurückgelehnt zu haben. Sicher taten sie das nicht wirklich, zumal auch A TWIST IN THE MYTH ein rundum spannendes, vielschichtiges und alles andere als dahingeschludertes Genre-Album ist – doch im Vergleich mit einigen der Vorgänger-Alben konnte sich schlicht kein ähnlich intensiver Eindruck einstellen. In wie weit das zwischenzeitliche Ausscheiden des Gründungsmitgliedes Thomen „The Omen“ Stauch mit einer Feststellung wie dieser korrespondiert oder korrespondieren kann, ist ohne eine intensivere Nachforschung kaum zu belegen – doch vermutlich lag es nicht allein an seinem Weggang. Weitaus wahrscheinlicher ist, dass BLIND GUARDIAN nach seinem Weggang schlicht und ergreifend nicht in ihrer besten Form waren – und das Album so etwas weniger an Kraft, Ausdruck und Variabilität mitbringt, als man es eigentlich von der Band gewöhnt ist.

Vielleicht könnte man auch behaupten, dass A TWIST IN THE MYTH ziemlich genau da weitermacht wo A NIGHT AT THE OPERA aufgehört hatte – nur in einer gefühlt etwas abgespeckteren Version, und folglich auch mit weitaus weniger Überraschungen. Besonders markant ist in diesem Zusammenhang die auf A TWIST ON THE MYTH zusätzlich hervorgehobene Komponente in Richtung einer Rock-Oper – was den insgesamt eher weichen und zugänglich wirkenden Eindruck des Albums auch recht gut beschreibt. Doch das ist nicht das Hauptproblem – wobei es generell schwerfällt wirklich den einen Knackpunkt auszumachen, der so nur auf A TWIST IN THE MYTH vorkommt. Vielmehr steckt der Teufel im Detail, und offenbart sich stets häppchenweise – etwa in Bezug auf die vielen eher harmlos-rockigen Stampfer a’la TURN THE PAGE, CARRY THE BLESSED HOME, ANOTHER STRANGER ME, THE NEW ORDER oder DEAD SOUND OF MISERY. Selbstverständlich gilt auch hier, dass BLIND GUARDIAN ihr Handwerk nicht verlernt haben und selbst in Nummern wie diesen immer wieder auf das ein oder andere Highlight aus sind – beispielsweise in Form von schmackigen Soli. Doch das Gefühl, als würde die Band hier um ihr Leben spielen respektive wirklich alles geben; stellt sich eher nicht ein.

Titel wie der Opener THIS WILL NEVER END, OTHERLAND oder auch das sich erst im weiteren Verlauf entwickelnde FLY schneiden da schon wesentlich besser respektive interessanter ab – wobei es schade ist, dass BLIND GUARDIAN nicht auch hier noch etwas öfter auf das Gaspedal gedrückt haben, und insbesondere die Refrains eher schlecht als recht abschneiden. Mit verantwortlich dafür ist die; man nenne sie einmal dezent ertränkende Klang-Komponente – die durch den recht großzügigen Sound der überlagerten Gesänge dazu führt, dass die Refrains alles andere als differenziert oder einzigartig klingen. Selbstverständlich gilt, dass es sich trotz allem um ein super-solides Genre-Album handelt (und vielleicht sogar eines, dass so manche Konkurrenzband vor Neid erblassen lassen sollte) – doch im Sinne der jeweils herauszupickenden absoluten Highlights der BLIND GUARDIAN-Diskografie sollte man die Rechnung vielleicht doch lieber ohne A TWIST IN THE MYTH machen.

Absolute Anspieltipps: THIS WILL NEVER END, OTHERLAND, SKALDS AND SHADOWS


„Ein nicht gänzlich vor Schwächen gefeites Album aus der BLIND GUARDIAN-Diskografie.“

Metal-CD-Review: HEAVATAR – Opus II – The Annihilation (2018)

Alben-Titel: Opus II – The Annihilation
Künstler / Band: Heavatar (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 16. Februar 2018
Land: Deutschland
Stil / Genre: Power Metal
Label: earMUSIC

Alben-Lineup:

Jörg Michael – Drums
Sebastian Scharf – Guitars
Stefan Schmidt – Guitars, Vocals
Daniel Wicke – Bass

Track-Liste:

1. None Shall Sleep (04:37)
2. Into Doom (04:06)
3. Purpose of a Virgin Mind (03:51)
4. Hijacked by Unicorns (04:03)
5. The Annihilation (04:51)
6. Wake Up Now (04:49)
7. A Broken Taboo (04:45)
8. An Awakening (03:32)
9. A Battle Against All Hope (03:07)
10. A Look Inside (02:46)
11. Metal Daze (Manowar cover) (04:36)
12. The Look Inside (orchestral) (13:58)

Bevor wir alle ausradiert werden, noch ein wenig Musik.

Mit OPUS II – THE ANNIHILATION erscheint dieser Tage das zweite offizielle Studioalbum von HEAVATAR, einer erst 2012 im Rheinland gegründeten Power Metal-Formation. Im Falle der erstmals mit dem entsprechenden Vorgänger OPUS I – ALL MY KINGDOMS (das war 2013, siehe Review) in Erscheinung getretenen Musikern von einer beliebigen Newcomer-Band zu sprechen, trifft es dennoch nicht ganz – was man sowohl dem Debütalbum als auch dem vorliegenden Nachfolger problemlos anmerken wird. So sollten einem mindestens zwei Namen aus der hiesigen Besetzungsliste verdächtig bekannt vorkommen, gesetzt dem Fall man ist die letzten Jahre nicht völlig blind durch die Metal-Landschaft gelaufen: an den Drums von HEAVATAR sitzt niemand geringeres als Jörg Michael, der sich als Drummer zahlreicher Genre-Combos (wie etwa STRATOVARIUS, AXEL RUDI PELL oder auch RUNNING WILD) einen verdienten Namen gemacht hat – und Leadsänger Stefan Schmidt dürfte einigen als eines der Stimmwunder von VAN CANTO ein Begriff sein. Dass er weit mehr kann als nur Gesänge der Marke low, rakkatakka und wah-wah abzuliefern (was komisch klingt, seine Rolle bei VAN CANTO aber recht gut beschreibt) hatte er demnach schon auf dem ersten HEAVATAR-Album bewiesen – und auch der zweite Teil des mehr oder weniger groß angelegten OPUS macht auf den ersten Blick eine recht ansprechende Figur.

Denn, und davon konnte man sich bereits in den als Videosingles ausgekoppelten Titeln NONE SHALL SLEEP und PURPOSE OF A VIRGIN MIND überzeugen – HEAVATAR scheinen die doch etwas länger als erwartet ausgefallene Wartezeit zwischen ihren beiden Alben durchaus intensiv genutzt zu haben. Zum einen natürlich im Sinne der Beobachtung der Szene sowie dem analogen Ziel, sich als möglichst eigenständig klingende Combo zu präsentieren – und zum anderen im Sinne des fleißigen Ideen-Sammelns und Brainstormings. Tatsächlich strotzt OPUS II – THE ANNIHILATION nur so vor guten bis mitunter genialen Einfällen – die sich längst nicht nur auf die wie schon auf dem Artwork versprochenen Einflüsse aus der Klassik beziehen, sondern auch auf das ebenso abwechslungsreiche wie effektive Songwriting, das zu keinem Zeitpunkt Langeweile entstehen lässt. Sicher, gänzlich gefeit vor potentiellen Ausrutschern oder dann doch etwas zu komisch wirkenden Ambitionen wie etwa in HIJACKED BY UNICORNS (ja, die Nummer heißt tatsächlich so) ist das Album nicht – und doch geht es mit einem relativ ausgeprägten Spaßfaktor einher. Vor allem natürlich, da die Mitglieder von HEAVATAR ihr Handwerk verstehen – allen voran der grundsätzlich alle Titel mit einem ebenso satten wie angenehmen Schlagzeug-Gewitter ausstaffierende Jörg Michael – und sich eine talentierte Band wie diese durchaus die Freiheit nehmen darf und soll, etwas eher ungewöhnliches respektive auffällig eigensinniges zu versuchen.

Und genau das ist OPUS II letztendlich auch geworden – ein eigensinniges, auffälliges und stellenweise auch mal dezent merkwürdig anmutendes Genre-Album – das analog zu den hervorragenden Leistungen aller Beteiligten eine vergleichsweise kunterbunte Bandbreite des europäischen Power Metals zum Besten gibt. Von folkloristisch-balladesken (und dezent an BLIND GUARDIAN erinnernde) Stimmungen wie in AN AWAKENING über nicht ganz so ernst gemeinte Spaßmacher wie das bereits erwähnte HIJACKED BY UNICORNS (oder das MANOWAR-Cover METAL DAZE) bis hin zu überaus knackigen Stampfern a’la INTO DOOM oder PURPOSE OF A VIRGIN MIND ist schließlich einiges dabei – womit man die vermutlich interessanteste Seite des Albums noch gar nicht erreicht hat. Die zelebrieren HEAVATAR schließlich erst in der zweiten Alben-Hälfte – mit dem furiosen A BATTLE AGAINST ALL HOPE als Auftakt. Das besondere: einerseits scheinen HEAVATAR hier eine ganz ähnliche Form der Ausreizung zu betreiben als beispielsweise die Recken von TWILIGHT FORCE oder GLORYHAMMER, was einen ganz ähnlich bombastischen und leicht überbordenden Soundeindruck zur Folge hat – andererseits aber sind das an den Tag gelegte Handwerk und inbesondere der stimmliche Dauer-Spagat von Leadsänger Stefan Schmidt derart überzeugend, dass man hier von weit mehr ausgehen muss als einem mal eben zwischengeschobenen Intermezzo. Zumal auch das folgende A LOOK INSIDE, sowie die als Rausschmeißer vorgesehene Orchestral-Version THE LOOK INSIDE in einem ganz ähnlichen Sinne weitermachen.

So oder so: OPUS II hat vieles – und vielleicht sogar verdächtig vieles – von dem, was man als geneigter Genre-Konsument von einem vergleichsweise innovativen, schmackigen und alles andere als vorhersehbaren Power Metal-Album erwarten würde. Die Gesangsleistung von Stefan Schmidt ist furios, das Drumming von Jörg Michael wunderbar antreibend, der Bass von Daniel Wicke hat seine Momente – und auch der Frickel-Experte Sebastian Scharf macht eine extrem gute Figur. Dass die Abmischungs- und Produktionsqualität ebenfalls einen wunschlos glücklich machenden Eindruck hinterlässt, rundet das Ganze ab. Es mag überraschend sein, aber: wenn das Album mit etwas zu geizen weiß, dann mit seinen Schwächen. HEAVATAR haben hier demnach mehr als ordentlich vorgelegt – und das sowohl im Sinne der noch überschaubaren Diskografie der Band, als auch in Bezug auf das noch junge Power Metal-Jahr 2018. Selbiges nimmt mit dem munteren Schaffen von HEAVATAR endlich an Fahrt auf – und hat vielleicht auch schon einen der heißeren Kandidaten in Richtung des besten Genre-Albums des Jahres gefunden So darf es gerne weitergehen…

Absolute Anspieltipps: NONE SHALL SLEEP, INTO DOOM, PURPOSE OF A VIRGIN MIND, THE ANNIHILATION, A BATTLE AGAINST ALL HOPE


„Ein angenehm ideenreiches und handwerklich perfekt inszeniertes Album mit vielen genialen Momenten und dem gewissen Etwas.“

Metal-CD-Review: ANGRA – ØMNI (2018)

Alben-Titel: ØMNI
Künstler / Band: Angra (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 16. Februar 2018
Land: Brasilien
Stil / Genre: Power Metal
Label: earMUSIC

Alben-Lineup:

Marcelo Barbosa – Guitars
Rafael Bittencourt – Guitars
Felipe Andreoli – Bass
Fabio Lione – Vocals
Bruno Valverde – Drums

Track-Liste:

1. Light of Transcendence (04:36)
2. Travelers of Time (04:40)
3. Black Widow’s Web (05:49)
4. Insania (05:31)
5. The Bottom of My Soul (04:19)
6. War Horns (04:43)
7. Caveman (05:53)
8. Magic Mirror (06:58)
9. Always More (04:43)
10. ØMNI – Silence Inside (08:31)
11. ØMNI – Infinite Nothing (05:14)

Omnipotent und unwiderstehlich. Hoffentlich…

Nein, viele Highlights hat das Power Metal-Jahr 2018 noch nicht bereitgehalten – aber so langsam scheint die ein oder andere hochkarätige Band doch noch entsprechend vorzulegen. So erscheinen am heutigen 16. Februar nicht nur die neuen und teilweise lange erwarteten Werke von Bands wie HEAVATAR, THAUROROD, NOVAREIGN und VISIONS OF ATLANTIS – sondern auch das neue Studioalbum von ANGRA. Selbiges horcht auf den Titel ØMNI, beinhaltet 11 Titel bei einer Gesamtspielzeit von einer guten Stunde – und ist der mittlerweile neunte offizielle Langspieler aus der brasilianischen Metal-Schmiede, der seit dem Beitritt des Ex-RHAPSODY OF FIRE-Frontmanns Fabio Lione (das war 2013) auch ein wenig des berühmt-berüchtigten italienischen Genre-Feuers innewohnt. Eines muss man der Genre- und Gesangs-Legende dabei in jedem Fall lassen, so groß die anfängliche Überraschung über die Neubesetzung auch gewesen sein mag: er hatte sich als einer der weltweit erfahrensten, unverkennbarsten und sicher auch gefragtesten Sänger schnell einen angestammten Platz im Lineup der Band erarbeitet, und seine Anpassbarkeit bereits auf dem 2015 erschienenen SECRET GARDEN (siehe Review) entsprechend unter Beweis gestellt.

Mit ØMNI  erscheint nun das zweite ANGRA-Album unter der neuen Führung von Fabio Lione – und das neunte im Sinne der hiesigen, insgesamt eher durch Qualität anstatt durch Quantität überzeugenden Komplett-Diskografie. Auf den ersten Blick scheint sich dabei nicht allzu viel geändert zu haben im Rahmen der von ANGRA angepeilten Marschrichtung: noch immer sind die Brasilianer relativ problemlos als Band zu erkennen, die nicht erst seit gestern Musik machen – und noch immer setzen sie gerne mal auf etwas vertracktere respektive progressive Strukturen, die man so eigentlich nur ANGRA zuschreiben kann. Und auch wenn ANGRA mittlerweile – und das nicht zuletzt durch die neue Besetzungsstrategie – etwas weniger typisch brasilianisch klingen als dereinst, so wissen die neu gefundenen Alternativen mindestens ebenso sehr zu überzeugen. Ein Beispiel dafür servieren die Brasilianer gleich im Opener: LIGHT OF TRANSCENDENCE klingt nicht nur äußerst erfrischend, kraftvoll und in jeder Hinsicht quicklebendig – auch die hier anberaumte symphonische Komponente verleiht dem Ganzen einen schön druckvollen, schier majestätischen Anstrich. Im Zusammenspiel mit den glücklicherweise ebenfalls nicht vernachlässigten Gitarren, versteht sich – die auch auf ØMNI so manch furios-melodischen Soli-Part abfackeln, und das Herz eines jeden Genre-Enthusiasten höher schlagen lassen sollten.

Was daraufhin folgt, ist das ebenfalls recht ansprechende TRAVELERS IN TIME – das so gesehen schon etwas tiefer in die ANGRA-Materie taucht und mit verschiedenen Stimmungen spielt. Auch hier gilt: insbesondere von Fabio Lione hätte man sich schlicht nicht mehr wünschen können, und die Qualität des Songwritings überzeugt ebenso sehr wie die technische Komponente. Mehr noch: die hier präsentierte, äußerst differenzierte Abmischung und die glasklare – aber eben auch nicht klinische – Produktion könnten relativ problemlos als Maßstab betrachtet werden. Ein kleineres Problem hat ØMNI dann aber doch, und das kommt in diesem Fall in Form eines sich zweifelsohne etwas befremdlich anfühlenden Titels wie BLACK WIDOW’S WEB daher – und das vornehmlich, da ANGRA hier die ARCH ENEMY-Frontfrau Alissa White-Gluz für einen Gastgesangspart geladen haben. Auch wenn der Nummer in einer rein handwerklichen und technischen Hinsicht nichts vorzuwerfen ist, muss er sich doch die Frage gefallen lassen in wie weit diese Marschrichtung zum allgemeinen Konzept von ANGRA passt – oder zumindest, ob man den Titel nicht doch lieber als Rausschmeißer oder Bonustrack hätte vorsehen sollen. Und wie es eben so ist – wo sich ein eher unpassend anfühlender Titel einschleicht, könnte möglicherweise auch noch ein zweiter folgen.

Bevor es soweit ist, folgen jedoch erst einmal das hymnische INSANIA (welches vermutlich keine Hommage an die schwedischen Kollegen der gleichnamigen Band darstellen soll, auch wenn sie es verdient hätten), die trotz des deutlich hörbaren Akzents erstaunlich gut funktionierende Ballade THE BOTTOM OF MY SOUL sowie das voranpreschende WAR HORNS. Fest steht: mit eben diesem Mittelteil geben sich ANGRA keine Blöße – auch oder gerade weil sie hier ziemlich genau so vorgehen, wie man es von ihnen erwartet hätte. Anders gesagt: die Mixtur aus griffig-melodischen und progressiv-wandelbaren Elementen geht hier vollends auf, ins Stolpern gerät man nicht. Eine diesbezügliche Änderung ergibt sich dann aber doch, und das ausgerechnet in Bezug auf CAVEMAN als einen der potentiell interessantesten Titel des Albums. Hier scheinen es ANGRA dann doch etwas übertrieben zu haben – immerhin sorgen allein die merkwürdigen Stammesgesänge dafür, dass man geneigt ist den Titel besser gleich komplett zu überspringen. Warum genau sich ANGRA dazu haben hinreißen lassen bleibt fraglich – zumal man nicht einmal auf weitaus traditionelleren und mit unzähligen indigenen Einflüssen ausgestatteten Alben wie etwa denen von TIERRA MYSTICA ähnliche (und hier einfach nur peinlich klingende) Anwandlungen ausmachen kann. Da es sich sonst um einen recht ansprechenden Titel handelt, ist das natürlich mehr als schade.

Kurioserweise scheint sich auch das folgende MAGIC MIRROR noch dezent von der zuvor an den Tag gelegten, eher makaberen Stimmung beeinflussen zu lassen – woran auch die Maßnahmen den Titel etwas ausführlicher zu gestalten (namentlich die längeren Instrumentalstrecken) nicht wirklich aufgehen. Dass ALWAYS MORE ebenfalls etwas verhalten daherkommt und Fabio Lione von einer fast schon grenzwertig sanften Seite zeigt, macht es nicht unbedingt besser – sodass es letztendlich am überlangen SILENCE INSIDE ist, das Ruder noch einmal herumzureissen. Glücklicherweise gelingt das den Brasilianern auch – was es umso unverständlicher macht, wieso der Rausschmeißer INFINITE NOTHING schon wieder ein dezent aus dem Rahmen fallender ANGRA-Titel ist. Und das nicht nur, da es sich hier um ein am ehesten an einen Filmsoundtrack erinnerndes Instrumentalstück mit vergleichsweise viel Pomp handelt – sondern auch, da man derlei Ambitionen am ehesten dem Auftakt eines japanischen Genre-Albums (etwa einem von DRAGON GUARDIAN) zugeschrieben hätte; wenn auch etwas weniger professionell inszeniert. Schlussendlich, und insgesamt betrachtet: ANGRA haben es nicht ganz geschafft, an den deutlich besseren Vorgänger SECRET GARDEN anzuknüpfen – im Sinne des noch jungen Power Metal-Jahres 2018 aber durchaus ein Genre-Album abgeliefert, dass die Konkurrenz erst einmal stemmen muss.

Absolute Anspieltipps: LIGHT OF TRANSCENDENCE, TRAVELERS OF TIME, INSANIA, WAR HORNS, SILENCE INSIDE


„Gut, aber: abzüglich der vereinzelt auftretenden unpassenden Momente wäre noch viel mehr drin gewesen.“