Metal-CD-Review: POWERIZED – The Mirror’s Eye (2018)

Alben-Titel: The Mirror’s Eye
Künstler / Band: Powerized (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 16. März 2018
Land: Niederlande
Stil / Genre: Progressive Power Metal
Label: Painted Bass Records

Alben-Lineup:

Bart van Unen – Bass
Bart “Gijs“ Geisen – Guitars
Nick Holleman Vocals
Joris van Rooij – Guitars
Sean Brandenburg – Drums

Track-Liste:

1. The Mirror (01:46)
2. Where Worlds Meet the Eye (07:24)
3. For the Fallen (10:21)
4. King Alas! (08:00)
5. Satans Bat (07:46)
6. Forever Roaming (05:02)
7. Ire of the Monster (04:54)
8. Behind the Gates (11:37)
9. God of This World (12:12)
10. Edified Ascending (01:57)

Aufgeladen und durchgestartet.

Dass es neue und aufstrebende Power Metal-Combos nur selten leicht haben, ist nicht erst seit gestern bekannt. Immerhin sorgt allein die schiere Masse an Bands und Veröffentlichungen dafür, dass es einstweilen schwerfallen kann sich zu behaupten – was speziell für die europäischen Gefilde gilt. Schließlich ist der Power Metal hier schon seit einigen Jahrzehnten zu Hause, und hat dabei nicht wenige hochkarätige Genre-Bands hervorgebracht – die neben einer oftmals riesigen Fanbase auch mit einer vertraglichen Absicherung bei den ganz großen Labels glänzen können. Eine der wichtigeren Fragen für etwaige Newcomer ist demnach, welche Position sie in der hiesigen Power Metal-Landschaft anstreben – und welche Alleinstellungsmerkmale sie mitbringen. Im besten Fall, versteht sich – wobei es offenbar nur noch einige wenige auserwählte schaffen, für ein markantes Aufhorchen zu sorgen.

Tatsächlich könnten die aus den Niederlanden stammenden Musiker von POWERIZED eben diese Lücke füllen. Und das glücklicherweise nicht nur, da sie aus einem Land stammen welches man in Bezug auf aktuelle Power Metal-Releases nicht wirklich auf dem Schirm hat. Und wenn, dann zumeist für Werke aus einem symphonisch angehauchten Bereich – DELAIN, EPICA oder AFTER FOREVER (die haben sich mittlerweile wieder aufgelöst) lassen grüßen. Die 2012 gegründete Band POWERIZED indes, die mit dem vorgestellten THE MIRROR’S EYE ihr Debütalbum vorlegt; schielt mit ihrer Genre-Interpretation klar in den Bereich des progressiven Metals – und schafft es im Rahmen der 10 enthaltenen Titel relativ schnell, dass man sich für sie interessiert. Der Gründe dafür gibt es gleich mehrere – wobei man damit anfangen könnte, dass es POWERIZED recht gekonnt verstehen ihre oftmals deutlich längeren Titel mit Sinn, allerlei musikalischen Raffinessen und den nötigen Höhepunkten zu füllen.

Anders gesagt: die progressive Komponente der Band geht in Anbetracht der hervorragenden handwerklichen Leistungen der Mitglieder, des höchst soliden Songwritings und nicht zuletzt der klanglichen Komponente seitens der Abmischung und Produktion verdammt gut auf – und sorgt für einen hohen Unterhaltungswert. Das ist schon einmal nicht schlecht oder so gesehen auch schon die halbe Miete – doch glücklicherweise geht es noch weiter. Zunächst wäre da der Leadgesang von Nick Holleman zu nennen, der – wenn man so will – ein wenig wie ein verlorengegangener (Gesangs-)Bruder von Tobias Sammet klingt. Erst Recht natürlich, wenn er wie in KING ALAS! entsprechend aufdreht und auch mal für etwas makaberere Einschübe irgendwo zwischen Gesang und hektischen Sprechenpassagen sorgt, den man genau so auch vom EDGUY- und AVANTASIA-Mastermind Sammet erwartet hätte.

Während man sich über das Für und Wider der sich somit unweigerlich anbietenden Vergleichsmöglichkeit streiten könnte, ist eines in jedem Fall gewiss: der POWERIZED-Frontmann macht seine Sache gut, wenn nicht gar außerordentlich gut – was trotz seiner gefühlt etwas eingeschränkten Bandbreite dazu führt, dass man ihm gerne zuhört. In Bezug auf Mammut-Titel wie GOD OF THIS WORLD mit einer Gesamtlänge von über 12 Minuten wäre das also schon die dreiviertel Miete – sodass es an einem weiteren Aspekt innerhalb der Klangwelten von  POWERIZED ist, den letzten Ausschlag zu geben. Tatsächlich sind hier nicht weniger als die überraschenden symphonischen Ausstaffierungen inklusive einer höchst markanter Chorpassagen gemeint – womit auch der Bogen zu den weiter oben erwähnten Alleinstellungsmerkmalen geschlagen wird. Dementsprechend muss man das, was POWERIZED hier schon im Opener WHRE WORLD MEETS THE EYE auf die Beine stellen; durchaus im Sinne einer gewissen Einzigartigkeit loben – was im Zusammenspiel mit den für das Genre unbedingt erforderlichen Stärken zu einem äußerst zufriedenstellenden Eindruck führt.

Mindestens – denn wenn POWERIZED in Nummern wie dem kongenialen BEHIND THE GATES als vielleicht besten Titel des Albums zur endgültigen Höchstform auffahren; sollte man allemal mit einer wohligen Gänsehaut rechnen. So vielfältig, wuchtig, emotional und; das ist das schöne – immer noch authentisch hat schließlich schon lange kein Power Metal-Moment mehr geklungen, erst Recht nicht auf einem Debütalbum einer bis dato unbekannten Band. Abgesehen von einigen kleineren Schwächen in der Abmischung respektive der nicht immer vorteilhaften Gewichtung der unterstützenden Elemente inklusive eines fast schon zu dröhnenden Hall-Effekts (wie im als Videosingle ausgekoppelten FOR THE FALLEN) und dem Verlangen, hie und da doch etwas mehr von den klassischen Instrumenten hören zu wollen geht THE MIRROR’S EYE absolut problemlos als eines der besseren, wenn nicht gar besten Power Metal-Alben des Jahres 2018 durch. Anders gesagt: viel mehr (Kopf-)Kino geht nicht.

Absolute Anspieltipps: WHERE WORLDS MEETS THE EYE, FOR THE FALLEN, SATANS BAT, BEHIND THE GATES, GOD OF THIS WORLD


„Kreativ, handwerklich ausgefeilt und stellenweise enorm eindringlich – eine echte Überraschung.“

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Metal-CD-Review: DOMINE – Champion Eternal (1997)

Alben-Titel: Champion Eternal
Künstler / Band: Domine (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 29. September 1997
Land: Italien
Stil / Genre: Power Metal
Label: Dragonheart Records

Alben-Lineup:

Riccardo Paoli – Bass
Enrico Paoli – Guitars, Songwriting, Lyrics
Morby – Vocals
Mimmo Palmiotta – Drums

Track-Liste:

1. Hymn (01:56)
2. The Mass of Chaos (06:40)
3. The Chronicles of the Black Sword (08:08)
4. The Freedom Flight (06:14)
5. Army of the Dead (08:47)
6. The Proclamation (01:12)
7. Dark Emperor (05:06)
8. Rising from the Flames (05:30)
9. The Midnight Meat Train (04:35)
10. The Eternal Champion (12:26)

Ich glaub‘ ich hör nicht richtig.

Geht es um die italienische Power Metal-Szene der 90er Jahre, werden einem vor allem auch heute noch aktive Genre-Combos mit einer entsprechenden Wegbereiter-Funktion in den Sinn kommen – wie LABYRINTH, VISION DIVINE oder SECRET SPHERE als Vertreter eines etwas progressiveren Sounds; oder aber die Recken von RHAPSODY OF FIRE als Pioniere des Symphonic Power Metals. Dass das aber noch längst nicht alles ist, was die Italiener im Sinne von nennenswerten bis mitunter herausragenden Power Metal-Acts in Petto hatten (und haben); liegt auf der Hand – zumal sich immer auch ein Blick auf nicht ganz so bekannte, so gesehen unter dem Radar laufende Kollegen lohnt.

In Bezug auf die späten 90er und frühen 2000er Jahre etwa ist die Rechnung kaum ohne die Beiträge von Bands wie HEIMDALL, THY MAJESTY oder aber DOMINE zu machen – die sich interessanterweise bereits im Jahre 1983 (!) zusammengefunden hatten, bis zum eigentlichen Debütalbum mit dem ebenso klassischen wie bekannten Lineup unter der Führung des Leadsängers Adolfo Morviducci aka Morby aber noch etwas brauchten. 1997 war es dann aber endlich soweit, und CHAMPION ETERNAL erblickte als knapp einstündiges Power Metal-Werk das Licht der Welt – wobei es sich für die Band wie ein Befreiungsschlag angefühlt haben muss, die zahlreichen vorangegangen Demos (die ursprüngliche CHAMPION ETERNAL-Demo stammt aus dem Jahre 1989) endlich in eine entsprechend inszenierte Alben-Form zu bringen. Mit Dragonheart Records hatte man auch schnell ein passendes Label gunfunden – sodass der bestenfalls unaufhaltsame Siegeszug von DOMINE beginnen konnte.

Vielleicht sollte man aber auch sagen, der potentielle Siegeszug – denn ganz so erfolgreich wie es hätte sein können, war CHAMPION ETERNAL nicht. Und das, obwohl das Album so gesehen durchaus über Qualitäten verfügt, die man so noch nicht von der italienischen Genre-Szene kannte. Zumindest nicht bis dato, und von einer der kleineren Bands. So setzten DOMINE beispielsweise alles daran, CHAMPION ETERNAL wie eine einzige große Erzählung wirken zu lassen – mit entsprechenden Sprechpassagen, längeren Instrumentalstrecken, Interludes und längeren Einzel-epen wie etwa den Rausschmei´ßer und Titeltrack ETERNAL CHAMPION – was einerseits aufgeht und in einem hervorragenden Unterhaltungswert mündet, andererseits aber auch alles andere als ein makelloses Unterfangen ist.

Das wohl größte Manko an CHAMPION ETERNAL war und ist dabei klar die Abmischungs- und Produktionsqualität, die gelinde gesagt eher nach einer Garagenproduktion denn nach einem episch aufgemachten Power Metal-Epos klingt – und dem potentiellen Hörvergnügen ein mitunter recht massives Hindernis in den Weg legt. Außerordentlich darunter zu leiden haben etwa der allgemeine Gitarrensound sowie das Drumming, was wenn man nur auf diese beiden Instrumente achtet sogar eine Differenzierung zwischen den einzelnen Titeln schwierig macht. Ansatzweise gilt ähnliches auch für die spartanischen Hintergrundchöre sowie Darbietung des hiesigen Leadsängers Morby, der auf CHAMPION ETERNAL noch nicht ganz so stimmkräftig und variabel an den Start gegangen war wie auf den späteren DOMINE-Alben. Und ja, letztlich hätten auch die Zwischenspiele (oder auch die ellenlangen Titel-Einleitungen wie in THE CHRONICLES OF THE BLACK SWORD etwas knapper ausfallen können.

Dennoch – und um eine Lanze für das Album zu brechen – täuscht all dies nicht über die Tatsache hinweg, dass DOMINE ihr Handwerk schon früh verstanden und zweifellos dazu in der Lage waren, hervorragende Nummern respektive Genre-Hymnen mit einem gewissen atmosphärischen Tiefgang zu schreiben. So oder so, und auch wenn es nicht perfekt ist – ein Album wie CHAMPION ETERNAL gehört in jede gut sortierte Metal-Sammlung.

Absolute Anspieltipps: THE MASS OF CHAOS, THE FREEDOM FLIGHT, DARK EMPEROR, THE ETERNAL CHAMPION


„Nicht perfekt und gerade in klanglicher Hinsicht etwas unausgegoren – für ein Debütalbum einer zum Zeitpunkt der Veröffentlichung unscheinbaren Band aber durchaus ein Brett.“

Metal-CD-Review: DRAKKAR – Cold Winter’s Night (EP, 2018)

Alben-Titel: Cold Winter’s Night (EP)
Künstler / Band: Drakkar (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 27. April 2018
Land: Italien
Stil / Genre: Power Metal
Label: My Kingdom Music

Alben-Lineup:

Dario Beretta – Guitars
Davide Dell’Orto – Vocals
Emanuele Laghi – Keyboards
Simone Pesenti Gritti – Bass
Daniele Ferru – Drums
Marco Rusconi – Guitars

Track-Liste:

1. Cold Winter’s Night (04:26)
2. Black Sails (04:48)
3. Leviathan Rising (Death from the Depths Part 1) (04:49)
4. Invincible (live) (04:31)

Neues Jahr, neues Glück – vielleicht ja auch für DRAKKAR ?

Man kann es nicht von jeder Band behaupten, in diesem Fall aber stimmt es: wer DRAKKAR nicht kennt, hat etwas verpasst. Und das selbst in Anbetracht der Tatsache(n), dass nicht alle Alben der schon seit 1995 aktiven Italiener Gold waren, die Band ab 2002 in einen längeren Winterschlaf verfiel – und das letztaktuelle Studiowerk RUN WITH THE WOLF (siehe Review) dezent mit den bis dato an den Tag gelegten Traditionen brach. Nun aber sind schon wieder gute drei Jahre vergangen – und DRAKKAR sind sowohl mit einem veränderten Lineup (2017 kamen drei neue Mitglieder) als auch mit einer neuen EP am Start. Zwar beinhaltet diese nur vier beziehungsweise drei (abzüglich der Live-Version) vollwertige neue Titel – und doch ist es spannend zu erfahren, was die einst mit Hymnen wie ERIDAN FALLS (vom Album GEMINI, siehe Review) so manche Hütte abreißenden Musiker da im Gepäck haben.

Unglücklicherweise aber erfolgt die relative Ernüchterung schnell – und das nicht nur, da sich DRAKKAR in Bezug auf die als Videosingle ausgekoppelte Halbballade COLD WINTER’S NIGHT, das etwas flottere BLACK SAILS sowie das grundsätzlich kräftige LEVIATHAN RISING niemals wirklich aus dem Vollen zu schöpfen scheinen. Nein, denn weitaus gravierender wirkt sich ein gänzlich anderes und so nicht unbedingt erwartetes Problem aus – das klar auf die Warte des allgemeinen DRAKKAR-Sounds zu beziehen ist. Zum einen, und das ist einfach nicht zu verhehlen; klingt die EP einfach nicht gut respektive sonderlich überzeugend. Seien es der ebenso schroffe wie merkwürdig gekünstelt klingende Sound der Gitarren, der kaum hörbare Bass oder die hie und da eingespielten Keyboard-Elemente im organischen Retro-Stil – in klanglicher Hinsicht wirklich rund und ausgegoren wirkt das hier präsentierte Material nicht.

Zum anderen, und auch das eines der größeren potentiellen Mankos; wirkt insbesondere der hiesige Frontmann Davide Dell’Orto relativ angestrengt. In Anbetracht seiner recht drucksigen, rauen und ungestümen Herangehensweise von einem akustischen Genuss zu sprechen, trifft es jedenfalls nicht wirklich. Anders gesagt: sollten DRAKKAR so auch auf einem möglicherweise demnächst kommenden Album agieren, könnte sich nach einer so sicher nicht gewollten hörerseitigen Anstrengung schnell Ernüchterung einstellen. Immerhin: zugute halten kann man den Italienern weiterhin, dass sie es nicht verlernt haben potentiell wirksame Songs zu schreiben. Mit ein wenig mehr Arbeit und Herzblut sollte also noch weitaus mehr drin sein… hoffentlich.

Absolute Anspieltipps: /


„Eine kurze und leider nicht ausreichend überzeugende EP.“

Metal-CD-Review: ESTATE – Mirrorland (2018)

Alben-Titel: Mirrorland
Künstler / Band: Estate (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 20. April 2018
Land: Russland
Stil / Genre: Symphonic Power Metal
Label: Mighty Music

Alben-Lineup:

Vadim Lalayan – Bass
Dmitriy Efimov – Keyboards
Iliand Ferro – Vocals
Peter Filevskiy – Guitars

Track-Liste:

1. Mirrorland (04:27)
2. The Ghoul (05:10)
3. Stolen Heart (04:35)
4. Winter Kingdom (04:14)
5. The Storm of the Age Part 1: Storm of the Age (04:12)
6. The Storm of the Age Part 2: Knight of Hope (04:39)
7. The Storm of the Age Part 3: Lady Wind (04:50)
8. Silvery Skies (04:36)
9. Matter of Time (04:05)
10. Springtime (04:41)
11. Knight of Hope (Mark Boals version) (04:39)
12. Matter of Time (Mats Levén version) (04:05)

Da ist er wieder, der Flötendemön… und dieses Mal sogar mit Schwert statt Panflöte.

Nein, und auch wenn das Genre des Power Metal generell keine Grenzen kennt – Russland ist nicht unbedingt bekannt dafür, viele sich in den hiesigen musikalischen Gefilden bewegende und dabei auch noch gute Combos an den Start zu bringen. Erst Recht natürlich, wenn es um den Bereich einer eher symphonisch angehauchten Spielart geht – und man sein Radar ausschließlich auf englischsprachige Releases einstellt. Entsprechend groß war und ist die Spannung in Anbetracht von Veröffentlichungen wie FANTASIA (siehe Review), dem 2014 erschienenen Debütalbum von ESTATE. Zwar konnten die Jungs dabei nicht gänzlich mit den entsprechenden Vorurteilen aufräumen, wobei sie sich aber auch nicht blamiert haben – und so gesehen die Weichen für eine bestenfalls ertragreiche Zukunft stellten. Einen Einblick in eben jene losgetretene Entwicklung gewährt nun MIRRORLAND, das zweite Album der zweifelsohne ambitionierten Russen – das wie schon der Vorgänger über das dänische Label Mighty Music erscheint und 12 brandneue Titel bereithält. Und das natürlich wieder – wie sollte es anders sein – mit der schon vom Vorgänger bekannten und dabei ebenso grazil wie dezent überzeichnet anmutenden Dämonenfigur auf dem Cover.

Dass sich etwas getan hat im Hause ESTATE, merkt man MIRRORLAND dann auch relativ schnell an. Allerdings, und diesen Einschub sollte man durchaus vornehmen: mit einem eventuell erwarteten qualitativen Quantensprung hat das Ganze eher weniger am Hut. Vielmehr geht es um zwei gravierende und sich markant auf den Sound der Band auswirkende Veränderungen – wobei sich die eine auf die in der Zwischenzeit vorgenommene (und dabei zumindest theoretisch unnötige) Aufpolierung des Lineups bezieht. Immerhin haben ESTATE sowohl ihren Leadsänger als auch ihren Gitarristen ausgetauscht – was in Anbetracht ihres auf FANTASIA offenbarten Potentials doch etwas schade ist und es schwierig macht, MIRRORLAND als direkten Nachfolger zu sehen. In eben diese Kerbe schlägt dann auch die zweite Veränderung, denn: während die relativ direkten (und dabei nicht minder klischeehaften) Titelbezeichnungen geblieben sind, geht es in Bezug auf den eigentlichen Sound der Russen etwas weniger verspielt zur Sache – und das trotz des sich noch immer alles andere als zurückhaltenden Keyboards. Anders gesagt: man merkt und hört es MIRRORLAND einfach direkt an, dass es insgesamt deutlich ernsthafter und kräftiger inszeniert ist als sein Vorgänger – und es ESTATE nicht zuletzt aufgrund der stattfindenden Gastauftritte von Mark Boals und Mats Levén offenbar endgültig darauf anlegen, in der Szene durchzustarten.

Ob ihnen das mit den unternommen Schritten gelingen wird, ist aber eine ganz andere Frage – wobei man allemal festhalten muss, dass MIRRORLAND tatsächlich recht professionell aufgemacht ist und äußerst druckvoll durch die Boxen rauscht. Auch die generell knackigen Kompositionen sowie die markante Keyboard-Komponente sprechen grundsätzlich für die Band – und das stellenweise so sehr, dass man geneigt ist über den Wegfall des zuvor mit FANTASIA an den Start gebrachten Spaßfaktors hinwegzusehen. Dennoch haben ESTATE ein Problem, zumindest ein potentielles – und das bezieht sich auf nicht weniger als den Leadgesang des neuen Sängers Iliand Ferro. Dabei ist es gar nicht erst seine Technik oder die generell recht variable Vorgehensweise, die man als störend erachten könnte – sondern einzig und allein seine raue Stimmfarbe inklusive der doch recht wackligen Ausbrüche in Form von eingeworfenen Screams. Lauscht man Titeln wie THE GHOUL, ist eine relative klangliche Dissonanz jedenfalls kaum zu verhehlen; oder anders gesagt: gerade in gesanglicher Hinsicht avanciert MIRRORLAND zu einer recht anstrengenden Angelegenheit. Wenn man dann auch noch die Tatsache hinzuzieht, dass MIRRORLAND weitaus weniger erfrischend daherkommt als sein Vorgänger und sich ESTATE aktuell nur im Fahrwasser vieler typischer Euro-Power-Metal-Bands der 90er und 2000er Jahre bewegen; sieht es plötzlich gar nicht mehr so gut aus für das Zweitwerk der Russen – und das trotz des zeitweise spürbaren Engagements.

Schlussendlich ist MIRRORLANDd damit – und leider – eine Enttäuschung. Zum einen ist es schade, dass es ESTATE schlicht verpasst haben auf eine nachvollziehbare Art und Weise an ihr Erstwerk FANTASIA anzuknüpfen – und zum anderen erweisen sich sowohl die neue Leadstimme als auch die eher monotone Gangart der Russen als problematisch. Im Großen und ganzen schafft es schließlich nicht eine einzige Nummer, für ein nennenswertes Aufhorchen zu sorgen – denn bis auf wenige explizit schwache Ausnahmen (das krude WINTER KINGDOM oder die Ballade SILVERY SKIES) verklumpt das Material zu einem bestenfalls durchschnittlichen Ganzen. Dass selbst die hochkarätigen Gastauftritte untergehen – und das schlicht, da man die entsprechenden Nummern KNIGHT OF HOPE und MATTER OF TIME einfach noch mal als quasi-Bonustracks an das Album angehängt hat – macht es da kaum besser.

Absolute Anspieltipps: MIRRORLAND


„Gesanglich problematisch und über weite Strecken austauschbar, leider.“

Metal-CD-Review: ESTATE – Fantasia (2014)

Alben-Titel: Fantasia
Künstler / Band: Estate (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 01. Dezember 2014
Land: Russland
Stil / Genre: Symphonic Power Metal
Label: Mighty Music

Alben-Lineup:

Vadim Lalayan – Bass
Nikolay „Nicke Pix-R“ Pikhurov – Drums
Alexey Seleznev – Guitars
Dmitriy „Mauzer“ Efimov – Vocals, Keyboards

Track-Liste:

1. Intro (01:06)
2. Hero (03:54)
3. Tarantella (05:49)
4. Silent Dream (04:26)
5. World Without You (04:55)
6. You Are Not Alone (05:55)
7. Absolutely True! (04:39)
8. Holy Land (Fantasia) (03:49)
9. The War (05:11)
10. The Night of Asura (04:52)
11. I’d Rather Die (05:58)

Wer hier nicht zur Panflöte greift und tanzt, ist selber Schuld.

Nein, und auch wenn man als geneigter Freund des Power Metal versucht möglichst alles zu kennen – allzu schlimm ist es nicht, wenn man bis dato noch nichts von ESTATE gehört hat. Schließlich existiert die aus Russland stammende Combo erst seit 2012 und befindet sich so gesehen gerade erst in der Mache – wobei ihr 2014 erschienenes (und, man muss es leider sagen: etwas fantasielos betiteltes) Debütalbum FANTASIA an den meisten vorbeigegangen sein sollte. Andererseits, und zum Trotz der im hiesigen Genre nicht selten vorkommenden übertrieben Artworks gilt: wer die Chance hatte auch nur einen verstohlenen Blick auf das Cover von FANTASIA zu werfen, wird kaum umhingekommen sein das Album auch tatsächlich zu hören. Ganz so wild (oder eher: feucht-fröhlich) wie es der die Panflöte spielende Dämon vermuten lässt, geht es auf FANTASIA allerdings nicht zu. Mit Ausnahme des quasi-Titeltracks HOLY LAND eventuell – der am ehesten einen Soundtrack zu jenen Bildern spendiert, die sonst nur in so manch verquerer Power Metal-Fantasie entstehen. Im Großen und Ganzen klingen ESTATE aber eher wie die Kollegen von FIRELAND aus Chile – wobei insbesondere die korrespondierenden Leadsänger Dmitriy „Mauzer“ Efimov und Rafael Castillo eine frappierende Ähnlichkeit an den Tag legen.

Davon abgesehen, und trotz des zunächst reichlich bekannten und kitschigen Eindrucks sollte man ESTATE respektive ihr Debütalbum FANTASIA nicht vorschnell verurteilen – und ihm zumindest eine Chance geben. Denn auch wenn das was die Russen hier machen alles andere als neu ist, offenbart es doch eine gewisse Frische und Spritzigkeit – und das nicht zuletzt, da ESTATE nicht davor zurückschrecken viele verschiedene Einflüsse innerhalb der hier präsentierten 11 Titel geltend zu machen. Und dabei gar nicht mal schlecht abzuschneiden, wie man es schon dem stampfenden Opener HERO anhört – der wie nicht wenige Titel des Albums auf eine nicht alltägliche Mischung symphonischer und elektronischer Keyboard-Elemente setzt. Wenn wie im folgenden TARANTELLA auch noch allerlei zum Schunkeln anregende Rhythmen sowie eine aus dem Nichts auftauchende Piratenstimmung hinzukommen, ist sie natürlich wieder da, die Kitschgefahr – aber auch hier machen ESTATE grundsätzlich vieles richtig. Das gilt im übrigen auch die für ein Debütalbum einer bis dato unbekannten Band recht überzeugende Abmischungs- und Produktionsarbeit sowie die Handhabung der Instrumente – während der weitestgehend akzentfreie Leadgesang von Dmitriy „Mauzer“ Efimov ebenfalls nicht zu verachten ist.

Dennoch, und bei aller Liebe zur Vielfalt ist das Album längst nicht perfekt. Zum einen natürlich, da es wie eine recht bunt zusammengewürfelte und in sich nicht wirklich stimmig anfühlende Werkschau handelt – und zum anderen, da einzelne Titel wie WORLD WITHOUT YOU im Rahmen der auch mal etwas balladeskeren Seite des Power Metal schlicht ein absolutes No-Go darstellen. Das gilt im übrigen auch für die in ABSOLUTELY TRUE inszenierte Anwandlung der Band, die hier eher wie eine abgehalfterte Comedy-Combo klingt – und das nicht nur, da das Ganze nur noch schwerlich mit dem Oberbegriff des Power Metal vereinbar ist. Während ähnliche (aber nicht ganz so schwer zu verkraftende) Experimente wie in YOU ARE NOT ALONE ebenfalls nicht wirklich aufgehen und vor allem den Leadsänger vor hörbare Herausforderungen stellen, sieht es mit den deutlich bodenständigeren Titeln vom Schlage eines SILENT DREAM, THE WAR, NIGHT OF ASURA oder I’D RATHER DIE schon wesentlich besser aus. Unter der niemals gänzlich außer Acht zu lassenden Voraussetzung, dass man eine gewisse Vorliebe für nicht nur seitens des Keyboards entstehende Spielereien mitbringt, versteht sich. Man darf in jedem Fall gespannt sein, was die Band in Zukunft noch in Petto haben wird…

Absolute Anspieltipps: HERO, TARANTELLA, HOLY LAND, THE WAR


„Ein nicht vollständig ausgereiftes und stellenweise krude erscheinendes, zumindest in handwerklicher Hinsicht aber allemal überzeugendes Debütalbum mit einem hohen Spaßfaktor.“