Filmkritik: „Meine Nachbarn Die Yamadas“ (1999, Studio Ghibli #11)

Originaltitel: Hōhokekyo Tonari No Yamada-kun
Regie: Isao Takahata (Studio Ghibli)
Mit: /
Laufzeit: 104 Minuten
Land: Japan
Genre: Animationsfilm

Inhalt: Die Familie Yamada (er)lebt ihren mehr oder weniger wahnsinnigen Alltag in einer kleinen japanischen Vorstadt. Wie es in Japan üblich ist, gilt Takashi, der Mann im Haus, als Oberhaupt der Familie. Der geht einem eher langweiligen Job in einem Büro nach, während seine Frau Matsuko sich zuhause um die beiden Kinder Noboru und Nonoko kümmert. Komplett macht die Familie jedoch erst die Mutter von Matsuko, Shige – die als rüstige Rentnerin stets im Haushalt und im Familienleben der Yamadas mitmischt. Man könnte also von einer durch und durch glücklichen Familie ausgehen – und im Grunde sind das die Yamadas auch. Aber, sie sind eben ein klein wenig anders… und haben mit speziellen Alltagsproblemen zu kämpfen die mal ernster, mal deutlich trivialer sind – das Familienleben aber dennoch durcheinanderbringen können. Ausserdem wünscht sich der Sohn der Familie, Noboru, dass seine Eltern doch etwas lockerer und „hipper“ sein könnten… doch vielleicht geht es gar nicht darum, sondern vielmehr um das Wertschätzen der bereits vorhandenen Dinge und entstehenden neuen Situationen.

Kritik: Meine Nachbarn Die Yamadas ist einer der letzten Ghibli-Filme aus den guten alten 90ern, und zugleich wohl auch einer der ungewöhnlichsten. Nachdem dieses Attribut hauptsächlich dem früheren Werk der Anime-Schmiede Pom Poko zugesprochen werden konnte – allerdings ausschließlich aufgrund inhaltlicher Aspekte – definiert dieses Werk seine definitive Andersartigkeit vorwiegend durch den sehr speziellen Zeichenstil. Und, tatsächlich ist der gefühlte Unterschied zu allen bisherigen Ghibli-Produktionen enorm. Das Ganze sieht eher aus wie ein langer, bunter Comic-Strip in einer Tageszeitung – nur in bewegter (animierter) Form. Die Zeichnungen sind dementsprechend minimalistisch gehalten, die Farben wirken nicht wirklich satt sondern nur angedeutet; stellenweise wirken gerade die Gesichter der Figuren wie Karikaturen aus 3-4 Bleistiftstrichen. Auch die Hintergründe kann man nur erahnen, die wichtigen Fixpunkte (meist Personen) scheinen zumeist in einem Meer aus weiss zu verschwinden. Das mag für mancherlei Zuschauer einen speziellen Charme haben, zumal man dem Anime eine gewisse Einzigartigkeit nicht absprechen kann – und so ist es auch, zumindest in der ersten Hälfte. Dann aber wird schnell klar: obwohl das Ganze wie ein Comic-Strip aufgebaut ist (die sind zumeist entsprechend kurz und treffsicher in Bezug auf die Pointe), liegt hier eine Spieldauer von satten 104 Minuten vor. Das ist für ein solches Projekt recht hoch angesetzt, da man stets Gefahr läuft dass sich der Zuschauer an der Ungewöhnlichkeit „sattgesehen“ hat (vorzeitig) – und sich stattdessen umso mehr auf den Inhalt fokussiert. Doch auch der kommt längst nicht so vielfältig, anspruchsvoll und interessant daher wie in anderen Ghibli-Werken – auch hier wurde auf das Prinzip weniger ist mehr gesetzt.

Im Grunde trifft dies oft zu, doch in Bezug auf diesen Anime scheitert das Unterfangen. Denn alleine die Spieldauer und die Vermarktung als Spielfilm wird dieses Prinzip oder Credo automatisch zunichte gemacht – ganz unabhängig vom Inhalt und der Präsentation. Doch wie gesagt, nicht nur die optische Aufmachung fällt aus dem sonst so stimmigen Ghibli-Rahmen, etwas merkwürdig und stark gewöhnungsbedürftig fällt auch die Einteilung der einzelne Filmabschnitte (welche nicht wirklich als Kapitel zu bezeichnen sind) aus: während vor allem in der Mitte des Films viele kürzere, slapstickartige Szenen aus dem Familienleben der Yamadas gezeigt werden, gibt es über den Film verteilt etwa 2-3 deutlich längere Szenen. Wesentlich mehr Zeit hat man sich beispielsweise bei der „ersten richtigen“ Geschichte, dem Verschwinden von Nonoko gelassen – später ist es dann ein Aufeinandertreffen von Motorrad-Rüpeln und der Familie. Doch man bleibt natürlich nicht dabei, und alterniert immer wieder zwischen den kurzen und eigentlich viel zu offensichtlichen, plumpen Gags und deutlich ernsteren, schon wesentlich „universeller“ wirkenden Inhalten. Dieser kruden Mischung ist zwar stets leicht zu folgen (denn inhaltlich schwierig oder anspruchsvoll ist der Anime nicht), aber dennoch erschließt sich nicht die ursprüngliche Intention dieser Vorgehensweise. Selbst wenn damit ein höheres Ziel im Sinne der (Familien-)Unterhaltung angepeilt wird, entsteht so vor allem eines: ein diffus wirkender Fokus, der mal nach hier und mal nach dort tendiert; am Ende aber kein klares Urteil erlaubt, wer genau die Familie Yamada eigentlich ist. Es werden eher kleine Witzigkeiten des Alltags präsentiert, und weniger ausgefeilte Charakterstudien abgeliefert. Das mag Vor- und Nachteile haben, wenn man derlei Konzept aber in Filmform verpackt, kann es aber eigentlich nur scheitern. Viel eher denkt man beim Anblick des Animes an Serienepisoden, oder eher noch; kurze wohldosierte Slapsticks innerhalb eines anderweitigen Anime-Programms.

Immerhin lassen einige Szenen, wie die in denen gewisse Arten der „Transformation“ stattfinden (flüssige, fantasievolle Bewegungsabläufe von einer Szene in die andere – als Beispiel die Szene mit der Hochzeitstorte), oder auch noch deutlicher die Schlussszene – erstmals richtig an ein auf Kinder zugeschnitten Anime denken. Der gesamte vorherige Film aber lässt nicht wirklich eine derart explizite Attributierung zu (was grundsätzlich ein positives Merkmal ist, gerade bei Ghibli-Filmen die generell für die ganze Familie gemacht sind) – er gerät wesentlich schleppender und uninteressanter als die meisten anderen Ghibli-Filme und sollte die ganze Familie wohl nicht begeistert vor dem Fernseher halten können. Da gibt es einfach viel bessere Alternativen, und dann auch noch aus dem gleichen Hause. Besonders positiv fallen eigentlich nur zwei Aspekte auf: der Soundtrack (teilweise sehr familienfreundlich und ins deutsche übersetzt, teils charmant im Originalton belassen) und die verwendeten Haikus. Dabei handelt es sich um kurze Gedichte, die in Japan eine lange Tradition haben – und ähnlich wie Aphorismen in wenigen Worten weitaus mehr ausdrücken können als es den Anschein hat. Diese Methode – die grundsätzlich philosophisch angehauchten Haikus, und danach das Porträt des aberwitzigen Familienlebens – hätte eventuell zünden können. Doch das tut sie wohl nur bei eingefleischten Anime-Fans, die vor allem auch die Werke des Regisseurs Isao Takahata zu schätzen wissen. Doch sollte dieses Werk mit anderen seiner Filmografie vergleichen (Die Letzten Glühwürmchen, 10/10), auch wenn es aufgrund der differenten Genres kaum möglich ist – so muss man auch als Fan zweifelsohne feststellen, dass Meine Nachbarn Die Yamadas einfach keinen Genialitätspreis verdient hat. Wenn man mal ganz ehrlich ist.

Fazit: Sicher kein schlechter Film, aber mit ebenso eindeutiger Sicherheit einer der weniger qualitativen aus dem Hause Ghibli. Meine Nachbarn die Yamadas wirkt zeichnerisch einfach zu simpel und Comic-haft (und hat damit automatisch eine viel zu lange Spieldauer), und inhaltlich zu trivial – ob nun im Vergleich mit mancherlei „epischem“ Ghibli-Werk oder auch nicht. Doch man muss fairerweise sagen, dass der Film in Japan wesentlich besser angekommen ist, da er allerlei Anspielungen auf die japanische Kultur und Lebensart beinhaltet, bei denen der geneigte Europäer grundsätzlich auf dem Schlauch stehen sollte. Doch solcherlei Aspekte sollten ohnehin nur eine weitere „Zutat“ in einem gut gemachten Anime ein. Dann doch eher als Comic-Strip oder in Serienform…

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