Metal-CD-Review: WINTERSUN – Time I (2012)

Land: Finnland – Stil: Extreme Majestic Technical Epic Melodic Metal

Lineup:

Jari Mäenpää – Gesang, E-Gitarre
Jukka Koskinen – Bass
Teemu Mäntysaari – Gitarre
Kai Hahto – Schlagzeug

01. When Time Fades Away
02. Sons of Winter and Stars
03. Land of Snow and Sorrow
04. Darkness and Frost
05. Time

Zeit ist alles… und doch nichts.

Vorwort: Endlich ist es soweit – ein lang erwartetes Album und Mammutprojekt erscheint am kommenden Freitag, den 19.10.2012 auf dem weltweiten CD-Markt. In der Tat – WINTERSUN melden sich nach langen Jahren der Abstinenz zurück, und haben mit TIME I einen hochkarätigen Nachfolger zum 2003’er Debütalbum WINTERSUN (Link) im Gepäck. Band-Kopf und Mastermind Jari Mäenpää (Ex-ENSIFERUM) liess in Bezug auf die relative kurze Spielzeit von knapp 40 Minuten bereits vorab verlautbaren, dass TIME I der erste Teil eines zweiteiligen Projektes sein wird – TIME II folgt dann 2013. Als Grund gab er unter anderem an, dass das Werk derart komplex und episch geworden ist, dass man dem Hörer nicht zuviel auf einmal zumuten möchte – und natürlich, dass man gern im Gespräch bleiben möchte. Tatsächlich ist diese Vorgehensweise gleichzeitig eine gelungene Marketing-Strategie – wer sich den ersten Teil ersteht, möchte sicher auch in den Besitz des zweiten kommen; und zahlt dementsprechend doppelt. Ob sich dass lohnt, darauf sollte der erste Teil nun Aufschluss geben.

Kritik: Das Album beginnt mit dem knapp 4-minütigen Intro WHEN TIME FADES AWAY. Und das noch überraschend ruhig und besänftigend; als sinnbildliche Ruhe vor dem zu erwartenden Sturm. Es erklingen zarte, leicht fernöstlich angehauchte Klänge; erst noch relativ puristisch – und im weiteren Verlauf garniert mit einigen symphonischen Elementen. Der Eindruck einer Filmmusik für ein Fernost-Kriegerspektakel entsteht; wobei die Instrumentation am ehesten in einem eher ruhigen, dramatischen Charaktermoment vorstellbar wäre. Kurz vor dem Ende dann zieht man noch einmal kräftig an, und leitet den Beginn einer abenteuerlustigen Reise ein, was wunderbar episch und erhaben klingt. Ein Moment der Stille – und die Überleitung zum Opener SONS OF WINTER AND STARS erfolgt beinahe unbemerkt. Hier handelt es sich um den ersten vollwertigen Titel des Albums – mit einer Spielzeit von satten 13einhalb Minuten zugleich dem längsten. Bald schon erklingen WINTERSUN in ihrer kompletten Vielfalt – und zeigen sich offenbar weitaus experimentierfreudiger als noch auf dem Vorgängeralbum und Erstwerk. Ein markanter Unterschied ist, dass die pompösen symphonischen Elemente nun vermehrt im Vordergrund stehen – während die typischen WINTERSUN-Elemente noch immer deutlich hörbar im Hintergrund agieren (das markante Riffing, der raue Gesang von Jari Mäenpää). Schnell wird man bemerken, dass WINTERSUN auch deutlich in Sachen Progressivität zugelegt haben – der Titel wirkt nicht wie aus einem gleichförmigen Guss; sondern ist durch zahlreiche Variationen und Überraschungsmomente gekennzeichnet. So finden sich einige besonders schöne Momente in jenen Passagen, in denen sich Jari dem Klargesang hingibt, welcher nun ebenfalls verstärkt in den Fokus rückt.

Nachdem der Opener halbwegs verdaut ist (wobei, das wird einige Anläufe in Anspruch nehmen), erklingt mit LAND OF SNOW AND SORROW sogleich der zweite vollwertige Titel im Bunde. mit knapp 8einhalb Minuten ist er wesentlich kürzer als der vorherige – doch bedeutet dies keinen Abbruch der etablierten, symphonisch-erhabenen Atmosphäre. Im Gegenteil, der Auftakt mit dem rein instrumentalen Intermezzo sorgt für eine gehörige Portion Bombast, bevor es in einer ansprechenden Klargesangs-Passage andächtig-verschwörerisch wird. Überraschenderweise bleibt der Titel danach aber auf einem vergleichsweise getragenen Niveau, und schöpft nicht mehr aus dem Vollen was das Tempo oder den allgemeinen Bombast anbelangt. Es entsteht der Eindruck einer Art Ballade der besonderen Art; die zwar Laune macht und reichlich Stimmung etablieren kann – doch kann der Titel den Eindruck des komplexen, kräftigen Openers nicht mehr toppen. DARKNESS UND FROST ist nun das Interlude, oder das ‚zweite Intro‘ wenn man so will – die knapp 2einhalb Minuten dienen als musikalisches Zwischenspiel und Vorbereitung für den kommenden Titeltrack. Der wiederum ist wieder knapp 12 Minuten lang, und schöpft ein weiteres Mal aus dem Vollen Fundus der Band. Zwar gibt es einige kleinere ärgerliche Momente (wie etwa den des ersten Screams, bei einer etwas merkwürdigen Instrumentation), doch im großen und Ganzen können WINTERSUN hier überzeugen. Genrefans, die der Vermischung von rauen Metal-Klängen und harmonischen symphonischen Elementen offen gegenüberstehen, werden hier zweifelsohne belohnt.

Fazit: 5 Titel, davon ein Intro und ein Interlude – macht eine Spielzeit von knapp 40 Minuten und somit einen recht ansehnlichen Preis, den WINTERSUN-FANS für die Musik-Minute bezahlen müssen. Das wird zweifelsohne nicht jedem gefallen – alles hat eben seine Vor – und Nachteile. So trägt die Spaltung des eigentlich für ein Album ausgelegten Releases nicht gerade zum Eindruck einer ‚Vollständigkeit‘ bei; so ganz rund und in sich abgeschlossen wirken die 40 Minuten in ihrer Gesamtwirkung nicht. Der größte Vorteil von TIME I ist jedoch, dass sich das (Mini-)Album dennoch und in jeder Hinsicht lohnt – und das nicht nur für alteingesessene Fans, sondern auch für Genre-Neueinsteiger oder musikalische Quereinsteiger jedweder Art. Etwas mannigfaltigeres, epischeres und komplexeres wird man aus der etwas raueren Warte des Epic Metals derzeit nicht auf dem Musik-Markt finden. Im direkten Vergleich mit dem überraschenden, etwas geradlinigerem Vorgänger aber kann TIME I nicht wirklich mithalten – auch wenn man mitunter glauben könnte, zwei CD’s von völlig unterschiedlichen Künstlern in den Händen zu halten. Der starke nach-vorn Anspruch und die eingängig-aggressiven Elemente wurden gegen eine zunehmende Komplexität und symphonische Komponenten eingetauscht – das wirkt erst gewöhnungsbedürftig, dann aber doch entsprechend pompös. Würde die Spielzeit (und damit auch der Faktor der Abwechslung) diesem Eindruck doch nur ebenfalls gerecht werden…

Anspieltipps: SONS OF WINTER AND STARS, TIME


70button

„Eine Offenbarung zumindest für WINTERSUN-Fans.“

Metal-CD-Review: WINTERSUN – Wintersun (2004)

Land: Finnland – Stil: Epic Melodic Death / Viking / Pagan Metal

Lineup:

Jari Mäenpää (Gesang, Bass, Gitarre, Keyboard)
Kai Hahto (Schlagzeug)

01. Beyond The Dark Sun
02. Winter Madness
03. Sleeping Stars
04. Battle Against Time
05. Death And The Healing
06. Starchild
07. Beautiful Death
08. Sadness And Hate

Erzittere vor der Macht der Wintersonne.

Vorwort: Moment – so ganz richtig ist die Genre-Angabe zu WINTERSUN’s gleichnamigen Debütalbum nicht. Obwohl der Begriff Epic Melodic Death Metal bereits großes vermuten lässt, setzt Bandgründer Jari dem Ganzen noch die Krone auf – und bezeichnet die Spielart von WINTERSUN als Extreme Majestic Technical Epic Melodic Metal. So oder so – das 2004’er Album hat tatsächlich einiges zu bieten. Das besondere dabei ist, dass besagter Jari eigentlich bei ENSIFERUM tätig war – die Band aber aus zeitlichen Gründen verliess und sich voll und ganz seinem neuen Sprössling WINTERSUN widmete. Auf dem vorliegenden Debüt war dabei noch recht allein auf weiter Strecke – er übernahm alle gesanglichen und instrumentellen Parts, bis auf das Schlagzeug, welches von Kai Hahto bearbeitet wurde.

Kritik: Gerade einmal 8 Titel beinhaltet das Album – doch dass diese es in sich haben, macht bereits der Opener BEYOND THE DARK SUN eindeutig klar. In nicht viel mehr als zweieinhalb Minuten (was generell recht knapp ist für eine ‚vollwertige‘ Metal-Nummer) wird erst einmal alles abgefackelt, was das Genre zu bieten hat. Moment, welches Genre war das doch gleich… ? Nun, der Gesang ist einwandfrei dem Pagan Metal-Genre zuzuordnen. Es wird harsch gekeift und gescreamt was das Zeug hält – glücklicherweise nicht derart extrem, dass man die Lyrics nicht mehr verstünde. Doch geht man über zur Instrumentation, wird es schon etwas schwieriger. Das heftige Tempo, die allgemeine Aggressivität und die schroffen Gitarren lassen ebenfalls eines der eher rauen Genres vermuten – doch es gesellt sich eine deutlich spürbare Melodiösität hinzu, die das Ganze etwas zugänglicher und eingängiger macht; noch mehr als beispielsweise bei den Kollegen von EQUILIBRIUM. Dennoch braucht niemand zu befürchten, dass WINTERSUN in irgendeiner Form harmlos oder kitschig wirken – im Gegenteil, sie preschen mit enormer Kraft voran. Man gibt sich eben nur etwas verspielt – was gut ist, und Licht in das generell etwas düstere Genre bringt. Ein wahrhafter Über-Titel, der nicht zu Unrecht auch als Video (siehe unten) ausgekoppelt wurde.

Es geht ebenso kraftvoll und brachial weiter-  mit WINTER MADNESS. Zweifelsohne hält dieser Titel, was er verspricht – und beinhaltet so gleichermaßen ‚Wahnsinn‘ wie musikalische Genialität. Die ultraschnellen Drums und Gitarren und der extrem aggressive Gesang sind hierbei nur die eine Seite der Medaille – der die Melodie unterstützende Bass, die Keyboard- und Chor-Elemente die andere. Diese lockern die Soundkulisse angenehm auf, die dabei keinen Funken ihrer Härte und Ausdruckskraft verliert. Das ein oder andere Highlight sowie die ein oder andere gelungene Instrumentalpassage gibt es noch obendrauf – in denen vor allem das geniale Gitarrenspiel zu beeindrucken weiss. Was für eine Urgewalt, die hier entfesselt ward – ob nun Pagan,- Death- oder Melodic Metal; über allem schwebt der Begriff der Erhabenheit. So wird auch der Folgetitel SLEEPING STARS von einem enorm epischen Touch getragen – gerade zu Beginn dominiert eine gewisse Schwere und ein leicht doomiger Einschlag. Daraufhin ein kurzes Durchatmen, leise Gitarren und das Keyboard dienen als Einleitung zu einem mannigfaltigen Titel der Extraklasse. Hier wechseln sich dezente, verschwörerische Klargesänge mit dem rauen Keifen ab, immer wieder gibt es Instrumental-Intermezzi – so klingt Abwechslung.

Das sofort drauflos schmetternde BATTLE AGAINST TIME hätte ebenfalls nicht epischer ausfallen können – eine Struktur und Melodie, die sofort ins Ohr geht, gepaart mit einigen dezenten Chorgesängen lassen zuerst an ein reines Instrumental denken. Doch im weiteren Verlauf gesellt sich der Gesang hinzu, in den Strophen rau und hart; im Refrain geradezu erhellend. Genial: die Breaks und Übergänge, die Tempo- oder Stimmungswechsel markieren. In diesen 7 Minuten wird dem Hörer einiges geboten. In DEATH AND THE HEALING wird das Prinzip der Erhabenheit nun auf das nächste Level befördert. Hier regieren erstmals stärkere Folk-Einflüsse, die sich vor allem im hypnotischen Chorgesang widerspiegeln. Eine ansprechende Struktur und die eher ruhige (vergleichsweise) Herangehensweise machen diese Nummer zu einer deutlich hervorstechenden, die man nicht mehr missen möchte. STARCHILD ist dann wieder eine der typischen WINTERSUN-Uptempohymnen, die vor Melodie und Bombast nur so strotzen. Und wieder bringt es ein Titel auf knapp 8 Minuten – die wie im Fluge vergehen werden. BEAUTIFUL DEATH gerät nun erstmals explizit düster – doch die mitreissende Wirkung bleibt dieselbe. Das 10-minütige Abschlussstück SADNESS AND HATE zieht dann nochmal alle (emotionalen) Register und präsentiert sich als wahrhaftiges Epos mit einem enormen Spannungsaufbau und einem Höchstmaß an Abwechslung.

Fazit: Welche Genres auch immer auf WINTERSUN’s Debütalbum bedient, welche Kräfte entfesselt werden – das Ganze klingt im Endergebnis schlichtweg beeindruckend. Und vor allem extrem episch – wer sich als Heavy- oder Power Metaller bisher noch nicht in andere Gefilde wagte weil er befürchtete, nur schwer zugängliche Kost dargeboten zu bekommen, der sollte es unbedingt einmal mit WINTERSUN versuchen. So kraftvoll, melodisch und episch klingen wahrlich nicht viele Bands. Eine zeitlose Empfehlung und ein Muss für jene Metaller, die Qualität (unabhängig von Genrezuordnungen) schätzen. Dass der Gesang zumeist nicht ganz so ‚lieblich‘ ist, muss man da selbst als Liebhaber der eher… gemäßigteren Metal-Stimmen einfach mal so hinnehmen. Eine beeindruckende Gitarren-Arbeit, ein rundum satter und perfekt inszenierter Sound, perfekte Bass- und Schlagzeugparts sowie immer punktgenau gesetzte Keyboard-Elemente lassen kaum einen Wunsch offen.

Anspieltipps: BEYOND THE DARK SUN, WINTER MADNESS, BATTLE AGAINST TIME, THE DEATH AND THE HEALING, STARCHILD


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„Leicht düster, kraftvoll und episch.“