Filmkritik: „Birnenkuchen Mit Lavendel“ (2015)

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Originaltitel: Le Goût Des Merveilles
Regie: Eric Besnard
Mit: Virginie Efira, Benjamin Lavernhe, Lucie Fagedet u.a.
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 97 Minuten
FSK: ab 0 freigegeben
Genre: Tragikomödie
Tags: Frankreich | Provence | Land | Heimat | Autismus | Asperger

Willkommen auf Wolke 37.

Kurzinhalt: Nach dem Tod ihres Mannes kümmern sich Louise (Virginie Efira) und ihre beiden Kinder Emma (Lucie Fagedet) und Felix (Léo Lorléac’h) allein um den familiären Landwirtschaftsbetrieb in der idyllischen französischen Provence. Doch trotz der guten Pflege und des Verkaufs diverser Erzeugnisse reichen die Einnahmen nicht aus, um die Kredite bei der Bank zu bedienen. So schlägt sich Louise Tag für Tag durch, und überlegt Teile ihres Landes notgedrungen an den befreundeten Paul (Laurent Bateau) zu verkaufen. Eines Tages aber fährt sie den zufällig in der Gegend umher wandernden Pierre (Benjamin Lavernhe) mit ihrem Auto an. Glücklicherweise wird der dabei nicht schwer verletzt. Doch anstatt sich über die Unachtsamkeit der jungen Frau zu beschweren, scheint er sich schnell auf seltsame Art und Weise zu ihr hingezogen zu fühlen. Auch über den ersten ungewöhnlichen Kontakt hinaus verhält sich Pierre dabei alles andere als gewöhnlich – was bei Louise zunächst eine gesunde Skepsis auslöst, ihr und vor allem ihren beiden Kindern aber offensichtlich gut bekommt. So bringt der Fremde einen frischen Wind in das Leben der Witwe, sensibilisiert sie für Dinge die sie im Laufe der Jahre vernachlässigt hat – und hilft ihr ganz nebenbei bei dem Unterfangen, ihren Bauernhof mitsamt all den Birnenbäumen und Lavendelfeldern zu retten.

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Bewertung: Zugegeben, der für den deutschen Markt erdachte Titel BIRNENKUCHEN MIT LAVENDEL erscheint in Anbetracht der Bedeutung des französischen Originaltitels LE GOUT DES MARVEILLES (in etwa: der Geschmack eines Wunders) nicht ganz glücklich gewählt. Umso überraschender und tiefschürfender ist das, was Eric Besnard hier mit einem wahnwitzig starken und sympathischen Figuren-Ensemble auf die Beine stellt. Ohne bemerkenswerte komödiantische Anteile, aber doch mit einer gewissen Leichtigkeit und viel Platz für sensationelle Landschaftsbilder rückt die hervorragend gefilmte Tragikomödie eine etwas andere zwischenmenschliche Beziehung in den Vordergrund – und brilliert dabei vor allem mit dem gleichermaßen lebendigen wie aufwühlenden Porträt der mit einer Form des Asperger-Syndroms lebenden Hauptfigur Pierre. Die wird von Benjamin Lavernhe gespielt – der sonst eigentlich eher im Bereich des Theaters unterwegs ist, hier aber eine wunschlos glücklich machende Performance abliefert.

LE GOUT DES MARVEILLES ist damit alles andere als eine typisch-klischeehafte Romanze oder eine Liebeskomödie mit formelhaft agierenden Charakteren – was angenehm zu sehen ist, den Film speziell von der internationalen Konkurrenz abhebt und ihn im besten Fall auch nachhaltig wirken lässt. Potentielle Kernbotschaften gerade in Bezug auf das Erleben von Personen die ihren Partner verloren haben, die oftmals zu unnötigem Schubladendenken neigende Gesellschaft sowie das Streben nach finanzieller Absicherung ohne einen ganzheitlichen Blick runden das Ganze ab. Anders gesagt: abgesehen von seinen hie und da doch noch sporadisch auftretenden Längen und den kaum vorhandenen Wendungen, Überraschungen oder expliziten Höhepunkten macht der Film vieles richtig. LE GOUT DES MARVEILLES mag kein Meisterwerk sein, erscheint aber aus seiner inhaltlichen und handwerklichen Warte heraus ansprechend – und hat durchaus das Zeug dazu, als zunächst unscheinbarer französischer Geheimtipp durchgehen zu können.


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„Eine idyllisch inszenierte, angenehm ruhige und zutiefst sympathische französische Tragikomödie mit starken Figuren.“

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Filmkritik: „Mickybo Und Ich“ (2004)

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Originaltitel: Mickybo And Me
Regie: Terry Loane
Mit: Ciarán Hinds, John Joe McNeill, Niall Wright u.a.
Land: Australien, Großbritannien, Irland
Laufzeit: ca. 91 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Drama, Komödie
Tags: Kindheit | Irland | Unruhen | Politik | Freundschaft

Wenn zumindest Freundschaften Grenzen überwinden.

Kurzinhalt: Belfast, Nordirland um das Jahr 1970 – die Stadt ist zweigeteilt, und politische Unruhen erschüttern das Land. Das scheint den beiden Jungen Mickybo (John Joe McNeill) und dem ein Jahr älteren Jonjo (Niall Wright) jedoch kaum etwas auszumachen – obwohl sie von der jeweils anderen Seite der Stadt stammen und unter unterschiedlichen Umständen aufgewachsen sind, treffen sie sich heimlich und werden sogar beste Freunde. Vermutlich auch, da sie beide für zwei große Western-Helden schwärmen: Butch Cassidy und Sundance Kid. Als die Lage in der Stadt immer unruhiger und ihre Freundschaft das ein ums andere Mal aufs Spiel gesetzt wird, beschließen Mickybo und Jonjo gemeinsam auszureißen – ihr Ziel ist das weit entfernte Australien.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! MICKYBO UND ICH ist der erste Spielfilm des Regisseurs und Drehbuchautors Terry Loane, der sich mit der Geschichte einer besonderen (Kinder-)Freundschaft auf die Theater-Vorlage MOJO MICKYBO von Owen McCafferty stützt. Das besondere an der Geschichte ist dabei nicht unbedingt die porträtierte Freundschaft selbst, die Dank ihrer glaubwürdigen Inszenierung und den gleichermaßen rauen wie süßlich-verträumten Bildern auch dazu in der Lage ist, eigene Kindheitserinnerungen zu wecken – sondern vielmehr der anberaumte Hintergrund der Erzählung. Der ist schließlich recht brisant, und bezieht sich auf den von 1969 bis 1998 stattgefundenen Nordirland-Konflikt – und damit auch den bedrohlichen Streit zweier Bevölkerungsgruppen. Terry Loane macht sich diese Ausgangssituation zunutze um noch einmal überdeutlich aufzuzeigen; dass sich trotz der oft engstirnigen Ansichten der Eltern gerade Kinder lieber eine eigene Meinung bilden, durchaus auch auf Tuchfühlung mit dem vermeintlichen Gegner gehen – und Freundschaften auch dort entstehen können, wo sie es aus einer politisch-gesellschaftlichen Sicht heraus eigentlich nicht sollten oder dürften.

Sicher ist es nichts neues, Kinder als regelrechte Welt-Verbesserer zu zeigen – doch die Art, wie Terry Loane hier vorgeht; ist durchaus besonders. Zumal MICKYBO UND ICH beileibe nicht auf ein einziges Themengebiet zu beschränken ist, über weite Strecken authentisch und glaubwürdig wirkt – und auch im Bereich der Kinokunst selbst großes bewerkstelligt wird. Speziell in Bezug auf die rundum stimmigen, oftmals in einem krassen Kontrast zueinander stehenden Bilder mit einstweilen zutiefst beeindruckenden Kamerafahrten, den hochkarätigen Soundtrack und die bravouröse Leistung der beiden Haupt- und Jungdarsteller wird ein überraschend hohes Niveau etabliert – was so nicht unbedingt von einem vergleichsweise kleinen, relativ unscheinbaren Film zu erwarten war.

Am eindringlichsten aber bleibt das Porträt der Freundschaft inklusive des übergeordneten Spiels mit dem Genre und der wenn man so will unentschlossenen Atmosphäre. Was in diesem Fall aber nicht negativ zu verstehen ist, denn: dem Zuschauer bleibt kaum etwas anderes übrig; als in Anbetracht der zahlreichen amüsanten und eine gewisse Nostalgie ausstrahlenden, dann aber doch wieder bitter-bösen Momenten hin- und hergerissen zu sein. Dabei lässt Terry Loane auch den Coming Of Age-Aspekt des Films niemals zu kurz kommen. MICKYBO UND ICH beschreibt eben nicht nur ein bloßes geografisches Vorankommen der beiden Hauptprotagonisten, sondern vielmehr eine emotionale Reise mit vielen Höhen und Tiefen – die man metaphorisch durchaus mit dem Prozess des Erwachsenwerdens gleichsetzen könnte. Das funktioniert glücklicherweise auch vollkommen ohne einen wie-auch-immer gearteten moralischen Zeigefinger, der Film macht letztendlich nicht viel mehr als die Realität abzubilden. Oder eher eine fiktive, aber dennoch über alle Maßen glaubwürdige Geschichte vor dem Hintergrund einer tatsächlichen menschlichen Katastrophe anzuführen.

Fazit: Die Chancen stehen gut, dass man sich an MICKYBO UND ICH erinnern wird – sei es in Bezug auf seine markante Gesamtwirkung, oder aber einzelne und besonders gute Szenen. Allein der Bankraub gegen Mitte des Films  schafft aufgrund der geschickten Vermengung von Realität und Fiktion eine gewisse Denkwürdigkeit – und steht stellvertretend für die regelrechte Poesie der Erzählung. Einer Poesie, die sowohl schöne als auch bitterböse Momente bereithält, dabei aber niemals überkandidelt wirkt und ganz und gar grundlegende Emotionen bedient, mit denen sich ein Großteil der Zuschauer identifizieren kann. Es gilt demnach, eine absolute Empfehlung auszusprechen – für die Ausarbeitung der Geschichte selbst, sowie ganz explizit auch den technisch-handwerklichen Part mit seinen satten Bildern und dem hervorragenden Schauspiel.

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„Ein eindringliches Porträt einer Freundschaft – und ein echtes Kleinod.“

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Filmkritik: „Angels Sing Aka Mein Nachbar Der Weihnachtsmann“ (2013)

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Originaltitel: Angels Sing
Regie: Tim McCanlies
Mit: Harry Connick Jr, Connie Britton, Willie Nelson u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 87 Minuten
FSK: ab 0 freigegeben
Genre: Drama, Komödie
Tags: Weihnachten | Festtage | Familie | Schicksal | Liebe

Wenn Fluch und Segen nah beieinander liegen.

Kurzinhalt: Da der texanische College-Professor Michael Walker (Harry Connick Jr.) kurz vor der Weihnachtszeit vor dem Verkauf seines Hauses steht, sucht er für sich und seine Familie eine neue Bleibe. Einerseits darf das Budget der Familie dabei nicht übersteigen werden – andererseits aber möchte er vor allem seinen Sohn David (Chandler Canterbury) glücklich machen, während ihn seine Frau Susan (Connie Britton) bei jeder Entscheidung zur Seite steht. Wie es der Zufall will, trifft Michael eines Tages auf einen kauzigen alten Hausbesitzer namens Nick (Willie Nelson) – der sein Anwesen gerne verkaufen möchte. Und das sogar zu einem Spottpreis – wenn der Käufer nur seinen Vorstellungen entsprechen und die spezielle Tradition des Hauses fortsetzen würde, die eng mit dem Weihnachtsfest verbunden ist. Doch offenbar stehen Michael und das Weihnachtsfest in keinem guten Verhältnis – Gründe dafür finden sich in der Vergangenheit und seiner Beziehung zu seinen Eltern (Kris Kristofferson und Fionnula Flanagan). Und so sträubt sich der Familienvater sichtlich, sich im Rahmen der kommenden Festlichkeiten entsprechend zu engagieren… bis sich ein weiterer Schicksalsschlag ereignet.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Wenngleich der deutsche Titel des amerikanischen Spielfilms ANGELS SING eher ungünstig gewählt wurde und am ehesten auf einen Film für ein deutlich jüngeres Publikum inklusive einer großen Portion Weihnachts-Klamauk schließen lässt, ist MEIN NACHBAR DER WEIHNACHTSMANN in Wahrheit eine gleichermaßen realitätsnahe wie bittersüße Tragikomödie. Eine solche; die auf einer gleichnamigen Romanvorlage von Turk Pipkin basiert und eine Amerikanische Familie in den Mittelpunkt stellt, welche schon so manch schlimmen Schicksalsschlag verkraften musste. Die Folge: speziell der Vater hadert mit den weihnachtlichen Festlichkeiten, für ihn sind sie mit einer schrecklichen Erfahrung verbunden – und auch sein 10-jähriger Sohn droht aufgrund eines Sterbefalls in der Familie ähnlichen Denkmustern zu verfallen.

Dennoch, und trotz der einstweilen emotional aufwühlenden Situationen inszeniert Regisseur Tim McCanlies seinen Film stets mit einer gewissen Leichtigkeit. ANGELS SING ist eben kein tiefenpsychologisches Drama, sondern vielmehr eine Mischung aus einer lockeren saisonalen Komödie und einer großen Portion Herzschmerz – was ihn nicht unbedingt von zahlreichen anderen Filmen des Genres abhebt. Immerhin: die Figuren sind durchgehend sympathisch, speziell Harry Connick Jr als etwas eigenwilliger Familienvater und sein Filmsohn Chandler Canterbury überzeugen dabei mit ihrem niemals angespannten, weitestgehend glaubwürdigen Spiel. Leicht problematisch ist in diesem Zusammenhang wohl nur die Rolle des mysteriösen Nick, gespielt von Willie Nelson. Nicht unbedingt aufgrund der Besetzung – aber doch in Bezug auf die Ausrichtung des Films, der so letztendlich doch noch den Schliff eines verkappten Fantasy-Märchens mit einem nicht nur sprichwörtlichen guten Geist erhält.

Schließlich wirkt der Film eher wie eines derjenigen Werke, die einen besonderen Moment der Selbstreflexion oder auch Selbst-Erkenntnis im Rahmen einer in diesem Sinne passenden Jahreszeit in den Vordergrund stellen – ganz ohne eine zusätzliche Meta-Ebene anzuberaumen oder sich der Phantasterei hinzugeben. Das ist einerseits ein echter Zugewinn, zumal der Film eben nicht überproduziert ist und angenehm unspektakulär inszeniert wird – anderseits aber verhindert das kaum, dass er einen leicht faden Beigeschmack hinterlässt. Und das liegt hauptsächlich an den störenden, plötzlich alles andere als bodenständigen Untertönen in Bezug auf die westliche Lebensart. Sicher sollte die Darstellung hier etwas zugespitzt ausfallen; doch verfehlt der Film eventuell seine eigentliche (d.h. universelle) Intention, wenn das Weihnachtsfest eben nicht mit Nächstenliebe verbunden wird – sondern vielmehr mit einer ärgerlichen Kommerzialisierung, einem pompösen Kitsch und eventuell auch einer gewissen Portion Wahnsinn.

Vielleicht wäre man also besser beraten gewesen, die Geschichte nicht unbedingt an einem potentiell polarisierenden christlichen Feiertag wie Weihnachten festzumachen – wäre da nicht die Buchvorlage. So lässt es sich ANGELS SING getreu seines Titels natürlich auch nicht nehmen immer wieder etwaige Singstimmen erklingen zu lassen, die den ein oder anderen Weihnachts-Hit schmettern. Gerade das wird nicht jedem gefallen, zumal man das Gefühl hat als wären sich die Macher selbst uneinig darüber gewesen wie diese Elemente darzustellen wären. Mal inszenieren sie die Gesänge (und auch andere, nicht ganz so traditionelle Bräuche wie das Zupflastern von Häusern mit Elektro-Schmuck) als nötige atmosphärische Anhängsel einer vermeintlich besinnlichen Zeit – und mal zeigen sie selbst auf, wie nervig und unnötig ein eben solches Gebaren sein kann. Interessanterweise aber kommt man dennoch zu einem einstimmigen Ergebnis: ob von Leid geplagt oder vom Leben beschenkt, ob Christ oder Angehöriger einer anderen Religion, ob gottesfürchtig oder Atheist – irgendwann packt es sicher alle, das Weihnachtsfieber. Was hier in den Bereich der Tragik, und was in den Bereich der Komödie fällt; darüber erlauben sich die Macher kein Urteil – es bleibt Auslegungssache.

Fazit: ANGELS SING ist ein Paradebeispiel für einen Film der Marke weder-noch. Weder handelt es sich um einen typischen und im besten Falle Herz-erwärmenden Weihnachtsfilm für die ganze Familie, noch um ein unabhängig wirksames Drama vor einem saisonalen Hintergrund. Vielmehr ist der Film eine Mischung aus beidem, sodass Lachen und Weinen in diesem Falle nah beieinander liegen. Allerdings, und das ist eine klare Schwäche; ohne jemals wirklich aus dem emotionalen Vollen zu schöpfen. Eigentlich hätten die guten Leistungen der Darsteller dafür gesprochen – doch letztendlich wird man schlicht zu wenig warm mit dem Porträt und dem Schicksal der Familie; was auch der vergleichsweise simplen Story, den zu häufigen Gesangseinlagen und den stark vereinfachten Charakterporträts geschuldet ist. Zudem geht vieles geht in der einstweilen kruden Mischung aus angestrengt-überdrehtem Weihnachts-Spektakel und ernsthafter Schicksalsbewältigung unter – man sieht, auch hier kann sich der Film nicht wirklich entscheiden. Man sollte sich also selbst ein Bild machen, eine klare Empfehlung kann diesbezüglich aber nicht ausgesprochen werden.

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„Vieles geht auf, anderes bleibt auf der Strecke – ein Mittelding in jeder Hinsicht.“

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Filmkritik: „Der Sohn Von Rambow“ (2007)

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Originaltitel: Son Of Rambow
Regie: Garth Jennings
Mit: Bill Milner, Will Poulter, Jules Sitruk u.a.
Land: Frankreich, USA, Großbritannien
Laufzeit: ca. 96 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Komödie, Drama
Tags: Kindheit | Vorbilder | Inspiration | Träume | Rambo

Helden mal anders.

Kurzinhalt: England, zu Beginn der 80er Jahre. Der junge Will (Bill Milner) lebt mit seiner verwitweten Mutter Mary (Jessica Hynes), seiner Schwester und seiner pflegebedürftigen Großmutter innerhalb der strengen Glaubensgemeinschaft der Bretheren. Doch auch wenn sich Will längst mit den hiesigen Gepflogenheiten arrangiert hat, läuft nicht alles rund – vor allem nicht in der Schule. Eines Tages, als Will aus religiösen Gründen wieder einmal den Klassenraum verlassen muss; trifft er auf den störrischen Außenseiter Lee (Will Poulter). Trotz dessen, dass die beiden scheinbar Welten trennen kommen die beiden schnell auf einen gemeinsamen Nenner: sie haben ein Faible für den Film. Während es bei Will vor allem die Neugier, die Abenteuerlust und der Reiz des Verbotenen ist; scheint Lee das Filmen in die Wiege gelegt – weshalb er seinen neuen Freund kurzerhand für eine seine zahlreichen Hobby-Projekte einplant, dass er bald auf einem Talent-Wettbewerb präsentieren möchte. Kurz darauf bekommt Wills Mutter Besuch vom Vorstand der örtlichen Glaubensgemeinde, repräsentiert von Bruder Joshua (Neil Dudgeon)…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Garth Jenning’s SON OF RAMBOW (was kein Rechtschreibfehler ist, sondern eher lizenzrechtliche Gründe hat) geht es vordergründig um eine Etappe im Lebensweg der beiden vor-pubertären Hauptfiguren Will und Lee – und um den Konflikt zwischen vorgegebenen Regeln und einem aufkeimenden Freiheitsdrang. Das besondere: auch wenn SON OF RAMBOW im Kern als klassisches Coming Of Age-Drama fungiert, erzählt Garth Jennings seine Geschichte zweier Freunde dennoch erfrischend anders. Ein Grund dafür ist seine auffällig lockere, einstweilen auch mal explizit makabere Herangehensweise an eine Vielzahl von Themen – die dem Film einen überraschend humoristischen Anstrich verpassen. Einen, der dabei aber niemals allzu plump daherkommt – und einen, der die durchaus vorhandenen kritischen Untertöne nicht zu schmälern vermag. Gerade diese Mixtur macht SON OF RAMBOW letztendlich aus. Wie sicher auch sein Fokus auf das Medium Film an sich, welcher mit einer ganz ähnlichen Form der ungezwungenen Melancholie eingefangen wurde wie einst ein CINEMA PARADISO. Schließlich ist auch SON OF RAMBOW ein quasi-Garant dafür, dass man sich als Zuschauer problemlos in die Rolle der beiden Protagonisten versetzen kann – und dabei auch die ein oder andere eigene Kindheitserinnerung aufflammen könnte.

Doch selbst wenn das nicht der Fall ist, macht es Spaß den beiden ungleichen Freunden zuzusehen – und ihre ansteckende Begeisterung für das Kino und den Film zumindest für einen Moment zu teilen. Analog dazu erhält man aber auch ein Gefühl dafür, was es bedeutet sich schon im Kindesalter mit unterschiedlichen familiären und ansatzweise auch gesellschaftlichen Konfliktsituationen auseinandersetzen zu müssen – man trifft es also recht genau wenn man sagt, SON OF RAMBOW mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu betrachten. Im späteren Verlauf hat der Film sowohl klare Stärken als auch dezente Schwächen – der Auftritt der Figur Didier Revol (Jules Sitruk) beispielsweise passt zum Konzept des Films, fühlt sich aber dennoch etwas zu forciert an. Voll punkten kann Garth Jennings dann mit jenen Szenen, in denen sich Traum und Realität vermischen – was auch der insgesamt höchst gelungenen Gestaltungsarbeit zu verdanken ist. Noch mehr als die geschickte Farb-Akzentuierung, der angenehme Schnitt oder der passig erscheinende Soundtrack fällt dann wohl nur noch die Leistung der beiden Jung-Darsteller Bill Milner und Will Poulter ins Gewicht – die bis dato kam Erfahrungen im Filmgeschäft hatten und dennoch hervorragend abliefern. Ihr spiel wirkt zu jedem Zeitpunkt authentisch und auf eine ganz eigene Art und Weise charmant.

Fazit: Ob als traditionelles Coming Of Age-Drama mit einem starken Fokus auf die Charaktere, eine Grenzen-überwindende Freundschaft und die Kraft der Imagination; oder aber als Hommage an das Medium Film an sich – SON OF RAMBOW überzeugt in nahezu jeder Hinsicht. Neben der gut ausgearbeiteten, vielschichtigen Geschichte bleibt vor allem das an den Tag gelegte Handwerk im Gedächtnis – der Film wirkt wenig beeindruckt von der Masse, und zeichnet einen ganz eigenen Stil. Gleichzeitig kann er sein Potential in Bezug auf viele Zuschauergruppen ausspielen: als reiner Kinderfilm hat er ebenso gute Karten wie als nostalgisch angehauchte Tragikomödie für Erwachsene. Im besten Fall schaut man ihn also im Kreise der Familie – so haben alle etwas davon.

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„Rebellisch, außerordentlich charmant und unterhaltsam – schon jetzt ein Klassiker.“

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Filmkritik: „Adams Äpfel“ (2005)

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Originaltitel: Adams æbler
Regie: Anders Thomas Jensen
Mit: Ulrich Thomsen, Mads Mikkelsen, Nicolas Bro u.a.
Land: Dänemark, Deutschland
Laufzeit: ca. 94 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Komödie, Drama
Tags: Resozialisierung | Verdrängung | Glaube | Schicksal | Wandlung

Der ungerechte Weg des Gerechten.

Kurzinhalt: In einer abgelegenen Dorfkirche widmet sich der hiesige Pfarrer Ivan (Mads Mikkelsen) einem eher besonderen Projekt – er soll Straftäter und andere belastete, vom Leben gezeichnete Menschen wieder auf den rechten Weg führen und im besten Fall resozialisieren. Das funktionierte bisher offenbar ganz gut – bis Adam (Ulrich Thomsen) auftaucht, ein überzeugter Skinhead mit ominöser Vergangenheit. Der scheint nicht nur wenig Lust auf Ivan und sein Resozialisierungsprogramm zu haben – er nimmt sich vor, hinter die Fassade des immer fröhlichen und allen zur Seite stehenden Ivan vorzudringen. Tatsächlich scheint der seine gute Laune des öfteren nur vorzutäuschen – Adam erfährt immer mehr über den kauzigen Pfarrer und seine offenbar alles andere als glückselige Vergangenheit. Adams selbst auferlegte Aufgabe besteht fortan darin, den Charakter des offenbar gut schauspielernden Pfarrers zu brechen – und ihm die Wahrheit vor Augen zu führen. Doch hätte er wohl kaum mit dem rechnen können, was er damit lostritt…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! ADAMS ÄPFEL ist der Titel einer etwas anderen, vornehmlich tiefschwarzen Komödie des Drehbuchautors und Regisseurs Anders Thomas Jensen (DÄNISCHE DELIKATESSEN). Obwohl das dänische Multitalent bereits zahlreiche Drehbücher verfasst hat handelt es sich hier um eines jener seltenen Werke, bei denen er auch selbst Regie geführt hat – und um eines, bei dem er sich seiner Kreativität keinen Riegel hat vorschieben lassen. Entsprechend ungewöhnlich, rebellisch und teilweise auch grotesk ist ADAMS ÄPFEL ausgefallen – eine Komödie, bei der allerdings nicht auf schnelle Lacher abgezielt wird; sondern eher auf das Porträt einer besonders skurrilen Figurenkonstellation in einer Ausnahmesituation. Rasante Szenenabfolgen oder einen oberflächlichen Slapstick wird man hier also vergebens suchen – was gut ist und eine willkommene Abwechslung garantiert. Dennoch bleibt ADAMS ÄPFEL eine Komödie, und sorgt durch allein durch seine makaberen Figuren für so manchen Lacher – mit dem Unterschied, dass es sich eben doch nicht um den typischen deutschen oder amerikanischen Genrefilm; sondern um eine durch und durch dänische Produktion handelt. Auffallend sind in diesem Zusammenhang nicht nur der einstweilen anarchistische, manchmal schwer zu verkraftende Humor oder die merkwürdig anmutenden Anwandlungen der Protagonisten – sondern vor allem auch der stets im Hintergrund mitschwingende, zunächst schwer zu kategorisierende Unterton.

So braucht der Film durchaus etwas Anlaufzeit, um vollends zu zünden – und den Zuschauer in die richtige Richtung zu lotsen. Jene gefühlte Sperrigkeit ist es indes auch, die den Film auszeichnet; ihn einzigartig macht – und dazu führt, dass eine vergleichsweise tiefgründige Komödie entstanden ist. So kommen auch gewisse religiöse Bezüge und philosophische Anleihen nicht von ungefähr: die eigentliche Idee des Films ist, den Hauptprotagonisten als modernen Hiob zu charakterisieren – und ADAMS ÄPFEL als Geschichte zu entwerfen, die zeitlos-wichtige und markante Fragen aufwirft. Sicher auch solche, die explizit in Verbindung mit dem Christentum stehen – eine entsprechende Symbolik gleich mit inklusive. Aber, und das ist das schöne; funktioniert der Film auch ohne den weiterführenden religiösen Bezug. Ob mit oder ohne ein höheres Zutun: Fragen wie die hier gestellten werden im Regelfall alle Menschen interessieren; ebenso wie die markanten Charakterentwicklungen. Vom guten alten Schicksal und der Vorhersehung, über schwere Traumata und Verdrängungsmechanismen bis hin zu regelrechten Wundern (zur Not auch aus der psychologischen Sichtweise heraus) – ADAMS ÄPFEL hat einiges zu bieten, und verpackt diese Elemente in einem gleichermaßen unterhaltsamen wie intelligenten Rahmen.

Einen, der endlich einmal wieder ein etwas kleineres Zielpublikum anspricht; mancherlei Regel bricht und schlicht das Gegenteil von dem ist, was man gemeinhin als Popcorn-Kino bezeichnet. Dass der Film so  gut gelingt, liegt dabei nicht nur am guten Drehbuch – sondern insbesondere an den Figuren und den beteiligten Darstellern. Auch wenn die Riege der Protagonisten stets überschaubar bleibt, reicht sie aus um für eine angenehme Verwirrung zu sorgen – und den Zuschauer mit so manch merkwürdiger Charakter-Eigenschaft zu konfrontieren. Solche, die es sich vor allem im ungewöhnlichen Zusammenspiel der Figuren zu entdecken lohnt; und die im Zusammenspiel mit den teils absolut unkorrekten, sich nicht um Minderheiten scherenden und trockenen Witzen für so manches Kopfschütteln sorgen werden. Auch wenn Darsteller Mads Mikkelsen die Hauptrolle innehat, diese mehr als solide verkörpert und mit seiner Figur der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist; so stiehlt ihm sein Kollege Ulrich Thomsen als Adam im Grunde genommen die Show. Speziell seine Leistung und sicher die Wandlung seines Charakters ist es, die dem Film noch einen draufsetzt – auch wenn es seine zeit dauert und vieles im Sinne einer für den Zuschauer nicht immer direkt sicht- und spürbaren Katharsis stattfindet.

Fazit: Es gibt nicht allzu viel, was man ADAMS ÄPFEL vorwerfen könnte. Eventuell könnten sich einige an der eher behäbigen Gangart, der Kammerspiel-artigen Inszenierung oder den einstweilen geschmacklosen Witzen stören – wahrscheinlicher aber ist, dass die etablierte Atmosphäre den eigentlichen Knackpunkt markiert. Denn die ist tatsächlich sehr wechselhaft, verwirrend; und manchmal sogar etwas unangenehm – vornehmlich immer dann, wenn zwischen Ernst und Witz keine klaren Grenzen liegen. Merkwürdig ist auch, dass man in Bezug auf die vermeintlich göttlichen Interventionen deutlich weniger subtil vorgeht als es sonst der Fall ist; eben so wie man wichtige Aussagen des Films etwas klarer (und im besten Fall unter Einbeziehung aller beteiligten Protagonisten) hätte ausformulieren müssen. Dennoch bleibt es bei einem empfehlenswerten Film – sofern man auf eine gewisse Behaglichkeit verzichten kann und sich einfach mal wieder etwas anders unterhalten wissen möchte.

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„Nur bedingt als Komödie zu verstehen – als makaberer Genre-Mix mit grandiosen Darstellern und Parabeln gar biblischer Ausmaße aber umso interessanter.“

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