Filmkritik: „Baby Bump“ (2015)

Auch bekannt als: Guziukas
Regie: Kuba Czekaj
Mit: Kacper Olszewski, Agnieszka Podsiadlik, Caryl Swift u.a.
Land: Polen
Laufzeit: ca. 89 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Drama, Komödie
Tags: Junge | Kind | Mutter | Familie | Pubertät | Sexualität | Erwachen

Ein etwas anderer Kindheits- und Jugendtribut.

Vorsicht – in BABY BUMP wird scharf geschossen.

Kurzinhalt: Mit dem Eintritt in die Pubertät beginnt sich das Leben des jungen Mickey (Kacper Olszewski) markant zu verändern. Doch nicht nur, dass er Probleme mit seinem eigenen Körper entwickelt und sein sexuelles Erwachen unmittelbar bevorsteht; auch das Verhältnis zu seiner Mutter (Agnieszka Podsiadlik) und seinen Schulkameraden wird das eine ums andere Mal komplett auf den Kopf gestellt. Klar scheint: Mickey ist gefangen zwischen seinem bisherigen Dasein als kleiner Junge, der sich nach mütterliche Fürsorge sehnt – und dem von nicht immer überzeugenden männlichen Vorbildern geformten Bild des Mannes, zu welchem er sich möglicherweise entwickeln wird. Um sein Gefühlschaos besser verarbeiten zu können, bedient er sich einfach seiner ohnehin recht ausgeprägten Fantasie…

Kritik: Wie viele Filmemacher sich insgesamt schon an einer filmischen Umsetzung respektive cineastisch aufbereiteten Interpretation zum Thema des Erwachsenwerdens versucht haben, steht in den Sternen. Fest steht nur, dass es zahlreiche waren – und das Genre des Coming Of Age-Films ein gleichermaßen spannendes wie zeitloses ist. Während ein Großteil der entsprechenden Werke am ehesten innerhalb der Bereiche des Dramas und der Komödie zu verorten ist, gibt es jedoch auch einige Ausreißer – wie ein vergleichsweise kuriose Genre-Erguss mit dem Titel BABY BUMP. Der extravagante polnische Film von Kuba Czekaj hatte seinen ersten internationalen Auftritt im Rahmen des Filmfestival Cottbus – und ist gleich in mehrerlei Hinsicht dafür geeignet, für Aufsehen zu sorgen.

Denn auch wenn sich selbst ein BABY BUMP die unspektakuläre Zuordnung zum Genre des Dramas, oder eher der Drämödie gefallen lassen muss; bietet der Film ausreichend Anhaltspunkte um nicht mit anderen verwechselt werden zu können. Anders gesagt: BABY BUMP ist auffällig wild, anarchistisch; und wenn man so will sogar verstörend. Mit dafür verantwortlich ist hier die explizite Vermengung von Traum und Realität, durch die er immer wieder dezent surrealistische Züge annimmt – die man sonst eigentlich von ganz anderen Werken gewohnt ist. Sicher, von der ganz großen Filmkunst ist das Werk von Kuba Czekaj noch weit entfernt. Vornehmlich, da sich der Film stark auf seine durchtriebene symbolische Ebene verlässt – selbige insgesamt betrachtet aber eher ernüchternd ausfällt. Und: die es schlicht nicht vermag, den mit handfestem Inhalt geizenden Film sinngemäß über seine lange Laufzeit zu füllen. Der Gedanke, dass sich das Ganze auch oder vielleicht sogar besser als Kurzfilm geeignet hätte; ist jedenfalls nicht gänzlich von der Hand zu weisen.

Doch für ein markantes und vor allem alles andere als alltägliches Aha-Erlebnis reicht es allemal. Dabei ist das Gelingen des Films in erster Linie auf den durchaus unterhaltsamen Faktor der handwerklichen Aspekte zu beziehen. Die außergewöhnliche Kameraführung, die geschickten Schnitte, die Einbeziehung der Umgebung und diverser zweckentfremdeter Objekte; die bunten eingeworfenen Text- und Gedankenfetzen, der unkonventionelle Soundtrack – BABY BUMP macht technisch einen angenehm unkonventionellen, gleichzeitig aber niemals zu forciert wirkenden Eindruck. Nicht ganz unbeteiligt daran sind sicher auch die beiden Hauptdarsteller, das ungewöhnliche Duo aus den polnischen Talenten Kacper Olszewski (als Sohn) und Agnieszka Podsiadlik (als Mutter) – die in ihren Rollen mit weniger Eigenregie, dafür aber mit der perfekten Umsetzung der Anleitungen des Regisseurs glänzen können.

Selbiger sollte schließlich genau wissen, was er hier von seinen beiden Figuren verlangt – wobei man zumindest einstweilen das Gefühl entwickelt, als gehe das Konzept auf. Schließlich entstehen im Verlauf des Films durchaus Momente, in denen die anberaumte Themen-bezogene Symbolik tatsächlich greifbar wird. Ein riesiges Ei – welches als Kokon und als zweite Geburtsstätte eines Heranwachsenden dient – zählt hier noch zu den harmlosen Varianten. Die (täuschend echt wirkende) Enthauptung eines Huhns fällt dagegen schon in die Kategorie einer deutlich krasseren, sich im Kontext des Films aber fast schon selbsterklärenden Bildersprache. Trotz der auffällig starr agierenden, oder eher den absichtlich mit einer weniger vielfältigen Mimik ausgestatteten Darstellern kann man sich jedenfalls sehr gut vorstellen, dass beim Dreh einige kuriose Momente entstanden sind.

Im Film selbst hält sich der Spaß allerdings in klaren Grenzen – explizite komödiantische Einschübe oder gar solche, die lauthalse Lacher erzeugen gibt es höchst selten. Analog zu einigen teils recht verstörenden Szenen – die sich indes weniger auf eine explizit dargestellte Sexualität, als vielmehr die Amputation etwaiger Körperteile beziehen – kommt der unterschwellige Leitspruch von BABY BUMP also genau richtig. Aufwachsen, das ist nun wirklich nichts für Kinder. Zumindest nicht in Bezug auf die ureigene Atmosphäre dieses Films – der hierzulande auch mit einer entsprechenden Altersfreigabe ab 16 eingestuft wurde. Unterhalten kann er aber, und dass auf eine höchst rebellische Art und Weise. Nicht allzu zart besaitete, sowie generelle Freunde des kuriosen sollten demnach ruhig mal einen Blick riskieren.


border_01

„Weder für Kinder noch den typischen Kinogänger – und gerade deshalb eine vergleichsweise erfrischende Erfahrung.“

filmkritikborder

Filmkritik: „Is Anbody There ?“ (2008)

Originaltitel: Is Anybody There ?
Regie: John Crowley
Mit: Michael Caine, Bill Milner, Anne-Marie Duff u.a.
Land: Großbritannien
Laufzeit: ca. 94 Minuten
FSK: unbekannt
Genre: Tragikomödie
Tags: Altenheim | Pflegefamilie | Großvater | Magie | Kind | Junge

Wenn Freundschaften auch generationsübergreifend funktionieren.

Kurzinhalt: Der junge Edward (Bill Milner) lebt mit seinen Eltern (Anne-Marie Duff, David Morrissey) in einem großen Einfamilienhaus in England, das trotz seines offenbar recht maroden Zustands vollständig in ein privates Altersheim umfunktioniert wurde. Hier pflegt die Familie alte und gebrechliche Menschen als regelrechte Lebensaufgabe – wobei sie insbesondere jenen helfen möchten, die aufgrund verschiedenster Umstände nicht mehr allzu lange zu leben haben. Eines Tages taucht mit dem kauzigen Clarence (Michael Caine) aber jemand auf, der mit seinem Leben noch ganz und gar nicht abgeschlossen hat – und das Leben der Familie folglich ordentlich durcheinander wirbelt. Überdies scheint der früher als erfolgreicher Zauberkünstler umherziehende Clarence einen besonderen Draht zum jungen Edward zu entwickeln. Wohl auch, da der allein aufgrund der ungewöhnlichen Wohnsituation seiner Familie ein Dasein als Außenseiter fristet – und aufgrund der angedeuteten Vernachlässigung seiner Eltern somit erst Recht an den Geschichten und dem Geheimnis des alten Mannes interessiert ist.

Kritik: Ganz im Stil von großen Filmklassikern wie DER ALTE MANN UND DAS KIND erzählt die von Regisseur John Crowley auf die Leinwand gebrachte Tragikomödie IS ANYBODY THERE ? die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem gebrechlichen Ex-Zauberkünstler und einem kindlichen Außenseiter, die aufgrund spezieller Umstände zusammenfinden. Trotz der alles andere als neuen Idee spricht dabei einiges für den Erfolg oder eher das Gelingen des Films, welcher seine beiden Hauptprotagonisten von Altstar Michael Caine sowie dem vielversprechenden Nachwuchstalent Bill Millner (unter anderem SON OF RAMBOW) verkörpern lässt. Der krude Charme des anberaumten Schauplatzes, die grundsätzliche Thematik über den Sinn des Lebens (und dem, was darauf noch folgen könnte) sowie der ausgeprägte Erzählfokus auf den jungen Edward und seine besondere Familienkonstellation machen jedenfalls Lust auf mehr. Überdies entfaltet die Mischung aus Witz und Emotionalität schnell einen gewissen Reiz – ebenso sehr wie die behandelten oder potentiell seitens des Zuschauers entstehenden Fragen in Bezug auf die Meta-Ebene des Films. Was bedeutet es, wenn man tagtäglich nicht nur von alten Menschen; sondern gar vom Tod umgeben ist – und das schon als Kind ? Und andersherum: kann das Leben selbst im hohen Alter noch Spaß machen, welche Dinge gilt es eventuell noch aufzuarbeiten ? Sicher sind Fragen wie diese höchst interessant, zumal sie nicht nur innerhalb einer Generation kursieren – womit sich der Kreis zum Protagonisten-Paar des Films schließt, das ebenfalls schnell einen gemeinsamen Nenner findet.

Und doch ist IS ANYBODY THERE ? – oder auch der fragende Ruf nach dem, was möglicherweise auf das Leben selbst folgen könnte – nicht gänzlich frei von inszenatorischen Schwächen. Auffällig und offensichtlich dabei ist speziell, dass den Machern gute Ideen nicht gerade auf der Hand lagen – und der Film so einige (auch längere) Durststrecken aufweist. Etwas problematisch, aber nicht zwingend negativ auszulegen ist auch das völlige Fehlen einer Form der filmischen Magie; wie man sie eventuell von und in einem Film wie diesem vermutet hätte. Sicher ist es angenehm  Dramen zu erleben, die ausnahmsweise mal nicht allzu kitschig inszeniert werden und analog dazu mit offensichtlichen Mitteln auf die Tränendrüse drücken – doch im Falle des regelrechten Gegenentwurfs von IS ANYBODY THERE ? könnte sich schlicht ein etwas zu gleichförmiger Eindruck einstellen. Aus dem emotionalen Vollen schöpft der Film jedenfalls nicht – und die wenigen interessanteren Zwischentöne, die vornehmlich aus der Interaktion der beiden kauzigen Hauptprotagonisten entstehen; reichen nicht aus um den Film über seine volle Laufzeit zu tragen. Jene fehlende Geschicklichkeit ist es auch, die IS ANYBODY THERE ? relativ vorhersehbar ausfallen lässt – sodass es kaum verwunderlich ist, dass auch das große Finale eher enttäuscht als eine nachhaltige Wirkung zu etablieren.

In eine ganz ähnliche Kerbe schlägt dann auch der technische Part. Immerhin, man war sichtlich bemüht möglichst authentische Bilder zu liefern – der absichtlich auf altbacken getrimmte Look, die entsprechenden Kostüme und eine insgesamt unaufgeregte Atmosphäre hätten aus IS ANYBODY THERE ? zumindest theoretisch etwas viel größeres machen können. Doch die absolut unspektakuläre Kameraführung, der eher nichtssagende Soundtrack, die fehlende künstlerische Raffinesse; und nicht zuletzt die gefühlte Lustlosigkeit der beteiligten Verantwortlichen verhindern in diesem Falle vieles.


border_01

„Eine etwas andere, gleichzeitig aber auch etwas anstrengende und langatmige Tragikomödie.“

filmkritikborder

Filmkritik: „Schnitzel Geht Immer“ (2017)

schnitzel-geht-immer_500

Regie: Wolfgang Murnberger
Mit: Armin Rohde, Ludger Pistor, Therese Hämer u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 90 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Komödie
Tags: Arbeitslos | Alltag | Gameshow | Gewinn | Spende

Vielleicht nicht immer, aber immer öfter.

Kurzinhalt: Irgendwann muss jeder einmal Glück haben. Das gilt sicher auch für die beiden langjährigen Freunde Günther Kuballa (Armin Rohde) und Wolfgang Krettek (Ludger Pistor), die schon seit längerer Zeit arbeitslos sind. Nach einem weiteren obligatorischen Besuch beim hiesigen Jobcenter jedoch geschieht es: gerade als die beiden ihrer Arbeitsberaterin einen Streich spielen, kommt diese herbeigeeilt – und wird dabei fast von einem nahenden Fahrzeug erfasst. Das kann Wolfgang gerade noch abwenden, schiebt die Rettung aber seinem Kumpel Günther zu – der daraufhin als Held gefeiert wird. Doch nicht nur das. Die Dame vom Arbeitsamt will den beiden Schwerenötern nun doch helfen, wenn auch nur ein wenig – und verrät ihnen höchst geheime Details zu einer kommenden Quizsendung. So gewappnet wollen die beiden wenigstens ein paar Tausend Euro erspielen, um sich wieder selbstständig machen zu können. Doch es kommt alles ganz anders als erwartet, oder eher anders als geplant

schnitzel-geht-immer_00

Kritik: Weniger ist manchmal mehr – und das gilt nicht nur für den Plan der beiden Hauptprotagonisten von und in SCHNITZEL GEHT IMMER. So hält sich der mittlerweile dritte Film der sogenannten SCHNITZEL-Trilogie von Wolfgang Murnberger eher zurück – und präsentiert eine nicht sonderlich spektakuläre, dafür aber recht unterhaltsame und kurzweilige Geschichte zweier befreundeter Arbeitsloser. Dabei ist gewiss kein Vorwissen aus den beiden Vorgängern EIN SCHNITZEL FÜR DREI und EIN SCHNITZEL FÜR ALLE notwendig – man kommt auch so in den Genuss des sowohl von einer angenehmen Situationskomik als auch einer gewissen Tragik gekennzeichneten Porträts der beiden kauzigen Hauptfiguren.

Dass der Film gerade diesbezüglich hervorragend funktioniert, liegt vor allem an den rundum sympathischen Auftritten von Armin Rhode und Ludger Pistor – zwischen denen die Chemie einfach stimmt. Und die sich sicher auch selbst in ihren Rollen wiederfinden – und sei es nur teilweise. Dass kommt dem ohnehin schon vorhandenen Realitätsbezug und der Aktualität des Films nur zugute: allzu übertrieben, wild oder platt gerät SCHNITZEL GEHT IMMER zu keinem Zeitpunkt. Stattdessen gibt es immer wieder amüsante Seitenhiebe auf das Leben und Erleben aus der Sicht von Menschen ohne Beschäftigung, die sich dennoch nicht den Spaß am Leben verbieten lassen wollen – und die trotz ihrer eigenen Misere durchaus bereit sind, anderen aus der Patsche zu helfen.

Werte wie Freundschaft und Treue werden in SCHNITZEL GEHT IMMER demnach großgeschrieben – wobei sich die einstweilen anberaumte Herzlichkeit stellenweise auch auf den Zuschauer zu übertragen vermag. Das gilt insbesondere für das eingeschobene Porträt einer alleinerziehenden Mutter, die ihrem Fußball-spielenden Sohn gerne mehr Wünsche erfüllen würde – dazu finanziell aber einfach nicht in der Lage ist. Eine solide Kamera-Arbeit und greifbare Schauplätze, die so gesehen aus der Nachbarschaft stammen; runden das Ganze ab. Schlussendlich: SCHNITZEL GEHT IMMER bietet einige vergleichsweise unkomplizierte, dabei aber nicht gänzlich substanzlose Minuten Unterhaltung zwischen Spaß und Tragik – und wirkt dabei in jeder Hinsicht ausbalanciert.


border_01
70button

„Leichte, aber nicht unsympathische Kost für Zwischendurch – hier kann man nicht viel falsch machen.“

filmkritikborder

Statt eines Trailers gibt es an dieser Stelle den Link zur ARD-Mediathek, in der der Film bis zum 17.02.2017 kostenlos anschaubar ist.

Filmkritik: „Birnenkuchen Mit Lavendel“ (2015)

birnenkuchen-mit-lavendel_500

Originaltitel: Le Goût Des Merveilles
Regie: Eric Besnard
Mit: Virginie Efira, Benjamin Lavernhe, Lucie Fagedet u.a.
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 97 Minuten
FSK: ab 0 freigegeben
Genre: Tragikomödie
Tags: Frankreich | Provence | Land | Heimat | Autismus | Asperger

Willkommen auf Wolke 37.

Kurzinhalt: Nach dem Tod ihres Mannes kümmern sich Louise (Virginie Efira) und ihre beiden Kinder Emma (Lucie Fagedet) und Felix (Léo Lorléac’h) allein um den familiären Landwirtschaftsbetrieb in der idyllischen französischen Provence. Doch trotz der guten Pflege und des Verkaufs diverser Erzeugnisse reichen die Einnahmen nicht aus, um die Kredite bei der Bank zu bedienen. So schlägt sich Louise Tag für Tag durch, und überlegt Teile ihres Landes notgedrungen an den befreundeten Paul (Laurent Bateau) zu verkaufen. Eines Tages aber fährt sie den zufällig in der Gegend umher wandernden Pierre (Benjamin Lavernhe) mit ihrem Auto an. Glücklicherweise wird der dabei nicht schwer verletzt. Doch anstatt sich über die Unachtsamkeit der jungen Frau zu beschweren, scheint er sich schnell auf seltsame Art und Weise zu ihr hingezogen zu fühlen. Auch über den ersten ungewöhnlichen Kontakt hinaus verhält sich Pierre dabei alles andere als gewöhnlich – was bei Louise zunächst eine gesunde Skepsis auslöst, ihr und vor allem ihren beiden Kindern aber offensichtlich gut bekommt. So bringt der Fremde einen frischen Wind in das Leben der Witwe, sensibilisiert sie für Dinge die sie im Laufe der Jahre vernachlässigt hat – und hilft ihr ganz nebenbei bei dem Unterfangen, ihren Bauernhof mitsamt all den Birnenbäumen und Lavendelfeldern zu retten.

birnenkuchen-mit-lavendel_00

Bewertung: Zugegeben, der für den deutschen Markt erdachte Titel BIRNENKUCHEN MIT LAVENDEL erscheint in Anbetracht der Bedeutung des französischen Originaltitels LE GOUT DES MARVEILLES (in etwa: der Geschmack eines Wunders) nicht ganz glücklich gewählt. Umso überraschender und tiefschürfender ist das, was Eric Besnard hier mit einem wahnwitzig starken und sympathischen Figuren-Ensemble auf die Beine stellt. Ohne bemerkenswerte komödiantische Anteile, aber doch mit einer gewissen Leichtigkeit und viel Platz für sensationelle Landschaftsbilder rückt die hervorragend gefilmte Tragikomödie eine etwas andere zwischenmenschliche Beziehung in den Vordergrund – und brilliert dabei vor allem mit dem gleichermaßen lebendigen wie aufwühlenden Porträt der mit einer Form des Asperger-Syndroms lebenden Hauptfigur Pierre. Die wird von Benjamin Lavernhe gespielt – der sonst eigentlich eher im Bereich des Theaters unterwegs ist, hier aber eine wunschlos glücklich machende Performance abliefert.

LE GOUT DES MARVEILLES ist damit alles andere als eine typisch-klischeehafte Romanze oder eine Liebeskomödie mit formelhaft agierenden Charakteren – was angenehm zu sehen ist, den Film speziell von der internationalen Konkurrenz abhebt und ihn im besten Fall auch nachhaltig wirken lässt. Potentielle Kernbotschaften gerade in Bezug auf das Erleben von Personen die ihren Partner verloren haben, die oftmals zu unnötigem Schubladendenken neigende Gesellschaft sowie das Streben nach finanzieller Absicherung ohne einen ganzheitlichen Blick runden das Ganze ab. Anders gesagt: abgesehen von seinen hie und da doch noch sporadisch auftretenden Längen und den kaum vorhandenen Wendungen, Überraschungen oder expliziten Höhepunkten macht der Film vieles richtig. LE GOUT DES MARVEILLES mag kein Meisterwerk sein, erscheint aber aus seiner inhaltlichen und handwerklichen Warte heraus ansprechend – und hat durchaus das Zeug dazu, als zunächst unscheinbarer französischer Geheimtipp durchgehen zu können.


border_01
80button

„Eine idyllisch inszenierte, angenehm ruhige und zutiefst sympathische französische Tragikomödie mit starken Figuren.“

filmkritikborder

Filmkritik: „Mickybo Und Ich“ (2004)

mickybo-und-ich_500

Originaltitel: Mickybo And Me
Regie: Terry Loane
Mit: Ciarán Hinds, John Joe McNeill, Niall Wright u.a.
Land: Australien, Großbritannien, Irland
Laufzeit: ca. 91 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Drama, Komödie
Tags: Kindheit | Irland | Unruhen | Politik | Freundschaft

Wenn zumindest Freundschaften Grenzen überwinden.

Kurzinhalt: Belfast, Nordirland um das Jahr 1970 – die Stadt ist zweigeteilt, und politische Unruhen erschüttern das Land. Das scheint den beiden Jungen Mickybo (John Joe McNeill) und dem ein Jahr älteren Jonjo (Niall Wright) jedoch kaum etwas auszumachen – obwohl sie von der jeweils anderen Seite der Stadt stammen und unter unterschiedlichen Umständen aufgewachsen sind, treffen sie sich heimlich und werden sogar beste Freunde. Vermutlich auch, da sie beide für zwei große Western-Helden schwärmen: Butch Cassidy und Sundance Kid. Als die Lage in der Stadt immer unruhiger und ihre Freundschaft das ein ums andere Mal aufs Spiel gesetzt wird, beschließen Mickybo und Jonjo gemeinsam auszureißen – ihr Ziel ist das weit entfernte Australien.

mickybo-und-ich_00

Kritik: Achtung, Spoiler ! MICKYBO UND ICH ist der erste Spielfilm des Regisseurs und Drehbuchautors Terry Loane, der sich mit der Geschichte einer besonderen (Kinder-)Freundschaft auf die Theater-Vorlage MOJO MICKYBO von Owen McCafferty stützt. Das besondere an der Geschichte ist dabei nicht unbedingt die porträtierte Freundschaft selbst, die Dank ihrer glaubwürdigen Inszenierung und den gleichermaßen rauen wie süßlich-verträumten Bildern auch dazu in der Lage ist, eigene Kindheitserinnerungen zu wecken – sondern vielmehr der anberaumte Hintergrund der Erzählung. Der ist schließlich recht brisant, und bezieht sich auf den von 1969 bis 1998 stattgefundenen Nordirland-Konflikt – und damit auch den bedrohlichen Streit zweier Bevölkerungsgruppen. Terry Loane macht sich diese Ausgangssituation zunutze um noch einmal überdeutlich aufzuzeigen; dass sich trotz der oft engstirnigen Ansichten der Eltern gerade Kinder lieber eine eigene Meinung bilden, durchaus auch auf Tuchfühlung mit dem vermeintlichen Gegner gehen – und Freundschaften auch dort entstehen können, wo sie es aus einer politisch-gesellschaftlichen Sicht heraus eigentlich nicht sollten oder dürften.

Sicher ist es nichts neues, Kinder als regelrechte Welt-Verbesserer zu zeigen – doch die Art, wie Terry Loane hier vorgeht; ist durchaus besonders. Zumal MICKYBO UND ICH beileibe nicht auf ein einziges Themengebiet zu beschränken ist, über weite Strecken authentisch und glaubwürdig wirkt – und auch im Bereich der Kinokunst selbst großes bewerkstelligt wird. Speziell in Bezug auf die rundum stimmigen, oftmals in einem krassen Kontrast zueinander stehenden Bilder mit einstweilen zutiefst beeindruckenden Kamerafahrten, den hochkarätigen Soundtrack und die bravouröse Leistung der beiden Haupt- und Jungdarsteller wird ein überraschend hohes Niveau etabliert – was so nicht unbedingt von einem vergleichsweise kleinen, relativ unscheinbaren Film zu erwarten war.

Am eindringlichsten aber bleibt das Porträt der Freundschaft inklusive des übergeordneten Spiels mit dem Genre und der wenn man so will unentschlossenen Atmosphäre. Was in diesem Fall aber nicht negativ zu verstehen ist, denn: dem Zuschauer bleibt kaum etwas anderes übrig; als in Anbetracht der zahlreichen amüsanten und eine gewisse Nostalgie ausstrahlenden, dann aber doch wieder bitter-bösen Momenten hin- und hergerissen zu sein. Dabei lässt Terry Loane auch den Coming Of Age-Aspekt des Films niemals zu kurz kommen. MICKYBO UND ICH beschreibt eben nicht nur ein bloßes geografisches Vorankommen der beiden Hauptprotagonisten, sondern vielmehr eine emotionale Reise mit vielen Höhen und Tiefen – die man metaphorisch durchaus mit dem Prozess des Erwachsenwerdens gleichsetzen könnte. Das funktioniert glücklicherweise auch vollkommen ohne einen wie-auch-immer gearteten moralischen Zeigefinger, der Film macht letztendlich nicht viel mehr als die Realität abzubilden. Oder eher eine fiktive, aber dennoch über alle Maßen glaubwürdige Geschichte vor dem Hintergrund einer tatsächlichen menschlichen Katastrophe anzuführen.

Fazit: Die Chancen stehen gut, dass man sich an MICKYBO UND ICH erinnern wird – sei es in Bezug auf seine markante Gesamtwirkung, oder aber einzelne und besonders gute Szenen. Allein der Bankraub gegen Mitte des Films  schafft aufgrund der geschickten Vermengung von Realität und Fiktion eine gewisse Denkwürdigkeit – und steht stellvertretend für die regelrechte Poesie der Erzählung. Einer Poesie, die sowohl schöne als auch bitterböse Momente bereithält, dabei aber niemals überkandidelt wirkt und ganz und gar grundlegende Emotionen bedient, mit denen sich ein Großteil der Zuschauer identifizieren kann. Es gilt demnach, eine absolute Empfehlung auszusprechen – für die Ausarbeitung der Geschichte selbst, sowie ganz explizit auch den technisch-handwerklichen Part mit seinen satten Bildern und dem hervorragenden Schauspiel.

border_01
90button

„Ein eindringliches Porträt einer Freundschaft – und ein echtes Kleinod.“

filmkritikborder