Filmkritik: „Arrietty – Die Wundersame Welt Der Borger“ (2010, Studio Ghibli #17)

Originaltitel: Kari-Gurashi No Arietti
Regie: Hiromasa Yonebayashi (Studio Ghibli)
Mit: Mirai Shida – Ryunosuke Kamiki – Kirin Kiki
Laufzeit: 94 Minuten
Land: Japan
FSK: Ab 0
Genre: Animationsfilm (Fantasy 50 % / Drama 50 %)

Inhalt: Arrietty ist ein vierzehnjähriges Mädchen, welches nur auf den ersten Blick wie ein gewöhnliches wirkt… denn sie und ihre Eltern gehören zu den wenigen noch verbleibenden Wesen die sich Borger nennen. Die Borger sind winzige, menschenähnliche Wesen – die sich von ihren „großen Verwandten“ die ein oder anderen Dinge ausleihen, natürlich ohne dass sie es bemerken. Doch bei aller nötigen Heimlichkeit, die nur zum Schutze der Spezies dient, möchte die junge Arrietty offenbar mehr über die Welt der Menschen wissen. Sie nimmt mit einem schwer kranken Jungen namens Sho Kontakt auf – zuerst eher unfreiwillig; doch es scheint als entwickele sich langsam eine zweifelsohne ungewöhnliche, aber doch feste Freundschaft zwischen den beiden. Doch es droht Gefahr: nicht alle Menschen sind den Borgern gegenüber so aufgeschlossen wie Sho… und auch Arrietty’s Eltern beharren darauf, dass ein Umzug unausweichlich ist sobald sie ein Mensch gesehen hat.

Kritik: Bereits auf dem deutschen Filmposter heisst es lautstark „das neueste Meisterwerk des Studio Ghibli“ – doch man sollte Vorsicht walten lassen, nicht jeder Film aus diesem Studio ist automatisch einer der besten Animationsfilme aller Zeiten. Zweifelsohne arbeiten fast ausschließlich „Meister“ ihres Fachs im renommierten Anime-Produktionsstudio, doch gerade dieser Meister selbst haben die Messlatte in der Vergangenheit recht hoch angesetzt. Mit Klassikern wie Prinzessin Mononoke oder Chihiros Reise Ins Zauberland lieferte das Studio Werke ab, die weltweit für Begeisterungsstürme sorgen konnten – und auch der letztaktuellste Film Ponyo (Review hier) konnte die Zuschauergemeinde und so mancherlei Kritiker restlos begeistern. Nun also steht ein neuer Film in den Startlöchern, allerdings nur hierzulande: denn tatsächlich wurde Arrietty bereits 2010 fertiggestellt. Die sogenannten Borger dürften auch hierzulande nicht gänzlich unbekannt sein, sodass der Anime im Gegensatz zu früheren Werken einen gewissen Bonus hat, wenn man so will. Als Zuschauer weiss man so nämlich ungefähr, um was es diesmal gehen wird – aber natürlich hat solch eine Medaille immer zwei Seiten. Denn gleichzeitig geht so ein großer Teil des Überraschungsmoments verloren, und auch inhaltlich mussten sich die Macher Grenzen setzten, um nicht völlig von dem abzuweichen, was man sich allgemein unter den „Borgern“ vorstellt.

So fällt die Geschichte im Gegensatz zu früheren Werken deutlich simpler und überschaubarer aus, auch in Sachen „Magie“ oder die Macht der Vorstellungskraft hält man sich dezent zurück. Das einzige, was den Film zu gefühlten 50 Prozent in das Fantasy-Genre ugsiert, ist eben die Tatsache dass die sogenannten Little People existieren – und wenn sie nur wollten, auch mit den Menschen in Kontakt treten könnten. Die anderen 50 Prozent bestehen hauptsächlich aus Ghibli-typischen Darstellungen von verschiedenen jungen Persönlichkeiten, zwischenmenschlichen Kontakten und den Schwierigkeiten die man im Leben – ob nun als Mensch oder als Borger – zu bewältigen hat. Wenn das Studio eines kann, dann ist es die Darstellung solcher dezenten, tief menschlichen Porträts – die stets für eine erhöhte Glaubwürdigkeit der Charaktere und für den ein oder anderen markanten Empathie-Anflug sorgen. Jedoch stellt sich bei Arrietty die Frage, ob es dafür wirklich noch einmal einen eigenständigen Film gebraucht hätte – oder, ob ein wenig Experimentierfreude angebrachter gewesen wäre. Denn viele, wenn nicht alle Elemente die Arrietty (vermeintlich) stark machen, gab es so oder ähnlich schon in der Filmografie des Studios zu bestaunen.

Die Geschichte um das Aufwachsen eines jungen Mädchens, welches ein wenig anders ist als andere ihres Alters, gab es so zum Beispiel bereits ausführlich und zeitlos gut inszeniert in Kikis Kleiner Lieferservice zu sehen. Für eine dezente, größtenteils nur angedeutete Liebesgeschichte dient dagegen die Stimme des Herzens als Vorzeigefilm des Studios, und für große Abenteuer in liebevoll gestalteten Fantasy-Welten mit Fabelwesen steht Prinzessin Mononoke als grandioser Stellvertreter parat. Und auch die jüngeren Zuschauer wurden – sogar erst kürzlich – mit einem explizit auf sie zugeschnittenen Anime-Kinderfilm beglückt – Ponyo. Arrietty scheint nun weder Fisch noch Fleisch zu sein, und ein wenig von all diesen Filmen miteinander zu kombinieren – allerdings stets nur einen kleinen Teil. Und genau das ist das Problem: vieles wirkt (zumindest Ghibli-Kennern) schon in irgendeiner Form bekannt, die einzelnen Themen werden nur oberflächlich behandelt. Auch die beiden Hauptthemen: so erfährt man überraschend wenig von der Geschichte und Historie der Borger – man zeigt nur den aktuellen Status Quo, das heisst eine Borger-Familie mit ihren Problemen. Die sich anbalndene Beziehung zwischen einem Borger-Mädchen und einem schwer kranken, menschlichen Jungen / Teenager ist zwar gefühlvoll inszeniert – doch auch hier fehlt ein etwas ausführlicherer Kontext.

So bleiben die positivsten Aspekte die Freiheit in Bezug auf die Zielgruppe – wirklich jeder kann sich diesen Film ansehen (und wird gleichsam Gefallen / Nicht-Gefallen daran finden): ob jung oder alt, ob männlich oder weiblich, ob Anime-Fan oder Gelegenheitsfilmgucker. Und, wie sollte es auch anders sein; die technischen Aspekte fallen Ghibli-typisch aus. Das heisst: sie bewegen sich in Bezug auf Animes auf dem höchsten nur erdenklichen Niveau. Die Farben wirken ausserordentlich satt, die Szenerie markant detailreich, die Kombination von der „kleinen“ Borgerwelt und der der Menschen ist gelungen, die Schnitte sind angenehm; der Soundtrack stimmig. Hier wird man nichts zu bemängeln haben – und in Sachen Hintergrundzeichnungen setzt das Studio die allgemeine Messlatte vielleicht sogar noch ein Stück höher. Szenen wie die, in denen Sho auf einer saftigen Wiese liegt und Kontakt mit der Natur / den Tieren aufnimmt; wirken wie ein fantastisches, gemäldetaugliches Stillleben für sich. Auch die Animationen wirken geschmeidig, wenngleich nicht so flüssig wie in anderen modernen Animes – doch wenn man den Grund dafür kennt; nämlich dass das Studio nach wie vor auf den Einsatz moderner Techniken zugunsten der Tradition verzichtet, ist dieser Fakt schnell wieder verziehen.

Fazit: Arrietty ist mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu betrachten – alle Ghibli-typischen Stärken kommen auch in diesem Werk vor, doch grundsätzlich fehlt es an Innovation und frischen Ideen. Für Zuschauer die die anderen Ghibli-Werke nicht kennen ist dieser Film sicherlich eine gute Möglichkeit zum Einstieg – doch Ghibli-Kenner werden eher enttäuscht. Dabei bietet die Borger-Geschichte so viel Potential; dieses wird in Arrietty leider nur höchst bedingt ausgenutzt. Die mögliche Komplexität und Philosophie wichen letztendlich einer leichten Zugänglichkeit und stellenweise sogar einigen etwas langatmigen Szenen – schade ! Aber immer noch kein Reinfall – Arrietty gehört lediglich nicht zu den Glanzlichtern und Vorzeigefilmen des Studio Ghibli.

Filmkritik: „Ponyo – Das Große Abenteuer Am Meer“ (2008, Studio Ghibli #16)

Originaltitel: Gake No Ue No Ponyo
Regie: Hayao Miyazaki (Studio Ghibli)
Mit: Tomoko Yamaguchi – Kazushige Nagashima
Laufzeit: 101 Minuten
Land: Japan
Genre: Animationsfilm

Inhalt: Irgendwo in der Tiefe des Meeres… hier werkelt ein seltsam wirkender Zauberer namens Fujimoto aus seinem Unterwasserlabor heraus an der Flora und Fauna der Umgebung. Offenbar hält er auch einige ganz besondere Wesen bei sich: Fische mit menschenähnlichen Gesichtern nämlich. Auch das Fischmädchen Brunhilde ist eines dieser eigensinnigen Kreaturen, welche offenbar sogar über starke magische Kräfte zu verfügen scheint. Eines Tages möchte sie die verlockende Weite des Meeres näher erforschen, und schafft es, unbemerkt zu flüchten – unglücklicherweise bleibt sie dabei in der Nähe des Ufers in einem Glas stecken. Doch ein Junge namens Sosuke rettet den seltsamen Fisch – und tauft ihn prompt auf den Namen Ponyo. Er ist so begeistert von dem Tier, dass er es sogleich in einen Wassereimer steckt und mit zum Kindergarten nimmt. Doch Sosukes Freude wird alsbald bitterlich getrübt, als der erzürnte Meeresvater von Ponyo einige Tricks anwendet, um den Fisch zurückzuholen. Sie gelangt wieder in Gefangenschaft, doch offenbar hegt sie von nun an nur noch einen Wunsch: ein Menschenkind zu werden, um so bei Sosuke bleiben zu können. Währenddessen haben Sosuke, seine Mutter und die Damen aus dem Altersheim mit den immer stärker werdenden Stürmen zu kämpfen, das Meer tobt unverdrossen und scheint gar das gesamte Land zu überfluten. Doch ob doch noch alles gut ausgehen kann, können weder Sosuke noch Ponyo allein entscheiden – auch die jeweiligen Mütter der beiden haben hier ein Wörtchen mitzureden…

Kritik: Mit der mittlerweile 16.ten Ghibli-Kritik auf diesem Blog ist die Bewertungsreihe bezüglich des weltberühmten Animationsstudios erst einmal vorüber – allerdings nicht für alle Zeiten, schließlich wurde bereits 2010 ein weiterer Titel in Japan veröffentlicht. Der wird wohl noch im Laufe dieses Jahres (Mitte 2011) hierzulande veröffentlicht werden, ähnlich verzögert wie das vorliegende, hierzulande aktuellste Werk Ponyo – welches bereits im Jahre 2008 in den japanischen Kinos gezeigt wurde. Dass sich die Wartezeit aber mehr als gelohnt hat, ist längst kein Geheimnis mehr. Nachdem Altmeister Hayao Miyazaki beim letzen Ghibli-Blockbuster Die Chroniken Von Erdsee das Regiezepter kurzerhand an seinen eigenen Sohn Goro Miyazaki weitergereicht hatte, übernimmt nun wieder der Meister höchstselbst diesen wichtigen Posten – und das spürt man bis in die letzte Pore des Films. Weiterhin ist Ponyo nach einiger Zeit wieder der erste explizite Kinderfilm aus dem Ghibli-Hause – während bereits Das Königreich Der Katzen einen deutlichen Schritt in diese Richtung ging. Ähnlich vielschichtig und philosophisch aufgebaut wie ein Filmkaliber a’la Prinzessin Mononoke ist dieses Werk also nicht – man sollte also nicht mit dahingehenden Erwartungen in diesen Film gehen. Denn dann kann man nur enttäuscht werden – aber wenn Miyazaki einen (reinen) Kinderfilm machen möchte, dann soll (und darf) er das auch tun. Genau in diesem Sinne muss man Ponyo auch betrachten – jegliche Vergleiche zu früheren Ghibli-Werken sollten sich zumeist auf die zeichnerisch-technische Ebene beschränken. Genau diese Vorgehensweise lassen einige Kritiken allerdings vermissen – oftmals wird bemängelt, dass Ponyo nicht mehr so universell und gar zu kindlich daherkomme. Nun, wenn man wie Miyzaki eine deutlich jüngere Zielgruppe anpeilt, und dabei kein Prinzessin Mononoke 2.0 erschaffen möchte, dann muss man dies auch als Kritiker so hinnehmen.

Gesagt, getan – dementsprechend dankbar werden diesmal vor allem die jüngeren zeigen, die an Ponyo einen wahren Narren fressen werden. Von Ghibli wurde man ja seit jeher mit wunderbar gezeichneten und gestalteten (Fantasy-)Welten beschenkt, bei denen vor allem die atemberaubenden Hintergründe für Furore sorgten – und auch dieses Mal bleibt sich das Studio in dieser Hinsicht treu. Vielleicht sogar mehr als treu – wie man immer wieder hören kann, zeigt sich Miyazaki nicht gerade begeistert von aktuellen technischen Spielereien wie den übermäßigen Einsatz von CGI-Animationen oder dem 3D-Kino im allgemeinen. So manche böse Zunge würde jetzt behaupten, dass er sich gerade aufgrund dessen nicht weiterentwickeln würde oder seine Werke gar an Aktualität verlieren – was natürlich völliger Quatsch ist. Im Gegenteil, er bleibt sich selbst und seinem Schaffen treu – treu im Sinne der altbewährten Ghibli-Tradition. Und wenn sich das europäische oder amerikanische Publikum tatsächlich schon so geblendet von 3D und überteuerten Computereffekten zeigt (und Ghibli Werke als viel zu „langweilig“ oder „minimalistisch“ bezeichnet), ja dann sollte man sich eine internationale Verbreitung wohl doch noch mal überlegen. Auch darüber machte sich Miyazaki immer wieder Gedanken – bekanntlich kamen damalige Japan-Kassenabräumer wie Mein Nachbar Totoro nie in die deutschen Kinos. Einerseits zu Unrecht, verpassten viele potentiell interessierte so ein einmaliges Anime-Meisterwerk für Kinder – andererseits vollkommen zurecht, weiss die westliche Welt solche Werke oftmals nicht entsprechend zu würdigen. Herr Miyazaki, lassen Sie sich bloss niemals von westlichen Vertriebsfirmen beschwichtigen, ihre Werke den entsprechenden Märkten anzupassen. Machen Sie immer weiter so wie allein Sie es für richtig halten – selbst wenn das bedeutet, dass Interessierte die Filme dann aus Japan importieren müssen !

Doch glücklicherweise scheint das Experiment Ponyo im internationalen Sinne geglückt – wobei der Film noch viel mehr Erfolg gehabt haben müsste, betrachtet man in einmal genauer. Vergleiche zu amerikanischen Cartoon-Gurus wie Walt Disney scheinen in mancherlei Hinsicht zwar angebracht (hinsichtlich der Popularität und des Kultfaktors), viele Zuschauer werden so aber auch leicht in die Irre geführt – in der Hinsicht, dass Miyazaki am Namen Disney gemessen wird. Man sollte einfach wissen (und international anerkennen), dass Miyazaki seit Beginn seiner Karriere schon in einer ganz anderen Liga spielte. Denn neben den typischen Popcornkino-Qualittäten aus dem Hause Disney wartet der Japaner immer wieder mit weitaus tiefsinnigeren, von der japanischen Kultur angehauchten Philosophie-Botschaften auf. Und auch in Ponyo tauchen einiger dieser Aspekte auf – wenn auch viel unterschwelliger und weniger ausgearbeitet als in früheren Ghibli-Produktionen. Doch gerade das ist ja der Clou: selbst wenn Erwachsene dieses Mal weniger „Futter“ bekommen, so bietet der Film immer noch genügend Aspekte, die den jüngeren nicht so auffallen werden. Somit ist Ponyo eben doch wieder ein Film für die ganze Familie geworden – mit dem Unterschied, dass nun auch die allerjüngsten explizit auf ihre Kosten kommen. Die niedlichen Zeichnungen, 2 fünfjährige Charaktere als sinnvolle Identifikationsfiguren, ein fantasievolles Porträt der Meereswelt und dessen Kräfte, ein wahrhaft wunderbarer Filmsoundtrack… die Liste ist lang, und lässt einfach keinen Platz für größere Durststecken oder Kritik.

Die Story ist für einen Kinderfilm auffallend vielschichtig gearbeitet, und glänzt zudem durch zwei unbedingte Attributierungen: Fantasie und Spannung. Gekonnt vermischt Miyazaki Elemente der greifbaren, aktuellen Realität mit Aspekten der Fantasy – so trifft ein liebevoll inszeniertes Familienporträt auf eine mystisch-faszinierende Unterwasserwelt voller fabelhafter Kreaturen. Die Handlung wird dabei stets in einem recht ansehnlichen Tempo vorangetrieben, wirkt dabei im Gegensatz zu manchen westlichen Pedanten aber niemals reißerisch oder überladen. Dafür sorgt natürlich auch der optische Gesamteindruck: die kraftvollen Farben, die nette Gestaltung der Unterwasserwesen, die Bewegungen des mal ruhigen, mal tobenden Meeres… Stichwort Meer: oftmals haben Miyazaki-Filme einen unverkennbaren Bezug zur Entwicklung der Ökologie, und beinhalten dementsprechende Botschaften. Das ist auch dieses Mal der Fall – und tatsächlich findet sich in Bezug darauf der vielleicht einzigste Kritikpunkt am Film. Die Darstellung, dass sich das Meer wieder mehr „Raum“ verschafft, wird noch recht gut in den Filmkontext eingeflochten – so sieht man überflutete Straßen und die Kraft die Natur, welche aber dennoch nicht als allzu „zerstörerisch“ oder gar gefährlich wirkend daherkommt. Doch leider gerät das Ganze mit dem seltsamen Elixier des Meer-Mannes leicht ausser Kontrolle, wobei dessen Motivation ohnehin nie wirklich nachvollziehbar erscheint. Zudem scheint er in den wichtigsten Momenten überall zu sein, nur nicht an den entscheidenden Stellen – dann kehrt er plötzlich zurück und scheint eine ganz andere Meinung zu haben als noch zuvor. Warum nun genau „die Zerstörung der Welt“ durch die Verwandlung von Ponyo in einen echten Menschen aufgehalten worden sein soll, wird ebenfalls nicht ersichtlich; und wirkt zudem leicht überspitzt dargestellt.

Fazit: Ein optisch und akustisch mehr als erhabener Anime-Kinderfilm aus dem Hause Ghibli – erdacht und erschaffen von einem der Altmeister des Genres, Hayao Miyazaki. Hier wird konsequent auf traditionelle Werte gesetzt – sowohl in Bezug auf die Filmproduktion selbst, als auch auf den letztendlichen Inhalt. Aber auch dieser weiss entsprechend zu begeistern, und gerade die jüngeren Zuschauer zu fesseln. Und, wie es ebenfalls typisch für einen Miyazaki ist, auch zu bewegen: gerade das Porträt der unschuldigen Freundschaft zwischen Sosuke und Ponyo wirkt überzeugend-emotional, dabei aber niemals heuchlerisch oder gekünstelt. Auch das Element der „Liebe“ soll eine nachvollziehbare Rolle spielen – altersgerecht wird erklärt, dass auch Kinder jemandem „ihr Herz“ schenken können, wenn sie ihn nur genug mögen. Stellvertretend für die dahingehende, allgemein verankerte gesellschaftliche Skepsis steht Fujimoto, der sich fragt, ob das finale magische Prozedere überhaupt funktionieren könnte. Doch Ponyo’s Mutter ist überzeugt, glaubt an die Kraft und die Güte der Menschen; sodass sich doch noch ein Happy End entwickeln kann. Ein Happy-End findet sich im folgenden auch in Bezug auf diese Rezension – eine absolute Empfehlung für die ganze Familie.

Filmkritik: „Die Chroniken Von Erdsee“ (2006, Studio Ghibli #15)

Originaltitel: Gedo Senki
Regie: Goro Miyazaki (Studio Ghibli)
Mit: Armelle Gallaud – Georges Claisse
Laufzeit: 115 Minuten
Land: Japan
Genre: Animationsfilm

Inhalt: Das natürliche Gleichgewicht in Erdsee ist bedroht – doch nur wenige spüren die immer größer werdende Gefahr. Einen von ihnen ist der Erzmagier Sperber, der sich aufmacht, die Ursache für das drohende Unheil zu ergründen. Dabei trifft er auf den jungen Prinz Arren, der ziellos in der Wüste umherstreift – und rettet ihn vor einem Rudel Wölfe. Was Sperber jedoch nicht weiss ist, dass Arren zuvor seinen Vater umgebracht hat – warum, das kann er offenbar selbst nicht genau sagen. Es scheint, als habe eine seltsame dunkle Macht von ihm Besitz ergriffen, die ihn von nun an auch weiter verfolgt. So schließt er sich dem Erzmagier an, und gemeinsam reisen sie in die nächste große Stadt. Auch hier machen sich die ersten Auswirkungen der dunklen Mächte bereits bemerkbar. Bald schon führt die Spur zu einer skrupellosen Bande von Sklavenhändlern, die auch Prinz Arren entführen. Wie sich herausstellt ist deren Oberhaupt eine mächtige Hexe namens Cob – eine alte Bekannte von Erzmagier Sperber, doch keine freundlich gesinnte. Doch nunmehr wird klar, dass sie es ist die die dunklen Fäden in der Hand hält und schreckliches vorhat – und selbst der mächtige Sperber ihr im Alleingang nicht gewachsen ist. Mit Hilfe von Arren und seinem seltsamen Schwert könnte es ihm aber möglich sein, die dunklen Mächte zu besiegen… der wird allerdings von Cob manipuliert und befindet sich somit ebenfalls auf der Seite der Feinde. Wer kann ihnen nun noch helfen ?

Kritik: In den oben angegebenen Filmdetails handelt es sich um keine Namensverwechslung – Altmeister Hayao Miyazaki gab für Die Chroniken Von Erdsee das Regie-Zepter interessanterweise an seinen eigenen Song Goro weiter. Damit bleibt es also innerhalb der Familie, die scheinbar ein Händchen für das fantasievolle Erzählen von märchenhaften Stoffen besitzt. Und, Goro hat offenbar eine Menge von seinem Vater lernen können – man merkt einfach sofort, dass es sich bei Die Chroniken Von Erdsee um einen „echten“ Miyazaki handelt. Aber dennoch, gewisse Unterschiede lassen sich ebenfalls nicht verhehlen. Die Geschichte ist zwar ähnlich episch angelegt und vielschichtig strukturiert wie frühere Miyazaki-Werke, und platziert sich damit schon fast automatisch über dem Niveau vieler Durchschnittsanimes aus anderen Produktionsstudios. Aber dennoch reicht die inhaltliche Qualität nicht an das hohe, von Ghibli gewohnte Niveau heran – besonders nicht nach den Meisterwerken, die uns das Studio in den letzten zwei Jahrzehnten bescherte – aufgrund des Genres böte sich hier besonders der Vergleich zum Kultklassiker Prinzessin Mononoke (10/10) an. Nachdem das Studio mit Chihiros Reise Ins Zauberland (9/10) den wohl bisher besten Ghibli nach der Jahrtausendwende abgeliefert hat, konnte bereits Das Wandelnde Schloss (8.5/10) qualitativ nicht mehr wirklich mithalten – zwar durchaus von den technischen Aspekten her, aber nicht mehr von der Geschichte und der Erzählweise. Und die gestaltet sich auch bei Die Chroniken Von Erdsee als echtes Problem – leider noch weitaus deutlicher und unübersehbarer.

Man muss wissen, dass Die Chroniken von Erdsee auf einer bekannten Buchreihe der Autorin Ursula K. Le Guin basiert, die offenbar nicht „jeden“ an die Verfilmung des fantastischen Stoffes heranlassen wollte – und sich deshalb dem weltberühmten japanischen Animationsstudio Ghibli zuwandte. Wie es so häufig der Fall bei Buch-zu-Film-Umsetzungen ist, erreicht der Film jedoch zu keinem Zeitpunkt eine wirklich nennenswerte filmische Intensität und erzählerische Dichte. Sicher ist es kein Geheimnis, dass die zugrundeliegenden Bücher weitaus ausführlicher sind (nicht nur in diesem Fall), als dass man jemals alle Inhalte in einen Film transportieren könnte – deshalb ist es Gang und Gebe, Dinge zu vereinfachen, wegzulassen oder generell den Fokus ein wenig zu verschieben. Und genau das ist auch hier geschehen – nur leider in einem eher bedauerlichen Maße. So impliziert bereits der Titel und die Eröffnungsszene (in der zwei riesige Drachen erscheinen), dass es sich bei Die Chroniken Von Erdsee um ein wahrhaftes Epos handeln müsste, welches in einer zeitlos-fantasievollen Welt angesiedelt ist. Im Film selbst sieht man davon jedoch nur wenig: der Fokus wurde eindeutig weg von riesigen, unbekannten Welten voller Leben und Konflikte hin zu einigen wenigen Charakteren und deren Zwist untereinander bewegt. So kommt es, dass es eigentlich keine Rolle spielt, wo und wann genau die Handlung spielt – und man sich als Zuschauer in Anbetracht der Drachen aus der Eröffnungsszene nur wundern kann. Schließlich müsste man annehmen, dass die Drachen eine größere Bedeutung für die Handlung haben – was sie in den Büchern auch haben, aber eben nicht im Film. Das ist schade und lässt vermuten, dass die Anfangssequenz nur als „Lockmittel“ dient.

Zwar tauchen sie gegen Ende des Films noch einmal auf, wo sie keine unerhebliche Rolle spielen – die Zusammenhänge kann man ohne weiteres Vorwissen allerdings nicht erfassen. Es wird sich also hauptsächlich auf das Porträt der wichtigsten Charaktere beschränkt: da wäre der junge Prinz Arren, mitunter der interessanteste und vielschichtigste Protagonist des Films. Denn schließlich hat der seinen Vater ermordet, und flüchtet seitdem vor so etwas wie seinem eigenen Schatten… hier gibt es reichlich Potential für die Darstellung von psychologischen Konflikten; der verführerischen Kraft des Bösen und die zu entdeckende Kraft des „wirklichen Ichs“ – was in Bezug auf diesen Charakter auch beinahe ausreichend ausgeschöpft wird. Und auch die Kraft der Liebe und Anerkennung soll eine Rolle spielen; ebenso die Entwicklung eines von Furcht und Leid geplagten Teenagers zu einem wahren Helden. So könnte man fast meinen, der Film müsse eigentlich Prinz Arren heissen, und nicht Die Chroniken Von Erdsee – ein Eindruck, der sich im Verlauf des Films immer mehr bestätigt. Zwei weitere überaus wichtige Charaktere sind der Erzmagier Sperber und die dem bösen verfallene Hexe Cob – die sich seit langer Zeit verfeindet gegenüberstehen. Man kann also schon erahnen, dass es irgendwann zu einer finalen Konfrontation kommen müsste – doch auch hier gilt: wirklich viel kann man anhand des Films nicht über diese beiden Charaktere erfahren, ihre Motivation wird kaum ersichtlich; um wenn es wirklich ernst wird ist es doch wieder Prinz Arren, der die Handlung vorantreibt. Ebenfalls nicht unwichtig ist die Dame, die in einem Landhaus wohnt und ein junges, als Hexe bezichtigtes Mädchen bei sich aufgenommen hat. Immerhin erfährt man als Zuschauer ein wenig über die jeweilige Historie der beiden, und gerade das Mädchen soll im späteren Verlauf eine überaus zentrale Rolle einnehmen. Die Beziehung der 4 befindet sich dabei in einem  steten Wandel, und ist durch den Einfluss der Hexe weiteren „Versuchungen“ ausgesetzt, die es zu überwinden gilt.

Dies sind die klaren Stärken des Films: das Porträt von einigen wenigen Charakteren, die allesamt keine sorgenfreie Vergangenheit mitbringen und sich dennoch – und um des Lebens willen – auf ihre Stärken besinnen müssen, ihre Kraft; die jedoch nicht in den Armen steckt. Stichwort um des Lebens willen: dem Buch liegt offensichtlich eine tiefere Philosophie zugrunde, die im Film jedoch nur angekratzt wird. So werden potentiell interessante Aspekte wie die Bedeutung des „wahren Namens“ oder die Entwicklung des ominösen „Gleichgewichts“ nur allzu beiläufig erwähnt – zum Beispiel, wenn Sperber kurz einen Moment darüber sinniert. Hier offenbart sich zugleich das mitunter größte Problem des Films – denn als Zuschauer spürt man diesen leicht verschobenen Fokus, der den Wunsch nach „mehr“ zweifelsohne aufkommen lässt. Das wäre vielleicht nicht so gravierend, wenn es sich um einen deutlich „kompakteren“ Film gehandelt hätte – doch Die Chroniken Von Erdsee wartet mit einer durchaus ansehnlichen Spielzeit von beinahe zwei Stunden auf. Die Zeit die nötig gewesen wäre um mehr interessante Aspekte, wie die philosophischen oder zumindest im Filmsinne historischen Elemente zu behandeln, wäre also definitiv vorhanden gewesen. Doch stattdessen bist Goro Miyazaki sichtlich um eine möglichst ruhige Gesamtwirkung bemüht – besonders zu Anfang zieht sich der Film eher schleppend bis zu den ersten wichtigen Momenten, und später wird der Fokus immer mal wieder auf eigentlich unwichtige Dinge gelegt; was dem Ganzen zusätzlich Tempo raubt. Auch eine (grundsätzlich schöne) Gesangsszene wird deutlich in die Länge gezogen, und dass, obwohl sie ohnehin leicht kontextlos wirkt und eindeutig besser an das Ende des Films gepasst hätte.

Fazit: Die Chroniken von Erdsee ist zweifelsohne keiner der stärkeren Ghibli-Filme. Goro Miyazaki gibt sich zwar sichtlich Mühe, doch der eher schlecht als recht ausgerichtete Erzählfokus kann das Filmerlebnis doch erheblich trüben. Eine epische Chronik über ein fernes Land voller Magie, Fabelwesen, Bösewichtern und Helden (die sich selbst erst noch erkennen müssen) ist der Film leider nicht geworden – obwohl aufgrund der Buchvorlage definitiv das Zeug dazu gehabt hätte und auch die Spielzeit dementsprechend angemessen wäre. Eine tragende Hintergrundgeschichte wird kaum erzählt, höchst interessant anmutende Aspekte werden nur beiläufig erwähnt und sind dementsprechend schnell abgehandelt. Besonders ärgerlich ist dabei, dass als Ersatz wahlweise deutlich zu ruhige, oder auch mal sehr actionreich-brutale Szenen dienen. Im Gegensatz zu Werken wie Chihiros Reise… wird man aufgrund dessen auch weniger in eine fantastische, in sich stimmige Welt entführt; sondern wird hauptsächlich mit den wichtigsten Hauptcharateren konfrontiert – deren Porträts allerdings auch einige markante Lücken und Merkwürdigkeiten aufweisen. Auch die technischen Aspekte können nicht mehr mit dem zuletzt durch Das Wandelnde Schloss aktualisierten Ghibli-Niveau mithalten – sowohl die Optik als auch der Soundtrack wirken nun stark minimalistisch; gestalterische Highlights wie wunderschön verträumte Hintergründe oder die Drachen bilden die wenigen Ausnahmen. Das ärgerlichste bleibt nach wie vor das Fehlen der „episch-zeitlosen“ elemente, die man in Anbetracht des Titels einfach vermuten musste. Eine kleine Enttäuschung… aber immerhin eine typisch wertvolle (hier stark vereinfachte) Ghibli-Moral.

Filmkritik: „Das Wandelnde Schloss“ (2004, Studio Ghibli #14)

Originaltitel: Hauru No Ugoku Shiro
Regie: Hayao Miyazaki (Studio Ghibli)
Mit: Chieko Baisho – Takuya Kimura
Laufzeit: 117 Minuten
Land: Japan
Genre: Animationsfilm

Inhalt: Sophie ist eine junge Hutmacherin, die in die Fußstapfen ihres verstorbenen Vaters treten möchte. Doch es scheint, als hat sie weder von der Stadt in der sie lebt, noch von der großen Welt dort draussen viel gesehen – eine ihrer Schwestern hält sie dazu an, doch auch mal etwas mehr – und auch aus sich selbst – herauszugehen. Doch viel lieber bastelt Sophie auch noch nach Ladenschluss an den liebevollen Hutkreationen, wobei sie sichtlich Trost empfindet. Doch eines Tages erlebt zu urplötzlich gleich 2 Abenteuer auf einen Schlag – von denen das eine sicherlich angenehmer für sie ist als das andere. Zuerst begegnet sie einem charmanten jungen Mann, der sich später als Zauberkünstler Haoru herausstellt – sie spürt ihr Herz pochen, ob nun vor Aufregung oder aufgrund der ersten Anzeichen von Verliebtheit… doch noch in der gleichen Nacht erhält sie in ihrem Hutladen seltsamen Besuch. Es handelt sich um eine bösartige Hexe, die Sophie mit einem schrecklichen Fluch belegt: fortan muss sie in der Gestalt einer etwa 90-jährigen Dame leben. Beschämt von ihrem Äusseren, und ihrer nun eingeschränkten Bewegungsfreiheit, macht sich Sophie auf den Weg, ihre Heimatstadt zu verlassen. Doch wohin ? Auch sie scheint kein genaues Ziel zu haben. Bald darauf trifft sie jedoch auf eine ganz spezielle Vogelscheuche, die sie liebevoll „Rübe“ tauft – dieses seltsame Wesen ist von an ihr Begleiter. Doch es bleibt nicht nur bei der einen neuen Bekanntschaft… denn auf einmal schwebt das sagenumwobende Wandelnde Schloss über ihr, und sie erhält prompt Zutritt.

Fazit: Nach dem eher auf ein jüngeres Publikum zugeschnittenen Das Königreich Der Katzen sollte mit Das Wandelnde Schloss wieder einer der typisch epischen, generationsübergreifenden (Märchen-)Filme aus dem Hause Ghibli folgen – wobei dieser Film keinesfalls mit dem ähnlich klingenden Ghibli-Titel von 1986, Das Schloss Im Himmel, zu verwechseln ist. Auch wenn beide Filme durchaus einem jeweils speziellen Schloss eine erhebliche Bedeutung zuweisen – im aktuellen Fall geschieht dies eher zweitrangig. Hier sind es ganz klar die Charaktere, denen das Höchstmaß an Aufmerksamkeit geschenkt wird – angefangen bei der Schlüsselfigur der Geschichte, der jungen Sophie; über die unterschiedlichen Dämonen-Wesen, bis hin zum Zauberer und „Eigentümer“ des Wandelnden Schlosses, Hauro. Zu keinem Zeitpunkt hat man das Gefühl, als würden diese Charaktere zu kurz kommen – man erhält als Zuschauer einen guten und spannend inszenierten Einblick in das jeweilige Gefühlsleben von Sophie und Hauro – und, man wird es schon vermuten – auch in Bezug auf ihre spätere, sich langsam entwickelnde Zweisamkeit. Diese spielt zwar schon im Mittelteil des Films eine nicht unerhebliche Bedeutung, doch sind es hier vor allem die Ghibli-typischen, groß angelegten Themen wie Politik, Krieg und Gesellschaft; die dominieren. Richtig – auch dieses Mal findet die grundsätzlich emotionale Story vor dem Hintergrund eines politischen Wirrwarrs aus Krieg, Tod; und vor allem dem Leiden der Zivilbevölkerung statt.

Als Gegenpol hat man jedoch nicht nur die durch-und-durch ehrliche, treue Sophie geschaffen – dieses Mal finden sich durch charmante Nebencharaktere wie den Feuerdämon Calzifer oder den Jungen Markl zusätzliche Identifikationsmöglichkeiten; und Garanten für ein großes Maß an Lockerheit. Gerade Calzifer bekommt genau die Zeit und Aufmerksamkeit im Sinne des Films, dass er zu einem echten Publikumsliebling avanciert ist – und, wie sich später herausstellt; gibt es neben der allgemeinen Quengelei seinerseits (Auflockerung des Films) und der Tatsache, dass er das Schloss antreibt (inhaltlicher Kontext) noch eine weitere, höchst bedeutsame Verbindung zwischen ihm und Hauro (die historisch-emotionale Ebene). Das ist ein absolut rundes Porträt das keine wünsche offen lässt – dass es so etwas wie Dämonen in den Welten von Ghibli gibt, muss eben nicht erst erklärt oder gerechtfertigt werden. Umso bedauerlicher ist es da, dass der Waisenjunge Markel (neben Sophie der einzige durch und durch menschliche Protagonist ohne spezielle Fähigkeiten); so wenig Aufmerksamkeit zugesprochen bekommt. Zu keinem Zeitpunkt wird ein deutlicheres Wort über seine Herkunft oder die Geschichte, wie er zu Haoru fand, verloren. Daher kann man auch seine Motivation bei Haoru zu bleiben nur erahnen – wahrscheinlich hat er sonst niemanden (darauf deutet auch hin, dass er sich so sehr zu Sophie hingezogen fühlt). Auch andere, eigentlich wichtige Charaktere werden beinahe nur beiläufig erwähnt, wie die Zauberin Suliman – es reicht gerade noch um zu verstehen, warum sie und Haoru sich nicht freundlich gesinnt sind. Und dass da so etwas wie ein Jahrhundertkrieg im Hintergrund tobt, danach braucht man schon gar nicht zu fragen: worum es hierbei geht, darauf wird keinerlei Bezug genommen.

Immerhin bekommen Haoru und Sophie die nötige Aufmerksamkeit – hier bleiben grundsätzlich keine Fragen offen. Vielmehr muss man Altmeister Miyazaki zugestehen, dass er es abermals geschafft hat, eine fantasievolle (Märchen-)Welt mit Leben zu füllen – eben hauptsächlich durch das entsprechend „lebendige“ Porträt dieser beiden Hauptcharaktere. Denn wenngleich die anderen (Nebencharaktere, die Hexe, die Zivilbevölkerung) im Sinne des Films eher kurz kommen, manifestiert sich schließlich in diesen beiden die große, episch angelegte Bandbreite an Gefühlen. Und die reicht wieder einmal von abgrundtiefem Hass bis hin zur unverfälschten Liebe – mit allen erdenklichen Höhen und Tiefen; mit Momenten der puren Verzweifelung und kostbaren Momenten des Glücks. Eindeutig handelt es sich hier um zwei sehr eindringliche, zeitlose Porträts, die man so schnell nicht vergessen wird – und, die selbst im direkten Ghibli-Vergleich als die bisher lebendigsten, authentischsten überhaupt bezeichnet werden können. Und auch die jeweiligen Aussagen, unter anderem auch die Zentrale, sind in höchstem Maße wertvoll. Zwar soll sie an dieser Stelle nicht verraten werden, doch wenn man Ghibli-Werke wie Nausicaä Aus Dem Tal Der Winde oder Prinzessin Mononoke kennt und schätzt, dann wird man schon vermuten können dass es sich auch in Das Wandelnde Schloss (unter anderem) um das sich-selbst-erkennen und akzeptieren geht. Besonders deutlich wird dies versinnbildlicht durch den Fluch, der auf Sophie lastet – man kann erahnen, was die Hexe damit bezweckte. Doch es kommt nicht so wie vielleicht erwartet… Sophie bleibt sich selbst treu und macht das Beste aus ihrer Situation. Und eben dies führt mitunter auch dazu, dass eine junge Liebe – trotz des äußerlichen Altersunterschiedes (der ja nicht unerheblich ist), gedeihen kann. Aber auch die eigentlich „böse“ Hexe wird man später liebgewinnen, denn wie immer gilt: nicht jeder, der nach Bösartigkeit aussieht, ist es auch.

Auch der technich-zeichnerische Part fällt wie zu erwarten war in höchstem Maße zufriedenstellend aus. Sicher, das Studio Ghibli setzt seit jeher auf traditionelle Arbeitsweisen und den typischen, unverwechselbaren Look – doch vorsichtig könnte man sagen, dass Das Wandelnde Schloss sich doch ein wenig von den früheren Produktionen abhebt. Aber nur sehr dezent – das Studio scheint das schier unmögliche zu Schaffen, indem es die altbewährten Elemente nicht durch schreckliche moderne Komponente aufwertet (teure CGI-Effekte beispielsweise), sondern durch immer kräftigere Farben, noch schönere Hintergründe und noch mehr Detailverliebtheit. Dass das so unglaublich ist, wird man feststellen wenn man sich die früheren (oder sogar ersten) Werke des Studios ansieht – denn die wirkten schon absolut zeitlos und technisch perfekt. So setzt Das Wandelnde Schloss nach Chihiros Reise Ins Zauberland dem Ganzen abermals die Krone auf, und sorgt für das ein oder andere optische Highlight und eine generell sehr ansprechende Szenengestaltung. Sei es das in-sich-verschachtelte Schloss, die wunderbaren Landschaften mit saftig-grünen Wiesen und blauen Ozeanen, die markanten Charaktere oder die schon mehr in Richtung Fantasy gehenden Darstellungen der Dämonen, Verwandlungen und Flugszenen. Und auch die von Miyazaki so geliebten Luftschiffe gibt es zu sehen: diesmal in Form von riesigen Schlachtkreuzern und kleineren, libellenartigen Flugmaschinen. Der Soundtrack weiss mehr als nur zu gefallen; gerade in den emotionaleren Momenten untermalt er die jeweiligen Stimmungen stets adäquat ohne jemals zu aufdringlich oder gar unpassend zu wirken.

Fazit: Das Wandelnde Schloss wandelt reichlich knapp an der Wertungsobergrenze vorbei, stürzt daraufhin kurz und krallt sich dann doch noch im höheren Bereich fest. Die Geschichte ist ähnlich fantasievoll, märchenhaft und zeitlos wie in früheren Ghibli-Werken, die Charaktere sind interessant; neben eher melancholischen Momenten gibt es auch reichlich Action – im Grunde ein Volltreffer (wie Prinzessin Mononoke, 10/10) möchte man meinen. Doch hier gilt leider: nur fast… den dem Film liegen einige negative Aspekte zugrunde, während man nach solchen bei früheren Werken oft vergeblich suchte. Zum einen ist es die Enttäuschung, dass ein Nebencharakter wie Markl zwar reichlich Sympathiepunkte einbringt; auf seine Geschichte aber keinen Bezug genommen wird. Dies ist vielleicht noch zu verschmerzen, zumal dies nicht jeder so empfinden wird – gravierender wird es aber schon in Anbetracht der politischen Szenerie und dem Kriegshintergrund: wirklich nachvollziehen kann man die Ereignisse nie, und gerade gegen Ende scheint sich der Film leicht in seinen eigens gesponnen Fäden zu verheddern. Da prasselt auf einmal viel zu viel auf den Zuschauer ein, ohne dass das Ganze den sonst eigentlich sichtbaren roten Faden erkennen lässt. Und, zu guter letzt hätte man da noch das Ende… über das sich eigentlich nicht streiten lässt. Es ist ohne Zweifel keines der gelungensten. Zusammen mit den zahlreichen positiven Aspekten bleibt zu sagen: ein rührender, märchenhafter Film für jung und alt; der zutiefst menschlich ist. Aber zweifelsohne nicht der beste Ghibli !

Filmkritik: „Das Königreich Der Katzen“ (2002, Studio Ghibli #13)

Originaltitel: Neko No Ongaeshi
Regie: Hiroyuki Morita (Studio Ghibli)
Mit: Chizuru Ikewaki – Yoshihiko Hakamada
Laufzeit: 75 Minuten
Land: USA / Japan
Genre: Animationsfilm

Inhalt: Haru ist 17 und führt ein relativ gewöhnliches Teenager-Leben. Ihre persönlichen Merkmale zeichnen sich erstmal dadurch aus, dass sie einerseits ein absoluter Morgenmuffel ist – und andererseits ein klein wenig ungeschickt zu sein scheint. Nicht die besten Voraussetzungen also, um ihre große Liebe, einen Jungen aus einer anderen Klasse, zu erobern… ausserdem ist der schon in festen Händen, was es nicht gerade leichter macht. So zieht Haru meistens mit einer ihrer besten Freundinnen durch die Stadt. Eines Tages rettet sie dabei eine Katze, die eine Art Päckchen in ihrem Maul trägt, vor einem nahenden Lastwagen. Dann passiert zu Haru’s Verwunderung etwas schier unglaubliches: die Katze stellt sich auf ihre Hinterbeine und beginnt mit ihr zu sprechen. Bevor Haru realisiert, was eigentlich los ist, ist die Katze auch schon wieder verschwunden – doch es bleibt nicht bei dieser einen merkwürdigen Begegnung. In der darauffolgenden Nacht erhält Haru unverhofft hohen Besuch… der König der Katzen zieht mit seinem riesigen Zug aus Dienern und Anhängern durch die Straßen, nur um Haru für die Rettung der Katze zu danken. Wie sich herausstellt, handelte es sich nämlich um den Prinzen des Katzen-Königreichs, dementsprechend groß ist Freude und die Dankbarkeit in Anbetracht der Rettung. Offenbar so groß, dass selbst Haru langsam wackelige Knie bekommt… sie soll als Belohnung den Prinzen zum Ehegatten nehmen, und später mit ihm gemeinsam über das Königreich herrschen… und das als Mensch !

Kritik: Studio Ghibli, die zwölfte… in der Tat sieht man mit Das Königreich Der Katzen eines der neueren Werke des japanischen Animationsstudios, welches auf einer früheren, hauseigenen Produktion aufbaut – dem 1995’er Anime-Werk Stimme Des Herzens. Jedoch ist kein Vorwissen nötig, um in den Genuss des märchenhaften Katzen-Spaßes zu kommen – lediglich eine der Hauptfiguren, der sogenannte „Baron“ nämlich, wurde damals als mysteriöse Katzenfigur erstmals gezeigt. Aber auch die Geschichte baut leicht auf dem „Vorgänger“ auf: in Stimme Des Herzens ging es um ein kleines Mädchen, welches ihre Fantasie und Vorstellungskraft nutzte, um ein Märchenbuch zu schreiben. Und so schließt sich der Kreis, denn in Das Königreich Der Katzen wird direkt auf dieses Mädchen Bezug genommen, indem gesagt wird, dass ihre Imaginationskraft so groß war, dass aus ihren Gedanken tatsächlich eine „neue“ Welt entstanden ist. Die liegt allerdings nicht direkt in unserer, sondern in einer Art Paralleldimension… in die Haru selbstverständlich im Verlauf des Films reist; beziehungsweise eher: reisen muss. Schließlich wird sie gezwungen, eine Ehe mit einem Katzenprinzen einzugehen, und daher von einer Meute Katzen in das sagenhafte Königreich entführt… welches sie in seiner Schönheit durchaus beeindruckt. Und alsbald wird deutlich: Das Königreich Der Katzen kommt wie eine bunte Mischung aus verschiedenen Märchen und Erzählungen daher, und beinhaltet dementsprechend allerlei bekannte Aspekte – aber auch einige neue.

Nach einigen eher grenzwertigen Genre- und Zielgruppenzuordnungen kann man im Fall von Das Königreich Der Katzen nun auch wieder von einem uneingeschränkt empfehlenswerten Anime für Kinder (und die ganze Familie) sprechen – explizite Gewaltszenen gibt es keine (als Gegenbeispiel Prinzessin Mononoke), die Aufmachung und der Inhalt wird auch jüngeren nicht als zu eintönig oder langweilige erscheien (als Gegenbeispiel Tränen Der Erinnerung), und die Geschichte wirkt durch den Märchen-Charakter expliziter auch eine deutlich jüngere Zielgruppe zugeschnitten (als Gegenbeispiel Porco Rosso). Diese Tatsache mag je nach Alter unterschiedlich bewertet werden – sicher, Erwachsene werden vergeblich nach ähnlichen episch-abenteurlichen und universellen Szenerien wie in Das Schloss im Himmel oder Prinzessin Mononoke suchen. Das Königreich Der Katzen ist also definitiv einer der weniger komplexen, weniger tiefsinnigen, weniger anspruchsvollen Werke aus dem Hause Ghibli. Aber genau das war (in diesem Fall) ja auch beabsichtigt. Die jüngeren Zuschauer (hierzulande offiziell ab 6) werden sich dementsprechend bedanken, und auch jung gebliebene Erwachsene werden sich ob der schick inszenierten Katzenwelt in eben selbige „entführen“ lassen. Wenn man sich dabei noch zusätzlich als Katzenliebhaber bezeichnen lassen kann, dann ist der Film wohl die erstbeste Wahl aus dem Anime-Bereich. Denn neben den menschlichen Aspekten (das Porträt eines Teenagers) bekommen natürlich auch die Katzen ihre entsprechende Zeit auf der Leinwand.

Ganz besonders auffallend sind – wie grundsätzlich immer bei Werken aus dem Hause Ghibli – wieder einmal die technischen Aspekte, vor allem die Optik. Die Farben wirken wunderbar bunt und klar, die Charaktere sind nett gezeichnet und insgesamt gut animiert, die Vermischung der Realität und des fantastischen Katzen-Reichs gelingt fabelhaft. Und auch der Soundtrack weiss diesen Eindruck zu untermalen. Und noch etwas fällt auf: der Film ist nicht nur locker-leicht inzeniert, sondern stellenweise auch richtig witzig. Noch witziger als etwa Meine Nachbarn Die Yamadas (ebenfalls von Ghibli), welcher allerdings eine explizite Anime-Komödie war. Den beinahe einzigen Negativaspekt kann man vielleicht schon erahnen, wenn man auf die relativ kurze Spielzeit schaut: viel Zeit für die Charaktervorstellung und – Entwicklung hat man sich nicht genommen. Dies ist besonders im Falle des „Barons“ schade: denn wenn man schon auf eine beliebte Figur aus einem früheren Anime zurückgreift, so sollte man doch wenigstens erwarten können, dass man mehr Informationen über den Charakter und seine Hintergründe erfährt – doch das ist leider nicht wirklich der Fall. Stattdessen verhält sich gerade der ehrenwerte Katzenbaron relativ steif und ernst, was in einem sehr einseitigen Porträt resultiert. Für die nötige Auflockerung sorgen dann eben die anderen Charaktere, vor allem der etwas dickliche Kater und sein freundschaftlicher Widersacher, eine Krähe. Auch die sonst so wichtige Moral der Geschichte wird leicht schwammig porträtiert: zwar geht es um die Aussage, dass man sich so akzeptieren muss wie man ist; und sein „ich“ eben niemals vergessen oder verleugnen darf (sinnbildlich dazu die Verwandlung Haru’s in eine Katze) – doch am Ende passiert dann doch alles recht schnell, und die Auswirkungen dieser „Feststellung“ von Haru auf die Realität wird nicht ganz so deutlich wie vielleicht beabsichtigt.

Fazit: Leicht zugängliche Anime-Unterhaltung für Jedermann – Das Königreich Der Katzen zählt sicher nicht zu den besten und zeitlosesten Ghibli-Werken. Aber dennoch wurde das Klassenziel erreicht, nämlich eine ganze Familie für 75 märchenhafte Minuten vor den Bildschirm zu fesseln, ohne dass dabei jemals ein Gefühl der Langatmigkeit aufkommt. Stattdessen kann man in diesem Anime zahlreiche (teils beleibte und etablierte, teils neue) Aspekte aus dem Märchen-Genre entdecken, die für ein Höchstmaß an Unterhaltung sorgen. Und selbst der „böse“ König und die erzwungene Heirat werden absolut kindgerecht porträtiert, sodass definitiv für den ein oder anderen Schmunzler (unabhängig vom Alter) gesorgt ist. Ein solider, kurzer Anime für den Filmspaß zwischendurch – aber natürlich kein unantastbares, nachhaltig beeindruckendes Meisterwerk wie Nausicaä, Die Letzten Glühwürmchen oder Prinzessin Mononoke. Aber die sind eben auch nur höchst bedingt für jüngere Zuschauer geeignet…