TV-Kritik / Serien-Review: STRANGER THINGS Staffel 2 (2017)

Originaltitel: Stranger Things
Typ: VOD-Serie
Umfang / Laufzeit: 9 Folgen (Länge je ca. 41-54 Minuten)
Land: USA
Idee: Matt Duffer, Ross Duffer
Genre: Science Fiction / Drama / Abenteuer
Tags: 80er Jahre | USA | Retro | Mystery | Übernatürlich

Es geht immer noch ein bisschen STRANGER.

Inhalt: Nach den teils verstörenden Ereignissen der ersten Staffel von STRANGER THINGS ist mittlerweile ein Jahr in der fiktiven US-Amerikanischen Kleinstadt Hawkins vergangen. Die meisten Bewohner sind wieder zur Ruhe gekommen und gehen ihrem Alltagsgeschäft nach – wie auch die Kinder, die seit ihrer Rettung durch die mysteriöse Eleven nichts mehr von ihrer neuen Freundin gehört haben. Besonders Mike macht das schwer zu schaffen – wobei er die Hoffnung Eleven irgendwann doch noch einmal wiederzusehen, zu keinem Zeitpunkt aufgibt. Derweil macht sich aber ein ganz anderes Problem bemerkbar, denn: der zuvor aus einer Art dunkler Parallelwelt gerettete Will scheint doch mehr mit seinem Erlebnis zu kämpfen zu haben als erwartet. Und auch das Labor, welches für die meisten der ungewollten Geschehnisse verantwortlich zeichnet; steht noch immer – wenn auch unter einer anderen Führung. Trotz der erheblichen Warnsignale scheinen sie nichts gegen eine Fortführung diverser Forschungen und Experimente einzuwenden zu haben – wobei sich insbesondere ein zuvor geöffnetes Dimensions-Tor als äußerst problematisch erweisen könnte… schließlich scheint es noch zu wachsen.

Kritik: Achtung, Spoiler ! Vielen ist sie sicher noch in guter Erinnerung – die erste Staffel von STRANGER THINGS, einer eigens für den VOD-Anbieter Netflix produzierten Mystery-Serie um allerlei seltsame Geschehnisse in einer US-Amerikanischen Kleinstadt. Zumindest sollte sie das – denn immerhin haben es die eigentlichen Ideengeber in Gestalt der Zwillingsbrüder Matt und Ross Duffer tatsächlich geschafft, ein ebenso erfrischendes wie gleichzeitig auch traditionelles und mit vielen Querverweisen ausgestattetes  Serien-Highlight auf die Beine zu stellen (siehe Rezension). Eines, mit dem so niemand wirklich gerechnet hätte – und eines, dessen Beliebtheit und Erfolg vergleichsweise rasant in die Höhe schnellten. So gesehen wäre es zumindest aus kommerzieller Sicht ein riesengroßer Fehler gewesen, hätte man die Serie schon nach der ersten Staffel beendet. Sicher, ganz grundsätzlich wäre auch das denkbar gewesen – womit STRANGER THINGS noch immer eine enorm qualitative Ausnahme-Serie geblieben wäre. Eine, die den Zuschauer dann zwar mit einigen offen Fragen zurückgelassen hätte – doch die immerhin nicht der Gefahr ausgesetzt gewesen wäre, im weiteren Staffelverlauf ihre geradezu magische Ausstrahlung zu verlieren oder sich anderweitig zu verhaspeln.

Doch wie man schon seit Ende August 2016 weiß, sollte alles ganz anders kommen. Und das klar zugunsten der Duffer-Brüder, die für beide Fälle gewappnet waren und nach der erneuten Bestellung von Netflix direkt wieder mit der Arbeit beginnen konnten. Und so macht STRANGER THINGS 2 (fast) genau da weiter, wo die erste Staffel aufgehört hatte. Fast deshalb, da im Handlungsuniversum der Serie zwischenzeitlich ein ganzes Jahr vergangen ist – und das große Staffelfinale bereits einige Zeit zurückliegt. Entsprechend ruhig lässt es STRANGER THINGS 2 auch in seiner Auftaktphase angehen: die Verhältnisse erscheinen mittlerweile wieder geordnet, man ist zur Ruhe gekommen – und eine neue Bedrohung scheint vorerst nicht in Sicht. Im weiteren Verlauf aber zeigt sich, dass das ein großer Irrtum ist – womit es alsbald auch wieder aufkommt, das gute alte STRANGER THINGS-Gefühl. Die Duffer-Brüder schaffen es folglich auch dieses Mal, mit ihrer ungewöhnlichen Mixtur aus einer rückblickenden Erzählung inklusive zahlreicher Gimmicks für Kinder der 80er Jahre, einer tief in der Sci-Fi-Kiste grabenden Grundidee um Paralleldimensionen und Menschen mit aussergewöhnlichen Fähigkeiten sowie dem Charme einer Vorstadt-Serie mit recht familiär agierenden Charakteren zu punkten – und dabei sowohl ein mehr als nur ordentliches Maß an Spannung als auch eine beachtliche Emotionalität an den Tag zu legen.

Das gilt insbesondere für das Ende der zweiten Staffel, also recht genau die Episoden 8 und 9 – in denen die Serie noch einmal einiges an Fahrt zulegt und an Intensität gewinnt. Gleichzeitig, und das war schon eine der Besonderheiten an Staffel 1; wurde die Serie erneut mit einem einerseits abgeschlossenen, andererseits dann aber irgendwie doch reichlich offenen Ende versehen. Ein Ende, welches die Serie schon wieder endgültig abschließen könnte – was zwar nicht so kommen wird, sich aber dennoch angenehm anfühlt. Erst recht natürlich im Vergleich zu diversen anderen Serien, die sich mit dem ein oder anderen fiesen Cliffhanger von Staffel zu Staffel hangeln – der dann im schlimmsten Fall auch noch unglücklich aufgelöst wird. Bei STRANGER THINGS jedoch hat man das Gefühl von jeweils in sich abgeschlossenen Staffeln, die einem so gesehen auch die Möglichkeit eines zwischenzeitlichen Ausstiegs geben. Zwar wird die kaum jemand wahrnahmen – doch es ist lobenswert dass einem die Freiheit dazu gelassen wird – im übertragenen Sinne versteht sich. Ebenfalls hochzuhalten sind natürlich auch die vielen aus der ersten Staffel übernommen respektive konsequent fortgeführten Vorzüge der Serie – von denen es mehr als eine handvoll gibt.

So macht allein das grandiose Setdesign inklusive der authentischen wirkenden Schauplätze, der Kleidung und natürlich auch einer zeitgemäßer Gadgets einen Heidenspaß. Das kuriose dabei ist, dass es STRANGER THINGS gar nicht mal darauf anlegt möglichst authentisch rüberzukommen, zumindest nicht gefühlt – und es den Machern offenbar recht leicht fällt, sich mit einer gewissen Lockerheit in eben jene Zeit zurückzuversetzen. Dementsprechend hat man auch nicht das Gefühl, man würde hier ein allzu aufgesetztes Setting vor die Nase gesetzt bekommen – man befindet sich schnell und wirklich in STRANGER THINGS, und damit auch der fiktiven Kleinstadt Hawkins mitsamt all ihrer Bewohner. Das großartige Schauspiel aller beteiligten Darsteller, allen voran natürlich den zahlreichen Kinderdarstellern wie Finn Wolfhard oder Millie Bobby Brown; die angenehme Mischung aus atmosphärischen Elementen der Science Fiction und einer gewissen Alltagslockerheit, der charmante Witz, die für eine Serienproduktion höchst gelungenen Special Effects oder der geniale Soundtrack – auch STRANGER THINGS 2 macht eine verdammt gute Figur, erst Recht im Vergleich mit anderen Sci-Fi oder Mysteryserien der Neuzeit.

Und doch gibt es da etwas, was den Genuss der zweiten Staffel dezent zu schmälern weiß. Zumindest theoretisch, und wenn man sich dann doch noch die ein oder andere kritische Frage in Bezug auf eine möglichst weitreichende Form der kommerziellen wie inhaltlichen Ausschlachtung stellt. Sicher ist das eher negativ ausgedrückt, und der Einwurf dass STARNGER THINGS spätestens nach der 4. Staffel enden wird gibt einen zusätzlich entwarnenden Anhaltspunkt – doch gänzlich konnten es die Verantwortlichen nicht vermeiden, dass doch noch die ein oder andere Durststrecke auftritt. Das gilt vornehmlich und so gesehen exklusiv in Bezug auf den Staffel-Auftakt, der es nicht nur dezent verpasst die zuvor eingeführten Charaktere sinngemäß abzuholen (und das trotz oder gerade wegen des vergangenen Jahres) – sondern auch den Zuschauer, der von Staffel 1 eine ganz andere Gangart gewohnt war. Im schlimmsten Fall könnten sich die ersten 2 oder 3 Episoden der zweiten Staffel also leicht befremdlich anfühlen, zumal sie einige der so heiß erwarteten Auserzählungen diverser Umstände markant hinauszögern. Auch zu bemerken ist, dass sich im Gegensatz zu Staffel 1 nicht mehr wirklich alle einzelnen Szenen stimmig anfühlen – was hier insbesondere für die Ereignisse rund um Will gilt, die mit einer recht makaberen Verhör-Szene und einer recht gewöhnungsbedürftigen Darstellung eines Heilungsprozesses etwas unrund wirken.

Etwas unrund, oder aber dezent aus dem Rahmen fallend erscheint in diesem Zusammenhang wohl auch die siebte Episode der Staffel – die ausnahmsweise mal an einem ganz anderen Ort und mit ganz anderen Charakteren stattfindet, wobei sich offenbar auch die Kameraführung und der Soundtrack entsprechend angepasst haben. Ob es sich hierbei um ein ebenso rebellisches wie gelungenes Experiment handelt, oder doch nur um einen fehlgeleiteten Versuch für etwas Abwechslung zu sorgen (und einen der vermutlich weniger interessanten Handlungsstränge zu behandeln) – dass muss ein jeder für sich selbst entscheiden. Gleiches gilt wohl auch für einige der neuen Charaktere – wie etwa Max, ihren Bruder Billy oder den Technik-Freak Bob. Sicher, grundsätzlich ist es spannend einige neue Charaktere auftreten zu sehen – doch sollte man dabei niemals den eigentlichen Fokus aus den Augen verlieren. Schließlich steht fest, dass STRANGER THINGS vor allem dann einen enormen Reiz entwickelt wenn die eher klassischen Figurenkonstellationen präsentiert werden – also vornehmlich die Interaktionen innerhalb der Truppe um Mike und Eleven. Und auf die musste man gerade bei Staffel 2 dann doch etwas warten.

Aber sei es drum – die zweite Staffel von STRANGER THINGS kann und wird nicht dazu führen, dass die Begeisterung an und für die Serie abebbt. Wobei, und dessen waren sich sicher auch die Macher bewusst; es gar nicht erst allzu viele neue Ideen gebraucht hatte – immerhin servierte schon die erste Staffel einige Steilvorlagen, die im Verlauf der zweiten Staffel einfach nur weiterbehandelt oder auserzählt werden müssten. Und spannend ist das allemal. Wirklich, ja wenn nicht gar unendlich spannend wird es aber wohl erst im Hinblick auf die weitere Zukunft des Franchise. Immerhin haben die Duffer-Brüder schon angekündigt, dass eine dritte Staffel folgen soll – und auch eine vierte, wobei diese dann aber die letzte sein soll. Wie genau sich das Ganze entwickeln wird – auch in Anbetracht der alternden (Kinder-)Darsteller – das gilt es nun abzuwarten.

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„Insgesamt etwas schwächer als die erste Staffel – aber noch immer ein höchst atmosphärischer Hingucker.“

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TV-Kritik / Serien-Review: STRANGER THINGS (2016)

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Originaltitel: Stranger Things
Typ: VOD-Serie
Umfang / Laufzeit: 8 Folgen (Länge je ca. 41-54 Minuten)
Land: USA
Idee: Matt Duffer, Ross Duffer
Genre: Science Fiction / Drama / Abenteuer
Tags: 80er Jahre | USA | Retro | Mystery | Übernatürlich

Geschichten aus dem Düsterwald – und noch dunkleren Ecken.

Inhalt: Als ein kleiner Junge in der US-Amerikanischen Kleinstadt Hawkins verschwindet, ist die Panik groß. Während sich die Mutter des Jungen an die örtliche Polizei wendet, machen sich seine drei besten Freunde kurzerhand allein auf die Suche – und finden dabei nicht ihn, sondern ein verstört wirkendes Mädchen mit auffällig kurzgeschorenen Haaren. Dieses stellt sich den verdutzten Freunden als Eleven vor, verfügt allem Anschein nach über außergewöhnliche Fähigkeiten – und scheint überdies zu wissen, wo sich der verschwundene Will befindet. Zunächst jedoch halten die Kinder ihre neue Freundin versteckt – sie glauben nicht daran, dass ihnen irgendjemand glauben würde. Doch es scheint, als würde tatsächlich ein größeres Mysterium hinter Eleven und damit auch Will stecken. So ist Eleven aus einer Forschungseinrichtung geflohen, wo an und mit ihr experimentiert wurde – was ihre paranormalen Fähigkeiten zumindest teilweise erklärt. Im Zuge eines dieser Experimente aber geschah etwas unerwartetes. Eleven traf auf eine offenbar feindselige Kreatur aus einer anderen Dimension,  lockte diese unbeabsichtigt in die tatsächliche Welt – woraufhin sich das Monster den jungen Will schnappte und ihn wiederum in seine Dimension entführte. Mit welchem Ziel bleibt zunächst ungeklärt – aber es scheint auf der Hand zu liegen, dass all das nichts gutes bedeuten würde…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! STRANGER THINGS ist eine exklusiv für den Video-On-Demand-Anbieter Netflix gedrehte Serienproduktion der US-Amerikanischen Brüder Matt und Ross Duffer – und gleichzeitig eine, die man problemlos zu den überraschenderen Serien-Events der letzten Jahre zählen kann. Das besondere ist, dass es zunächst überhaupt nicht danach aussah: die Inhaltsbeschreibung allein vermag es bestenfalls, ein übergeordnetes Interesse zu wecken – und auch der eher unspektakuläre Veröffentlichungsrahmen über die Netflix-Plattform ließ nicht gerade ein potentielles Serien-Highlight des Jahres 2016 erahnen. Fest steht aber, dass STRANGER THINGS außerordentlich schnell eine ansehnliche Fangemeinde um sich scharen konnte, auch aktuell immer wieder mit positiven Kritiken geadelt wird – und möglicherweise gar nicht erst zu Unrecht in aller Munde ist.

Und tatsächlich: schon die erste Episode von STRANGER THINGS scheint diese absichtlich noch vorsichtig formulierte Feststellung mit einer überraschenden Vehemenz zu untermauern. So könnte man gar geneigt sein, von einem der besten Serien-Auftakte der letzten Jahre zu sprechen – was noch nichts über die Qualität der Serie im gesamten aussagt, aber zumindest  schon einmal einen entsprechenden Ausschlag gibt. Grundsätzlich angesiedelt in einer US-Amerikanischen Kleinstadt der 80er Jahre, wird zunächst ein weitestgehend idyllisches Lebensbild gezeichnet – welches den Alltag der Protagonisten zeigt und mit vielen retrospektiven Seitenhieben auf die damalige Popkultur aufwartet. Die eigentliche, weitaus düsterere Eröffnungsszene aber ließ bereits vermuten; dass STRANGER THINGS im weiteren Verlauf von einer gewissen Ambivalenz der Gefühle gekennzeichnet sein würde – was schnell einen enormen Reiz verursacht und den Kern der Serie bereits recht gut beschreibt.

Anders gesagt: die Stimmung innerhalb der Serie schlägt des öfteren komplett um, und sobald die Macher ihre dunklen und mysteriösen Handlungs-Aspekte erstmals expliziter offenbaren; ist eine wohlige Gänsehaut eigentlich so gut wie vorprogrammiert. Dabei ist der Kalte Krieg nur einer der (späteren, aber durchaus wichtigen) Begriffe, die den Zuschauer aufhorchen lassen. Die seltsamen Experimente innerhalb eines Militärkomplexes, das Verschwinden von einzelnen Kindern, das tatsächliche Auftauchen von offenbar bitterbösen Kreaturen; sowie das Bestreben einzelner Bürger sich endlich einen Reim auf all das zu machen sind weitere essentielle Handlungs-Elemente – die in einem überraschend stimmigen, durchdachten und vor allem spannenden Erzählrahmen zusammengeführt werden.

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Und so schafft STRANGER THINGS erneut das eher unerwartete: auch wenn die Story aus vielen kleineren Versatzstücken zu bestehen scheint – die für sich betrachtet gar nicht erst als sonderlich innovativ bezeichnet werden können – bewiesen die Macher schlicht ein hervorragendes Gespür für die finale Umsetzung. Vielleicht auch, da sie die teils offensichtlichen Parallelen zu anderen Filmen, Serien oder Unterhaltungsmedien gar nicht erst verhehlen – im Gegenteil, sie scheinen genau so gewollt. Und so gibt es mal mehr, mal weniger Wissen voraussetzende Seitenhiebe und Querverweise für Filmfans und Kinder der 80er Jahre, wobei es reichlich Spaß macht eben diese zu entdecken. STRANGER THINGS fungiert damit als nette Hommage an eine vergangene Epoche, greift den tatsächlichen Lifestyle sowie viele Medien jener Zeit auf – erzählt aber auch eine eigene Geschichte. Oder zumindest eine, die trotz vieler bereits bekannter Elemente einen ganz eigenständigen Reiz; und folglich auch eine ureigene Atmosphäre entwickelt. Dass immer wieder Parallelen entstehen, gerät der Serie also nicht zum Nachteil; eher im Gegenteil.

Stichwort Parallelen: gerade in Bezug auf das mysteriöse, kurzhaarige Mädchen Eleven sowie die ersten Eindrücke der Forschungsanstalt gilt es, etwas festzuhalten. Ob beabsichtigt respektive wissentlich oder nicht, erinnert STRANGER THINGS einstweilen frappierend an die eindeutig an erwachsene Zuschauer gerichtete Anime-Serie ELFENLIED (Review). Natürlich nur, wenn es um den allgemeinen Erzählaufbau (auch ELFENLIED ist immer wieder von einer enormen Ambivalenz der Emotionen gekennzeichnet) sowie das große Mysterium hinter einem oder mehreren offenbar mit übernatürlichen Kräften ausgestatteten Kindern geht – die letztendliche Marschrichtung der Serien sind dann doch eher verschieden. Auch, wenn grundsätzlich beide Serien aus dem übernatürlichen oder auch metaphysischen Vollen schöpfen, gerade in Bezug auf die Fähigkeit der Telekinese. Im Falle von STRANGER THINGS werden allerdings auch Begriffe wie Paralleluniversen sowie die Existenz von kaum zu beschreibenden Zuständen und Lebewesen eine Rolle spielen – wobei man natürlich geneigt ist, all diese Mystery-Elemente dezent zu hinterfragen.

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Und auch diesen Reiz bedient STRANGER THINGS über weite Strecken optimal – zumal viele der sich aufdrängenden Fragen bereits direkt in der Serie beantwortet oder zumindest weiterhin behandelt werden. Ganz so ratlos wie eventuell anderswo wird man am Ende der 8 Episoden also nicht dastehen. Andererseits bleiben aber noch immer genügend Dinge ungeklärt oder noch nicht erzählerisch ausgereizt, sodass man sich eine Fortsetzung durchaus vorstellen könnte. Und das nicht nur in Bezug auf die spannenden Mystery-Elemente der Serie, sondern auch auf etwas eher bodenständiges wie die Figuren- und Charakterporträts. Denn auch diese sind im Falle von STRANGER THINGS gut durchdacht und perfekt inszeniert. Neben einer grundsätzlich aufkommenden Sympathie und Empathie ist vor allem die allgemeine Glaubwürdigkeit hervorzuheben: endlich einmal wieder gibt es mit STRANGER THINGS eine Serie, in der die Charaktere nicht völlig kopflos oder ärgerlich-klischeehaft agieren – selbst, wenn es um Gefahrensituationen oder zwischenmenschlich-emotionale Momente geht. Und das ist eine in jedem Fall hervorzuhebende, vergleichsweise seltene Leistung – die man sowohl auf das gute Drehbuch, als auch die hervorragenden Darsteller zurückführen kann.

Überhaupt machen gerade die einen sehr guten Job. Allen voran natürlich die junge Millie Bobby Brown als Eleven – die die Unschuld, Unerfahrenheit, Unsicherheit; aber eben auch Entschlossenheit ihres Charakters perfekt transportiert. Die Kinder-Clique um die vier Freunde Mike (Finn Wolfhard), Dustin (Gaten Matarazzo), Lucas (Caleb McLaughlin) sowie Will (Noah Schnapp) ist höchst sympathisch und nicht zuletzt wegweisend für die Story – wobei die sich aus der kindlichen Erzähl-Perspektive ergebenden Möglichkeiten voll ausgeschöpft werden. David Harbour begeistert als einerseits verloren wirkender, andererseits hart durchgreifender Kleinstadt-Cop mit einer persönlichen Mission; Winona Ryder als aufgrund des Verschwindens ihres Sohnes völlig verstörte, im späteren Verlauf wieder Hoffnung schöpfende Mutter. Neben weiteren soliden und überraschend unverkrampft wirkenden Leistungen wie der von Natalia Dyer als Nancy scheint gerade Charlie Heaton als Jonathan Byers (und damit der Bruder des Verschwundenen) eine echte Entdeckung zu sein. Sein Ausdruck ist jedenfalls bemerkenswert – und lässt sich irgendwo zwischen zwei jeweils jüngeren Versionen von Leonardo DiCaprio und Norman Reedus (THE WALKING DEAD) verorten. Etwas schade, aber nicht unbedingt ein Negativkriterium ist; dass die Mitarbeiter der Forschungseinrichtung etwas zu kurz kommen – und ihre sporadischen Auftritte so nicht immer die Wirkung erzielen, die eventuell geplant war. Hier greift STRANGER THINGS dann eben doch noch einmal tief in die Klischee-Kiste – was schade ist, da gerade das angedeutete Figurenpotential von Dr. Martin Brenner (Matthew Modine) enorm war.

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Eine weitere, und vorerst die letzte hier behandelte Stärke von STRANGER THINGS ist in der technischen und handwerklichen Umsetzung zu finden. Die Serie sieht schlicht umwerfend aus, und das nicht unbedingt da sie in 4K gedreht wurde – sondern weil es tatsächlich einiges zu sehen gibt und die meisten Momentaufnahmen großartig eingefangen wurden. Eine hervorragende, niemals zu hektische Kamera-Arbeit und optimale Schnitte gewährleisten; dass die Serie sowohl in ihren ruhigen als auch spannungsgeladenen Momenten bestens funktioniert. Selbst die Darstellung der Kreatur erscheint größtenteils gelungen, auch wenn sie in einigen Momenten doch etwas zu künstlich wirkt. Dafür überzeugt die Darstellung der (leider nur selten eingesetzten) übernatürlichen Fähigkeiten umso mehr: wenn Eleven in den ebenfalls seltenen brutalen Momenten der Serie einen Wärter an die Wand schleudert, Knochen bricht oder den Schädel-Innendruck diverser Antagonisten erhöht, ist das zwar gewissermaßen grausam – doch im handwerklichen Sinne perfekt umgesetzt. Das gleiche gilt für die Momente, in denen sie ein Fahrzeug abheben oder aber ihren neuen Freund Mike im wahrsten Sinne des Wortes fliegen lässt. Ein abwechslungsreicher, gerade in den elektronischen Momenten mit einem markanten Retro-Charme ausstaffierter Soundtrack rundet die Sache positiv ab.

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Und doch hat selbst eine Serie wie STRANGER THINGS eine nicht ganz so schöne Kehrseite. Eine, die zwar allgemein weniger ins Gewicht fällt – aber dennoch nicht darüber hinwegtäuscht, dass man manche Entscheidungen vielleicht anders hätte treffen sollen. Damit soll vor allem Bezug auf den durchaus grandiosen Auftakt der Serie genommen werden – dessen Wucht und Wirkungskraft man leider nicht ganz über die restlichen 7 Episoden retten konnte. So könnte durchaus das Gefühl aufkommen, als ließe die Serie im Gegensatz zu anderen umso mehr nach je weiter sie fortschreitet. Dieses Gefühl wird letztendlich auch von einem nicht wirklichen zufriedenstellenden Finale unterstrichen. Vor allem die letzte diesbezügliche Szene von Eleven wirkt etwas inkonsequent: während ihre finale Amtshandlung noch nachvollziehbar erscheint, ist es das Ergebnis eben dieser Tat eher nicht. Die Hoffnung auf eine Rückkehr des vielleicht wichtigsten Protagonisten zu wahren ist das eine – die hier an den Tag gelegte perfide Art und Weise eben dieser Maßnahme das andere. Überhaupt bleibt abzuwarten, wie sich STRANGER THINGS in Bezug auf seine Zukunft entwickeln wird. Im besten Fall machen die Verantwortlichen keine endlos-Serie daraus – und beenden die Serie trotz möglicher Erfolge und Gewinne rechtzeitig mit einem runden Finale.

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Fazit: STRANGER THINGS macht vieles richtig – wobei es nicht nur die klar erkennbaren Stärken der Serie sind, die begeistern. Denn selbst jene Elemente, die man grundsätzlich eher geneigt ist negativ zu beurteilen verkehren die Schöpfer Matt und Ross Duffer gekonnt ins positive – was vor allem auf die fehlende Innovation, den dafür aber umso größeren Retro-Charme zu beziehen ist. Weiterhin überzeugen die 8 Episoden durch ein hervorragendes Handwerk, grandiose darstellerische Leistungen sowie einem enormen Spannungsfaktor – und das auch ohne, dass sich die Serie selbst allzu ernst nehmen würde. Somit erscheint gerade die ausgewogen wirkende Balance zwischen den vielen höchst unterhaltsamen, geradezu locker gezeichneten Alltags-Momenten und den teils angenehm gruseligen Mystery-Aspekten gelungen. STRANGER THINGS ist somit in jedem Fall einen Blick wert – auch wenn momentan noch unklar ist, ob dies auch in Zukunft so bleiben wird. Ein dezent skeptischen Blick auf die bereits angekündigte zweite Staffel erscheint jedenfalls berechtigt: die Chance, die sehr gute erste Staffel noch zu übertreffen ist ebenso da wie die, das absolute Gegenteil zu erreichen. Doch es gilt abzuwarten – und die positive Gesamtwirkung der Serie noch einmal vollständig in sich aufzusaugen.

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„Trotz kleinerer Schwächen die vermutlich beste und lohnenswerteste Serien-Neuentdeckung der letzten Jahre.“

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