CD-Review: SANTIANO – Im Auge Des Sturms (2017)

Alben-Titel: Im Auge Des Sturms
Künstler / Band: Santiano (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 11. Oktober 2017
Land: Deutschland
Stil / Genre: Pop, Irish Folk, Shanty
Label: Universal Music

Alben-Lineup:

Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug – Hans-Timm „Timsen“ Hinrichsen
Gesang, Mundharmonika, Perkussion – Axel Stosberg
Gesang, Gitarre, Bass – Björn Both
Gesang, Gitarre – Andreas Fahnert
Geige, Mandoline, Gesang, Akkordeon, Bouzouki, Perkussion, Tin Whistle – Peter David Sage

Track-Liste:

1. Könnt Ihr Mich Hören
2. Ich Bring Dich Heim
3. Sail Away
4. Liekedeeler
5. Im Auge Des Sturms
6. Doch Ich Weiß Es
7. Hooray For Whiskey
8. Die Sehnsucht Ist Mein Steuermann
9. Brüder Im Herzen
10. Deine Reise Endet Nie
11. Ihr Sollt Nicht Trauern
12. Unsre Lieder Werden Bleiben
13. Wir Für Euch Und Ihr Für Uns

Gott muss ein Seemann Santiano-Fan sein.

Ob man nun von einem bloßen Zufall sprechen möchte oder nicht: gar nicht allzu weit vom Releasedatum des neuen D’ARTAGNAN-Albums entfernt (siehe Review zu VEREHRT & VERDAMMT) melden sich auch die munt’ren Seefahrer von SANTIANO zurück. Immerhin: im Gegensatz zu den leider nicht von Hanuta oder der Rügenwalder Mühle gesponserten Möchtegern-Musketieren können SANTIANO durchaus behaupten, einiges im deutschen Musik-Business bewegt zu haben. Hinzu kommt, dass ihnen der über die Jahre stetig gewachsene Erfolg Recht zu geben scheint – selbst in Anbetracht dessen, dass die tatsächliche Qualität ihrer Alben seit dem noch recht überraschenden und gut funktionierenden Debütwerk BIS ANS ENDE DER WELT (siehe Review) einem so gesehen schwindelerregenden Abstieg ausgesetzt ist. Anders gesagt: eingefleischte Fans der nur vermeintlich raubeinigen Seefahrer werden auch das neue Album kaufen und lieben, Neueinsteiger können aufgrund des längst nicht mehr vorhandenen Überraschungseffekts und der fehlenden Innovation auch genauso gut an jedem anderen Punkt in der Diskografie einsteigen – und an der Meinung beinharter STANTIANO-Hasser wird auch IM AUGE DES STURMS nicht viel ändern.

Und tatsächlich: analog zum nicht veränderten und somit immer spannungsärmeren Konzept, zu den ebenso beliebig wie klischeehaft erscheinenden Inhalten und der abermals unangenehm weichgespülten und glatt geschliffenen Produktion hat sich auch in Bezug auf mögliche aus dem Alben-Kontext herausstechende Highlights wenig getan. Highlights, die man bei einer gewissen Laune vielleicht doch noch auf der ein oder anderen ausgelassenen Fete spielen könnte ohne sich dezent fremdschämen zu müssen – vielleicht ja, da sie ausnahmsweise mal etwas kantiger klingen, nicht überproduziert sind oder schlicht eine enorm mitreißende Wirkung haben. Nicht lange ein Geheimnis bleibt, dass IM AUGE DES STURMS leider keine sich diesbezüglich qualifizierende Nummer anzubieten vermag – was auf den früheren Alben immerhin noch hie und da der Fall war. Selbst das theoretisch vielversprechende DOCH ICH WEISS ES kann nicht überzeugen, ebenso wie die ehemals recht gut bei SANTIANO funktionierenden traditionellen Shantys a’la SAIL AWAY oder HOORAY FOR WHISKEY.

Sicher, der Band bleiben die teils markanten, gut trainierten und anständig in Szene gesetzten Männerstimmen inklusive der direkt wirksamen Mitsing-Refrains – doch hilft das nicht viel, wenn das Album in Bezug auf die Instrumente und die Produktion so undifferenziert ausfällt wie hier. Schließlich fällt es einstweilen schwer, die Nummern überhaupt auseinanderzuhalten – zu gleichförmig ist der süffige Seefahrer-Musikfluss, zu uninspiriert und prätentiös des gesamte Songwriting. In Bezug auf eine doch noch marginal vorhandene Abwechslung können SANTIANO wohl nur mal mehr oder weniger an der Schmalz- und Klischeeschraube drehen, auf dass neben typisch-eingängigen Hymnen a’la LIEKELEEDER oder DEINE REISDE ENDET NIE auch übertrieben schnulzige Liebes-Balladen a’la IM AUGE DES STURMS oder DIE SEHNSUCHT IST MEIN STEUERMANN entstehen. Ob Nummern wie diese wirklich voller Sehnsucht stecken (und vielleicht auch entsprechende Emotionen wecken) muss ein jeder für sich selbst entscheiden. Fest steht wohl nur, dass eine wie auch immer geartete musikalische Wertigkeit – und vielleicht auch Ehrlichkeit – anders klingt. Dran werden jedoch nur die wenigsten denken, wenn demnächst wieder eine Special-Edition veräußert und bald darauf vielleicht schon das nächste SANTIANO-Album in den Regalen stehen wird…

Absolute Anspieltipps: /


„Oh Wunder – das Schiff geht langsam unter.“

CD-Review: SANTIANO – Von Liebe, Tod Und Freiheit (2015)

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Alben-Titel: Von Liebe, Tod Und Freiheit
Künstler / Band: Santiano (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 29. Mai 2015
Land: Deutschland
Stil / Genre: Pop, Irish Folk, Shanty
Label: Universal Music

Alben-Lineup:

Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug – Hans-Timm „Timsen“ Hinrichsen
Gesang, Mundharmonika, Perkussion – Axel Stosberg
Gesang, Gitarre, Bass – Björn Both
Gesang, Gitarre – Andreas Fahnert
Geige, Mandoline, Gesang, Akkordeon, Bouzouki, Perkussion, Tin Whistle – Peter David Sage

Track-Liste:

1. Lieder der Freiheit (3:39)
2. Rolling the Woodpile (3:12)
3. Die letzte Fahrt (4:11)
4. Johnny Boy (3:32)
5. Seine Heimat war die See (4:14)
6. Fresenhof (2:53)
7. Joho und ne Buddel voll Rum (3:01)
8. Under Jolly Roger (3:31)
9. Der Alte und das Meer (3:43)
10. Sturmgeboren (3:24)
11. Richtung Freiheit (3:38)
12. Rungholt (3:44)
13. Kinder des Kolumbus (3:33)

Echte Seebären werden niemals müde. Oder ?

Analog zu den ersten beiden Alben der raubeinig-charmanten Seebären von SANTIANO (BIS ANS ENDE DER WELT und MIT DEN GEZEITEN) soll nun auch ein Blick auf das neueste Werk der deutschen Erfolgsband geworfen werden. Dieses hört auf den klangvollen Namen VON LIEBE, TOD UND FREIHEIT und wurde am 29. Mai 2015 veröffentlicht – und stieg; wobei das nicht weiter verwunderlich ist, direkt auf Platz 1 der deutschen Charts ein. Tatsächlich scheint sich das Konzept SANTIANO noch immer bestens zu verkaufen – die Hörerschaft steht auf das einerseits poppig und zugänglich, andererseits aber doch etwas anders anmutende Liedgut der Marke gesangsstarke Seemänner. Hinzu kommen das nicht unerhebliche Marketing, die Unterstützung eines der größten deutschen Musiklabels und die vielen Konzerte – die jung und alt begeistern und wohl auch in Zukunft gut besucht sein werden.

Sicher kann man nach wie vor darüber streiten wie authentisch SANTIANO als Band – sowie natürlich auch ihre Lieder im einzelnen – sind und wirken. Eines der markantesten, alles andere als unbegründeten Vorurteile ist schließlich, dass es noch weitaus mehr Künstler gibt die eine ganz ähnliche Sparte bedienen – nur eben nicht in einem derart großen Format, und für eine weitaus kleinere Zielgruppe. Ganz so innovativ, wie es von manchen behauptet wird; ist die Musik SANTIANO’s also keinesfalls – und dennoch kommt kaum jemand an der Combo vorbei. Sicher auch, da die Mitglieder (ganz unabhängig von der dahinterstehenden Marketing-Maschine) sehr sympathisch sind und ihr Handwerk selbstverständlich auch beherrschen. So sind SANTIANO schon längst nicht mehr nur für die gleichermaßen rauen wie sanften Männergesänge (ob einzeln oder im Chor), sondern eben auch das markante Instrumentenspiel bekannt und beliebt.

Auch VON LIEBE, TOD UND FREIHEIT lässt es dann schnell wieder entstehen; das gute alte Gefühl der Sehnsucht – nach Abenteuern, fernen Ländern und einer derzeit möglicherweise unerreichbaren Liebe. Die insgesamt 13 Titel bieten dabei wieder eine bunte Ansammlung von verschiedenen Titeln – die sich mal mehr, mal weniger auf bestimmte Vorlagen beziehen. So kommt es, dass man viele der angestimmten Melodien schnell mitsummen kann – und eine interessante Soundkulisse aus traditionellen und modernen Stimmungen entsteht. Jene Modernisierung respektive Aufbereitung des Liedguts für die aktuelle SANTIANO-Hörerschaft gelingt dabei wieder recht angenehm. Das ist vor allem auf die eher traditionellen Titel zu beziehen, in denen Bandmitglied Peter David „Pete“ Sage ordentlich zu tun hat – oder anders gesagt, wenn Atmosphäre eindeutig irisch wird. Schade nur, dass es dieser Titel nur zwei sind: ROLLING THE WOODPILE und UNDER JOLLY ROGER. Neben den anderen, deutsch eingesungenen und eher typischen SANTIANO-Nummern bietet dann lediglich ein Stück wie FRESENHOF etwas Abwechslung – ein plattdeutscher Titel, an den man sich erst gewöhnen muss.

Das Stichwort typisch SANTIANO ist es dann auch, welches VON LIEBE, TOD UND FREIHEIT zum Verhängnis wird – zumindest teilweise. Denn Titel wie LIEDER DER FREIHEIT, DIE LETZTE FAHRT, SEINE HEIMAT WAR DIE SEE, DER ALTE UND DAS MEER, STURMGEBOREN oder RICHTUNG FREIHEIT bieten einfach nicht mehr viel neues, aufregendes. Nicht nur, dass die zuckersüßen Refrains sich so gut wie immer zum Mitsingen eignen und ins Ohr gehen; auch die Strukturen der Titel ähneln sich einstweilen stark. Und wenn es mal keine direkte Vergleichsmöglichkeit im Alben-Kontext gibt; dann doch zumindest in Bezug auf die beiden Vorgänger – die eine ganz ähnliche Marschrichtung vorgaben. Hinzu kommt, dass Titel wie diese alle etwas vermissen lassen; jetzt vielleicht noch etwas mehr als auf den Vorgängern: mehr Ecken und Kanten. Das klingt schlicht, und das ist es auch.

Fazit: So sympathisch die Band auch ist, so verbindend die musikalische Kräfte des Liedguts a’la SANTIANO auch sind – VON LIEBE, TOD UND FREIHEIT klingt insgesamt deutlich zu gleichförmig, harmlos und unspektakulär. Eben so, als wollte man um jeden Preis auf Nummer sicher gehen und die bereits gewonnenen Fans nicht wieder verschrecken. Das ist schade, zumal SANTIANO theoretisch zu viel mehr imstande wären. So bleibt es beinahe allein an den bereits erwähnten irischen Titeln, sowie dem spaßigen JOHO UND NE BUDDEL VOLL RUM und dem deutlich atmosphärischeren RUNGHOLT, das Ganze etwas aufzulockern. Erfolgreich werden SANTIANO zwar auch in Zukunft sein, und der musikalische Output vergleichsweise qualitativ – doch irgendwann nutzt sich jedes Konzept ab. Sollten die Seebären also noch weitere Alben planen, so wäre es zumindest wünschenswert dass sie ab und an auch mal etwas neues ausprobieren und von den altbekannten Pfaden abweichen. So angenehm (und lukrativ) es auch sein mag, weiterhin auf diesen zu wandeln…

Absolute Anspieltipps: Rolling The Woodpile, Joho Und Ne Buddel Voll Rum, Under Jolly Roger, Rungholt


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„Das Album ist solide – fügt den Vorgängern aber nichts mehr hinzu und klingt deutlich zu glattgeschliffen.“

CD-Review: SANTIANO – Mit Den Gezeiten (2013)

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Track-Liste:

01 Gott Muss Ein Seemann Sein
02 Drums And Guns – Johnny I Hardly Knew Ya
03 Salz Auf Unserer Haut
04 Seemann
05 Bis In Alle Ewigkeit (Walhalla)
06 Wir Sind Uns Treu
07 Have A Drink On Me
08 Sieben Jahre
09 Gestrandet
10 Rolling Home
11 Marie
12 Great Song Of Indifference
13 Hoch Im Norden

Eine Seefahrt, die ist lustig… bis die Seekrankheit zuschlägt.

So lange war es noch gar nicht her, dass SANTIANO mit ihrem Erfolgsalbum BIS ANS ENDE DER WELT durchstarteten. Und wie – die sympathische deutsche Seemanns-Clique hat die Herzen vieler wortwörtlich im Sturm erobert. Und das trotz, oder gerade wegen der recht simplen Band-Idee: SANTIANO verknüpfen in ihrer Musik traditionelle Volkslieder mit poppigen Klängen, und garnieren das Ganze mit einer Art abenteuerlichem Seemanns-Charme; gern auch Chanty genannt. Aber auch dem irischen Folk widmen sie einige Lieder – immer dann wenn Bandmitglied Peter Sage zum Mikrofon und allerlei traditionellen Instrumenten greift und auf englisch gesungen wird. So erreichen sie eine bemerkenswerte Anzahl von Hörern, und können grundsätzlich überall auftreten – ob nun schunkelnd im Musikantenstadl, massentauglich im Privatfernsehen; oder als besonderer Special Guest auf dem Wacken-Metalfestival. Seit der Veröffentlichung der Special Edition, zahlreichen Live-Auftritten und Fernsehberichten sind SANTIANO nach wie vor in aller Munde, und nicht nur dort: die bemerkenswerten Chartpositionierungen der Band sprechen Bände. So ist es kein Wunder, dass ein zweites Album recht zeitnah veröffentlicht werden sollte. MIT DEN GEZEITEN heisst das gute Stück; ein Album, welches erneut schnell die deutsche Chartspitze erklommen hat.

Eines ist klar – SANTANIO haben es mit dem Nachfolgealbum zu BIS ANS ENDE DER WELT nicht ganz leicht. Und das in vielerlei Hinsicht: zum einen fehlt der markante Überraschungseffekt eines Debütalbums, zum anderen weisen die Marketingstrategien und insbesondere die schnelle Veröffentlichungsabfolge auf einen potentiell ‚ausschlachtenden‘ Musikfeldzug hin. In wie weit die Jungs von SANTIANO hier selbst noch ein Mitspracherecht haben, sei einmal dahingestellt – man sollte jedoch vorsichtig sein, zu schnell zu viel Material abzuliefern. Schließlich riskiert man so nicht nur, dass die Hörer des Konzeptes vorschnell überdrüssig werden – auch der (hier: diskutable) Faktor der Originalität könnte darunter leiden. SANTIANO hatten in Bezug auf ihr Debütalbum schlicht das Glück, eine Nische zu finden und zum exakt richtigen Zeitpunkt in diese hereinzuspringen; mit einem entsprechend immensem Überraschungseffekt. Denn eines ist klar: nicht nur SANTIANO machen Musik wie die auf BIS ANS ENDE DER WELT oder MIT DEN GEZEITEN dargebotene. Anders gesagt: sie haben das Rad nicht neu erfunden, sondern sind lediglich zu Galionsfiguren eines Genres aufgestiegen. Eines Genres, dass nur auf den ersten Blick so wirkt, als wurde es gerade erst erfunden: tatsächlich bedient man sich aus zahlreichen anderen, generell aber schwerer zugänglichen musikalischen Bereichen und ‚versimpelt‘ sie, trimmt sie mehr oder weniger deutlich hinsichtlich einer größeren Massenkompatibilität. Das ist an und für sich nichts schlechtes, ist das Ergebnis doch äußerst unterhaltsam, und könnte die Hörer im besten Fall auch zu einer Art ‚Ursprungssuche‘ animieren.

Somit ist aber auch klar, dass sich SANTIANO früher oder später einmal etwas weiter aus dem Fenster lehnen und explizit neues wagen müssen, wollen sie weiterhin qualitative (nicht: erfolgreiche) Musik produzieren. Genau das macht man auf MIT DEN GEZEITEN aber (noch) nicht – vielmehr wird das Konzept des Vorgängeralbums noch einmal aufgewärmt. Neben dem ohnehin schon verlogenen Überraschungseffekt sorgt das vor allem dafür, dass die 13 neuen Titel teils enorme Einbußen hinsichtlich ihrer Aussage- und Wirkungskraft machen. Überhaupt wird schnell deutlich, dass das neue SANTIANO-Album noch poppiger klingt als das Debüt – was die allgemeine Zugänglichkeit noch einmal erhöht, andererseits aber auch zu einer deutlich schnelleren Abnutzung der Titel führt. Bereits der Opener GOTT MUSS EIN SEEMANN SEIN macht dies überdeutlich: gesanglich ist das Ganze nach wie vor einwandfrei, doch fehlt das gewisse Etwas; der Schmackes mit dem die Titel auf dem Debütalbum dargeboten wurden. Einen absolute Mitsing-Refrain gibt es natürlich – wie bei grundsätzlich jedem Titel – obendrauf.

So sorgen dieses Mal vor allem die anständigen Interpretationen von irischen oder zumindest irisch angehauchten Volksliedern für ein Aufhorchen. DRUMS AND GUNS bietet eine nette Instrumentalkulisse aus Trommeln und eine allseits bekannte Melodie, garniert mit der markanten Gesangsperformance von Peter Sage. Wenn dann auch noch der halbwegs schmetternde Männerchor hinzukommt, geht einem doch schnell wieder das SANTIANO-Herz auf. Noch feucht-fröhlicher wird es dann mit HAVE A DRINK ON ME – eine Party-Hymne zum abfeiern und Spaß haben. Hier wird man schnell mitgerissen werden, wie immer trotz oder gerade wegen des simplen Textes. Die kurzen Instrumentalpassagen und der generell recht energetische, peppige Gesamteindruck sorgen dafür, dass auch diese Nummer alles andere als ein Langweiler ist. Der GREAT SONG OF INDIFFERENCE bietet dann auch endlich die gewünschte Portion Frische und Innovation – zumindest gesanglich hat man SANTIANO so noch nie gehört, Peter Sage sei Dank.

Bei allen anderen, eher typischen Seemanns-Liedern sieht es dann aber vergleichsweise schlecht aus – besitzt man bereits das Debütalbum, kann man sich diese Nummern grundsätzlich sparen. Sie wirken am ehesten wie lauwarme Neuaufgüsse mit altbekannten Melodiebögen, wenig neuen Elementen und kaum Überraschungen. BIS IN ALLE EWIGKEIT (WALLHALLA) scheint sogar direkt vom Vorgänger kopiert worden zu sein, mit einem anderen Textgewand verziert, versteht sich. Warum man dieses Mal dann ausgerechnet auf eine (vergleichsweise außergewöhnliche) Nummer wie KAPERFAHRT verzichtet, bleibt ein Rätsel. Diese war mitunter die Hymne des ersten Albums, und bot durch die symphonische Komponente auch Metal-Fans eine markante Anlaufstelle. Die Nummern auf MIT DEN GEZEITEN wirken insgesamt deutlich zu gleichförmig, zumal einige der instrumentellen Elemente immer wieder auftauchen. Die einzige Abwechslung, die man so noch erfährt; ist die Mischung aus eher fröhlichen gute-Laune-Nummern (SEEMANN, SIEBEN JAHRE) und Balladen (WIR SIND UNS TREU). Auch GESTRANDET gehört zu den Balladen, und zeigen SANTANIO von ihrer bisher wohl ruhigsten Seite – zumindest zu Beginn, später wird’s wieder etwas kräftiger. Das klingt eigentlich gar nicht schlecht, doch der weibliche Gastgesang trieft geradezu vor Schmalz und Kitsch, und kann den Darbietungen der raubeinigen Männer auch sonst nichts entgegensetzen.

Fazit: MIT DEN GEZEITEN ist ein durchaus tanzbares Album geworden – bietet ein nicht mehr ganz so großes musikalisches Vergnügen wie der Vorgänger BIS ANS ENDE DER WELT. Zumindest für all jene, die sich nicht unbedingt zu beinharten SANTIANO-Fans zählen und schlicht auf der Suche nach musikalischer Abwechslung und erfrischenden Klängen sind. In dieser Hinsicht ist der Vorgänger nach wie vor die bessere Wahl – insbesondere für etwaige Metal-Freunde, die sich einmal den Spaß machen wollen potentielle musikalische Parallelen aufzudecken (zum Folk- oder auch Power Metal). SANTIANO sind heute erfolgreicher denn je – aber vielleicht ist genau das ein Problem; beziehungsweise könnte es zu einem werden. Schließlich weiss man, dass alles was sich gut verkauft, zumeist weniger von qualitativer oder inhaltlicher Relevanz ist – mit immer gravierenderen Auswüchsen, je länger und intensiver man dem allgemeinen Medien-Wahn ausgesetzt ist. Ausnahmen gibt es immer wieder – SANTIANO haben nun das Ruder in der Hand und können bestimmen, wohin ihre Reise gehen wird. Die Tendenz verspricht momentan eine kleine Flaute – doch wer weiss, vielleicht erhalten die Jungs beim nächsten Album wieder einen entsprechenden Rückenwind. Zu wünschen wäre es ihnen allemal !

Absolute Anspieltipps: SEEMANN, HAVE A DRINK ON ME, GREAT SONG OF INDIFFERENCE


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„Längst nicht mehr so überraschend wie das Debütalbum.“

CD-Review: SANTIANO – Bis Ans Ende Der Welt (2012)

Land: Deutschland – Stil: Pop / Irish Folk / Shanty / Schlager

Lineup:

Hans-Timm Hinrichsen Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug
Axel Stosberg Gesang, Mundharmonika, Perkussion
Björn Both Gesang, Gitarre, Bass
Andreas Fahnert Gesang, Gitarre
Peter Sage – Geige, Mandoline, Gesang, Akkordeon, Bouzouki, Perkussion, Tin Whistle

Track-Liste:

01 – Santiano
02 – Frei wie der Wind
03 – Weit uebers Meer
04 – Whiskey In The Jar
05 – Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren
06 – Es gibt nur Wasser
07 – Auf nach Californio
08 – Garten Eden
09 – Irish Rover
10 – 500 Meilen
11 – Der Wind ruft meinen Namen
12 – Blow Boys Blow
13 – Land in Sicht

Eine Seefahrt, die ist lustig…

Vorwort: Nanu, ein Musikalbum welches sich (oberflächlich betrachtet) in den Genres der Popmusik, des Folks oder gar des Schlagers (!) einordnen lässt, im sonst nur eher schwermetallischer Kost vorbehaltenen Rezensions-Abteilung von Oliverdsw.Wordpress ? In der Tat soll heute das Album BIS ANS ENDE DER WELT von SANTIANO behandelt werden, welches auf den ersten Blick ein klein wenig nach massentauglicher Kommerzware anmutet – bei näherem Hinsehen aber explizite Parallelen zum Folk- oder auch Power Metal aufweist. Und nicht nur das: SANTIANO bewegen sich mit ihrem musikalischen Output irgendwo zwischen Lagerfeuerandacht, Chartmusik und Schlager-Hitparade – entsprechend werden Hörer aller Generationen und musikalischer Herkunft zum Mitsingen und Mitschunkeln eingeladen. Das besondere: die Musik von SANTIANO klingt dabei erfrischend anders, ehrlich – und hat sich eher die Heraufbeschwörung alter Musiktraditionen gewidmet als sich sonst üblichen Chart-Eskapen mit allerlei Herzschmerz und Gefühlsduselei hinzugeben. So kommt es nicht von ungefähr, dass es sich bei den 13 Titeln (der Standard-Version, eine SECOND EDITION mit 4 weiteren Songs erschien kürzlich) vornehmlich um Cover-Versionen diverser Klassiker handelt, bei denen der unvorbereitete Hörer selten weiss, um welche Titel es sich im Detail handelt – doch erkennt er sie wieder, dank einer fest im multinationalen Kulturgut verankerten Musikhistorie. Eines haben aber alle Titel gemeinsam: sie klingen nach einem großen Abenteuer, welches sich zumeist auf hoher See abspielt – oder aber in altertümlichen Tavernen und Schankstuben; in denen die alten Seefahrer ihre Heldentaten in feucht-fröhlicher Runde besingen.

Kritik: Kann ein 2012 erschienenes Album, welches sich glatt den ersten Platz in den deutschen Alben-Charts sicherte und über 100.000 Mal verkauft wurde, überhaupt nach althergebrachten Traditionen und nach einer frischen musikalischen Brise klingen ? Offenbar ja, zumindest beweisen dass die ambitionierten und hinter ihre Musik stehenden Mitglieder von SANTIANO, die nunmehr zahlreiche Live-Auftritte hatten und oftmals im deutschen Fernsehen zu sehen waren – auch in sonst eher einem älteren Publikum vorbehaltenen Sendungen. Die andere Seite der Medaille jedoch offenbart, dass die Musik SANTIANO’s unverkennbare Ähnlichkeiten mit anderen Musikgenres aufweist, die sich an einer ähnlichen musikalischen Quelle bedienen – die sonst von eher hart gesottenen konsumiert wird. Sei es Folk- und Viking Metal oder der Power Metal – als Inspiration dienen dieselben Grundlagen und Traditionen. Die durch die Musik übertragene Sehnsucht und Erhabenheit, die Naturverbundenheit (hier besonders die menschliche Freiheit in der Natur; auf dem Meer) oder schlicht das Zusammenraufen in einer zünftigen Männer-Runde mit dem ein oder anderen alkoholischen Getränk – SANTIANO wissen schnell auch der eher anspruchsvollen Hörerschaft zu gefallen, die sonst einen recht weiten Bogen um eine Schlagerparade machen würde. Und dennoch werden beide – und mehr – Interessengruppen bedient. Wenngleich sich viele Parallelen verständlicherweise auf den Folk Metal beziehen, so kommt selbst der Power- oder gar Symphonic Metal nicht zu kurz auf SANTIANO’s BIS ANS ENDE DER WELT – natürlich nur wenn man so will und es entsprechend betrachtet. Doch die schmetternden Männerchöre, die pompösen Arrangements und die deutlich spürbare Vorliebe für extrem eingängige Melodien führen schnell dazu, dass auch sonst Gitarren-verliebte plötzlich mitschunkeln – ganz ähnlich dem VAN CANTO-Prinzip.

Das Album beginnt recht fröhlich und locker, mit dem Opener SANTIANO – der einen recht guten Einblick in das musikalische Schaffen der Flensburger Männertruppe erlaubt. Eine flotte, von traditionellen Instrumenten begleitete Struktur, satt-solide Soli-Gesangspassagen der Sänger; sowie ein schmackig-erhabener Refrain lassen einen schnell zum Takt mitwippen. Der inhaltlichen Komponente drehen sich – natürlich – speziell um das Meer sowie alten ‚Seemannsgarn‘, andererseits aber auch um die sinnige Vorstellung der Band – welche die Überleitung zum folgenden FREI WIE DER WIND enorm flüssig erscheinen lässt. Hier handelt es sich um das erste Highlight; welches sich durch noch markantere Solo-Gesänge und einen tollen Refrain auszeichnet. Nicht umsonst gibt es eine Videoauskopplung zu besagtem Titel – unten gleich nach der Wertungsvergabe zu sehen. Während die ersten Titel einen recht treibenden Eindruck hinterlassen, so wirkt WEIT ÜBERS MEER nun weitaus besinnlicher und verträumter; zusätzlich unterstützt wird diese Ambition durch eine ruhig-verhaltene Instrumentierung und den weiblichen Gastgesang. In der Tat klingt das Ganze recht schlagertauglich – doch durch die markanten Unterschiede hinsichtlich der inhaltlichen Gewichtung und der Präsentation muss niemand befürchten, in einer typischen Klischee- und Kitschfalle zu landen. Mit WHISKEY IN THE JAR wird es nun wieder deutlich traditioneller – und erstmals auch ganz anders, was den allgemeinen Klangeindruck betrifft. Nicht nur, dass der Songtext komplett in englisch vorgetragen wird, man glaubt sich wahrhaftig in einer gemütlichen Taverne mit allerlei gut gelaunten Seeleuten und – Räubern wiederzufinden.

Das absolute Highlight aber folgt erst jetzt und mit ALLE DIE MIT UNS AUF KAPERFAHRT FAHREN – der Wahnsinn, was SANTIANO hier aus einem alten Klassiker machen, den einige bereits im Kindergarten gesungen haben werden. Eine gehörige Priese Filmmusik (beziehungsweise FLUCH DER KARIBIK, wem dieser Vergleich besser gefällt), schmackige Pauken und ein Refrain, welcher erhabener nicht hätte ausfallen können – endlich erfährt ein Klassiker eine passend wirkende Interpretation, die leicht witzig; zugleich aber auch unglaublich episch ist. Das nächste Highlight lässt aber doch nicht so lange auf sich warten, wie eventuell gedacht: ES GIBT NUR WASSER ist eine verdammt unterhaltsame, witzig-freche Nummer, die vor Selbstironie und Kneipentauglichkeit nur so strotzt – ohne dabei zu flach zu wirken. Auch CALIFORNIO fällt schön beschwingt und geradezu Saloon-tauglich aus, der Inhalt und die leicht ironische Aufmachung erinnern leicht an das Schaffen eines ALEXANDER MARCUS – der ebenfalls nicht wenig zu einem besseren Verständnis verschiedener Musikgenerationen beigetragen hat. Gute Laune ist jedenfalls garantiert. Für die etwas besinnlicheren Momente dient nun GARTEN EDEN, eine Interpretation eines höchst bekannten Liedes, dessen Melodie bei jedem Erinnerungen wecken sollte. Eine bravouröse Leistung.

Als hätten SANTIANO den Begriff der Abwechslung für sich gepachtet, folgt mit IRISH ROVER nun plötzlich wieder ein echter Fetenhit im traditionellen Stile, erneut auf englisch vorgetragen. Wahrlich, eine Super-Stimme, die den Hörer hier durch das Liedgut führt – und im Refrain darf wieder zünftig mitgesungen werden, sofern man bei steigendem Alkoholpegel (sofern Konsument) im Takt bleiben kann. 500 MEILEN fällt wiederum etwas ruhiger aus; legt aber eine ähnliche Ohrwurmgarantie vor wie alle bisherigen Stücke. Die inhaltlichen Komponente sowie die Inszenierung des Refrains lassen erstmals deutlicher auf einen Popmusik-Bezug schließen – doch noch immer erscheint der Sound erfrischend anders und beeindruckend. Gerade die dezenten Männerchöre im Hintergrund, sowie der wie immer alles abrundende Refrain machen auch diese Nummer zu alles anderem als einem Durchhänge-Titel. DER WIND RUFT MEINEN NAMEN wäre schon eher ein Kandidat für diesbezügliches. Hier hätte man noch mehr Ecken und Kanten einbauen können oder sollen – auch im sonst recht genialen Refrain, der sofort ins Ohr geht und insgesamt geradezu festlich (trotz inhaltlichem Bezug) wirkt. BLOW BOYS BLOW ist der dritte Titel in der Riege der Irish-folkigen (und auf englisch vorgetragenen) Party-Nummern; und bietet so leider nicht mehr allzu viel neues. Wie auch das abschließende LAND IN SICHT – natürlich geht es auch hier grundsolide zu, doch nach 10 oder 11 wahnwitzig starken Nummern ist die Luft eben schon ein stückweit raus.

Fazit: Achtung, Ohrwurmgefahr – für kein anderes Album des Jahres 2012 muss dieser Warnhinweis derart hochgehalten werden wie in Bezug auf BIS ANS ENDE DER WELT. Doch ist es nicht die (durchaus vorhandene) Massentauglichkeit oder der Pop-Bezug der Musik, welche den Hörer nicht mehr loslässt – sondern das Gesamtkonzept SANTIANO. Dieses besteht indes aus zweierlei Komponenten – die eine ist die unbestreitbare musikalische Genialität und Perfektion der Band und aller Beteiligten; welche sich in erhabenen Arrangements, einem vielseitigen Instrumentenspiel, einem stimmigen Solo- und Chorgesang sowie einer glasklaren Produktion widerspiegelt. Die andere Komponente geht indes noch ein stückweit tiefer, und bedient gewisse Sehnsüchte welche es im Endeffekt vermögen, alle Generationen und Hörerschaften einander näherzubringen. Es ist die Sehnsucht nach gleichsam erfrischenden wie traditionellen Musikstücken; aber eben auch nach allgemeineren, zeitlosen Inhalten, welche sich einmal nicht an großen Liebesgeschichten, Herzschmerz oder Gesellschaftskritik orientieren. Zumindest nicht direkt – die Klangwelten von BIS ANS ENDE DER WELT sind jedoch mannigfaltig und können auf vielerlei Lebensbereiche projiziert werden. So sind sowohl jene perfekt beraten, welche eine inhaltliche Offenbarung, eine ‚Wahrheit‘ (wenn man so will) erwarten – aber auch solche, die einfach nur eingängig und gut gelaunt unterhalten werden möchten. Lediglich gegen Ende (ab Titel 10) wirken die Kompositionen leicht repetitiv, die Highlights finden sich eindeutig im vorherigen Verlauf. Alles in allem – ein Muss, sowohl für Volksmusikfans als auch für Metaller.

Anspieltipps: FREI WIE DER WIND, ALLE DIE MIT UNS AUF KAPERFAHRT FAHREN, ES GIBT NUR WASSER


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„Es weht ein frischer (Seemanns-)Wind.“