Metal-CD-Review: RETARDED NOISE SQUAD – Bananas (2011)

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Alben-Titel: Bananas
Künstler / Band: Retarded Noise Squad (mehr)
Land: Deutschland
Stil / Genre: Avant-Garde Progressive Death Metal
Label: Keins / Independent

Alben-Lineup:

Grindhardt – Bass, Gitarre, Gesang
Kai aus der Tube – Gesang
Wer zum Teufel ist Bob – Gitarre, Gesang
Eric der Mansfelder – Gitarre, Gesang
Don Karl Krawallo – Gesang, Programmierung

Track-Liste:

1. King Adiposity 05:32
2. Telepathetic Trance 04:40
3. Die Geschichte vom Suppenkaspar 03:45
4. Killed with Respect and Compassion 04:18
5. Nouv-hell Cuisine 03:18
6. Gorgonzilla 04:50
7. Bananas! 03:35
8. Morbus Mansfeld 03:55
9. вари красна дева вари 05:34
10. Taenia Solium 06:20

Alles – nur kein gewöhnliches Release.

Nein, ein gewöhnliches oder typisches Genre-Album ist das vorliegende 2011’er Werk von RETARDED NOISE SQUAD gewiss nicht geworden. Nicht nur, dass die ver-rückte Truppe aus Halle in Sachsen-Anhalt ihr nunmehr zweites Album schlicht BANANAS getauft hat – auch alle anderen (ersteinmal äusseren) Aspekte weisen auf die relative Einzigartigkeit der bereits 2003 gegründeten Bandcombo hin. Angefangen beim Artwork – das wie ein Abbdruck einer zoologischen Studie anmutet; in Wahrheit aber ein Kunstwerk von Gabriel von Max (‚Affen als Kunstrichter‘) darstellt. Desweiteren können es die interessanten, aber völlig bunt durcheinander gewürfelten Titel-Bezeichnungen des Albums sein – oder die makaberen (Künstler-)Namen der Mitglieder, die sich ein wenig wie das Lineup eines unglücklichen Theater-Ensembles lesen. Was soll den Hörer also erst in musikalischer Hinsicht erwarten ?

Ein tierisch-menschliches Spektakel, wie es scheint. Man nehme: eine handvoll verrückter Musikbegeisterte, eine gehörige Portion Experimentierfreude – und greife einmal ganz tief in den großen Metal-Genretopf. Vielleicht hat man einfach nur Glück – oder ist schlicht mutig und einzigartig wie die Jungs von RETARDED NOISE SQUAD; und haut ein Album wie BANANAS raus. Diesem Credo entsprechend kennt dieses nämlich so gut wie keine Grenzen. Während der eben erwähnte Griff in den Genre-Topf teils recht nachvollziehbare Anleihen und zumindest ungefähre Richtungen erkennen lässt – die sich in etwa Death Metal, Grindcore, Avant-Garde oder auch Progressive Metal schimpfen – klingt das Album in erster Linie (und beim ersten Kaltstart) nach einem musikalischen Wirrwarr, an das man sich erst einmal gewöhnen muss. Sofern das in diesem Fall überhaupt möglich ist, versteht sich.

Wenngleich einem die Klänge auf BANANAS erst etwas fremd vorkommen werden (und das werden sie), so besinnt man sich in jenen Momenten doch auf eine weitaus bekanntere Tatsache – jene, dass vergleichsweise komplexe und vielschichtige Alben Zeit und Raum brauchen, um sich zu entfalten. Und genau diese beiden Dinge sollte man einem Werk wie BANANAS in jedem Fall zugestehen – anders geht es einfach nicht. Direkt zündende Kracher, launige Mitsing-Hymnen oder epische Brecher wird man hier ohnehin vergebens suchen. BANANAS funktioniert viel eher auf eine deutlich subtileren Ebene, auch wenn die Nutzung dieses Begriffes hier etwas schwerfällt.

Geht man also von eben jenem Standpunkt aus, geht es auf BANANAS in erster Linie um eines – um Bananen. Und nicht nur die, sondern auch um viele andere Nahrungsmittel, die wie als Konsumenten tagtäglich verzehren, ohne uns großartige Gedanken zu machen. Und ohne dabei derart entartete Querverweise herzustellen, wie es RETARDED NOISE SQUAD handhaben – zweifelsohne, eine erfrischende und nicht alltägliche Angelegenheit. Dabei offeriert die Musik mindestens zweierlei Zugangspunkte: ein Großteil der Textinhalte allein könnte glatt einem reinen Spaßprojekt zugeordnet werden; je nach Belieben könnte man aber auch tiefer in die Materie einsteigen und den ein oder anderen kritischeren Anhaltspunkt entdecken. Denn gerade im Zusammenhang mit der teils chaotischen, aber doch irgendwie zusammenhängenden Instrumentierung entsteht einstweilen der Eindruck eines ökologisch-gesellschaftlich anprangernden Werkes – wie beispielsweise im Titeltrack BANANAS.

Stichwort Instrumentierung: diese fällt natürlich so bunt (und damit abwechslungsreich) wie nur irgend möglich aus. Von den klassischen Metal-Instrumenten und einer weit mehr als nur soliden Leistung am Schlagzeug (siehe Video unten) geht es bereits im Opener KING ADIPOSITY über zu markanten Cello- und Pianoklängen; was zu einem recht reichhaltigen Klangbild führt. Komplett werden RETARDED NOISE SQUAD aber erst mit ihrer ganz speziellen Art des ‚Gesangs‘ – einem Mischmasch aus männlichen Growls, Shouts, Screams sowie hie und da einer Prise weiblichem Klargesang. Dabei macht es generell wenig Sinn, die einzelnen Titel oder gar einzelne Lied-Passagen des Albums zu analysieren, respektive dies zu versuchen – die Eindrücke befinden sich so gesehen in einem steten Wandel, in Sachen Abwechslung wird ordentlich aufgetischt. Dennoch, und um diesem Text als Musikreview gerecht zu werden; als Highlights stellen sich Titel wie der mannigfaltige Opener KING ADIPOSITY, das trashig-makabere DIE GESCHICHTE VOM SUPPENKASPAR oder der schön dreckige Titeltrack BANANAS heraus.

Fazit: BANANAS sind / ist definitiv etwas besonderes. Aber; hätte man es vielleicht noch besser machen können ? Dies liegt ganz im Auge (oder eher Ohr) des Betrachters, und variiert je nachdem welche Genres dieser bevorzugt. RETARDED NOISE SQUAD sind letztendlich aber keinem einzelnen zuzuordnen – sodass ein etwaiger Wunsch nach ‚mehr‘ von diesem oder jenem Stil / Element fatal wäre. Man lasse sie so agieren, wie sie es möchten – denn offensichtlich fühlen sie sich pudelwohl dabei. Hörer, die zumindest Ansatzweise ein offenes Ohr für experimentierfreudige Musik haben, werden nicht enttäuscht werden – gerade, wenn ihre Wurzeln eher in härteren Gefilden des Heavy Metal liegen. Genau die werden wohl auch die offenbar recht kurzweiligen Live-Shows der Band besuchen und ordentlich abfeiern. Wohl bekommt’s !

Anspieltipps: KING ADIPOSITY, DIE GESCHICHTE VOM SUPPENKASPAR, BANANAS


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