Metal-CD-Review: MORNINGSTARLETT – Morningstarlett (2012)

morningstarlett_debut
Album: Morningstarlett | Band: Morningstarlett (weitere Band-Inhalte)

Land: USA – Stil: Heavy Metal / Heavy Power Metal – Label: Keins / Independent

Alben-Lineup:

Russ Jones – Bass
Andy Ascolese – Schlagzeug
Walter Bianco – Gitarre
Richie Castellano – Gitarre, Gesang (Background)
Ann Marie Nacchio – Gesang (Lead)

01 Overture 03.10
02 I Need To Know For Sure
02.02
03 No One Needs To Know 03.18
04 Tokyo Nights 06.44
05 Believe In The Sword 05.05
06 Runaways 04.01
07 Children Of The Sun 06.13
08 Der Hölle Rache Kocht In Meinem Herzen 02.57
09 Hero Lies 06.54
10 Mother Of Dragons 03.45
11 Oblivion 10.53

Ja, man darf durchaus überrascht sein.

Wie kann Man(n) – oder in diesem Falle Frau – nur ein derart… gelungenes Heavy Metal-Album an den Start bringen ? Und dann auch  noch ohne dass es allzu viele potentiell interessierte mitbekommen ? Tatsächlich ist das Debütalbum MORNINGSTARLETT der gleichnamigen US-Amerikanischen Female-Fronted Heavy Metal-Combo bereits am 31. Oktober 2012 veröffentlicht worden. Einer der Gründe, weshalb es nicht im großen Rahmen vertrieben wurde, ist zweifelsohne die Label-losigkeit der Band – eine kleine Merkwürdigkeit, hört man auch nur eine Sekunde in das vorliegende Album hinein.

Denn: die Qualität spricht in diesem Fall eindeutig für sich. Sowohl in Sachen Gesang, Instrumentenspiel, Songwriting als auch Produktion wissen MORNINGSTARLETT die Messlatte erstaunlich hoch anzulegen – und somit von Anfang an zu begeistern. Und vielleicht auch zu überraschen – denn für ein Debütalbum einer Band, von der man bis dato (wahrscheinlich) noch nichts gehört hat, klingt der Sound schlicht unverhältnismäßig genial. Bei näherem Hinsehen erst offenbart sich, dass all dies nicht von ungefähr kommt: Richie Castellano, der Gitarrist und Background-Sänger der Band; rief MORNINGSTARLETT ins Leben. Als erfahrener Musiker, versteht sich – seit 2004 ist er in der bekannten Hardrock-Combo BLUE ÖYSTER KULT  aktiv. Und auch die anderen Mitglieder können einiges an Erfahrung für sich verbuchen – interessanterweise aber eher in nicht-metallischen Bereichen. Leadsängerin Ann Marie Nacchio beispielsweise hat eine klassische Gesangsausbildung genossen, Gitarrist Walter Bianco ist hauptberuflich als Audio-Mixer in einer Werbefirma tätig. Es wirkt beinahe so, als hätten sich alle Mitglieder vergleichsweise spontan versammelt, um etwas für sie neues auszuprobieren – die Spielart des Heavy Metal.

Beinahe unerklärlich bleibt, wie ein solch qualitatives Material dabei herauskommen konnte. Sei es drum – es ist in jedem Fall gutzuheissen, und der Band hoch anzurechnen. Wofür andere Bands jahrelange Erfahrungen sammeln müssen, greifen MORNINGSTARLETT einfach mal tief in ihre Trickkiste und bedienen sich an ihren offenbar angeborenen Fähigkeiten – und fertig ist ein Debütalbum, welches sich gewaschen hat. Und eines, welches die Konkurrenz mal eben ganz locker abhängt – plötzlich sehen andere Female-Fronted Metalbands ganz, ganz alt aus. Zumindest solche, die sich im gleichen Genre bewegen wie MORNINGSTARLETT – dem eher traditionellen Heavy Metal mit dezenten klassischen Einflüssen. Bereits das Intro, die OVERTURE; lässt anhand der dreiminütigen Instrumentalarbeit großes vermuten. So wohlklingende Gitarren, die innerhalb eines Spektrums aus metallischer Härte und erhabener Melodiebögen ihr Werk verrichten, konnte man schon lange nicht mehr bestaunen. Ebenfalls markant: der Mix und die Produktionsqualität, die keine Wünsche offen lassen. Der Sound klingt schön satt, druckvoll, klar – und organisch.

Ein Intro wie dieses ist an sich schon recht beeindruckend – doch das eigentliche Aushängeschild der Band soll sich erst jetzt und im Opener in Szene setzen. Es ist Leadsängerin Ann Marie Nacchio, die eine wahrhaft bezaubernde Stimme hat – und dabei munter zwischen verschiedenen Stimmlagen und Stimmungen wechselt. Eine Prise operettenhafter Sopran gepaart mit einer Portion schwermetallischer Rauheit; sowie ein wenig Soul aus ihre Jazz-Karriere – und der Begeisterung sind kaum Grenzen gesetzt. Im kurzen, knapp 2-minütigen Intermezzo I NEED TO KNOW FOR SURE kann sie erstmals zeigen, was in ihr steckt – die Pianoklänge und der Musical-artige Gesang erzeugen reichlich Atmosphäre. Um die Stimme erstmals in einem explizit schwermetallischem Gewand begutachten zu können, muss man erst zu Track 3 gelangen – NO ONE NEEDS TO KNOW. Sogleich kristallisiert sich die erste Hymne des Albums heraus – die tollen Soli-Parts, der markante Refrain und die schlicht ergreifend-groovige Gesamtwirkung lassen einen schnell im Takt mitwippen. In exakt dieser Stimmung geht es dann auch weiter: der Auftakt von TOKYO NIGHTS ist ebenso genial. Im weiteren Verlauf gestaltet sich die Nummer zu einem extrem rhythmischen, smoothen Midtempo-Stampfer. Und wieder ist es vor allem die Gitarrenarbeit und der fein abgestimmte Sound des Schlagzeugs, welche den Titel beleben.

Dass MORNINGSTARLETT auch explizit epische Nummern erschaffen können, zeigt das lebendige, mit einem soundtracktauglichen Beginn ausgestattete BELIEVE IN THE SWORD – welches trotz des Titels nach allem klingt – nur nicht nach lauwarm aufgebrühten Klischees. Etwas feucht-fröhlicher wird bei einer Nummer wie RUNAWAYS, die mit einem super-beschwingten Retro-Flair und einem kultverdächtigen Refrain aufwartet. CHILDREN OF THE SUN knüpft wieder an die eher epische Stimmung an, während DER HÖLLE RACHE KOCHT IN MEINEM HERZEN (Die Königin der Nacht aus die ZAUBERFLÖTE) für den wohl aussergewöhnlichsten Moment des ganzen Albums verantwortlich ist. Spätestens jetzt wird jedem klar, dass Leadsängerin Ann Marie Nacchio eine klassische Gesangsausbildung genossen hat – anders wäre dieser Titel nicht zu singen, zumindest nicht auf einem erträglichen Niveau. Eine etwas ungewöhnliche Zur-Schau-Stellung eines offensichtlich vorhandenen Talentes – aber eine durchaus unterhaltsame. HERO LIES rockt noch einmal wunderbar bodenständig, während das folgende MOTHER OF DRAGONS locker als Uptempo Power Metal-Hymne durchgehen könnte. Das abschließende, 10 minütige Epos OBLIVION fährt noch einmal alles auf, was der geneigte Hörer nun an MORNINGSTARLETT liebgewonnen hat. Besonders markant ist hier das Duett zwischen der Leadsängerin und ihrem Bandkollegen Richie Castellano… während im Instrumentalpart Reminiszenzen (ob gewollt oder nicht) an QUEEN ersichtlich werden.

Fazit: Wer meint, dass Verneigungen unangebracht sind; der sollte zumindest einen kleinen Knicks machen. Denn bei aller Bescheidenheit – das, was MORNINGSTARLETT hier abliefern, ist Heavy Metal-Kost der allerbesten Sorte. Sowohl handwerklich als auch kompositorisch und abmischungstechnisch – hier stimmt einfach alles. Für staunende Ohren sorgen nicht nur der markante und unverwechselbare Leadgesang, sondern auch die fetzigen Soli-Parts, der glasklar-druckvolle Schlagzeugpart, der Bass… und grundsätzlich alle Arrangements, die erhabener nicht hätten ausfallen können. Ebenfalls besonders ist, dass sowohl beinharte Heavy Metal-Fans auf ihre Kosten kommen (sofern sie weiblichem Leadgesang gegenüber aufgeschlossen sind), aber auch Freunde der Fusion aus Heavy Metal und Klassik. Gerade jenen ist geraten: unbedingt einmal die Performance von Ann Marie Nacchio in der ZAUBERFLÖTEN-Interpretation, aber auch im finalen OBLIVION antesten – der Wahnsinn. Es wäre eine Schande, wenn MORNINGSTARLETT ihr Dasein als relativ unbekannte Band fristen müsste – während andere (viel, viel schlechtere) Musiker im Glanz des Rampenlichts stehen. Bitte, bringt noch ein zweites Album heraus – nächstes Mal mit Label-Unterstützung und Promotion.

Anspieltipps: NO ONE NEEDS TO KNOW, BELIEVE IN THE SWORD, RUNAWAYS, DER HÖLLE RACHE…, MOTHER OF DRAGONS


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