Metal-CD-Review: MIGHTY THOR – Ragnarok (2019)

Alben-Titel: Ragnarok
Band: Mighty Thor (mehr)
Veröffentlichung: 17. Juni 2019
Land: Mexiko
Spielart / Stil: Power Metal
Label: Keins / Independent

Lineup:

Mario Dorantes – Guitars
Eduardo Gutiérrez – Guitars
Moises Flowers – Drums
Jean Pinet – Bass
Uidemar Cuevas – Vocals

Track-Liste:

1. Las Eddas (02:27)
2. El poder del martillo (05:06)
3. Palmo de Tierra (04:43)
4. Thor (05:36)
5. El regreso del rey (06:58)
6. Mi refugio (05:26)
7. Luz de Asgard (04:36)
8. El ocaso de los dioses (02:56)
9. Ragnarok (05:36)
10. Vientos de guerra (04:12)

Kniet nieder vor eurem neuen Gott.

Eine Power Metal-Band, die sich in ihren musikalischen Geschichtsstunden konsequent um die nordische Götterwelt kümmert und sich ausgerechnet (und zugegeben: relativ plump) MIGHTY THOR nennt; kann doch eigentlich gar nicht gut sein. Erst Recht wenn man bedenkt dass die aus Mexiko stammende Combo bereits seit 2001 aktiv ist, und man trotz der Veröffentlichung von immerhin zwei Studioalben – ganz egal, ob man sich nun als Freund spanischer Genre-Bands bezeichnet oder nicht – nichts oder bestenfalls nur wenig von ihr gehört hat. Nimmt man dann noch das Artwork, die blanken Titelbezeichnungen (wie etwa THOR oder RAGNAROK) sowie die Tatsache hinzu, dass es die Band offenbar (und das erstmals) nicht geschafft hat, bei einem Label unter Vertrag genommen zu werden; so ist der mäßige – oder wohl eher der die sicherlich zu erwartende Enttäuschung vorwegnehmende – Ersteindruck perfekt. Das mag komisch klingen, aber: unabhängig davon ob man tatsächlich so denkt oder nicht, sollte man sich einem Album wie RAGNAROK vielleicht mit exakt dieser Einstellung nähern.

Der Grund dafür ist schnell gefunden: die Überraschung kann, nein sie wird so noch um ein vielfaches größer sein als ohnehin schon – denn tatsächlich klingen MIGHTY THOR wenn überhaupt nur ihrem Namen nach wie eine x-beliebige Power Metal-Band. Und, das kann man ruhig im gleichen Atemzug sagen: mit RAGNOROK liefern sie nicht nur ihr bisher bestes Studioalbum ab – sondern auch eines, das im internationalen Direkt-Vergleich relativ locker einen Großteil der Alben ähnlich agierender Genre-Kollegen zu übertreffen vermag. Und das um ein vielfaches.

Warum genau es eine bis dato eher unbekannte Band (die dazu bereits zwei ältere, alles andere als spektakuläre Alben im Gepäck hat) schaffen kann, urplötzlich einen Treffer wie diesen zu landen; das wissen dabei wohl nur MIGHTY THOR selbst. Fakt ist nur, dass einen Heidenspaß macht das Album zu hören – und nach und nach immer mehr der ureigenen Vorzüge der Mexikaner kennenzulernen. Schließlich ist RAGNOROK nicht nur mit sofort zündenden Uptempo-Hymnen ausgestattet – die in diesem Fall natürlich dazu gehören und MIGHTY THOR wunderbar leicht von der Hand zu gehen scheinen. Nein, denn auch in den vergleichsweise ruhigen Momenten wissen die Mexikaner zu punkten – wie etwa im stampfenden Midtempo-Track PALMO DE TIERRA, dem ebenso symphonisch angehauchten wie rhythmisch brillierenden EL REGRESO DEL REY oder – man soll es eigentlich kaum glauben – der Alben-Ballade MI REFUGIO. Selbige kommt schließlich nicht nur mit der nötigen Portion Gefühl, sondern auch – und das ist meist noch etwas wichtiger – einer vergleichsweise enormen Glaubwürdigkeit daher.

Wer es schneller mag, dürfte dagegen schnell mit Nummern wie dem Opener EL PODER DEL MARTILLO, dem schmackigen THOR oder dem hymnisch-verspielten LUZ DE ASGARD warm werden. Trotz, oder gerade wegen der besungenen Inhalte – die zwar nicht gerade neu sind (und das vor allem nicht im Bereich des Power Metal), dafür aber mit einem umso prägnanteren Nachdruck präsentiert werden. Und auch mit der bereits angesprochenen Glaubwürdigkeit, oder anders gesagt: man hört MIGHTY THOR einfach gerne zu, glaubt und vor allem fühlt was Frontmann Uidemar Cuevas da von sich gibt – und lässt sich voll und ganz auf die hier inszenierte Interpretation nordischer Göttersagen ein.

Dabei wurden die vielleicht hochkarätigsten Titel des Albums noch gar nicht genannt: EL OCASO DE LOS DIOSES und der Titeltrack RAGNAROK. Eigentlich ist ersterer nur ein Interlude, und fungiert als Vorspiel des Titeltracks – doch was MIGHTY THOR bereits hier an Atmosphäre abliefern, spottet jeder Beschreibung. RAGNAROK selbst vereint dann quasi alles, was das Album zuvor bereits schon einmal angedeutet hat – und macht spätetstens im grandiosen Refrain klar, warum es sich hier um das absolute Highlight des Albums handelt. Natürlich, man sollte eine gewisse Vorliebe für einen eher heorisch angehauchten, symphonisch inszenierten Power Metal inklusive einer großzugigen Portion Pathos mitbringen – doch wer nicht allzu engstirnig denkt und Bands wie etwa DRAGONLAND mag, dem dürfte das Schaffen von MIGHTY THOR mehr als nur angenehm vorkommen.

Geht es um eine finale Bewertung, sollte man eines beachten: selbst mit durchgehend hochkarätigen Titeln wie den hier präsentierten wäre RAGNAROK vielleicht noch kein Kandidat für deutlich höhere Wertungssphären – zumal es MIGHTY THOR zumindest im Rausschmeisser VIENTOS DE GUERRA doch noch verpassen, einen würdigen Alben-Abschluss zu kreieren. Nicht, da es sich um einen prinzipiell zu vernachlässigenden Titel handeln würde – doch scheint er mit seiner eher agressiven Gangart, den (hier: eher plumpen) Shouts einfach nicht zum Rest des Albums zu passen.

Davon abgesehen ist jedoch ist festzustellen, dass die Mexikaner selbst auf vermeintlich kleinere Momente bedacht waren – und einen jeden einzelnen Titel zusätzlich mit besonderen Highlights versehen haben. Diese können sich mal in Form eines besonderen Titel-Ausklangs (wie am Ende von EL PODER DEL MARTILLO) oder von symphonischen Einschüben (wie in PALMO DE TIERRA) bemerkbar machen – und noch öfter in sich harmonisch einfügenden Instrumental- und Soliparts. Dass die Leistung der Mitglieder an den Instrumenten noch nicht behandelt wurde, bedeutet in diesem Fall nur gutes – nichts, aber auch gar nichts vermag den Hörgenuss von RAGNAROK zu trüben. Das Gitarrenspiel von Mario Dorantes und Eduardo Gutiérrez ist phänomenal, der von Jean Pinet gespielte Bass schön vordergründig, das von Moises Flowers bediente Schlagzeug prägnant – und der Gesang von Uidemar Cuevas (offenbar ist das sein erster Auftritt auf einem Metal-Album) technisch einwandfrei und emotional mitreißend. Dass die Abmischung und Produktionsarbeit ebenfalls keine Kritik zulässt, macht die Sache perfekt. So perfekt, das eine (fast) perfekte Wertung gezogen werden kann. Und das bei einem Album, von dem es – es sei noch einmal betont – sicher alles andere als erwartet hätte.

Anspieltipps: EL PODER DEL MARTILLO, PALMO DE TIERRA, EL REGRESO DEL REY, LUZ DE ASGARD, EL OCASO DE LOS DIOSES, RAGNAROK


„Die vielleicht größte Überraschung des Power Metal-Jahres 2019.“