Metal-CD-Review: LUCA TURILLIS DREAMQUEST – Lost Horizons (2006)

 

Land: Italien – Genre: Gothic Rock

Introspection

Virus

Dreamquest

Black Rose

Lost Horizons

Sospiro Divino

Shades Of Eternity

Energy

Frozen Star

Kyoto’s Romance

Too Late

Dolphin’s Heart

Gothic Vision

Das Album (komplett unabhängig von den drei Vorgängern und der Cosmic-Vision-Trilogie) startet mit einem zu vernachlässigenden (da 14 Sekunden langen) Intro – und präsentiert als ersten Titel Virus, der durchaus kräftig startet. Schöne Synthie-Einflüsse, eine eingängige Melodie und geniale Chorpassagen lassen schell den Gedanken an alte Comic-Power Zeiten Turilli’s aufkommen. Mit dem Gesang kommt sogleich die wahre Neuerung des Albums daher: er ist weiblich, und das durchgehend. Nun, in diesem ersten Titel geht das Konzept auf: der Gesang wirkt frisch, abwechslungsreich und überhaupt sehr versiert. Dieses gepaart mit der relativ kräftigen Instrumentalisierung (allerdings kein Vergleich zu den drückenden Doublebass-Krachern der Vergangenheit) und den netten Vocal-Spielen im Refrain ergibt eine symbiotische Mischung. Der Song ist eigentlich recht düster, aber dennoch wunderschön und sogar recht episch – die Mischung macht’s.

Dreamquest beginnt ebenso vielversprechend und mystisch, wird dann aber schnell gemäßigter und fokussiert sich klar auf den weiblichen Gesang, der im Refrain höchste Stimmlagen erreicht. Die Instrumentalisierung bietet neben den untermalenden Riffs noch einige „epische“ Elemente, wie spezielle Samples und Chorelemente. Doch im Gegensatz zum vorherigen Titel wirkt dieser hier schon etwas zurückhaltender, ruhiger; und vielleicht sogar noch düsterer. Für Fans von ausschweifenden weiblichen Vocals sicherlich ein besonderer Titel mit viel Potential. Alle anderen, vor allem die „alten“ Turilli-Fans, werden sich nun aber langsam fragen, wohin es mit diesem Album gehen wird – und ob das alte Fanherz doch noch ausreichend bedient werden wird. Black Rose ist einer der minimalistischeren Titel, der erneut auf die Fähigkeiten der Sängerin setzt. Eine Melodie ist leider kaum vorhanden, und auch Höhen und Tiefen gibt es wenige. Die Gitarre kommt beinahe gar nicht zum Einsatz – einzig das Spiel aus leisen und lauten Gesangstönen im Refrain macht diesen Titel halbwegs abwechslungsreich und hörenswert. Insgesamt wirkt er aber zu kraftlos und eintönig, da kann auch der eingespielte Männergesang und die gegen Ende verwendete Synthie-Einlage nicht mehr viel retten. Wenn der Refrain dann noch ein letztes Mal gespielt wird, wirkt er sogar leicht aufdringlich.

Lost Horizons beginnt mit recht merkwürdigen Klängen aus fremdländischen Gesang und ein wenig Instrumenten-Gezupfe. Danach setzt die Instrumentalisierung ein – die besticht zwar durch Klarheit und Sauberkeit, aber auch durch ein sehr langsames Tempo und wenig verspielte Arrangements. Spätestens jetzt wird man feststellen müssen: dieses Album bietet – insgesamt gesehen – wenig Abwechslung, und man muss den weiblichen Gesang schon lieben, um dieses Album in Gedenken an alte Turilli-Zeiten nicht aus dem Fenster zu werfen. Auch dieser Titel wirkt viel zu getragen, viel zu lamentierend, viel zu kraftlos; komplexe Songstrukturen oder Arrangements sucht man vergebens. Und dass, wo man schon auf den Bombast-Metal-Anteil verzichten muss: Double-Bass-Einlagen gibt es keine, und auch die Gitarren halten sich merklich zurück. Mit Sospiro Divino treibt man dieses Konzept dann noch auf die Spitze: italienischer Frauengesang, garniert von ein paar soften Piano-Klängen und sehr leisen Streichern – im Refrain dann die „Explosion“, die allerdings ein wenig Ohrensausen verursacht und auch sonst viel zu sehr nach gängigen Klischees und Massenware (und das bei Luca Turilli !) klingt. „Schuld“ daran ist die fehlende Instrumentalisierung, das Fehlen der großartigen Kompositionen welche Turilli’s erstes und zweites Soloalbum so genial machten.

Dass mit Shades Of Eternity nicht viel neues kommen wird, ist also abzusehen. Immerhin wagte man sich hier an ein kleines Spiel mit der Gesangstimme der Dame, doch ansonsten regiert erneut allgemeine Langeweile und merkwürdigerweise wieder diese Ruhe (ausgehend von der vergleichsweise stillen Instrumentalisierung), die nur von einer inbrünstig singenden Dame unterbrochen wird. Vielleicht gibt es den nötigen Energieschub ja mit Energy ? Immerhin klingt der Titel zu Beginn noch recht nett – erinnert aber wieder stark an Virus, den zweiten Titel des Albums. Dann aber kippt die Stimmung erneut – Eintönigkeit regiert. Und ein Tempo, welches… eines Luca Turillis einfach nicht würdig ist. Es ist doch so: entweder sollte er beim Uptempo-Bleiben (Prophet Of The Last… 10/10), oder aber – wenn es ihn schon in „klassische“ Gefilde zieht – denoch bei seinen komplexen und majestätischen Arrangements bleiben. Aber dieses hier… ? Das ist nichts. Eine Frauenstimme krächzt unentwegt vor sich her, nicht einmal sonderlich angenehm ist diese Stimme – zumindest in Bezug auf ein komplettes Album. Als kleine Bonustracks oder einmalige Titel hätte es ja noch funktionieren können, aber so…

Wenn man schon mal gerade am „Schlauchen“ ist, dann kommt Frozen Star sicher gerade recht. Ein Stück, wie es öder nicht sein könnte – einzig der Refrain kann ein klitzeklein-wenig an Atmosphäre heraufbeschwören. Der Rest… langweilige Lyrics, Zeitlupen-Schlagzeug und Gitarren, kaum zusätzliche Effekte… ein einschläferndes Klangereignis. Ist es also wirklich schon Too Late für dieses Album… ? Nun ja, eigentlich schon. Dieser Titel beginnt sogar noch vergleichsweise kraftvoll (nach den letzten „Krachern“), ein paar leicht sphärische Synthieeffekte… doch dann: Schluss, und aus. Der weibliche Gesang setzt ein, und im gleichen Atemzug geht das Tempo gegen Null und die Instrumente verstummen beinahe. Das ist öde, und kann sonst eigentlich nur von einer Ballade getoppt werden: richtig, wenn man schon schläft sollte man auch nicht jäh wieder aufgeweckt werden. Dafür sorgt die kitschige Ballade Dolphins Heart schon. Wenn ruhige Balladen auf einer CD wie Prophet Of... noch die Ausnahme bildeten und tatsächlich echte „Entschleuniger“ waren (mit sphärischen Klängen, einer „kosmischen Erhabenheit“ eben), dann sind sie auf dieser Scheibe hier das Tüpfelchen auf dem i – also nicht weiter erwähnenswert. Unsere Sängerin darf noch einmal in die höchsten Höhen aufsteigen, hm, beinahe klingt das Finale (beziehungsweise die Passage kurz davor, in der endlich auch einmal wieder die Instrumente wach werden) dieses Titels schon wieder nett. Die Gothic Vison jedoch verheißt nichts gutes – und das, obwohl der Titel vielleicht sogar einer der härtesten dieses Albums ist. Aber noch einer derart geballten Ladung an „Frauenpower“ und gefühlter, instrumenteller Leere fällt es eben auch schwer, noch diesem Album zu lauschen. Aber, eine Passage in diesem Lied besitzt sogar so etwas wie eine Melodie, und erinnert mich irgendwie an einen Refrain des King Of The Nordic…-Albums. Doch davon kann man nun auch absehen, der Rest des Titels dudelt genauso vor sich hin wie das komplette Album.

Zusammenfassend ist das Album wahrlich keine Erleuchtung für „alteingesessene“ Turilli-Fans, die die ersten beiden Solo-Alben des Künstlers (und eventuell noch die schröcklichere dritte) mochten. Mit diesem Kollabo-Projekt bedient er allerhöchstens noch die Fans von weiblichem Gesang, garniert das Ganze mit einer Prise Unkonventionalität – sodass man immerhin keine Chartmusik zu hören bekommt, dies wäre dann das letzte Sakrileg Turilli’s. Aber das Album klingt einfach viel zu eintönig, zu wenig abwechslungsreich. Man hört die Instrumente kaum, und dass, wo der „Meister“ bei Prophet Of The… noch aus dem Vollen (und mehr) schöpfte. Stattdessen hört man nur den weiblichen Gesang – der ist zwar Geschmackssache und könnte einigen gefallen, für einen Luca Turilli ist das aber viel, viel zu wenig. Bis auf die ersten beiden Titel (2,3) und ganz eventuell den letzten (12) könnte man eigentlich alle streichen – diese drei als (ruhige) Bonuszugabe auf einer Turilli-Solo CD, das wäre doch was. Aber leider hat man daraus ja gleich ein ganzes Album gemacht… ein Album zum Ärgern, und zum Einschlafen. Wo sind die so verdammt-epischen Kompostionen, wenn schon das Tempo verschwunden ist ? Gähn, und ein ganz dickes SCHADE, und damit auch: Luca Turilli ist tot, es lebe der „alte“ Luca Turilli !