Metal-CD-Review: HARTMANN – Balance (2012)

Land: Deutschland – Stil: Melodic Rock / Metal

Lineup:

Oliver Hartmann (Gesang, Gitarre)
Mario Reck (Gitarre)
Jürgen Wust (Keyboard)
Armin Donderer (Bass)
Dario Ciccioni (Drums)

01. All My Life (3:56)
02. Like A River (4:06)
03. You Are The One (3:53)
04. Fool For You (4:07)
05. After The Love Is Gone (5:27)
06. Save Me (4:59)
07. Fall From Grace (5:09)
08. From A Star (4:54)
09. Dance On The Wire (4:25)
10. Shout (5:35)
11. Time To Face The Truth (3:11)
12. The Best Is Yet To Come (5:04)

Positive-Rock in seiner Reinform.

Vorwort: Oliver Hartmann – das ist ein Name, den man als eingefleischter Metal-Fan kennen sollte. So war das vielseitige Musik-Talent lange Jahre als Frontmann der Band AT VANCE unterwegs (1999-2002, für 4 Studioalben), unterstützte Tobias Sammet’s Projekt AVANTASIA maßgeblich (als Live-Gitarrist und Sänger), und trat bei zahlreichen einschlägigen Genre-Vertretern als unscheinbarer, aber wichtiger Mann im Hintergrund auf – unter anderem als Background-Sänger für AINA, EDGUY, KAMELOT, RHAPSODY OF FIRE. Doch das ist noch längst nicht alles – schließlich startete HARTMANN bereits im Jahre 2005 auf Solo-Pfaden durch, und veröffentlichte mit seiner Band HARTMANN das Debütalbum OUT IN THE COLD. Es folgten zwei weitere Studioalben, HOME und III – sodass das vorliegende BALANCE bereits der vierte offizielle Output der Frankfurter ist. HARTMANN spielen dabei einen poetisch-positiven Melodic Rock – oder eingedeutscht melodischen Hardrock – der im besten Fall unter die Haut geht und einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Mal sehen, ob das auch auf dem neuesten Album klappt.

Kritik: Nun, allzu lange braucht man auf BALANCE wahrlich nicht, um mit einer besonderen Nummer punkten zu können. Überraschenderweise ist es gleich die erste, ALL MY LIFE, die sich als deutliches Highlight herausstellt und sich auf Anhieb in den Gehörgängen festsetzt. Wohlgemerkt: Frontmann Oliver Hartmann schrieb (bis auf zwei Ausnahmen) alle Titel selbst, so eben auch diesen; den man problemlos als emotionale Goldgrube am Ende des Regenbogens bezeichnen könnte. Der Wahnsinn, was hier an Gefühl aufgefahren wird – und das bei stets hochzuhaltender musikalischer Perfektion. Gerade die flott-beschwingte Gitarrenarbeit überzeugt – gleich an zweiter Stelle nach Oliver Hartmann als Sänger, versteht sich. Der hat wieder einmal die Gelegenheit, seine eindeutig unverwechselbare Stimme zu präsentieren, und sich dabei wenige rauf Härte; als vielmehr auf eine gewisse sympathische Rauheit und eine spürbare Sanftmütigkeit zu konzentrieren. Das wirkt – und vermag auch hartgesottene zu berühren. Dass HARTMANN ein enormes Gespür für Melodien und wirkungsvolle Arrangements an den Tag legen, konnten sie bereits auf den Vorgängeralben beweisen – dieser Eindruck setzt sich nun in Titeln wie LIKE A RIVER fort, einer luftig-lockeren Rocknummer mit tollem Refrain. Das gute: man hält sich in Sachen Keyboardeinsatz und anderen Spielereien deutlich zurück, und spendiert der Musik so ein zusätzliches Maß an Glaubwürdigkeit. YOU ARE THE ONE ist eine weitere Hymne dieser Art, zudem noch mit einem auffälligeren Spannungsaufbau. Der Refrain sorgt abermals für ein beschwingtes Gefühl, und obwohl man sich textlich nicht gerade weit aus dem Fenster lehnt, entfaltet das Liedgut schnell eine eindringliche Wirkung und eine ganz eigene Dynamik.

FOOL FOR YOU rockt ebenfalls gut gelaunt und gemütlich vor sich hin, während das folgende AFTER THE LOVE HAS GONE erstmals deutlich ruhigere, beinahe andächtige Töne anschlägt und so als erste handfeste Ballade des Albums durchgehen kann – entsprechende Textinhalte natürlich inklusive. In der Tat könnten sich manche Hörer darin stören, dass sich ausgerechnet das allseits in Liedern behandelte Thema des Herzschmerzes und der Liebe wie ein roter Faden durch das Album zieht und nur wenige Ausbrüche vorgesehen sind – doch derlei Inhalte gehören schlicht zum Konzept der Band. Wäre man böse, könnte man behaupten, dass so lediglich Klischees bedient werden – doch andererseits merkt man einfach, dass HARTMANN wirklich leben, was sie da erzählen. So funktionieren auch Nummern wie das folgende SAVE ME, die wie ein Hilfeschrei aus der Dunkelheit (hier mit etwas raueren Gitarren) hin zum Licht wirken, und diesbezüglich eine enorm lebensbejahende Wirkung offenbaren. Eine tolle Nummer, bei der einfach alles perfekt aufeinander abgestimmt ist. Nun ward das Tempo noch einmal gedrosselt – das schwermütige FALL FROM GRACE ertönt. Hier tauschen HARTMANN die auf Anhieb eingängigen Arrangements gegen einen etwas epischeren Anspruch ein, was sich auch textlich niederschlägt und entsprechend aus dem Alben-Kontext herausragt.

FROM A STAR glänzt wieder als besinnlich-poetische Rocknummer mit tollem Backgroundgesang im späteren Verlauf, während das stellenweise arg Country-lastige (und dennoch extrem glattgeschliffene) DANCE ON THE WIRE nicht unbedingt als Highlight fungiert. Das selbe muss man indes auch von der Cover-Version des TEARS FOR FEARS-Klassikers SHOUT behaupten, welche gar komplett aus dem Rahmen fällt – nicht nur sinngemäß, sondern auch qualitativ. Als Titel Nummer 10 (12 sind enthalten) und als einzige Cover-Nummer leicht fehl am Platz, kann die Interpretation von HARTMANN dem Original nicht einmal ansatzweise das Wasser reichen. Der einfache Grund: ein Titel wie SHOUT lebt gerade von Momenten der Stille und einem Minimum an Instrumentationen – doch HARTMANN setzen auch hier auf allerlei Gitarren-Verzierungen und bauschen die Soundkulisse entsprechend auf. Die Folge: die eigentliche Wirkung geht verloren, der Neuaufguss wirkt leider stark trivialisiert; auch der Gesang verfehlt hier erstmals vollständig seine Wirkung. Glücklicherweise sind TIME TO FACE THE TRUTH und THE BEST IS YET TO COME wieder zwei ausserordentlich gesangsstarke Nummern, die massiv Gefühl auffahren und als runder Abschluss des Albums fungieren.

Fazit: Wenn man so will könnte man Projekte wie HARTMANN als sinniges Bindeglied zwischen seichter Rockmusik, wie sie im Radio gespielt wird; und einschlägiger Heavy Metal-Szenemusik bezeichnen. So sind auf BALANCE Anleihen beider Richtungen zu finden, allerdings folgerichtig ausgewählt: wenngleich die Band weniger Härte auffährt (was sie grundsätzlich ‚radiotauglich‘ macht), so ist doch eine gewisse Ehrlichkeit und eine enorme Hingabe in allen Kompositionen zu spüren. Das wiederum unterscheidet HARTMANN von vielen anderen Bands, die keinesfalls so fest hinter ihren Werken stehen und sich vielmehr von großen Plattenfirmen oder der Konkurrenz beeinflussen lassen. Und dennoch lassen HARTMANN eine gewisse Leichtigkeit und Selbstironie nicht vermissen – während ihr musikalischer Output direkt zu Herzen geht und so manches Mal tiefgreifende Inhalte aufgreift. Eine wohlfeile Kombination – die man besonders auch auf BALANCE vorfinden und entsprechend genißen wird. Das misslungene Cover von SHOUT sollte man einfach überspringen – sodass einen abzüglich einiger weniger mittelmäßiger ‚Füller‘ ausreichend hochkarätiges Liedgut erwartet. BALANCE ist ein Album voller Hits und Gefühl – sodass gerade solche belohnt werden, die auf eine gewisse ‚Herzigkeit‘ in der Musik aus sind, ohne dass diese entsprechend vorgegeben wird oder unehrlich erscheint.

Anspieltipps: ALL MY LIFE, SAVE ME, FALL FROM GRACE, TIME TO FACE THE TRUTH


75button

„Gelungene musikalische Handarbeit und vielfältige Emotionen.“