Filmkritik: „Der Sohn Von Rambow“ (2007)

der-sohn-von-rambow_500

Originaltitel: Son Of Rambow
Regie: Garth Jennings
Mit: Bill Milner, Will Poulter, Jules Sitruk u.a.
Land: Frankreich, USA, Großbritannien
Laufzeit: ca. 96 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Komödie, Drama
Tags: Kindheit | Vorbilder | Inspiration | Träume | Rambo

Helden mal anders.

Kurzinhalt: England, zu Beginn der 80er Jahre. Der junge Will (Bill Milner) lebt mit seiner verwitweten Mutter Mary (Jessica Hynes), seiner Schwester und seiner pflegebedürftigen Großmutter innerhalb der strengen Glaubensgemeinschaft der Bretheren. Doch auch wenn sich Will längst mit den hiesigen Gepflogenheiten arrangiert hat, läuft nicht alles rund – vor allem nicht in der Schule. Eines Tages, als Will aus religiösen Gründen wieder einmal den Klassenraum verlassen muss; trifft er auf den störrischen Außenseiter Lee (Will Poulter). Trotz dessen, dass die beiden scheinbar Welten trennen kommen die beiden schnell auf einen gemeinsamen Nenner: sie haben ein Faible für den Film. Während es bei Will vor allem die Neugier, die Abenteuerlust und der Reiz des Verbotenen ist; scheint Lee das Filmen in die Wiege gelegt – weshalb er seinen neuen Freund kurzerhand für eine seine zahlreichen Hobby-Projekte einplant, dass er bald auf einem Talent-Wettbewerb präsentieren möchte. Kurz darauf bekommt Wills Mutter Besuch vom Vorstand der örtlichen Glaubensgemeinde, repräsentiert von Bruder Joshua (Neil Dudgeon)…

der-sohn-von-rambow_00

Kritik: Achtung, Spoiler ! Garth Jenning’s SON OF RAMBOW (was kein Rechtschreibfehler ist, sondern eher lizenzrechtliche Gründe hat) geht es vordergründig um eine Etappe im Lebensweg der beiden vor-pubertären Hauptfiguren Will und Lee – und um den Konflikt zwischen vorgegebenen Regeln und einem aufkeimenden Freiheitsdrang. Das besondere: auch wenn SON OF RAMBOW im Kern als klassisches Coming Of Age-Drama fungiert, erzählt Garth Jennings seine Geschichte zweier Freunde dennoch erfrischend anders. Ein Grund dafür ist seine auffällig lockere, einstweilen auch mal explizit makabere Herangehensweise an eine Vielzahl von Themen – die dem Film einen überraschend humoristischen Anstrich verpassen. Einen, der dabei aber niemals allzu plump daherkommt – und einen, der die durchaus vorhandenen kritischen Untertöne nicht zu schmälern vermag. Gerade diese Mixtur macht SON OF RAMBOW letztendlich aus. Wie sicher auch sein Fokus auf das Medium Film an sich, welcher mit einer ganz ähnlichen Form der ungezwungenen Melancholie eingefangen wurde wie einst ein CINEMA PARADISO. Schließlich ist auch SON OF RAMBOW ein quasi-Garant dafür, dass man sich als Zuschauer problemlos in die Rolle der beiden Protagonisten versetzen kann – und dabei auch die ein oder andere eigene Kindheitserinnerung aufflammen könnte.

Doch selbst wenn das nicht der Fall ist, macht es Spaß den beiden ungleichen Freunden zuzusehen – und ihre ansteckende Begeisterung für das Kino und den Film zumindest für einen Moment zu teilen. Analog dazu erhält man aber auch ein Gefühl dafür, was es bedeutet sich schon im Kindesalter mit unterschiedlichen familiären und ansatzweise auch gesellschaftlichen Konfliktsituationen auseinandersetzen zu müssen – man trifft es also recht genau wenn man sagt, SON OF RAMBOW mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu betrachten. Im späteren Verlauf hat der Film sowohl klare Stärken als auch dezente Schwächen – der Auftritt der Figur Didier Revol (Jules Sitruk) beispielsweise passt zum Konzept des Films, fühlt sich aber dennoch etwas zu forciert an. Voll punkten kann Garth Jennings dann mit jenen Szenen, in denen sich Traum und Realität vermischen – was auch der insgesamt höchst gelungenen Gestaltungsarbeit zu verdanken ist. Noch mehr als die geschickte Farb-Akzentuierung, der angenehme Schnitt oder der passig erscheinende Soundtrack fällt dann wohl nur noch die Leistung der beiden Jung-Darsteller Bill Milner und Will Poulter ins Gewicht – die bis dato kam Erfahrungen im Filmgeschäft hatten und dennoch hervorragend abliefern. Ihr spiel wirkt zu jedem Zeitpunkt authentisch und auf eine ganz eigene Art und Weise charmant.

Fazit: Ob als traditionelles Coming Of Age-Drama mit einem starken Fokus auf die Charaktere, eine Grenzen-überwindende Freundschaft und die Kraft der Imagination; oder aber als Hommage an das Medium Film an sich – SON OF RAMBOW überzeugt in nahezu jeder Hinsicht. Neben der gut ausgearbeiteten, vielschichtigen Geschichte bleibt vor allem das an den Tag gelegte Handwerk im Gedächtnis – der Film wirkt wenig beeindruckt von der Masse, und zeichnet einen ganz eigenen Stil. Gleichzeitig kann er sein Potential in Bezug auf viele Zuschauergruppen ausspielen: als reiner Kinderfilm hat er ebenso gute Karten wie als nostalgisch angehauchte Tragikomödie für Erwachsene. Im besten Fall schaut man ihn also im Kreise der Familie – so haben alle etwas davon.

border_01
90button

„Rebellisch, außerordentlich charmant und unterhaltsam – schon jetzt ein Klassiker.“

filmkritikborder

Filmkritik: „E.T. – Der Außerirdische“ (1982)

et-der-ausserirdische_500

Originaltitel: E.T. The Extra-Terrestrial
Regie: Steven Spielberg
Mit: Henry Thomas, Drew Barrymore, Dee Wallace u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 126 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Science Fiction, Drama
Tags: Außerirdischer | Junge | Familie | Gefahr | Nach Hause

So rührend wollte noch niemand nach Hause telefonieren.

Kurzinhalt: Als eines Tages eine Gruppe Außerirdischer auf der Erde landet um zu forschen, werden sie jäh von einer handvoll auf den Plan gerufener FBI-Agenten und NASA-Wissenschaftler unterbrochen. Da die fremden Wesen vermutlich gefangengenommen wären, fliehen sie – und lassen dabei aus Versehen ihren jüngsten Spross zurück. Der flüchtet sich daraufhin in eine nahe Vorstadtsiedlung, und trifft alsbald auf den 10-jährigen Elliot (Henry Thomas). Nach dem ersten Schreck scheinen sich die beiden tatsächlich anzufreunden – woraufhin Elliot den Außerirdischen auf den Namen E.T. tauft. Auch stellt er ihn seinen Geschwistern vor, die zunächst verdutzt reagieren – sich aber ebenfalls schnell mit der liebenswerten Kreatur anfreunden. Die stellt sich schnell als echter Vielfraß heraus, sodass die Küche und die hiesigen Kinderzimmer des öfteren auf den Kopf gestellt werden – und doch schaffen es die Kinder, ihn vor ihrer Mutter zu verbergen. Nach und nach lernt E.T. sogar die menschliche Sprache, woraufhin er einen besonderen Wunsch äußert: er will nach Hause telefonieren, und wieder mit seinen Eltern vereint werden. Problematisch ist nur, dass die Wissenschaftler dem Wesen bereits auf den Fersen sind – und so ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

et-der-ausserirdische_00

Kritik: Achtung, Spoiler ! Es war einmal im Jahre 1982, als ein vielversprechender Nachwuchs-Regisseur E.T. ins Rennen schickte – die Geschichte um ein seltsames außerirdisches Wesen, das sich mit dem jungen Elliot (Henry Thomas) anfreundet. Einige Millionen Zuschauer, 4 Oscars und mehr als drei Jahrzehnte später ist die eigentlich von Drehbuchautorin Melissa Mathison (DER SCHWARZE HENGST, DER INDIANER IM KÜCHENSCHRANK) erdachte Geschichte noch immer in aller Munde – und Regisseur Spielberg längst eine Hollywood-Legende. Eine einstweilen umstrittene, das bleibt kaum aus – doch in jedem Fall war die frühere Schaffensperiode des Amerikaners von so manchem auch heute noch gern gesehenen Highlight gekennzeichnet. Nach dem WEISSEN HAI, UNHEIMLICHE BEGEGNUNGEN DER DRITTEN ART und dem ersten INDIANA JONES sollte E.T. der erste waschechte Familienfilm der bunten Filmografie Spielberg’s sein – einer, der im Laufe der Jahre und Jahrzehnte andere Filmemacher nicht von ungefähr inspirierte (siehe zum Beispiel JOEY oder DER FLUG DES NAVIGATORS). Doch selbst wenn man den mittlerweile in Stein gemeißelten Kultstatus des Films einmal gedanklich außen vor lässt, so finden sich mindestens drei Gründe warum er als Kinder- respektive Familienfilm brillant funktioniert und angenehm zeitlos wirkt. Ob nun in der Originalen, oder anlässlich des 20sten Jubiläums digital überarbeiteten Fassung.

Der erste Grund, oder auch die erste markante Stärke von E.T. liegt wohl in seiner gelungenen Art der Inszenierung; und damit auch der erzielten Gesamtwirkung. Spielberg hat es schließlich geschafft die Geschichte sowohl jüngeren Zuschauern zumuten zu können, als auch ältere zu begeistern. Und somit im besten Fall genau das abzuliefern, was auch angedacht war – eine generationsübergreifende Familienunterhaltung. Anders und in Gegensätzen gesagt: E.T. ist für ein jüngeres Publikum geeignet, und das ganz ohne die erwachsenen Mitseher durch eine zu simple oder gar infantile Machart zu vergrätzen. Der Zweite Grund für die zeitlose, intensive und verträumte Wirkung ist in Falle von E.T. ein regelrechtes Doppel-Feature – und wird durch die Rolle des jungen Elliot und dessen Darsteller Henry Thomas begründet. Zweifelsohne handelt es sich um eine sympathische, durch und durch glaubwürdige Rolle, die dazu noch die perfekte Identifikationsmöglichkeit für jüngere Zuschauer offeriert – und die durch den damals erst 10-jährigen Schauspieler respektabel verkörpert wurde. Der dritte Hauptgrund für das Funktionieren von E.T. als Familienfilm mit allerhand sehenswerten Elementen ist dann schlicht in der überragenden Cinematographie zu suchen und zu finden: Spielberg ließ hier eher ruhige Bilder für sich sprechen, verzichtete auf hektische Schnitte oder allzu drastisch-künstliche Effekte – sodass bereits das erste Aufeinandertreffen von Elliot und E.T. denkwürdig ausfällt und die eher behutsame Erzählweise unterstreicht.

Abgesehen davon vermag es E.T. auch in so gut wie allen anderen Bereichen zu überzeugen – und sei es in Bezug auf die gelungene Maskenarbeit. Markant: E.T. sieht grundsätzlich eher fremdartig und dezent gruselig aus; was zu einer der vielen quasi nebenbei präsentierten Botschaften des Films führt: der erste Eindruck (der in diesem Fall gar von dem ein oder anderen Angst-Schrei garniert wird) kann täuschen. Der Soundtrack stammt von John Williams und entzündet eine seltsame Mischung aus Bombast und Emotionen – die aber gut funktioniert, und nur in vereinzelten Szenen etwas zu dick aufgetragen wirkt. Das gilt teilweise auch für die wohl kritischste Rolle des Films, die von Gertie – die von einer noch sehr jungen Drew Barrymore verkörpert wird. Hierbei kann man sich kaum des Gefühls erwehren, als sei vieles explizit auf eine gewisse kindliche Niedlichkeit getrimmt – die in Anbetracht der einstweilen zu abgebrühten Sprüche schlicht wenig glaubwürdig wirkt und so dezent im Gegensatz zum handfesten Porträt von Elliot steht.

Was bleibt, ist die eigentliche Geschichte – die im Endeffekt zwar nicht sonderlich überraschend ausfällt, dafür aber alles hat was ein guter Kinderfilm braucht. Und sogar noch etwas mehr – schließlich stehen den schon eher üblichen Elementen wie der Selbsterkenntnis, der grenzenlosen Freundschaft oder der Bereitschaft für andere einzustehen noch die Aspekte der Science Fiction zur Seite. Die sollten dann zwar tatsächlich nur jüngere begeistern – doch allein die berühmten Fahrrad-Flugszenen vor der Kulisse des Vollmondes oder die Darstellung des Raumschiffes gegen Ende sollten jedem in Erinnerung bleiben. Ein Film, der den Spagat zwischen kindgerechter Erzählweise und; man nenne sie einmal Bonus-Elementen für Erwachsene noch besser hinbekommen hat war der spätere FLUG DES NAVIGATORS (Review). Doch irgendwer musste es schließlich erst vormachen – was die Wichtigkeit von E.T. nochmals unterstreicht.

Fazit: E.T – der Außerirdische, oder: wie schreibt man Filmgeschichte. Stephen Spielbergs‘ frühes Werk schafft den Spagat zwischen dem (Sparten-)Dasein als reiner Kinderfilm und einer generationsübergreifenden, so gut wie jeden begeisternden Familienunterhaltung. Auch wenn das Szenario einstweilen fantastisch und dezent abgehoben erscheint, so wartet der Film mit eher bodenständigen Kernaussagen auf – die auch die kleinsten verstehen sollten; und die es im besten Fall vermögen die Erwachsenen zu Tränen zu rühren. Inszenatorisch und handwerklich macht E.T. alles richtig – von der behutsamen Art der Kameraführung über die gelungene Kulissen- und Maskenarbeit bis hin zu den starken und rundum sympathischen Charakteren gibt es nichts zu mäkeln. Grundsätzlich könnte man E.T. ’nur‘ als ausgezeichneten Film mit kleineren Schwächen betrachten – doch sein wegweisender Status und die gut zu beobachtende Tatsache, dass er viele andere Genre-Werke beeinflusste führen unweigerlich dazu; dass er sich den Status eines zeitlosen Meisterwerkes verdient hat.

border_01
100button

„E.T. ist abenteuerlich, spannend und fantastisch – aber auch angenehm ungekünstelt, ehrlich und rührend. Ein Zeitloser, wichtiger Kinder- und Familienfilm.“

filmkritikborder

Filmkritik: „The Boys Are Back – Zurück Ins Leben“ (2009)

the-boys-are-back_500

Originaltitel: The Boys Are Back
Regie: Scott Hicks
Mit: Clive Owen, Laura Fraser, George Mackay u.a.
Land: Großbritannien, Australien
Laufzeit: ca. 100 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Familie | Schicksalsschlag | Kinder | Zerrissen | Pläne

Die Rückkehr ins Leben.

Kurzinhalt: Familienvater Joe (Clive Owen) musste schon so manchen Schicksalsschlag verarbeiten – seine Scheidung gehörte da noch zu den harmloseren. Für ihn hat die Trennung schließlich nur einen markanten Nachteil: sein älterer Sohn Harry (George MacKay) lebt nun bei seiner Ex-Frau England. Während sich Joe also nach wie vor als erfolgreicher Sportreporter verdingt und sich zudem um seinen anderen Sohn Artie (Nicholas McAnulty) kümmern kann, geschieht eines Tages ein weiteres Unglück: seine neue Ehefrau Katy (Laura Fraser) kommt plötzlich unter tragischen Umständen ums Leben. Spätestens nach diesem Zwischenfall bekommt Joe immer mehr Schwierigkeiten, sein Privatleben in den Griff zu bekommen – und es auch noch mit seiner Arbeit als Sportreporter zu vereinen. Als sein älter Sohn Harry für einen Besuch nach Australien kommt, geraten die Dinge endgültig aus den Fugen…

the-boys-are-back_00

Kritik: Achtung, Spoiler ! Es ist immer so eine Sache mit Filmtiteln, denn manchmal wollen sie einfach nicht so Recht zum präsentierten passen. Das ist sicher auch bei THE BOYS ARE BACK der Fall – der für den deutschen Markt noch mit dem Zusatz ZURÜCK INS LEBEN ausgestattet wurde, kurioserweise. Denn wo eingedeutschte Titel oftmals versagen, trifft es jener Zusatz schon recht genau. Clive Owen muss sich als gleichermaßen sympathischer wie verzweifelter Familienvater Joe gegen zahlreiche Schicksalsschläge stellen – und sich schlussendlich auch zurück ins Leben kämpfen. Doch ob nun in der Originalfassung oder der durchaus vernünftig synchronisierten: es handelt sich in jedem Fall um ein grundsolides Familien-Drama mit einer überschaubaren Rahmenhandlung und eher wenig Überraschungen – dafür aber einem umso stärkeren und auch intensiveren Charakterfokus.

Jene Charakterporträts, und analog dazu auch die Leistungen der beteiligten Darsteller sind es letztendlich; die den Film tragen respektive über seinen Fall oder Aufstieg entscheiden. Mit Clive Owen in der Hauptrolle hat man dabei eine Art Überraschungswahl getroffen – eine, die aber verdächtig gut aufgeht und den sonst eher rauen Darsteller von einer deutlich verletzlicheren Seite zeigt. Im zur Seite stehen die beiden Kinderdarsteller Nicholas McAnulty und George MacKay, die bis zu diesem Zeitpunkt entweder gar keine oder nur kleinere Rollen gespielt hatten. Doch als ungleiches Geschwister-Paar liefern die beiden speziell in Anbetracht dessen eine hervorragende Leistung ab – zumal ihre betreffenden Rollen in THE BOYS ARE BACK sicher nicht zu den leichteren gehören. Dieses Charakter-Trio steht daher auch folgerichtig im Mittelpunkt der Geschichte – und kann dabei mindestens einen Anflug von Empathie auslösen; im besten Fall sogar noch mehr.

In Bezug auf die andern technisch-handwerklichen Aspekte gibt man sich ebenfalls keine Blöße – und überzeugt neben der guten Kameraführung und einem angenehmen Schnitt mit grandiosen Landschaftsaufnahmen; die in den offenbarten Zusammenhängen auch gern mal für sich sprechen könnten. Alltags-Szenen wie die von Hauptcharakter Joe’s Arbeitsstätte oder die schweifende Blicke auf die zweite Heimat der Familie in Großbritannien lockern das Ganze auf, während der emotionale Soundtrack viele Bilder passend untermalt. Ein Problem ist indes, dass die zahlreichen Orts- und Zeitsprünge etwas unvorteilhaft inszeniert werden und man die somit entstehen Lücken selbst füllen muss. Ähnliches gilt ansatzweise auch für einige Grund-Elemente der Story respektive die Anwandlungen der Charaktere: man kann sich nicht des Gefühls erwehren, dass hie und da markante Details ausgelassen werden. Das mag des öfteren beabsichtigt sein, doch speziell in Anbetracht des offenen Endes hätte man zumindest zuvor für ein wenig mehr Klarheit sorgen können – analog zu einer etwas zielstrebigeren Gangart.

Fazit: THE BOYS ARE BACK schreit eigentlich geradezu danach, ein hoffnungslos schnulziges Familien-Drama mit viel Kitsch und Pathos zu sein – doch überraschenderweise halten sich derlei unerwünschte Auswüchse in Grenzen. Zwar ist die Geschichte sehr emotional und mitunter stark anrührend, doch wird die diesbezügliche Gesamtwirkung eher geschickt und unaufdringlich generiert. Fakt ist: genau so macht man ein gutes, im besten Fall nachhaltig wirkendes Drama. Und wenn sich dann auch noch der Cast sehen lässt und das an den Tag gelegte Handwerk überzeugt – dann kann man eigentlich kaum noch etwas falsch machen. THE BOYS ARE BACK ist somit genau das richtige für einen eher nachdenklichen Filmabend, der dem Zuschauer tiefe Einblicke in ganz besondere zwischenmenschliche Zusammenhänge innerhalb einer Familie ermöglicht.

border_01
80button

„Die Story ist nicht neu, aber die Umsetzung überzeugt – auch durch die eher besonnene Herangehensweise.“

filmkritikborder

Filmkritik: „Herr Der Fliegen“ (1990)

herr-der-fliegen-1990_500

Originaltitel: Lord Of The Flies
Regie: Harry Hook
Mit: Balthazar Getty, Danuel Pipoly, Edward Taft u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Abenteuer, Drama
Tags: Ausflug | Absturz | Einsame Insel | Kinder | Überleben

Der HERR DER FLIEGEN will es noch einmal wissen.

Kurzinhalt: Nach einem Flugzeugabsturz gelangt eine Gruppe von jungen Militär-Kadetten auf eine einsame Insel mitten im Nirgendwo – und muss sich ganz ohne die Hilfe von Erwachsenen zurechtfinden. Zwar hat einer der Piloten überlebt, doch ist er den Kindern aufgrund seiner Verletzung keine große Hilfe. So versuchen sich die Kinder, mit der im besten Fall nur temporären Ausnahme-Situation zu arrangieren – und erste Regeln für ein gerechtes Zusammenleben aufzustellen. Doch obwohl die Kinder gerade in dieser Situation zusammenhalten sollten, zeichnet sich alsbald ein Konkurrenzkampf ab: der erfahrene und grundsätzlich besonnene Ralph (Balthazar Getty) wird immer wieder vom jüngeren Jack (Chris Furrh) herausgefordert. Der gründet bald darauf eine eigene kleine Splittergruppe – und streift fortan als Jäger über die Insel. Doch was zunächst nur der Nahrungsbeschaffung dienen sollte, wandelt sich nach und nach in einen echten Überlebenskampf für alle Beteiligten.

herr-der-fliegen-1990_00

Kritik: Achtung, Spoiler ! Bei der vorliegenden 1990’er Fassung von HERR DER FLIEGEN handelt es sich bereits um die zweite offizielle Verfilmung des Buchstoffes von William Golding. Die erste stammt aus dem Jahre 1963, ist etwas altehrwürdiger – und wurde noch komplett in Schwarzweiß gedreht (siehe Filmkritik). Und obwohl bereits diese ursprüngliche Fassung eine zeitlose, gute und zudem keinen bis kaum Verbesserungsbedarf anmeldende war; hat man sich gute 27 Jahre später doch noch für eine Neuverfilmung entschieden – mit der Folge einer entsprechend gespaltenen Zuschauergemeinde. Immerhin hat sich das Team um Regisseur Harry Hook (der bis dahin nur mit einem einzigen Film in Erscheinung getreten war) wie zuvor schon Peter Brook relativ streng an die Buchvorlage gehalten – sodass die inhaltlichen Unterschiede der beiden Versionen überschaubar bleiben. Markantere Unterschiede finden sich daher vor allem in Bezug auf den Cast – und die handwerklichen Aspekte, die die einsame Insel nun erstmals in Farbe erstrahlen lassen und auch einige geschickt platzierte Zeitlupen-Effekte vorsehen.

Dennoch gibt es hie und da auch inhaltliche respektive inszenatorische Abweichungen – die sich zunächst nur in einem eher kleinen Rahmen bemerkbar machen; aber letztendlich doch eine immense Wirkung auf den Film im gesamten haben können. Da wäre zum Beispiel die Tatsache, dass die 1990’er Version keine klassischen Schul- oder Chorjungen mehr porträtiert – sondern eine Gruppe Kinder aus einer Art Militärakademie. Analog dazu wird auch nicht mehr das im Original vieldeutige Kyrie gesungen und als Teil des Soundtracks genutzt. Bereits eine kleine Änderung wie diese kann zu gänzlich anderen Assoziationen führen. In diesem Falle vornehmlich weniger zweckdienlichen – da man beispielsweise automatisch davon ausgeht, dass diese Kinder andere Voraussetzungen haben in der Wildnis zu überleben.

Gelangt man zu den Umständen des Absturzes, werden ebenfalls nur angedeutete Informationen gegeben wie im Original – doch hat in der 1990’er Version überraschenderweise einer der Piloten überlebt. Wer allerdings davon ausgeht, dass sich das markant auf das Verhalten der Kinder auswirken müsste täuscht sich – im Endeffekt ändert sich nicht viel, zumal der Pilot schwer verwundet ist und die Kinder so gesehen weiterhin alleine über die Insel herrschen. Was genau diese Änderung zu bedeuten hat, wird es später offenbar – nämlich dann, wenn man jenem Piloten einen letzten denkwürdigen Auftritt beschert und ihn zum Monster der Insel macht. Jenes letztendlich nicht durch eine einzelne Person vertretene Monster hatte als Manifestation der Angstgefühle schon im Original eine große Bedeutung. Doch wie sich nunmehr zeigt, war die Art der Darstellung hier eine wesentlich subtilere, stilvollere – und somit auch dezent wirkungsvollere.

Ein weiterer, und gleichzeitig auch der letzte gravierende Unterschied findet sich in Bezug auf den Tod des Charakters Simon – eine der Schlüsselszenen des Originalfilms. Auch hier gilt: wieder weiß das Original zu überzeugen, vor allem in der Retrospektive. Hier wurden die Ereignisse als Folge eines gegenseitigen Aufstachelns im schwachen Licht eines Lagerfeuers dargestellt; während die Neuverfilmung erst gar nicht die Vermutung aufkommen lässt, dass es sich um einen Irrtum gehandelt haben könnte. Die Folge; mit der der Bogen zur eher militaristischen Darstellung der Kinder geschlagen wird, ist die einer schnelleren und noch offensichtlicheren Verwandlung der Kinder – die bereits nach kurzer Zeit nicht vor einem Mord zurückschrecken. Wenn man so will könnte man auch von einer Holzhammermethode sprechen – das Original ging hier deutlich geschickter vor, und ließ den Zuschauer zunächst anhand von subtilen Stimmung das Ausmaß des Schreckens begreifen.

Doch hat die Neuverfilmung auch Vorzüge – die sich allerdings hauptsächlich auf die technischen Aspekte beziehen. Zum einen ist es angenehm, die Insel in Farbe und damit automatisch auch etwas greifbarer zu erleben; was im Zusammenspiel mit den etwas großzügigeren Kameraschwenks und den gefühlt etwas erweiterten Schauplätzen auf der Insel zu einer intensiven Film-Erfahrung führt. Eher überraschend ist, dass auch die Zeitlupeneffekte ihren Zweck ganz und gar nicht verfehlen und dem Film keinen künstlich-modernen Anstrich verliehen. Im Gegenteil: in den zwei entscheidenden Momenten in denen sie eingesetzt werden, sind sie schlicht beeindruckend – und untermauern das inhaltlich bereits angedeutete. In Bezug auf die Leistungen der Darsteller und den Soundtrack gibt es verständlicherweise weitere Unterschiede – doch vom letztendlich erzielten Eindruck nehmen sich Original und Neuverfilmung hier nicht viel.

Fazit: Wie auch immer man generell zu Neuverfilmungen stehen mag – voreilige Schlüsse in Bezug auf entsprechende Werke zu ziehen scheint nur selten ratsam. Schließlich kann es sich trotz aller Bedenken lohnen, sowohl dem Original als auch der Neuverfilmung eine Chance zu geben. Und sie vielleicht auch unabhängig voneinander zu betrachten – wie bei den beiden Versionen von HERR DER FLIEGEN. Im Grunde hätte man der sehr guten Originalversion von 1963 nichts hinzufügen brauchen – und doch wirkt die Neuverfilmung alles andere als lieblos oder so, als wäre sie aus weniger ehrenwerten Gründen realisiert worden. Sicher bleibt es hier vor allem bei den technisch-handwerklichen Vorzügen, während der Inhalt zumeist deckungsgleich bleibt – mit Ausnahme einiger Entscheidungen, die man vielleicht anders hätte treffen sollen. Anders gesagt: die Neuverfilmung ist keinesfalls besser als das Original; die angewandte Holzhammermethode und Vereinfachung in Bezug auf die zu entdeckenden Kernelemente nicht immer angenehm – und doch fühlt sich die 1990’er Version des Films nicht an, als könnte oder sollte man gänzlich auf sie verzichten. Nur wenn man sich für ausschließlich eine Fassung entscheiden müsste, dann sollte die Wahl vielleicht doch eher auf das Original fallen.

border_01
80button

„Über den Sinn oder Unsinn dieser Neuverfilmung lässt sich streiten – doch auch diese Version des klassischen Buchstoffes ist über weite Strecken gelungen.“

filmkritikborder

Filmkritik: „Herr Der Fliegen“ (1963)

herr-der-fliegen_500

Originaltitel: Lord Of The Flies
Regie: Peter Brook
Mit: James Aubrey, Tom Chapin, Hugh Edwards u.a.
Land: Großbritannien
Laufzeit: ca. 92 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Abenteuer, Drama
Tags: Ausflug | Absturz | Einsame Insel | Kinder | Überleben

Wer oder was ist der HERR DER FLIEGEN ?

Kurzinhalt: Kurz nachdem eine Gruppe englischer Schulkinder zu einem Urlaubsausflug mit einer Propellermaschine aufgebrochen ist, kommt es zu einem schwerwiegenden Zwischenfall. Das Flugzeug wird von einem Blitz getroffen und stürzt ab, scheinbar auf offener See. Doch die Kinder haben Glück im Unglück: ganz in der Nähe befindet sich eine einsame Insel, auf die sie sich gerade noch so retten können. Weniger Glück hatten indes die Piloten: von ihnen fehlt zunächst jede Spur; sodass die Kinder vollkommen auf sich alleine gestellt sind. Nach und nach sammeln sich die Überlebenden um Ralph (James Aubrey) und Piggy (Hugh Edwards), die eine erste Versammlung einberufen und einen Anführer bestimmen. Die Wahl fällt schnell auf Ralph – doch speziell Jack (Tom Chapin) aus der kleineren Chorgruppe der Schule scheint davon wenig begeistert. Als es zur Bewältigung der ersten Aufgaben kommt, gründet Jack die Jäger – jene Gruppe, die sich fortan auf die Suche nach Tieren machen würde um für Nahrung zu sorgen. Doch das allgemeine Unheil nimmt bald seinen Lauf… und die Verwilderung der Kinder nimmt immer groteskere Züge an.

herr-der-fliegen_00

Kritik: Achtung, Spoiler ! HERR DER FLIEGEN basiert auf dem gleichnamigen Roman von William Golding, und ist sowohl in der Ursprungs- als auch 1969 erstmals umgesetzten Filmform mit einem enormen Kultstatus versehen. Warum das so ist, wird schnell offenbar: die hier behandelte, in jeder Hinsicht dramatische Geschichte ist nicht nur eine vergleichsweise zeitlose – sondern auch eine, die die Leser respektive Zuschauer in einer etwas anderen Art und Weise berührt als es in Anbetracht des übergeordneten Genres üblich wäre. Schließlich geht es nicht um das typische Aufarbeiten eines Unglücks oder Schicksalsschlages, sondern vielmehr um das zeitlich unbestimmte Erleben einer verzweifelten Situation. Einer solchen, in der eine handvoll unbeaufsichtigter Kinder potentiell lebenslang auf einer einsamen Insel gefangen ist – ohne Aussicht auf Rettung, dafür aber mit der ständigen Gefahr einer völligen Eskalation der bereits von Beginn an wackeligen Hierarchie und des eigentlichen Zustands der Kinder.

Eine solche Prämisse schreit dabei nicht unbedingt nach einem breiten Publikum – was die Sache umso spannender macht. Überhaupt: wer hier gähnende Langeweile erwartet; der wird schnell eines besseren belehrt, denn gerade der Faktor einer größtmöglichen Authentizität macht den Film aus. Im Fokus steht dabei das Porträt der Kinder, die zunächst noch davon ausgehen bald gerettet zu werden. Schnell macht sich jedoch auch Angst breit – die sich in einem undefinierbaren Monster manifestiert und letztendlich auch zum Kernaspekt dieses Films avanciert. So zeigt HERR DER FLIEGEN gleichermaßen behutsam wie analytisch auf, welche Entwicklung die Kinder fernab der Zivilisation, allein unter sich und ohne größere äußere Einflüsse durchmachen. Durch das Fingerspitzengefühl der Macher; sowie der relativ strikten Orientierung an der Buchvorlage ist die erzielte Wirkung eine vergleichsweise intensive, im weiteren Filmverlauf mehr und mehr verstörende – was mit ein Grund ist weshalb man HERR DER FLIEGEN weniger als Film im eigentlichen Sinne, denn vielmehr als erschreckend realistische Sozialstudie betrachten könnte.

Eine; und das ist das besondere – die sich nicht nur auf die schiere Ausnahmesituation auf der Insel bezieht, sondern auch als Parabel auf die Gesellschaft verstanden werden kann. Speziell in Bezug auf die Rollenverteilung der Kinder ergeben sich hier vielerlei Parallelen – wie etwa beim eher stillen und introvertierten Außenseiter Simon, der als einer der wenigen einen kühlen Kopf bewahrt (Filmzitat: „vielleicht gibt es gar kein Monster, vielleicht sind es wir selbst“) und sich letztendlich gegen die Masse stellt. Welchen Preis er, oder aber der resolute Anführer Ralph für ihr Verhalten zahlen müssen steht auf einem anderen Blatt – und wird erst dann offenbar, als Jack seinen einen Urinstinkt (die Angst) gegen andere (das pure Überleben und den blinden Jagdtrieb) eintauscht und damit ebenfalls zahlreiche Anhänger um sich schart. Diese Form der Bildung einer tumben Masse; jene gefährliche Gruppendynamik ist es schließlich auch die für das eigentlich entstehende Gänsehaut-Gefühl von HERR DER FLIEGEN verantwortlich ist. Weil sie, und das sei noch einmal erwähnt; sowohl auf die Situation auf der Insel allein bezogen werden kann – aber eben auch auf diverse Gesellschaftsstrukturen. Vornehmlich solchen, in denen Menschen möglicherweise mit dem Leben bezahlen müssen wenn sie anders denken oder handeln als die meisten – auch ohne, und das ist das erschreckende: dass es eine entsprechende Hierarchie (wie etwa eine Diktatur) befürwortet.

Die Bildqualität ist entsprechend des Erscheinungsjahres nicht immer optimal – doch durch den reinen Schwarz-Weiss-Ton gewinnt das Projekt zusätzlich an Wirkungskraft und wirkt zeitlos. Spezielle Einzelszenen, wie etwa in Bezug auf den Tanz um das Lagerfeuer brennen sich schnell in das Gedächtnis – weil sie inhaltlich gut untermauert; aber auch schlicht hervorragend inszeniert werden. Somit entsteht das Gefühl, als müsste man sich tatsächlich als stiller Beobachter auf der Insel befinden. Eine besondere Bedeutung wird auch dem insgesamt dezenten Soundtrack zuteil, der mit dem perfekt auserwählten klassischen Chorstück Kyrie weitere Deutungsebenen zulässt.

Fazit: Die 1963’er Verfilmung zu HERR DER FLIEGEN glänzt in vielerlei Hinsicht – und was eher selten ist, sogar im direkten Vergleich mit der Buchvorlage. Die Prämisse ist außergewöhnlich, das Porträt der Charaktere intensiv, die erzielte Wirkung aufrüttelnd – und der damit erzielte Unterhaltungswert im Sinne eines ungeschönten Survival-Trips einer Gruppe Kinder enorm. Für die technisch-handwerklichen Aspekte sprechen die zeitlose Optik, der passige Soundtrack sowie das Schauspiel aller beteiligten Kinderdarsteller – das ohne Zweifel als konkurrenzlos betrachtet werden kann. Lediglich ein kleiner Wermutstropfen, der gleichzeitig eine Höchstwertung verhindert; bleibt: einstweilen kommt das Gefühl auf als würde der Schauplatz zu stark eingegrenzt. Eventuell hätte man die Kinder noch tiefer in die Wildnis der Insel vordringen lassen; sowie einen stärkeren Fokus auf die Nahrungs- und Wasserbeschaffung (als unbedingte, aber interessanterweise leicht vernachlässigte Elemente des Überlebenskampfes) legen sollen. Sei es drum – HERR DER FLIEGEN ist ein außergewöhnliches Kleinod und ein Meilenstein der Filmgeschichte.

border_01
95button

„Ein zu Recht kultiges Survival-Drama – und zugleich eine der vielleicht besten Buchverfilmungen überhaupt.“

filmkritikborder