Metal-CD-Review: BLIND GUARDIAN – Beyond The Red Mirror (2015)

Alben-Titel: Beyond The Red Mirror
Künstler / Band: Blind Guardian (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 30. Januar 2015
Land: Deutschland
Stil / Genre: Power Metal
Label: Nuclear Blast

Alben-Lineup:

Hansi Kürsch – Vocals
André Olbrich – Guitars
Marcus Siepen – Guitars
Frederik Ehmke – Drums

Track-Liste:

1. The Ninth Wave (09:28)
2. Twilight of the Gods (04:50)
3. Prophecies (05:26)
4. At the Edge of Time (06:54)
5. Ashes of Eternity (05:39)
6. The Holy Grail (05:59)
7. The Throne (07:54)
8. Sacred Mind (06:22)
9. Miracle Machine (03:03)
10. Grand Parade (09:28)

Vom Wunderland hinter dem Spiegel.

Gute 5 Jahre nach ihrem neunten Studioalbum AT THE EDGE OF TIME (siehe Review) erschien 2015 das bis heute letztaktuelle BLIND GUARDIAN-Album BEYOND THE RED MIRROR. Und damit auch ein Album, welches die Tradition der Band in vielerlei Hinsicht fortsetzte – und das nicht nur in Bezug auf das fantastische Artwork oder die Anzahl von exakt 10 vollwertigen Alben-Titeln. Mindestens einen Unterschied zum Vorgänger gibt es dann aber doch, und der spielt (wie nicht selten in der hiesigen Diskografie) auf das durchaus ehrenwerte Bestreben der Band an, sich mit ihrem jeweils neuesten Album nicht bloß wiederholen zu wollen. Ehrenwert ist das vor allem deshalb, da man so erst die Chance erhält näher zwischen den Alben der Genre-Pioniere differenzieren zu können – die sich seit dem früh vollzogenen Wandel der Band von einer Speed Metal-Combo in eine auf eine gewisse Epik ausgerichtete Power Metal-Formation allesamt in einem stilistisch gut zueinander passenden Fahrwasser bewegen. Dennoch, und wie sich zeigt birgt diese Form des minimalen, sich aber doch hörbar auswirkenden Neu-Erfindens auch eine gewisse Gefahr. Im größeren Kontext und in Bezug auf die gesamte Diskografie der Band bedeutet dies, dass BLIND GUARDIAN eine der; man nenne es qualitativ abwechslungsreichsten Diskografien überhaupt vorweisen können – und im kleinen Kontext, das heißt in Bezug auf das vorliegende BEYOND THE RED MIRROR; dass sich die Band abermals einen Schritt in eine so nicht unbedingt wünschenswerte Richtung erlaubt hat.

Sicher handelt es sich hierbei um eine etwas zugespitzte Formulierung, aber dennoch: gerade im Vergleich mit dem direkten Vorgänger AT THE EDGE OF TIME macht BEYOND THE RED MIRROR eine wesentlich schlechtere Figur als erwartet. Zwar legen es BLIND GUARDIAN hörbar darauf an, gerade das zu vermeiden – beispielsweise in Form ihrer dieses Mal doch recht üppig inszenierten symphonischen Facette inklusive eines echten Orchesters und Chors. Doch trotz der somit eigentlich zu erwartenden klanglichen Reichhaltigkeit ist das Album kurioserweise alles andere als spannend oder nennenswert facettenreich ausgefallen; oder mehr noch: über weite Strecken klingt es einfach nur ärgerlich langatmig. Woran genau das liegen könnte, ist schwer zu sagen – Fakt ist nur, dass es nicht auf die Leistungen der einzelnen (und der Band schon seit unzähligen Jahren die Treue haltenden) Mitglieder oder aber die zahlreichen anderen am Album beteiligten und dabei ebenfalls ihr Handwerk verstehenden Musikern zurückgeführt werden kann. Wobei, ganz stimmt das nicht – denn letztendlich muss sich ja irgendjemand für das Songwriting und das Konzept als vermutlich einzigen und wahren Knackpunkt von BEYOND THE RED MIRROR verantwortlich zeichnen. Wer genau hier welche Entscheidung zu welchem Zeitpunkt herbeigeführt hat, spielt dabei allerdings keine allzu große Rolle – nur, dass sie sich eher schlecht als recht auf das Album auswirken.

Vielleicht wollten BLIND GUARDIAN aber auch einfach zu viel – worauf bereits der überlange, mit wuchtigen Chor-Passagen ausgestatteter Opener THE NINTH WAVE hinweist. Aber auch wenn insbesondere der Orchester-Auftakt einen für BLIND GUARDIAN eher ungewöhnlichen Eindruck hinterlässt, ist der gar nicht erst das eigentliche Problem. Dieses findet sich schließlich erst im weiteren Verlauf, und folglich auch mit der Entwicklung der Nummer – der dabei ganz offensichtlich einige Stolpersteine in den weg gelegt wurden. Anders sind die stellenweise auftretenden, in Anbetracht des bisherigen Werdegangs der Band überraschend langatmigen und unspektakulären Momente wohl kaum zu erklären – wobei es sich um eine Form der Gleichförmigkeit handelt, die sich unglücklicherweise auch durch den Rest des Albums zieht. Viel zu oft hat man das Gefühl, als würden sich BLIND GUARDIAN aus unbestimmten gründen zurückhalten – was sich hier insbesondere durch die sich stark ähnelnden Strukturen und Stimmungen, das Ausbleiben von nennenswert andersartigen und die Atmosphäre befeuernden Titeln (MIRACLE MACHINE ist eine Ausnahme, aber leider keine besonders gute), das Fehlen von klaren Highlights sowie die relative klanglichen Dissonanzen in Bezug auf die nicht ganz glückliche Abmischungs- und Produktionsarbeit beziehen.

Ein in diesem Fall ebenfalls nicht zu verachtender Kritikpunkt (mit dem die Band im übrigen schon des öfteren zu kämpfen hatte) bezieht sich auf die überlagerten Gesänge sowie die Inszenierung der Chöre, die auf BEYOND THE RED MIRROR einen alles andre als wuchtigen oder ausgewogenen Eindruck hinterlassen – und so dazu führen, dass sich die Nummern noch gleichförmiger anfühlen als ohnehin schon. Aber auch Leadsänger Hansi Kürsch hat schon einmal eine bessere Figur gemacht – was den insgesamt doch eher enttäuschenden Eindruck des Albums unterstreicht. Momentan mag es zwar ein schwacher Trost sein, aber: wenn man so will und der bisher eigentlich immer bei der Betrachtung von BLIND GUARDIAN aufgegangen Rechnung traut, sollte das nächste Album wieder ein Highlight werden…

Absolute Anspieltipps: AT THE EDGE OF TIME, THE HOLY GRAIL


„Das erste deutlicher enttäuschende BLIND GUARDIAN-Album als hoffentlich nur einmaliger Ausrutscher.“

Metal-CD-Review: BLIND GUARDIAN – At The Edge Of Time (2010)

Alben-Titel: At The Edge Of Time
Künstler / Band: Blind Guardian (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 29. Juli 2010
Land: Deutschland
Stil / Genre: Power Metal
Label: Nuclear Blast

Alben-Lineup:

Hansi Kürsch – Vocals
André Olbrich – Guitars
Marcus Siepen – Guitars
Frederik Ehmke – Drums

Track-Liste:

1. Sacred Worlds (09:17)
2. Tanelorn (Into the Void) (05:58)
3. Road of No Release (06:30)
4. Ride into Obsession (04:46)
5. Curse My Name (05:52)
6. Valkyries (06:38)
7. Control the Divine (05:26)
8. War of the Thrones (04:55)
9. A Voice in the Dark (05:41)
10. Wheel of Time (08:55)

Je knapper die Zeit, umso größer der Schöpfungsdrang ?

Man mag über sie denken was man will, aber: trotz dessen, dass sie schon seit unzähligen Jahren im Geschäft sind, mindestens einen markanten Stilwechsel vollzogen und dabei auch das ein oder andere Experiment gewagt haben; standen die deutschen Power Metaller von BLIND GUARDIAN noch zu keinem Zeitpunkt vor der Gefahr, sich in irgendeiner Form die Blöße zu geben. Dementsprechend – und mal abgesehen von ihrer ohnehin vorhandenen Wegbereiter-Funktion – sind sie mit ihren bis dato veröffentlichten, allesamt rundum zufriedenstellenden Studioalben auch nicht mehr aus der allgemeinen Power Metal-Szene wegzudenken. Dennoch, und das gilt längst nicht nur für BLIND GUARDIAN; ist es nur selten ratsam sich auf seinen bisherigen Erfolgen auszuruhen – weshalb das Bestreben immer neue Höhen zu Erreichen auch noch nach vielen Jahren vorhanden sein kann oder sollte. Zumindest im besten Fall – und glücklicherweise auch in Anbetracht eines Albums wie AT THE EDGE OF TIME, dem mittlerweile neunten offiziellen Langspieler der niemals ruhenden Power Metaller.

Anders gesagt: auch wenn bisher kein einziges BLIND GUARDIAN-Album Schwächen aufwies die den Hörgenuss in einer wirklich nachhaltigen Art und Weise hätten trüben können, ließen die Krefelder hie und da doch etwas Luft nach oben. Was nur verständlich ist, auf die auch bei einer großen Band wie dieser vorhandenen (menschlichen) Makel hinweist – und eine spezifischere Differenzierung zwischen den einzelnen Alben überhaupt erst möglich macht. Während der Vorgänger A TWIST IN THE MYTH (siehe Review) also möglicherweise nicht zum besten gehörte, was die Band der geneigten Hörerschaft jemals präsentiert hatte; schien die Band auf dem 2010 nachgeschobenen AT THE EDGE OF TIME noch einmal deutlich zugelegt zu haben. Und das in mehrerlei Hinsicht – vor allem aber was die an den Tag gelegte Härte, den spürbaren Druck und auch die Ausgewogenheit zwischen antreibend-rassigen Momenten und den für die Band typischen folkloristischen oder balladesken Einschüben betrifft. Betrachtet man den überraschend gut funktionierenden Opener SACRED WORLDS, sicher auch den symphonischen – die bei BLIND GUARDIAN eher selten Verwendung finden, hier aber schon einmal für einen vergleichsweise erfrischenden Alben-Auftakt sorgen.

Schon kurz darauf, und mit Titeln wie TANELORN oder RIDE INTO OBSESSION macht sich die im Gegensatz zum noch etwas luftigeren Vorgänger neu entdeckte Härte und Griffigkeit von BLIND GUARDIAN bemerkbar – die dem Album einen ebenso interessanten wie antreibenden Charakter einverleibt, und die dazwischenliegenden Titel wie etwa das stampfende ROAD OF NO RELEASE oder das für die Band typische Folk-Intermezzo CURSE MY NAME zu wunderbar aufgehenden atmosphärischen Einschüben macht. Was darauf folgt, ist ebenfalls nicht von schlechten Eltern – läuft dann aber zugegebenermaßen auch mal Gefahr, etwas zu eintönig zu klingen. Während das recht ansprechende VALKYRIES dabei eigentlich nur – und leider – im Refrain schwächelt, wirkt sich das insbesondere bei einer sich nicht wirklich für eine Marschrichtung entscheidenden Nummer wie CONTROL THE DIVINE eher negativ aus. Glücklicherweise haben BLIND GUARDIAN aber noch etwas in Petto – und das ist das höchst geniale Trio aus der fast schon magischen Ballade WAR OF THE THRONES, dem Gassenhauer A VOICE IN THE DARK (der richtigerweise auch als Videosingle ausgekoppelt wurde) sowie dem episch aufgemachten und überlangen Rausschmeißer WHEEL OF TIME; der noch einmal alles abreißt was geht.

Letztendlich handelt es sich damit um ein BLIND GUARDIAN-Album, dass wieder mal einen dezenten Vorsprung gegenüber seinem direkten Vorgänger aufzuweisen vermag – und demnach auch in keiner gut sortierten Power Metal-Sammlung fehlen sollte.

Absolute Anspieltipps: SACRED WORLDS, TANELORN, RIDE INTO OBSESSION, VALKYRIES, A VOICE IN THE DARK, WHEEL OF TIME


„Ein vor allem zum Auftakt und zum Ende immens starkes BLIND GUARDIAN-Album.“

Metal-CD-Review: BLIND GUARDIAN – A Twist In The Myth (2006)

Alben-Titel: A Twist In The Myth
Künstler / Band: Blind Guardian (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 01. September 2006
Land: Deutschland
Stil / Genre: Power Metal
Label: Nuclear Blast

Alben-Lineup:

Hansi Kürsch Vocals
André Olbrich – Guitars
Marcus Siepen – Guitars
Frederik Ehmke – Drums

Track-Liste:

1. This Will Never End (05:07)
2. Otherland (05:14)
3. Turn the Page (04:16)
4. Fly (05:43)
5. Carry the Blessed Home (04:03)
6. Another Stranger Me (04:36)
7. Straight Through the Mirror (05:48)
8. Lionheart (04:15)
9. Skalds and Shadows (03:13)
10. The Edge (04:27)
11. The New Order (04:49)

Ganz so groß ist die Überraschung dann doch nicht.

Gute 4 Jahre nach dem ebenso überraschenden wie überraschend guten A NIGHT AT THE OPERA (2002, siehe Review) legten die angestammten Genre-Pioniere von BLIND GUARDIAN ihr zum Zeitpunkt der Veröffentlichung achtes Studioalbum A TWIST IN THE MYTH nach. Selbiges beinhaltet 11 Titel bei einer Gesamtspielzeit von knapp 51 Minuten, kommt mit einem für die Band typisch-fantastischen Artwork daher – und schickte sich an, die ebenso wahnwitzige wie unvergleichliche Erfolgsgeschichte der bereits seit 1984 aktiven Kult-Band fortzusetzen. Ob dies den stets in vielerlei Hinsicht engagierten Recken um Frontmann Hansi Kürsch aber auch tatsächlich gelungen ist, ist eine andere Frage. Denn wie so oft – und speziell in Anbetracht der doch recht turbulenten (und teilweise umstrittenen) Diskografie der Band – zeigte sich, dass auch hinter einer legendären Combo wie BLIND GUARDIAN nur Menschen stecken. Menschen, die sich glücklicherweise als waschechte Vollblut-Musiker profilierten – und der Metal-Welt dabei das ein oder andere hochkarätige, im besten Fall auch bis heute nachhallende Geschenk bereiteten. Gleichzeitig sollte man aber auch von Musikern ausgehen, die in ihrem Geschäft – und im Hinblick auf die nicht selten über viele Jahre (oder Jahrzehnte) aktive Konkurrenz – nicht gänzlich davor gefeit sind, Fehler zu begehen.

Und auch wenn es sich hierbei um eine absichtlich etwas zugespitzte Formulierung handelt – und A TWIST IN THE MYTH folglich weit davon entfernt ist, um als Fehler durchgehen zu können – schienen sich BLIND GUARDIAN nach ihren bis dato an den Tag gelegten Erfolgen erst einmal dezent zurückgelehnt zu haben. Sicher taten sie das nicht wirklich, zumal auch A TWIST IN THE MYTH ein rundum spannendes, vielschichtiges und alles andere als dahingeschludertes Genre-Album ist – doch im Vergleich mit einigen der Vorgänger-Alben konnte sich schlicht kein ähnlich intensiver Eindruck einstellen. In wie weit das zwischenzeitliche Ausscheiden des Gründungsmitgliedes Thomen „The Omen“ Stauch mit einer Feststellung wie dieser korrespondiert oder korrespondieren kann, ist ohne eine intensivere Nachforschung kaum zu belegen – doch vermutlich lag es nicht allein an seinem Weggang. Weitaus wahrscheinlicher ist, dass BLIND GUARDIAN nach seinem Weggang schlicht und ergreifend nicht in ihrer besten Form waren – und das Album so etwas weniger an Kraft, Ausdruck und Variabilität mitbringt, als man es eigentlich von der Band gewöhnt ist.

Vielleicht könnte man auch behaupten, dass A TWIST IN THE MYTH ziemlich genau da weitermacht wo A NIGHT AT THE OPERA aufgehört hatte – nur in einer gefühlt etwas abgespeckteren Version, und folglich auch mit weitaus weniger Überraschungen. Besonders markant ist in diesem Zusammenhang die auf A TWIST ON THE MYTH zusätzlich hervorgehobene Komponente in Richtung einer Rock-Oper – was den insgesamt eher weichen und zugänglich wirkenden Eindruck des Albums auch recht gut beschreibt. Doch das ist nicht das Hauptproblem – wobei es generell schwerfällt wirklich den einen Knackpunkt auszumachen, der so nur auf A TWIST IN THE MYTH vorkommt. Vielmehr steckt der Teufel im Detail, und offenbart sich stets häppchenweise – etwa in Bezug auf die vielen eher harmlos-rockigen Stampfer a’la TURN THE PAGE, CARRY THE BLESSED HOME, ANOTHER STRANGER ME, THE NEW ORDER oder DEAD SOUND OF MISERY. Selbstverständlich gilt auch hier, dass BLIND GUARDIAN ihr Handwerk nicht verlernt haben und selbst in Nummern wie diesen immer wieder auf das ein oder andere Highlight aus sind – beispielsweise in Form von schmackigen Soli. Doch das Gefühl, als würde die Band hier um ihr Leben spielen respektive wirklich alles geben; stellt sich eher nicht ein.

Titel wie der Opener THIS WILL NEVER END, OTHERLAND oder auch das sich erst im weiteren Verlauf entwickelnde FLY schneiden da schon wesentlich besser respektive interessanter ab – wobei es schade ist, dass BLIND GUARDIAN nicht auch hier noch etwas öfter auf das Gaspedal gedrückt haben, und insbesondere die Refrains eher schlecht als recht abschneiden. Mit verantwortlich dafür ist die; man nenne sie einmal dezent ertränkende Klang-Komponente – die durch den recht großzügigen Sound der überlagerten Gesänge dazu führt, dass die Refrains alles andere als differenziert oder einzigartig klingen. Selbstverständlich gilt, dass es sich trotz allem um ein super-solides Genre-Album handelt (und vielleicht sogar eines, dass so manche Konkurrenzband vor Neid erblassen lassen sollte) – doch im Sinne der jeweils herauszupickenden absoluten Highlights der BLIND GUARDIAN-Diskografie sollte man die Rechnung vielleicht doch lieber ohne A TWIST IN THE MYTH machen.

Absolute Anspieltipps: THIS WILL NEVER END, OTHERLAND, SKALDS AND SHADOWS


„Ein nicht gänzlich vor Schwächen gefeites Album aus der BLIND GUARDIAN-Diskografie.“

Metal-CD-Review: BLIND GUARDIAN – A Night At The Opera (2002)

Alben-Titel: A Night At The Opera
Künstler / Band: Blind Guardian (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 01. März 2002
Land: Deutschland
Stil / Genre: Power Metal
Label: Virgin Records

Alben-Lineup:

Hansi Kürsch – Vocals
Marcus Siepen – Guitars
André Olbrich – Guitars
Thomas Stauch – Drums, Percussion

Track-Liste:

1. Precious Jerusalem (06:22)
2. Battlefield (05:37)
3. Under the Ice (05:45)
4. Sadly Sings Destiny (06:05)
5. The Maiden and the Minstrel Knight (05:30)
6. Wait for an Answer (06:30)
7. The Soulforged (05:18)
8. Age of False Innocence (06:06)
9. Punishment Divine (05:45)
10. And Then There Was Silence (14:06)

Geschichten einer verwunschenen Nacht.

Gute 4 Jahre nachdem die deutschen Power Metal-Pioniere von BLIND GUARDIAN ihre Hörer auf eine fantastische Reise in Richtung der Gefilde von Mittelerde eingeladen hatten (NIGHTFALL AT MIDDLE-EARTH, siehe Review) erschien 2002 auch schon das nächste vielversprechende Werk aus der engagierten und allseits bekannten Metal-Schmiede. Selbiges horcht auf den Titel A NIGHT AT THE OPERA, beinhaltet 10 Titel bei einer Gesamtspielzeit von knapp 67 Minuten – und bewegte sich im Gegensatz zu seinem direkten Vorgänger etwas weiter weg vom zuvor noch recht üppig behandelten TOLKIEN-Universum. Da die Band aber bereits unter Beweis gestellt hatte, dass die in der Lage wäre so gut wie jede Geschichte in ihrem musikalischen Sinne perfekt aufzubereiten – und dementsprechend auch für ein breiteres Publikum schmackhaft zu machen – war dies auch kein großes Problem. Zumal, und das markiert eine der inhaltlichen Besonderheiten von A NIGHT AT THE OPERA; die gefundene Alternative in Richtung einiger interessanter Begebenheiten aus den Bereichen der Religion sowie der Philosophie bestens zur bis dato an den Tag gelegten Marschrichtung von BLIND GUARDIAN zu passen schien. Nimmt man nun noch die Tatsache hinzu, dass der Alben-Titel selbst eine Hommage an das frühere Schaffen von QUEEN darstellt (die 1975 ein gleichnamiges Album veröffentlichten) – so sollte man von A NIGHT AT THE OPERA alles erwarten können. Nur kein Dasein als allzu engstirniges Album, welches bis auf einige eingefleischte Power Metal- und TOLKIEN-Nerds keine Abnehmer finden würde.

Und doch muss sich auf ein Album wie A NIGHT AT THE OPERA eine gewisse Form der Kritik gefallen lassen. Und das sowohl als Album einer Band, die sich in ihren Anfangsjahren noch als recht zünftig agierenden Speed Metal-Combo inszenierte – als auch als unabhängiges Werk, dass sich in den frühen 2000er Jahren auch mit dem Schaffen der immer weiter gedeihenden Konkurrenz messen lassen musste. Immerhin: BLIND GUARDIAN sind sich auch auf ihrem siebten Studiowerk treu geblieben, und das trotz oder gerade wegen der ab einem Album wie TALES FROM THE TWILIGHT WORLD (Review) vollzogenen Entwicklung hin zu einer der populärsten Power Metal-Bands aus Europa. Im Gegensatz zum direkten Vorgänger NIGHTFALL ON MIDDLE-EARTH klingt A NIGHT AT THE OPERA auch wieder etwas zugänglicher, was in diesem Falle keinesfalls negativ zu verstehen ist – woran vor allem die recht gut in Szene gesetzten Chöre und harmonischen Gesangsstrukturen einen nicht unerheblichen Anteil haben. Aber auch die allgemein recht; man nenne es reichhaltige Herangehensweise in Bezug auf die vorgesehenen Instrumente und Strukturen weiß schnell zu gefallen. So gibt es hier an so gut wie jeder Ecke etwas zu entdecken – und ein jeder einzelne Titel avanciert zu einem kleinen Festmahl im Hinblick auf die potentielle Bandbreite und die Vielfalt des europäischen Power Metals, den BLIND GUARDIAN hier mit einem recht überzeugenden Engagement und auch der nötigen Glaubwürdigkeit inszenieren.

Anders gesagt: Gefühle wie Langeweile oder Eintönigkeit werden auf einem Album wie diesem vermutlich eher nicht aufkommen – und selbst der Vorwurf, dass einem Album wie A NIGHT AT THE OPERA die nötige Härte und Griffigkeit fehlt; scheint nicht wirklich zu ziehen. Zumindest nicht dieses Mal, und im Gegensatz zu den eventuell etwas schwächeren und noch etwas stärker mäandrierenden Vorgängern. A NIGHT AT THE OPERA wirkt insgesamt stimmig, in sich geschlossen – und schöpft sowohl in Bezug auf die kompositorische Komponente als auch die Leistungen der einzelnen Bandmitglieder aus dem Vollen. Zumindest fast, denn einen potentiellen Nachteil offenbart das Ganze dann doch: durch die Ausstaffierung fast aller Nummern und Momente mit dem jeweils größtmöglichen Aufkommen an schwermetallischen Spielereien, variablen Strukturen und atmosphärischen Einschüben könnte einstweilen der Eindruck entstehen, dass A NIGHT AT THE OPERA Gefahr läuft dezent überladen zu klingen. Vielleicht hätten der ein oder andere in diesem Sinne nicht ganz so ausufernde, den Hörer von allen Seiten mit verschiedenen Eindrücken bombardierende Moment dem Album tatsächlich ganz gut getan – doch da es nun einmal nur das eine A NIGHT AT THE OPERA gibt, muss man auch mit diesem Vorlieb nehmen.

Und das gelingt in Anbetracht der schieren Wucht und Präsenz des Albums auch recht gut, wobei die Highlights hier für sich sprechen: das vermutlich am wenigsten Metal-lastige, von Hansi Kürsch aber vortrefflich dargebotene und auch sonst enorm atmosphärische THE MAIDEN AND THE MINSTREL, das überlange und mit vielen klassischen Bezügen gespickte AND THEN THERE WAY SILENCE inklusive seiner fast schon hypnotischen, mit der Größe einer Band wie QUEEN zweifelsohne vereinbarenden Wirkung; das hier vergleichsweise gradlinig abschneidende THE SOULFORGED mit seiner starken Gitarren-Komponente oder PUNISHMENT DIVINE als wohl aggressivste Nummer des Albums. Letztendlich kann A NIGHT AT THE OPERA damit relativ kompromißlos überzeugen – wobei man vielleicht sogar von der endgültigen Untermauerung eben jenes Konzeptes sprechen könnte, für das sich BLIND GUARDIAN auf ihren in den 90er Jahren veröffentlichten Alben entschieden hatten. Der Kreis zu den sehr guten frühen Alben BATTALIONS OF FEAR (Review), FOLLOW THE BLIND (Review) und TALES FROM THE TWILIGHT WORLD (Review) scheint sich jedenfalls langsam aber sicher zu schließen.

Absolute Anspieltipps: BATTLEFIELD, THE MAIDEN AND THE MINSTREL KNIGHT, THE SOULFORGED


„Ein vielfältiges und äußerst unterhaltsames BLIND GUARDIAN-Album.“

Metal-CD-Review: BLIND GUARDIAN – Nightfall In Middle-Earth (1998)

Alben-Titel: Nightfall In Middle-Earth
Künstler / Band: Blind Guardian (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 24. April 1998
Land: Deutschland
Stil / Genre: Power Metal
Label: Virgin Records

Alben-Lineup:

Hansi Kürsch – Vocals, Bass
André Olbrich – Guitars
Marcus Siepen – Guitars
Thomen Stauch – Drums

Track-Liste:

1. War of Wrath (01:50)
2. Into the Storm (04:24)
3. Lammoth (00:28)
4. Nightfall (05:34)
5. The Minstrel (00:32)
6. The Curse of Feanor (05:41)
7. Captured (00:26)
8. Blood Tears (05:23)
9. Mirror Mirror (05:06)
10. Face the Truth (00:24)
11. Noldor (Dead Winter Reigns) (06:51)
12. Battle of Sudden Flame (00:43)
13. Time Stands Still (At the Iron Hill) (04:53)
14. The Dark Elf (00:23)
15. Thorn (06:18)
16. The Eldar (03:39)
17. Nom the Wise (00:33)
18. When Sorrow Sang (04:25)
19. Out on the Water (00:44)
20. The Steadfast (00:21)
21. A Dark Passage (06:01)
22. Final Chapter (Thus Ends…) (00:48)

Man nehme sich mal wieder Zeit für ein gutes Buch, oder…

Die Tätigkeit etwaige Power Metal-Diskografien im Sinne eines Blogs wie dem gerade gelesenen aufzuarbeiten kann schon mal zu einer etwas ermüdenden Angelegenheit werden. Und das trotz des potentiell hochkarätigen Materials welches – natürlich nur im besten Fall – einer entsprechenden Entdeckung harrt. Bei den Kollegen von BLIND GUARDIAN sieht die Sache aber etwas anders aus – schließlich lieferte die bereits 1984 als LUCIFERS HERITAGE gegründete Metal-Combo nicht nur relativ kontinuierlich gute bis herausragende Genre-Alben ab – sondern sorgte im Laufe der Jahre auch für die ein oder andere, unter Umständen sogar bis heute streitbare Überraschung. Die erste größere war dabei sicherlich die Entwicklung, die die Band von den ersten beiden Alben BATTALIONS OF FEAR (siehe Review) und FOLLOW THE BLIND (Review) hin zu ihren schon deutlicher einem fantastisch angehauchten europäischen Power Metal zuzuordnenden Werken TALES FROM THE TWILIGHT WORLD (Review) und SOMEWHERE FAR BEYOND (Review) an den Tag legte. Eines aber hatten BLIND GUARDIAN bis dato noch nicht gewagt, und das trotz des engagierten Ausprobierens ins viele erdenkliche Richtungen: ein Konzeptalbum abzuliefern, dass gleich in mehrerlei Hinsicht mit den bisherigen Releases brechen und den Status der Band mit einer noch markanteren Einzigartigkeit versehen würde. Vorausgesetzt natürlich, man würde die angestammten Fans nicht allzu sehr vergrätzen.

Interessanterweise neigen manche dazu, genau das vom 1998 veröffentlichten NIGHTFALL IN MIDDLE-EARTH zu behaupten. Und das vornehmlich, da BLIND GUARDIAN hier auf ein explizit ausgeführtes Fantasy-Konzept mit einer großen, durch zahlreiche Interludes vorangetriebenen Geschichte setzten – und andererseits, da sie sich in den eigentlichen Haupt-Titeln nicht immer von ihrer schlagkräftigsten Seite inszenierten. Tatsächlich sind diese beiden Kritikpunkte auch nicht gänzlich von der Hand zu weisen – insbesondere natürlich, was die mit recht beliebig erscheinenden Sprechpassagen und Hörspielelementen versehenen Interludes angeht. Nicht nur dass selbige ein gewisses Grundwissen voraussetzen und den Fluss des Albums teils merklich stören können – auch besitzen sie für sich betrachtet keine wie auch immer geartete musikalische Wertigkeit. Letztendlich wird einem also kaum etwas anderes übrig bleiben, als das Album auf das absolut Wesentliche zu reduzieren – was hier noch immer in einem potentiellen Genuss von 11 vollwertigen BLIND GUARDIAN-Titel mündet. Das Problem: wenngleich sich BLIND GUARDIAN spürbar bemühten, sowohl eine möglichst dichte Atmosphäre zu generieren als auch für einen größtmöglichen musikalischen Abwechslungsreichtum zu sorgen; scheint das Konzept hier einfach nicht wirklich aufzugehen. Zumindest nicht so wie erwartet und wie von der Band erhofft – woran auch die alles andere als spärlich gesäten Durststrecken (und das nicht nur in Form der Interludes) einen nicht unerheblichen Anteil haben.

So ist es einerseits schön zu sehen (und zu hören), dass sich die Band nach ihrem deutlich raueren und im schlimmsten Fall auch als dezent orientierungslos zu bezeichnenden Vorgänger IMAGINATIONS FROM THE OTHER SIDE (Review) aufmachte, ein neues musikalisches Kapitel zu schreiben und ihrer Diskografie eine weitere interessante Facette hinzuzufügen – doch andererseits kann man im Fall von NIGHTFALL ON MIDDLE-EARTH einfach nicht von einem nennenswert mitreißenden Genre-Album sprechen. Sicher, die Pionierarbeit die BLIND GUARDIAN im Sinne des gegen Ende der 90er Jahre in Europa aufkommenden Symphonic Power Metal-Genres leisteten; ist ihnen keinesfalls abzusprechen. Manchmal ist das Leben aber einfach etwas ungerecht – was in diesem Fall bedeutet, dass es etwaige spätere Nachahmer (oder jene, die sich in einem positiven Sinne von einem Werk wie NIGHTFALL ON MIDDLE-EARTH inspirieren ließen) möglicherweise doch etwas besser gemacht haben als BLIND GUARDIAN mit ihrer frühen Vorlage. Auch wenn das Album durchaus seine Stärken besitzt – und das vornehmlich im Bereich des Handwerks, des Leadgesangs und der soliden Ausführung der auf den ersten Blick deutlich unscheinbareren oder explizit balladesken Momente (wie in THE ELDAR), fehlt NIGHTFALL ON MIDDLE-EARTH schlicht der letzte Schliff – oder vielleicht auch einfach nur eine Extraportion Kraft, wie sie auf dem Album viel zu selten zu spüren ist. Mit Ausnahme einer relativen Über-Hymne vom Schlage eines MIRROR MIRROR. Wobei aber auch hier gilt, dass nicht alles Gold ist was glänzt – und die typisch-überlagerten und gewissermaßen einen Chor imitierenden Gesänge von Hansi Kürsch (die überdies in nicht gerade wenigen Titeln Verwendung finden) nicht jedermann gefallen werden.

Davon abgesehen bleibt das Album aber viel zu handzahm, wofür man nicht erst einen Vergleich mit der früheren Schlagkraft der Band anberaumen muss. Sicher ist grundsätzlich nichts falsch daran, als Band auch mal eine etwas behutsamere; hier eher in Richtung pointierter balladesker und folkloristischer Elemente zielende Herangehensweise auszuprobieren. Doch wenn dabei fast schon kläglich langwierig erscheinende Momente wie etwa in NOLDOR herauskommen, sieht die Sache schon etwas anders aus. Zumal es sich hierbei längst nicht um den einzigen Moment handelt, in dem sich BLIND GUARDIAN gefühlt etwas zurückgehalten hatten – und zwar durchaus mit einer gewissen musikalischen Raffinesse und Qualität, aber eben weniger mit einem ihnen so wirklich abzunehmenden Gefühl agierten. Natürlich handelt es sich hierbei um eine Kritik auf einem vergleichsweise hohen Niveau, und Fans der Band werden auch dieses Release kaum missen möchten; Gründe dafür gibt es noch immer genug – doch für andere Gelegenheiten (wie etwa Nicht-Kennern der Band ein möglichst aussagekräftiges Werk vorzustellen) eignet sich NIGHTFALL ON MIDDLE-EARTH vermutlich eher weniger.

Absolute Anspieltipps: MIRROR MIRROR, THORN


„Ein durchwachsenes BLIND GUARDIAN-Album, welches bei weitem nicht so spektakulär ist wie sein Ruf.“