Metal-CD-Review: KERION – The Origins (2010)

Alben-Titel: The Origins
Künstler / Band: Kerion (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 21. Juni 2010
Land: Frankreich
Stil / Genre: Symphonic Power Metal
Label: Metalodic Records

Alben-Lineup:

Stéphane Papasergio – Bass
JB – Drums
Rémi Carrairou – Guitars
Sylvain Cohen – Guitars
Flora Spinelli – Vocals

Track-Liste:

1. Prelude (01:24)
2. Time of Fantasy (04:07)
3. Black Fate (04:07)
4. We Will Go (04:51)
5. The Abyss (07:49)
6. Angels of the Last Hope (06:33)
7. Dark Isle (03:58)
8. Face the Beast (08:22)
9. Ghosts of Memories (03:28)
10. Resurrection (06:17)
11. Requiem of the Black Rose (09:19)

Alles hat irgendwo seinen Ursprung.

Sicher werden ihn nicht wenige Bands irgendwann einmal gehabt haben – den Gedanken, dass sie möglicherweise irgendetwas offen gelassen haben. So oder so ähnlich wird es wohl auch im Falle der französischen Power Metaller von KERION gewesen sein – die sich eigentlich schon im Jahre 1997 als LIRLIAN aufgemacht hatten, die hiesige Power Metal-Welt im Sturm zu erobern. Wobei, ganz so treffend ist diese Formulierung dann doch nicht – schließlich sollte es noch eine ganze Weile dauern, bis man überhaupt etwas nennenswertes von den Musikern um die im Jahre 2002 akquirierte Fronfrau Flora Spinelli hat hören können. So werden insbesondere die frühen Demos der Band nicht jedermann bekannt sein. Wobei, und auch das gilt es festzuhalten; sie selbst jene die sie gehört haben nicht zu 100% zufriedenstellen konnten. Mit ein Grund dafür war und ist die recht bescheidene Abmischungs- und Produktionsarbeit, die ziemlich exakt dem entspricht was man im allgemeinen als Garagenproduktion bezeichnet – und die noch nicht gänzlich ausgereiften Fähigkeiten der einzelnen Mitglieder.

Andererseits, und verständlicherweise besaßen die hier gemeinten Demos CONPIRACY OF DARKNESS (2003) und THE LAST SUNSET (2005) dann doch eine gewisse Wichtigkeit – immerhin ebneten sie den weiteren Weg der Band, die 2007 endlich mit ihrem Debütalbum HOLY CREATURES QUEST (siehe Review) um die Ecke kam. Um dieses frühe Material also nicht gänzlich in Vergessenheit geraten zu lassen, taten KERION das vermutlich einzig richtige – und nahmen einige der besten Titel noch einmal auf, um sie auf dem 2010 erschienenen zweiten Album der Band nochmals in einem etwas ansprechenderen Licht erstrahlen zu lassen. Das gilt natürlich nur unter der Voraussetzung, dass man generell etwas mit dem vielleicht nicht gerade als originell zu bezeichnenden Sound der Band anfangen kann – und vor allem über diverse Schwächen im Leadgesang von Flora Spinelli hinwegsehen kann. Gerade diesbezüglich hatte man mit den Neuaufnahmen schließlich nicht allzu viel erreicht, oder anders gesagt: THE ORIGINS präsentiert einen recht typischen Symphonic Power Metal für alle, die kein Problem mit einer ordentlichen Portion Kitsch haben.

Einen Symphoic Power Metal, der hier immerhin durch die Mitarbeit von niemand geringerem als Philippe Giordana (FAIRYLAND) und Willdric Lievin (ebenfalls FAIRYLAND, sowie auch HAMKA) aufgewertet wird – was sich wie schon beim Vorgänger HOLY CREATURES QUEST vor allem in Bezug auf die Chöre in den Refrains und diverse melodische Strukturen seitens der Keyboards bemerkbar macht. Und tatsächlich: Nummern wie der hymnische Opener TIME OF FANTASY machen durchaus Laune, gerade wenn man auf eine etwas üppigere Ausreizung der in diesem Fall alles andere als zurückhaltenden symphonischen Elemente steht. Angenehm ist auch, dass KERION offenbar daraus aus waren für ein möglichst großes Maß an Abwechslung zu sorgen – und beileibe nicht nur die typisch-voranpreschenden Uptempo-Nummern inklusive der dazu passenden hochtrabenden Refrains vorgesehen sind. In Bezug auf eben jene Vielfalt offenbart sich dann aber auch das ein oder andere Problem, oder anders gesagt: es ist längst nicht alles perfekt, was KERION hier auftischen.

Zumindest nicht in seiner Gänze, und in der zusammenfassenden Betrachtung. Einzelne Momente haben dagegen durchaus einen gewissen Charme, wie etwa das sich irgendwo zwischen exotischen Klängen, Lagerfeuer-Gitarrengesäusel und Filmsoundtrack  bewegende WE WILL GO oder das in instrumentaler Hinsicht recht anspruchsvolle RESURRECTION. Refrains wie die von DARK ISLE gehen – Philippe Giordana sei Dank – ebenfalls runter wie Öl. Schade ist nur dass die Strophen hier noch einmal mit Nachdruck darauf hinweisen, warum die allgemeinen Darbietungen von Frontfrau Flora Spinelli nicht bei jedermann gleichermaßen gut ankommen. Das gilt natürlich auch für die recht problematischen balladesken Momente – wie etwa in GHOST OF MEMORIES. Davon abgesehen aber haben KERION hier eine recht interessante Werkschau vorgelegt – die vor allem Die-Hard-Fans der Combo ansprechen sollte. Alle anderen werden dagegen nicht viel falsch machen, wenn sie zu einem noch späteren Zeitpunkt in die Diskografie einsteigen – etwa ab dem ebenfalls recht guten CLOUDRIDERS PART I – ROAD TO SKYCITY (Review).

Absolute Anspieltipps: TIME OF FANTASY, WE WILL GO, DARK ISLE, RESURRECTION


„Nicht hervorragend – aber besser als das Debütalbum und ambitioniert genug, um aufzufallen.“

Metal-CD-Review: FORGOTTEN TALES – We Shall See The Light (2010)

Alben-Titel: We Shall See The Light
Künstler / Band: Forgotten Tales (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 05. November 2010
Land: Kanada
Stil / Genre: Symphonic Power Metal
Label: Union Metal International

Alben-Lineup:

Patrick Vir – Bass
Mike Bélanger – Drums
Sonia Pineault – Vocals
Martin Desharnais – Guitars
Frédéric Desroches – Keyboards

Track-Liste:

1. We Shall See the Light (05:25)
2. Guardian Angel (05:09)
3. Keepers of the Field (05:15)
4. The Reaper (05:05)
5. Diviner (06:22)
6. The Calling (05:40)
7. Howling at the Moon (05:20)
8. Broken Wings (05:26)
9. Angel Eyes (04:55)

Ein neues Kapitel in den Geschichten der FORGOTTEN TALES.

Mit WE SHALL SEE THE LIGHT begeben sich die kanadischen Symphonic Power Metaller von FORGOTTEN TALES nun schon zum dritten Mal an die hart umkämpfte Front der zahlenmäßig klar unterlegenen Genre-Combos mit weiblichen Gesangstalenten. Dass sie sich diesbezüglich aber ganz locker behaupten können, zeigten die Musiker bereits mit ihren beiden guten und leider gerne mal übersehenen Vorgängern THE PROMISE (siehe Review) und dem 2006 erschienenen ALL THE SINNERS (Review) auf. Und auch wenn mit dem 2010 veröffentlichten WE SHALL SEE THE LIGHT erstmals ganze 6 Jahre zwischen zwei FORGOTTEN TALES-Alben liegen, hat sich grundsätzlich nicht allzu viel getan in der hiesigen Power Metal-Schmiede – was in diesem Fall aber eher positiv und als Fortsetzung der überraschenden qualitativen Kontinuität der Band zu verstehen ist. So präsentiert auch das neue Album vieles von dem, was schon auf den Vorgängern zu gefallen wusste – inklusive einer wie immer markanten Leistung der hiesigen Frontfrau Sonia Pineault.

Eine dezente stilistische Veränderung aber kann man dann doch ausmachen: WE SHALL SEE THE LIGHT klingt insgesamt etwas weniger verspielt und auch ein stückweit düsterer als die Vorgänger. Eben das wird wohl auch über den jeweiligen Fall oder Aufstieg des Albums in der Gunst der Hörerschaft entscheiden – wobei es nicht ganz leicht fällt festzustellen, in welche Richtung das Pendel nun eher ausschlägt. Anders gesagt: einerseits scheint der nunmehr etwas aufgeräumter erscheinende Sound den FORGOTTEN TALES recht gut zu Gesicht zu stehen – andererseits aber wird man ähnliche progressiv-wandelbare Strukturen und fulminante Kraftausbrüche wie in der Vergangenheit eher vermissen. Das erscheint natürlich umso ernüchternder wenn man weiß, zu was die Band eigentlich imstande ist. Doch aus irgendeinem Grund scheinen sich die FORGOTTEN TALES (womit tatsächlich auch alle einzelnen Bandmitglieder gemeint sind) dieses Mal eher zurückgehalten zu haben.

Trotz der grundsätzlich exzellenten Handhabung der Instrumente und der abermals interessanten Gesangsdarbietung könnte man hie und da also durchaus den Eindruck gewinnen, dass die Band bei vielen der auf WE SHALL SEE THE LIGHT enthaltenen Titel ein stückweit zu sehr auf Nummer sicher gegangen ist. Einen Hinweis darauf gibt bereits der eher verhaltene, nicht so recht zünden wollende Opener und Titeltrack WE SHALL SEE THE LIGHT – und auch das grundsätzlich interessante THE REAPER hätte viel mehr Bumms vertragen können, vor allem seitens der Gitarren. Richtig arg wird es aber erst mit Nummern wie KEEPERS OF THE FIELD oder BROKEN WINGS – welche die Band erstmals von einer erstaunlich ernüchternden Seite zeigen. Umso schöner ist es da, dass es mit Titeln wie GUARDIAN ANGEL, DIVINER oder HOWLING AT THE MOON dann doch noch die volle Portion FORGOTTEN TALES auf die Lauscher gibt. Hier scheinen die Kanadier dann plötzlich doch wieder vor Kraft und Spielfreude zu strotzen – wobei lediglich Frontfrau Sonia Pineault etwas weniger Stimmakrobatik zeigt und Druck aufbaut als in den Jahren zuvor.

Sicher, die FORGOTTEN TALES haben noch immer einiges in Petto – und doch müssen sie aufpassen, dass sie sich unter keinen Umständen zurück entwickeln. WE SHALL SEE THE LIGHT ist zwar noch nicht als dahingehender Schritt zu bezeichnen – doch erste (und dabei gar nicht mal so unterschwellige) Anzeichen sind definitiv auszumachen. Leider, muss man sagen – denn es wäre zutiefst schade, wenn eine Band wie diese in der Versenkung verschwindet.

Absolute Anspieltipps: GUARDIAN ANGEL, THE REAPER, DIVINER, HOWLING AT THE MOON


„Noch ist weiterhin ausreichend Land in Sicht – eine dezente Form der Vorsicht erscheint jedoch angebracht.“

Metal-CD-Review: VICTORIUS – Unleash The Titans (2010)

Alben-Titel: Unleash The Titans
Künstler / Band: Victorius (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 21. Januar 2011
Land: Deutschland
Stil / Genre: Power Metal
Label: Keins / Independent

Alben-Lineup:

Andreas Dockhorn – Bass
Tyl Fiedler – Drums
Dirk Scharsich – Guitars
David Baßin – Vocals
Steven Dreißig – Guitars

Track-Liste:

1. Unleash the Titans (03:36)
2. Oblivion (03:16)
3. Stormrider (03:46)
4. Break the Spell (04:11)
5. Wings of Destiny (04:11)
6. Slave to the Dark (03:37)
7. Last Sanctuary (03:38)
8. Fly with Me (04:12)
9. Angel (03:33)

Ja dann… lassen wir sie mal frei, die Titanen.

VICTORIUS ist eine 2004 gegründete Power Metal-Combo aus Deutschland, die im Jahre 2008 eine erste offizielle Demo an den Start gebracht hat. Bevor die Band aber von einem Label unter Vertrag genommen und analog dazu auch einen größeren Bekanntheitsgrad erreichte, sollten noch einige Jahre vergehen. Aus eben jener Zwischenphase stammt auch das vorliegende Debütalbum UNLEASH THE TITANS, welches 9 Titel bei einer recht übersichtlichen Gesamtspielzeit von 34 Minuten beinhaltet – und von der Band noch in kompletter Eigenregie produziert und vermarktet wurde. Das gleichermaßen interessante wie kuriose dabei ist, dass VICTORIUS nicht nur deshalb vergleichsweise schlecht abgeschnitten hatten – sondern auch davon unabhängig nur ein eher mäßiges Genre- respektive Debütalbum abliefern konnten. Eines, welches nur wenig mit der später glücklicherweise doch noch erreichten Stilsicherheit der Band am Hut hatte. Anders gesagt: zu den interessanteren Debütalben diverser aufstrebender Bands, denen eine gewisse Magie sowie der spürbare Drang mehr erreichen zu wollen innewohnt; gehört UNLEASH THE TITANS nicht – oder nur höchst eingeschränkt.

Denn neben der eher schwachbrüstigen, insbesondere für die Gitarren zum Nachteil ausfallenden Abmischungs- und Produktionsarbeit hat das Album mindestens eine weitere frappierende Schwäche. Oder eher zwei, schließlich ist weder das was Leadsänger David Baßin hier von sich gibt von besonderer Bedeutung, noch kann seine gesangliche Darbietung generell überzeugen – mit Darbietungen wie der in BREAK THE SPELL, dem auch sonst recht merkwürdigen LAST SANCTUARY oder dem balladesken ANGEL als negative Paradebeispiele. Dabei ist insbesondere das einer der Gründe dafür, dass viele der vertretenen Nummern wie ein relativ müder Abklatsch diverser sogenannter True Metal-Bands a’la MAJESTY oder WIZARD wirken – die grundsätzlich soliden, aber eben auch alles andere als spektakulären Instrumentalparts sowie die selbst im Vergleich zu den frühen WIZARD geradezu kärglich ausfallenden Gangshouts erledigen den Rest. Immerhin geben einige Riffs und harmonische Strukturen (wie etwa in STORMRIDER) einen dezenten Hinweis darauf, dass schon zu diesem frühen Zeitpunkt mehr in VICTORIUS geschlummert hatte als sie es in der Lage waren zu zeigen – doch gegen den insgesamt eher platten Gesamteindruck konnten und können diese feinen Nuancen auch nicht mehr viel ausrichten.

Was dem Debütalbum somit bleibt, ist sein eher rauer und ungeschliffener Eindruck – der die Musiker von VICTORIUS in einer frühen, potentiell interessanten Schaffensphase zeigt. Wer seine Sammlung vervollständigen möchte, kann also getrost zuschlagen – wer dagegen nur auf die Essenz von VICTORIUS aus ist; der sollte UNLEASH THE TITANS vielleicht eher überspringen und mit den späteren, besseren Alben beginnen.

Absolute Anspieltipps: UNLEASH THE TITANS, STORMRIDER


„Eine interessante, insgesamt aber viel zu ungeschliffene und gerade in gesanglicher Hinsicht problematische Werkschau.“

Metal-CD-Review: ICEWIND – Again Came The Storm (2010)

Alben-Titel: Again Came The Storm
Künstler / Band: Icewind (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 15. November 2010
Land: Kanada
Stil / Genre: Power Metal
Label: Metalodic Records

Alben-Lineup:

Gabriel Langelier – Vocals
Phil – Keyboards
Jay Menard – Guitars
Vinni Poliquin – Guitars
Mitch Mission – Bass
Alex Dubé – Drums

Track-Liste:

1. Signs of Temptation (04:53)
2. Blood Stained History (03:54)
3. My Glorious Burden (04:24)
4. My Own Tragedy (04:13)
5. The Last March (We’ll Meet Again) (07:10)
6. The Happening (04:16)
7. As Fool We Dance (05:49)
8. Hymn for a Brighter Dawn (04:17)
9. Oh Winter Morning (05:05)
10. Again Came the Storm (07:55)

Ein eiskalter Sturm, so mächtig wie der erste ?

Nachdem sich die Power Metaller von ICEWIND schon auf ihrem Debütalbum ALL IS DUST (siehe Review) von einer überraschend überzeugenden Seite zeigten, sollte es 2010 an der Zeit sein für den zweiten großen Rundumschlag aus Kanada. So wurde das 10 Titel starke, dieses Mal über Metalodic Records erschienene AGAIN CAME THE STORM ins Rennen geschickt – welches gleichzeitig das bis heute letzte Album der Band markiert. Etwas haben ICEWIND also schon einmal mit anderen vergleichsweise hochkarätigen Genre-Acts aus Kanada (wie etwa INSTANZIA) gemein: trotz der vielversprechenden Ersteindrücke und der hervorragenden Qualität des tatsächlich abgelieferten Materials sollten jene Bands nie so richtig durchstarten – und das mit der oft unausweichlichen Folge, dass die sie irgendwann im Nichts verschwinden. Oder schlimmer noch: gleich komplett aufgelöst werden. Das ist natürlich schade, auch oder gerade im Fall von ICEWIND. Schließlich musste und muss sich auch deren Zweitwerk AGAIN CAME THE STORM nicht allzu sehr hinter seinem schier genialen Vorgänger oder anderen Genre-Releases aus Übersee verstecken.

Denn: auch dieses Mal galt es für die Konkurrenz, sich warm anzuziehen – insbessondere die aus Finnland, zu der ICEWIND den nach wie vor größten Bezug hatten. Im Gegensatz zum Vorgänger und den anzuberaumenden Parallelen zu STRATOVARIUS und CELESTY aber offenbart AGAIN THE STORM eher eine Nähe zu Bands wie SONATA ARCTICA – was bereits einen dezenten Hinweis darauf geben könnte, dass sich Sound-technisch einiges getan hatte im Hause ICEWIND. Und tatsächlich: während die handwerklichen Leistungen nach wie vor über viele Zweifel erhaben waren, einige Alleinstellungsmerkmale (wie etwa der prägnante Einsatz eines Pianos) vom Vorgänger übernommen wurden und sich die allgemeine Abmischungs- und Produktionsqualität sogar maßgeblich verbessert hatte; setzten ICEWIND neuerdings auf einen wesentlich erdigeren, druckvolleren Sound. Anders gesagt: der eher raue und ungestüme, durch die wuchtig-apokalyptischen Chöre und die dichte Atmosphäre gekennzeichnete Sound von ALL IS DUST wurde weitestgehend durch einige neue, nicht mehr wirklich überraschende Strömungen ersetzt. Das hat einige Vorteile, die sich vor allem auf den wesentlich ausgewogeneren Gesamteindruck beziehen lassen – führt aber auch dazu, dass ICEWIND dieses Mal nicht ohne einige mehr oder weniger erhebliche Schrammen davonkommen.

Denn: gerade der Auftakt des Albums fühlt sich hie und da etwas zu harmlos, ja wenn nicht gar weichgespült an – woran auch das recht häufig eingesetzt Piano nicht ganz unbeteiligt ist. Zumindest im Gegensatz zum Eindruck des vergleichsweise furios vorgehenden, einige Grenzen sprengenden Vorgängers – und trotz der großen Stilsicherheit der einzelnen Mitglieder, insbesondere der beiden Gitarristen und des endlich deutlich besser in Szene gesetzten Bassisten. Das Gefühl, dass es ICEWIND dieses Mal weit mehr potentiellen Hörern recht machen wollten als zuvor; lässt sich jedenfalls nicht gänzlich von der Hand weisen. Allzu fatale Auswirkungen hat das zwar nicht, zumal sich insbesondere der Leadsänger Gabriel Langelier von einer unglaublich virtuosen Seite zeigt und so auch der neuen Ausrichtung von ICEWIND die nötige Glaubwürdigkeit verleiht – und doch hinterlassen gerade Nummern wie THE HAPPENING oder AS FOOLS WE DANCE einen leicht faden Beigeschmack. Schlussendlich: insgesamt betrachtet handelt sich noch immer um ein lohnenswertes Genre-Album mit dem gewissen Etwas. Ein Album, das paradoxerweise noch besser funktioniert; wenn man es eben nicht als ICEWIND-Album betrachtet – und den Vorgänger entsprechend ausklammert.

Absolute Anspieltipps: BLOOD STAINED HISTORY, MY GLORIOUS BURDEN, OH WINTER MORNING, AGAIN CAME THE STORM


„Ein gutes Genre-Album, aber: der Vorgänger war besser.“

Metal-CD-Review: ARTHEMIS – Heroes (2010)

Alben-Titel: Heroes
Künstler / Band: Arthemis (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 07. Juni 2010
Land: Italien
Stil / Genre: Power Metal
Label: Helvete & Hate Records

Alben-Lineup:

Fabio D. – Vocals
Damian Perazzini – Bass
Conrad Rontani – Drums
Andrea Martongelli – Guitars

Track-Liste:

1. Scars on Scars (04:38)
2. Vortex (04:52)
3. 7Days (04:36)
4. This Is Revolution (03:45)
5. Home (05:51)
6. Crossfire (02:47)
7. Heroes (06:26)
8. Until the End (04:36)
9. Resurrection (04:34)
10. Road to Nowhere (02:06)

Helden ? Das war einmal…

Ob es abzusehen war oder nicht sei einmal dahingestellt – doch nachdem die italienischen Power Metaller von ARTHEMIS ihr leider nur mäßiges 2008’er Studiowerk BLACK SOCIETY (siehe Review) veröffentlicht hatten, begann für alle beteiligten Musiker eine ganz und gar heiße Phase. So gesehen stand man sogar kurz davor, die Band komplett aufzugeben – doch der hiesige Gitarrist Andrea Martongelli (Ex-POWER QUEST) hatte offenbar doch noch andere Pläne. So verblieb er als einziges Gründungsmitglied in der Band, ließ alle anderen Mitglieder (wie eben auch seinen POWER QUEST-Kollegen Alessio Garavello) von Dannen ziehen – und scharte ein komplett neues Lineup um sich. Leicht überraschend dabei ist, dass es trotzdem recht zügig weiterging für die neu aufgestellten ARTHEMIS – und das sechste Studioalbum HEROES nicht einmal 2 Jahre nach seinem Vorgänger erschien. Selbiges beinhaltet 10 Titel bei einer Gesamtspielzeit von knapp 44 Minuten, und legt – wie es sicherlich auch zu vermuten war – eine etwas andere Marschrichtung vor als die bisherigen ARTHEMIS-Alben.

Anders gesagt: nachdem sich die Italiener schon relativ früh von ihrem einst enorm progressiv angehauchten Power Metal der europäischen Spielart verabschiedet hatten, folgte mit HEROES ein weiterer recht fragwürdiger; mindestens aber gewöhnungsbedürftiger Schritt in der Entwicklung der Band. Denn: mit dem ursprünglich von der Band bedienten Genre hat das auf HEROES vertretene Material nur noch verdächtig wenig am Hut. Sicher, die grundsätzlichen Zutaten sind noch immer präsent – doch offenbar ging die Neubesetzung der Band auch mit einer Modernisierung des Sounds einher. HEROES besitzt zwar eine grundsätzlich angenehme, schön schroffe und druckvolle Gitarren-Komponente; sowie einen höchst soliden und angenehm variablen Drum-Part – doch scheinen die Songstrukturen selbst eher in Richtung einer Mainstream-orientierten Gesamtwirkung ausgelegt zu sein. So finden sich immer wieder Momente die nach vielem klingen – nur nicht nach dem Output einer einst großartigen Power Metal-Combo.

Vielleicht wäre all das nicht so schlimm, hätte man eine wirklich sinnige Alternative gefunden. Beispielsweise, indem man einen stärkeren Fokus auf die härtere Gangart respektive die neuerdings vorhandenen Trash-Elemente gelegt hätte – und eben nicht auf die Methoden einer x-beliebigen modernen Metal-Chartband. Immerhin hätte sich der neue Leadsänger Fabio D. perfekt dafür geeignet. Denn: auch wenn er nicht so variabel agiert wie sein Vorgänger Alessio Garavello, macht er seine sache recht anständig – zumal er eine für das Genre durchaus enorm kräftige, voluminöse und raue Stimme hat. Entsprechend schnell sorgt er für ein markantes Aufhorchen – was letztendlich aber verpufft, taucht man erst einmal näher in die leider nur oberflächlich rau erscheinenden; schlussendlich aber eben doch enorm glattgebügelten Strukturen des Albums ein. Schließlich geht das Konzept der neuen ARTHEMIS hier nicht wirklich auf. Anhaltspunkte dafür gibt es reichlich – wie etwa allerlei merkwürdige und forciert klingende Gesangsstrukturen in den Strophen, die relativ stumpfen Lyrics und die Abgedroschenheit der instrumentalen Komponente. Am ärgerlichsten fallen aber klar die mehr als nur ungünstigen Refrains aus.

Der wenig geistreiche und dezent nervige von SCARS ON SCARS ist da sogar noch recht harmlos – erst mit einem wie dem von 7DAYS schießt man den Vogel endgültig in Richtung einer unbedingt zu vermeidenden Mainstream-Attitüde ab. In jedem Fall wird schnell klar, dass ARTHEMIS definitiv die ein oder andere falsche Entscheidung getroffen haben. Sicher, man sollte Veränderungen gegenüber immer offen sein; erst Recht wenn sie durch einen grundsätzlichen Besetzungswechsel gar unabdinglich erscheinen. Doch in Anbetracht der Qualität und Wirkung von HEROES macht sich eben doch ein nicht unbedingt für ARTHEMIS sprechender Gedanke breit: nachdem sich 2008 ohnehin fast alle Mitglieder von der Combo verabschiedeten, hätte man für ein Output wie HEROES auch gleich eine gänzlich neue Band gründen können. Sicher – allein damit wäre es noch immer kein gutes Album geworden. Doch zumindest hätte man so vermeiden können, dass die neuen ARTHEMIS mit den alten verglichen werden – wobei der Sieger eindeutig feststeht.

Absolute Anspieltipps: VORTEX


„Eine ärgerliche Verschwendung von Talent und Potential.“