Filmkritik: „Dobermann“ (1996)

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Originaltitel: Dobermann
Regie: Jan Kounen
Mit: Vincent Cassel, Tchéky Karyo, Monica Bellucci u.a.
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 103 Minuten
FSK: ab 18 freigegeben
Genre: Action, Thriller, Komödie
Tags: Bankraub | Verbrecher | Bande | Feldzug | Massaker

Vorsicht, der könnte beißen.

Kurzinhalt: Geschenke zum feierlichen Anlass einer Geburt sind sicher nichts ungewöhnliches. Doch dass ein neugeborenes französisches Baby ausgerechnet einen Revolver in die Wiege gelegt bekommt, schon eher. Eben das ist Yann Lepentrenc (Vincent Cassel) in jungen Jahren passiert, offenbar in weiser Voraussicht – denn Jahre später wird er zum berühmt-berüchtigten DOBERMANN, einem furchtlosen Killer und keine Gelegenheit auslassenden Gangster. Gemeinsam mit seiner gehörlosen Freundin Nathalie (Monica Belucci) plant er so manchen Diebeszug – und spannt dabei des öfteren einige seiner ebenfalls fähigen, dabei aber stets etwas unberechenbaren Kumpanen ein. Dass das auch die hiesige Polizei auf den Plan ruft, ist kein allzu großes Wunder – doch bisher haben es der DOBERMANN und seine Leute noch immer geschafft, einer Festnahme aus dem Weg zu gehen. Eines Tages jedoch wittert ein gewisser Inspektor Christini (Tchéky Karyo) seine große Chance. Würde er den DOBERMANN allein festmachen, würde er vermutlich nicht nur befördert werden – man würde vielleicht auch eher geneigt sein, über seine einstweilen recht ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden hinwegzusehen…

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Kritik: Wenn man einen Film im Verlaufe des kreativen Entstehungsprozesses auf den schlichten Namen DOBERMANN tauft, hat man eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder, man plant eine harmlose Dokumentation über die hiesige Flora und Fauna – oder inszeniert sogleich eine fleischgewordene Kampfansage. Zu welcher Alternative der bis dato unbekannte Regisseur Jan Kounen in Bezug auf seine erste größere Regie-Arbeit tendierte, bleibt indes nicht lange ein Geheimnis. Glücklicherweise, sollte man meinen – denn ganz offensichtlich verstand sich der Franzose schon früh auf fachmännische Kunstgriffe, trotz der Ermanglung vorheriger Erfahrungen. So fand die Titel-gebende Hunderasse in DOBERMANN gleich als doppelte Metapher Verwendung: zum einen als lautes Gebell in Richtung anderer Regisseure und Filmemacher, die vielleicht nicht den Mut hatten und haben etwas vergleichbares auf die Beine zu stellen – und zum anderen in Richtung des Zuschauers, der mit der hier dargestellten Charakter-Riege tatsächlich ein Rudel wild gewordener, dezent irrer Hauptprotagonisten vorgesetzt bekommt.  Dass im Verlaufe des Films dann auch noch ein echter Hund eine Rolle spielt (allerdings kein Dobermann), ist damit schon wieder eine der weniger spannenden Angelegenheiten. Auch wenn der Abgang des Tieres so sicher nicht zu erwarten war – und lediglich zu einer der unzähligen Kuriositäten des Films zu zählen ist.

Denn: mit DOBERMANN legt es Kounen im wahrsten Sinne des Wortes darauf an, öffentlich seine Zähne zu fletschen. Und das ganz ohne Rücksicht auf potentielle Verluste. Dass der Film nicht gerade dem entspricht, was man im allgemeinen von einem handelsüblichen Actioner (oder noch spezifischer: einem Film über einen Bankraub) erwarten würde; ist dabei noch die kleinste Auffälligkeit. Analog zur unkonventionellen, dabei fast schon gleichermaßen gewöhnungsbedürftigen wie auch erfrischenden Machart gesellen sich schließlich auch noch eine mitunter schmerzliche Portion Brutalität; sowie allerlei Überschreitungen der Grenzen des guten Geschmacks hinzu. Unter anderem deshalb stand er hierzulande auch für viele Jahre auf dem Index für jugendgefährdende Medien – bis er 2011 wieder freigegeben wurde. Das mag noch lange kein Qualitätsmerkmal sein, gibt aber schon einmal die grobe Marschrichtung von DOBERMANN vor. Um einen allzu tumben, nur auf heftigste Gewaltausschreitungen ausgelegten Film oder einen puren Slasher handelt es sich aber auch nicht – sondern vielmehr um ein zumindest von seiner Struktur her an andere Actioner erinnerndes Machwerk, noch dazu mit einer echten Story und äußerst lebendigen Charakteren. Fest steht aber: eher zart besaitete sollten einen großen Bogen um DOBERMANN machen. Andererseits sollten die, die ihn dennoch oder gerade deshalb sehen möchten; unbedingt nach der ungeschnittenen Fassung Ausschau halten.

Denn nur dann kann DOBERMANN eine mitunter ureigene und dezent verstörende, aber dennoch unterhaltsame Atmosphäre etablieren. Eine, die gerade deshalb entsteht; da der Film respektive das Gezeigte niemals zu abwegig erscheint – entgegen der teils enormen Eskapaden, die sich speziell im Blick auf die Charakterporträts ergeben. Trotz der gegenwärtigen Anarchie steckt so auch immer ein potentielles Fünkchen Wahrheit in DOBERMANN und seinen absichtlich überzeichneten Figuren – was auch die hie und da auftretenden Seitenhiebe unterstreichen, die in erster Linie die französische Polizei (oder eher die Polizeiarbeit im gesamten) betreffen. Wie geschickt der Film dabei vorgeht, oder ob man in einem Film wie diesem überhaupt erst nach Botschaften suchen sollte ist eine ganz andere Frage. Fakt ist nur, dass Kounen bei keiner Gelegenheit Samthandschuhe anzieht – und der Film auch ohne weiterführende oder gar politische Bezüge das Zeug dazu hat, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Mit verantwortlich ist hier allerdings nicht die Story, die im Vergleich sogar als das schwächste Glied in der Kette der DOBERMANN-Anarchie daherkommt. Sicher, es gibt einen roten Faden – doch eine allzu außergewöhnliche Idee, nachvollziehbare Ambitionen der Protagonisten oder überraschende Wendungen werden nicht präsentiert. Und doch schafft es DOBERMANN, selbst diesen potentiellen Nachteil auszunutzen. Denn: wo kein wirklicher Einstieg in ein Handlungsuniversum stattfindet und wo ganz absichtlich in einem übertriebenen Comic-Stil erzählt wird; entstehen auch keine Probleme hinsichtlich einer wie auch immer gearteten Glaubwürdigkeit. Anders gesagt: man braucht erst gar keine Fragen zu stellen, sondern kann sich stattdessen voll ganz auf die Figuren und ihre wenn man so will spontan wirkenden Aktionen einlassen. Die sind dann auch das eigentliche Highlight von DOBERMANN – auch wenn Kounen hier nicht wirklich Kultpotential erreicht, und gerade die Dialoge noch etwas prägnanter hätten ausfallen können. Immerhin biedert er sich so nicht allzu auffällig bei Kollegen wie Tarantino an, und sorgt mit hie und da eingestreuten Sprüchen (wie etwa seitens des Polizisten, der immer mal wieder ein englisches Statement von sich gibt) für die nötigen Aha-Momente.

Ein besonderes Augenmerk sollte aber auch der visuellen Umsetzung gelten – denn hier ist Kounen gar zu einer absoluten Höchstform aufgelaufen. Von den rasanten, aber niemals zu hektischen Schnitten über die teils ungewöhnlichen Nahaufnahmen bis hin zur Szenenwahl und der Farbgebung stimmt einfach alles. Und das so sehr, dass selbst eine eher simple Choreografie – wie die einer Gruppe Polizisten, die eine Treppe Richtung Bank hinunterpirscht – zu einem kleinen Highlight avanciert. Ein sicherlich nicht jedermanns Geschmack treffender, letztendlich aber ebenfalls äußerst passiger Soundtrack und die bezeichnende Auftritte von Vincent Cassel als DOBERMANN und Tchéky Karyo als sein Widersacher Christini runden das Ganze nach oben hin ab.

Schlussendlich: DOBERMANN ist ein höchst unterhaltsames, wenn man so will einfach gestricktes aber schlicht herrlich durchtriebenes Machwerk für Freunde des etwas anderen Actionkinos. Vornehmlich eines solchen, in dem gerne Regeln gebrochen und Grenzen neu ausgelotet werden – etwa die des guten Geschmacks. Das DOBERMANN dennoch einen verdächtig stilvollen Eindruck hinterlässt, liegt wiederum nicht an etwaigen einzelnen Aspekten – sondern vielmehr am rundum stimmigen Gesamtpaket.


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„Ein mehr als ordentlicher und ordentlich anarchistischer Indie-Film-Happen aus Frankreich.“

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Metal-CD-Review: ANGRA – Holy Land (1996)

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Alben-Titel: Holy Land
Künstler / Band: Angra (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 23. März 1996
Land: Brasilien
Stil / Genre: Power Metal
Label: Rising Sun Productions

Alben-Lineup:

Andre Matos – Vocals, Keyboards
Kiko Loureiro – Guitars
Rafael Bittencourt – Guitars
Luís Mariutti – Bass
Ricardo Confessori – Drums

Track-Liste:

1. Crossing (01:57)
2. Nothing to Say (06:21)
3. Silence and Distance (05:36)
4. Carolina IV (10:36)
5. Holy Land (06:27)
6. The Shaman (05:23)
7. Make Believe (05:53)
8. Z.I.T.O. (06:05)
9. Deep Blue (05:47)
10. Lullaby for Lucifer (02:48)

Vom Power Metal und Vorbildfunktionen.

Wenn es ein Land gibt, welches als Ursprungsort großartiger Power Metal-Acts oftmals unterschätzt oder in internationaler Hinsicht eher weniger beachtet wird; dann ist das Brasilien. Dabei zeigen sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart auf, dass immer wieder mit positiven Überraschungen zu rechnen ist – ob nun im kleinen, oder aber im großen. Zu welcher Fraktion die alten Hasen von ANGRA gehören, ist natürlich längst bekannt: als vielleicht wichtigste Genre-Vertreter aus Brasilien fungierten sie nicht nur als Wegbereiter und Inspirationsquelle für viele andere, sondern machten sich auch in internationaler Hinsicht einen respektablen Namen. Und dafür gib es mindestens zwei Gründe. Einen, der sich verständlicherweise aus der dargebotenen Musik selbst ergibt – und einen, der vor allem in der Retrospektive deutlich wird.

Schließlich besteht kein Zweifel daran, dass ANGRA ihre ehrwürdige Position als Genre-Wegbereiter nicht nur auf dem Papier vorweisen können. Lauscht man beispielsweise dem Schaffen von späteren Genre-Kollegen wie AGE OF ARTEMIS, AQUARIA, TIERRA MYSTICA und vielen anderen; wird man eines feststellen: der Power Metal aus Brasilien klingt im besten Fall ein wenig anders als sein europäisches Pendant, und beinhaltet oftmals auch symphonische oder gar explizit-indogene Klang-Einflüsse. Während das gerade für das europäische Ohr immer wieder eine Erfrischung ist, so gab es diesen Sound bereits zu Beginn der 90er Jahre – oder genauer gesagt 1993, als ANGRA ihr Debütalbum ANGELS CRY (Review) veröffentlichten. HOLY LAND setzte die Tradition jenes neuen, absolut erfrischenden und wenn man so will auch angenehm exotischen Klänge dann 1996 fort – und setzte vielleicht sogar noch einen drauf.

Und das auch oder gerade weil der Anteil der Elemente, die man am ehesten mit dem Power Metal assoziieren würde vergleichsweise gering ist. Aber natürlich dennoch vorhanden, wie beispielsweise der Opener NOTHING TO SAY als international taugliche Vorzeige-Hymne beweist. Der Großteil der auf dem Album enthaltenen Nummern ist aber eher progressiver Natur – und folglich von zahlreichen Veränderungen, Stimmungswechseln und instrumentalen Variationen geprägt. Das außergewöhnliche SILENCE AND DISTANCE beispielsweise beginnt als Ballade – verändert sich dann aber in eine abenteuerliche Mischung aus einem melodischen Stampfer und geradezu festlichen Klängen. Erst mit dem 10-minütigen CAROLINA IV schöpft man dann aus dem vollen Fundus der hierzulande eher unbekannten Einflüsse – und präsentiert eine Geschichtsstunde der etwas anderen Art. Eine klanglich zunächst gewöhnungsbedürftige – doch waren ANGRA schon immer darauf bedacht, die universelle Wirkungskraft des Power Metal niemals außen vor zu lassen.

Und gerade deshalb funktioniert HOLY LAND auch heute noch vorzüglich – als für das Genre wichtiger Klassiker einerseits, und als für sich betrachtet hervorragendes Genre-Album andererseits. Die handwerklichen Leistungen der Mitglieder stimmen (auch wenn der Leadgesang von Andre Matos wahrlich alles andere als kräftig oder bissig ist), die erzählten Geschichten sind packend; eine ähnlich klingende Vergleichsband wird man so schnell nicht finden. Dass HOLY LAND dennoch nicht die volle Wertung einfährt, hat zwei Gründe: zum einen erscheint die Produktion alles andere als perfekt, und zum anderen – was sicher auch damit verbunden ist – kommen die Metal-Elemente nicht so zum Tragen wie sie es theoretisch könnten. Die Gitarren erscheinen im Mix eher hintergründig, was aufgrund der ohnehin omnipräsenten anderen Instrumente und des Keyboards leicht problematisch ist. Davon absehen stimmt die Mischung aus exotischen, energetischen und balladesken Momenten – der Unterhaltungswert des Albums ist jedenfalls enorm.

Absolute Anspieltipps: NOTHING TO SAY, SILENCE AND DISTANCE, Z.I.T.O., DEEP BLUE


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„Ein unterhaltsamer, aber sicher nicht unantastbarer Klassiker.“

Metal-CD-Review: STRATOVARIUS – Episode (1996)

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Alben-Titel: Episode
Künstler / Band: Stratovarius (mehr)
Veröffentlichungsdatum: Juli 1996
Land: Finnland
Stil / Genre: Power Metal
Label: T&T Records

Alben-Lineup:

Timo Kotipelto – Vocals
Timo Tolkki – Guitars
Jari Kainulainen – Bass
Jens Johansson – Keyboards
Jörg Michael – Drums

Track-Liste:

1. Father Time (05:02)
2. Will the Sun Rise? (05:06)
3. Eternity (06:56)
4. Episode (02:01)
5. Speed of Light (03:03)
6. Uncertainty (05:59)
7. Season of Change (06:57)
8. Stratosphere (04:52)
9. Babylon (07:09)
10. Tomorrow (04:52)
11. Night Time Eclipse (07:58)
12. Forever (03:06)

Eine Episode, die man lieber nicht verpassen sollte ?

Die 90er Jahre können zweifelsohne als Blütezeit des europäischen Power Metal bezeichnet werden. Nach der ersten Grundsteinlegung in den 80ern festigten hier viele bis heute wichtige Genre-Vertreter ihre Position – wie auch die Finnen von STRATOVARIUS. Die hatten ihre unvergleichliche Karriere bereits 1989 und mit FRIGHT NIGHT (Review) begonnen – und lieferten daraufhin munter weiter ab. Nach dem sehr guten FOURTH DIMENSION (Review), dem ersten Album unter der neuen Führung von Leadsänger Timo Kotipelto; folgte alsbald eine weitere EPISODE aus dem STRATOVARIUS-Kosmos. Eine, die durch stattliche 12 Titel definiert wird – und die sich mit dem gänzlich makellosen Opener FATHER TIME schnell einen Weg in das geneigte Power Metal-Herz bahnt. Doch im Gegensatz zu FOURTH DIMENSION ist hier nicht alles Gold, was glänzt – denn EPISODE weist trotz des bis dato einzigartigen Status der Band dezente Knackpunkte auf. Was genau es ist, wird zumindest während des ersten Durchlaufs nicht gänzlich klar – doch das Gefühl, als hätten sich STRATOVARIUS hier eher zurückgehalten entsteht relativ schnell. Das Problem: nach FATHER TIME kann keiner der offerierten Titel wirklich hervorstechen, obwohl die schon zuvor hoch gehaltene Abwechslung durch rasante Uptempo-Nummern und auch mal etwas getrageneren Stimmungen nach wie vor gegeben ist. Wobei das Pendel in Bezug auf EPISODE schon weitaus deutlicher in Richtung der balladesken Seite von STRATOVARIUS schwingt. Doch ganz gleich, ob man sich nun die rasanteren Nummern wie SPEED OF LIGHT und TOMORROW, reine Balladen wie SEASONS OF CHANGE oder stampfende und ungewöhnlich Bass-lastige Brecher a’la ETERNITY oder UNCERTAINTY vornimmt – sie alle haben eines gemeinsam.

Und das ist leider ein eher schwaches oder zumindest wenig effektives Songwriting – was umso markanter auffällt, wenn man es mit den weitaus erfrischenden Vorgängern vergleicht. So geschieht etwas für STRATOVARIUS-Verhältnisse eher ungewöhnliches: ein Großteil der einzelnen musikalischen Elemente überzeugt, wenn man sie denn gedanklich auseinander pflückt. So lassen weder der Leadgesang von Timo Kotipelto noch die Leistungen der anderen Mitglieder nennenswerten Raum für Kritik zu – und auch die Produktion erscheint über weite Strecken gelungen. Dennoch: in Bezug auf das Unterfangen, das Ganze in möglichst stimmigen, und vor allem nachhaltig wirksamen Nummern zu kumulieren; sieht es für EPISODE eher düster aus. Stellvertretend dafür steht unter anderem auch das merkwürdige BABYLON – das keine klare Marschrichtung erkennen lässt und sich schlecht in den Alben-Kontext einfügt. Auch NIGHT TIME ECLIPSE hat als längster Titel des Albums nur wenig markantes und schon gar keinen Spannungsbogen anzubieten – und spätestens das abschließende FOREVER ist dann doch eine dezent kitschige Ballade zu viel.

Absolute Anspieltipps: FATHER TIME, TOMORROW


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„Zu wenig originell, zu langatmig – die erste Enttäuschung in der STRATOVARIUS-Diskografie.“

Metal-CD-Review: MANOWAR – Louder Than Hell (1996)

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Alben-Titel: Louder Than Hell
Künstler / Band: Manowar (mehr)
Land: USA
Stil / Genre: Heavy Metal
Label: Geffen Records

Alben-Lineup:

Eric Adams – Vocals
Scott Columbus – Drums, Percussion
Joey DeMaio – Bass, Keyboards
Karl Logan – Guitars

Track-Liste:

1. Return of the Warlord (05:19)
2. Brothers of Metal, Part 1 (03:55)
3. The Gods Made Heavy Metal (06:04)
4. Courage (03:49)
5. Number 1 (05:12)
6. Outlaw (03:22)
7. King (06:25)
8. Today Is a Good Day to Die (09:43)
9. My Spirit Lives On (02:10)
10. The Power (04:09)

Da kann die Hölle einfach nicht mithalten.

Man sollte meinen, dass LOUDER THAN HELL das zweite MANOWAR-Album mit der neuen, rechtzeitig zum letzten Album (THE TRIUMPH OF STEEL von 1992, Review) etablierten Besetzung gewesen ist. Doch weit gefehlt – es gab zwischenzeitlich einen erneuten Mitgliederwechsel. Für den eingesprungenen David Shankle an der Gitarre kam nun Karl Logan; und für Rhino an den Drums kehrte nun doch – und überraschenderweise – Scott Columbus zurück. Immerhin würden zumindest Eric Adams und Joey DeMaio die eiserne MANOWAR-Front bilden, komme was wolle – und so verspricht das gute vier Jahre nach dem eher durchschnittlichen TRIUMPH OF STEEL erschienene LOUDER THAN HELL einen erneuten (natürlich nur einen metaphorischen) Schlag in das Gesicht aller Poser und Möchtegern-Metaller.

Und genau den umschreiben MANOWAR auch mit den ersten zwei bis drei Tracks. Mit RETURN OF THE WARLORD, BROTHERS OF METAL PT.1 und THE GODS MADE HEAVY METAL spendiert man dem Hörer durch-und-durch MANOWAR-tyische Heavy Metal-Hymnen. Diese preisen folgerichtig entweder das Genre, die Musik MANOWAR’s oder aber die Götter höchstselbst – und richten sich gegen alle, die es mit ihrer Musik vielleicht nicht ganz so ernst meinen wie die kultigen Amerikaner. Das hat eine entsprechend energetische Wirkung – doch grundsätzlich bleiben alle drei Titel eher flach. Flach selbst für MANOWAR-Verhältnisse – da nicht nur die Textinhalte, sondern auch die instrumentalen Komponenten nur aus verdächtig simplen Zutaten bestehen. Auch scheinen sich etwaige Elemente (wie etwa das Riffing) schon in Bezug auf die ersten drei Nummern zu ähneln – musikalische Offenbarungen bleiben hier also absolut aus. Die Nummern funktionieren natürlich trotzdem – eigenen sich aber eher als vergleichsweise stumpfe Party-Anheizer. Doch dann wird es plötzlich doch noch richtig interessant: COURAGE ist eine bestens inszenierte, episch anmutende Ballade mit einer kultverdächtigen Gesangs-Performance von Eric Adams. Obwohl die Instrumentalkomposition in ihrer Gesamtheit ebenfalls eher simpel ausfällt, sorgen die relativ dezenten Keyboards und die ergreifende Melodie für das nötige Etwas.

Tatsächlich scheint die Hürde mit diesem Titel genommen – das Album wird (nach dem eher lauen Auftakt) besser und besser. Die Nummern selbst werden melodiöser, rockiger, fetziger; während sich auch einiges im Hinblick auf die einzelnen Leistungen an den Instrumenten bewegt. OUTLAW indes bringt noch einmal eine Extra-Portion Tempo an den Start – und erhält so einen (für MANOWAR sicher nicht alltäglichen) Speed Metal-Touch. NUMBER 1 und KING sind zwei absolut zufriedenstellende Metal-Nummern im stampfenden Midtempo inklusive starker Refrains und Soli, während sich TODAY IS A GOOD DAY TO DIE als reines Isntrumentalstück präsentiert. Zugleich ist es mit knapp 10 Minuten der längste Titel des Albums – hier kommt dann doch noch ein wenig der vorangegangen MANOWAR-Epicness zum Zuge, was das Ganze recht unterhaltsam und vor allem auch abwechslungsreich gestaltet. MY SPIRIT LIVES ON ist dann wieder das (offenbar längst obligatorische) Bass-Solo – das man vermutlich überspringen wird, kommt es nicht an die Qualität der früheren Intermezzi heran. Zudem gerät das Ganze gerade in den höheren Lagen recht herausfordernd, was das allgemeine Nervenkostüm betrifft. Gut also, dass man mit THE POWER einen würdigen Rausschmeißer inszeniert. Hier sprühen MANOWAR noch einmal vor Energie; auch wenn die vielleicht erhoffte Innovation, der markante Moment ausbleibt – und das Album so nicht wirklich an ein Werk wie KINGS OF METAL (Review) herankommt.

Fazit: LOUDER THAN HELL kann man am ehesten als feucht-fröhliches, unterhaltsames Party-Album bezeichnen. Viele Nummern sind recht simpel gehalten, und vor allem textlich erreicht man hier ein selbst für MANOWAR-Verhältnisse bodenloses Niveau. Die einzig Möglichkeit besteht daher darin, das Ganze mit einem deutlichen Augenzwinkern zu betrachten – ganz unabhängig davon, wie ernst es MANOWAR selbst gemeint haben. Gute Laune ist mit LOUDER THAN HELL also garantiert – und auch der allgemeine Soundeindruck weiß mit der soliden Abmischung, den auf die 80er getrimmten Gitarren und dem druckvollen Bass zu gefallen. Nur eine musikalische Offenbarung sollte man nicht erwarten – wer MANOWAR von ihrer wahrhaft epischen Seite erleben will; der sollte eher zu den früheren Alben greifen.

Anspieltipps: COURAGE, KING, THE POWER

Vergleichsbands: VIRGIN STEELE | MAJESTY | OMEN | WARLORD

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„Der perfekte Heavy Metal-Partyanheizer“

Filmkritik: „The Dentist“ (1996)

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Originaltitel: The Dentist
Regie: Brian Yuzna
Mit: Corbin Bernsen, Linda Hoffman, Michael Stadvec u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 88 Minuten
FSK: Ab 18 freigegeben
Genre: Horror / Thriller
Tags: Dentist | Zahnarzt | Behandlung | Praxis | Charakterporträt | Blutig

Genau das richtige vor dem nächsten Zahnarztbesuch.

Inhalt: Der Zahnarzt Dr. Alan Feinstone (Corbin Bernsen) hat eigentlich alles, was sich ein Mann in seinem Alter wünschen würde – ein schickes Haus, eine hübsche Frau, eine recht erfolgreiche Zahnarztpraxis, und vor allem allgemeines Ansehen. Doch hinter der vermeintlich friedlichen Fassade brodelt es bereits gewaltig. Nicht nur, dass er mit der Steuerbehörde Probleme bekommt – er entdeckt, dass seine Frau ihn mit dem adretten und wesentklich jüngeren Pool-Reiniger betrügt. Bald darauf halten allerlei Wahnvorstellungen Einzug in seinen Berufsalltag – mit potentiell unangenehmen Folgen für seine zahlreichen Patienten. Dr. Feinstone kann kaum noch die Realität von seinem Wahn, die allgemeine Verrottung zu bekämpfen, auseinanderhalten – und plant, es vor allem seiner noch-Ehefrau heimzuzahlen.


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Kritik: THE DENTIST stammt von Regisseur und Multitalent Brian Yuzna – der bis zu diesem Projekt noch nicht allzu oft Regie geführt hatte, aber immer einen gewissen Eindruck hinterließ. Sei es mit seinen Filmen H.P. LOVECRAFTS NECRONOMICON oder RETURN OF THE LIVING DEAD III, seinem Drehbuch zu LIEBLING, ICH HABE DIE KINDER GESCHRUMPFT oder als Produzent von RE-ANIMATOR – seiner (durchaus umstrittenen) Arbeit wohnen seit jeher ein Hauch von Trash, aber eben auch Anzeichen einer angenehmen Selbstsicherheit inne. Er scheint einfach zu wissen was er tut; was er kann – und vor allem auch nicht kann. Unter Berücksichtigung dieses Credos schient er auch THE DENTIST, die fiese Zahnarzt-Mär aus dem Jahre 1996 verwirklicht zu haben – ein Film, der aus üblichen Filmbewertungs-Perspektiven heraus eigentlich ein echter weder noch-Streifen ist.

Jenes weder noch bezieht sich in diesem Falle vor allem auf die Mischung verschiedener Genres: THE DENTIST ist sowohl ein reines Exploitation-Machwerk aus dem Horror-Genre (was sich durchaus anbietet bei einem verstörten Hauptcharakter der Zahnarzt ist) wie auch Thriller; aber eben auch Charakterstudie eines vom Alltag gebeutelten, sich langsam zu einem Monster entwickelnden Menschen von nebenan. Unweigerlich denkt man in diesem Zusammenhang an Joel Schumacher’s Kultfilm FALLING DOWN – nur dass es in THE DENTIST um einen Zahnarzt geht, und damit automatisch auch um seine nun ad absurdum geführte Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen. Und: dass die Erzähldimension von THE DENTIST im direkten Vergleich nicht ganz so breit ausfällt, der Film weitaus weniger professionell gemacht ist. Doch irgendwie kann man dies dem Film kaum vorwerfen – er schafft alles, was er sich vorgenommen hat; und überrascht letztendlich sogar hinsichtlich seines hohen Unterhaltungswertes.

Das liegt vor allem am vergleichsweise hohen Trash-Faktor, der alles andere als unfreiwillig daherkommt. Brian Yuzna inszeniert THE DENTIST mit einer gewissen Leichtigkeit und einem Hang zur Überzeichnung, sorgt hie und da sogar für Lacher – nur um dem Film diesen Status als durch-und-durch morbide Trash-Unterhaltung gleich wieder abzusprechen. Denn im Endeffekt erlaubt er mehr Einblicke in das Innenleben seines Hauptcharakters, als das bei Filmen dieser Art üblich wäre – und sprengt so filmische Genre-Grenzen. Entweder ist es also ein blosser Zufall, dass die Mixtur der Genres selbst unter dem Einfluss der eher miserablen Effekte (vor allem wenn es darum geht, das Innenleben des Zahnarztes zu offenbaren) so gut funktioniert – oder es ist die unverkennbare Handschrift von Brian Yuzna. Eines hat er aber mit Sicherheit geschafft: die mitunter spannendsten, nervenaufreibendsten und auch ekeligsten Momente zu inszenieren, die je im Zusammenhang mit einer Zahnarztpraxis auf die Leinwand gebannt wurden.

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Denn gerade bei jenen Szenen wird man förmlich in den Sessel gepresst – ob nun ein kleiner Junge, eine junge Schönheitskönigin oder der nervige Eintreiber vom Finanzamt auf dem Behandlungsstuhl Platz genommen hat. Die Wirkung resultiert hier aber nicht aus dem eigentlich bodenständigen Gewaltgrad, sondern hauptsächlich aus der Vorstellungskraft des Zuschauers – die durch die typische Zahnarzt-Geräuschkulisse entsprechend angespornt wird. Natürlich wird es in THE DENTIST früher oder später auch einmal richtig zur Sache gehen – doch wirklich harte Szenen bilden hier eher die Ausnahme. Anders gesagt: man kann sie an einer Hand abzählen – was nur gut ist. Schließlich hätte man THE DENTIST auch weitaus blutiger und brutaler inszenieren können – mit einer hohen Wahrscheinlichkeit des Scheiterns. Der Film ist gut so, wie er ist – mit der zumeist subtilen Brutalität, dem überzeichnet dargestellten psychischen Verfall des Zahnarztes, dem allgemeinen Retro- und Trash-Charme.

Fazit: Die Geschichte von THE DENTIST ist eigentlich recht simpel und vorhersehbar, die Effekte sind selbst für das Jahr 1996 nicht zeitgemäß, die schauspielerischen Leistungen halten sich in qualitativen Grenzen. Und doch wohnt Brian Yuzna’s Werk etwas ganz eigenes, unverkennbares inne – wohl auch, da er die offensichtlichen Missstände perfekt ausgleicht. Sei es mit einer Portion Witz, den wenigen aber markanten Horror-Szenen, den liebevollen Kulissen, der geschickten Kameraführung oder den geradezu kultig anmutenden, herrlich-überzeichneten Sprüche und Ansichten des Zahnarztes (Stichwort Fäulnis – der Zähne, aber auch der Seele). Der Unterhaltswert ist enorm hoch, auch oder gerade weil man ihn kaum in eine Schublade stecken kann. Folglich ist es schwer, den Film einer einzelnen Zielgruppe nahezulegen – Horror-Fans werden sich vielleicht zu selten ekeln und gruseln, Thriller-Fans einstweilen langweilen; andere werden Probleme mit dem unvollständigen Charakterporträt und der nur angeschnittenen Gesellschaftskritik bekommen. Kurzum: man muss schlicht einen etwas speziellen Geschmack haben, um in den Genuss von THE DENTIST – und auch die anderen Werke von Brian Yuzna – zu kommen. Wenn man dies aber für sich bestätigen kann, steht dem (makaberen) Filmvergnügen nichts mehr im Weg. Aber auch davon abgesehen ist THE DENTIST letztendlich mehr als nur ein x-beliebiges, trashiges B-Movie. Er ist Kult.

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„Dezent-blutige Zahnarzt-Mär zwischen Exploitation und Psycho-Thriller“

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