Metal-CD-Review: GAMMA RAY – Sigh No More (1991)

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Alben-Titel: Sigh No More
Künstler / Band: Gamma Ray (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 23. September 1991
Land: Deutschland
Stil / Genre: Power Metal
Label: Noise Records

Alben-Lineup:

Kai Hansen – Guitars
Ralf Scheepers – Vocals
Uwe Wessel – Bass
Dirk Schlächter – Guitars
Uli Kusch – Drums

Track-Liste:

1. Changes (05:42)
2. Rich & Famous (04:39)
3. As Time Goes By (04:43)
4. (We Won’t) Stop the War (03:48)
5. Father and Son (04:26)
6. One with the World (04:47)
7. Start Running (03:58)
8. Countdown (04:20)
9. Dream Healer (06:21)
10. The Spirit (04:18)

Das Durchatmen nach der ersten Aufregung.

SIGH NO MORE ist das zweite offizielle Studioalbum einer damals noch sehr jungen Metal-Combo aus dem Hamburger Raum. Die Rede ist natürlich von GAMMA RAY, die neben den Kollegen von HELLOWEEN als eine der vielleicht wichtigsten deutschen Pionier-Bands bezeichnet werden können. Denn wo würde der europäische Power Metal heute stehen, hätte es niemals ein HEADING FOR TOMORROW (Review) oder zwei ganz bestimmte KEEPER-Alben (Review hier und hier) gegeben ? Doch bei aller Liebe zur Nostalgie und etwaigen Bestrebungen, geschichtsträchtige Ursprünge zu erforschen – es scheint, als hätten sich GAMMA RAY nach ihrem fulminant-frechen Debütalbum dezent zurückgelehnt. Denn anders ist der vergleichsweise lockere, oberflächlich-rockige und fast schon harmlose Sound des schon nicht mehr ganz so spektakulären Zweitwerks wohl nicht zu erklären. Sicher spielen hier auch andere Faktoren hinein, wie etwa die Tatsache dass GAMMA RAY unter Ralf Scheepers bei weitem nicht so angesehen waren wie zu ihrer Blütezeit ab 1995, in der Kai Hansen neben seiner Arbeit an den Leadgitarren auch den wichtigen Leadgesangsposten übernahm. Doch kann es nicht wirklich allein daran liegen – denn auch bezüglich des allgemeinen Konzeptes respektive der lockeren Präsentation steht SIGH NO MORE eher auf einem verlorenen Posten. So wurde der noch kurz zuvor dem deutschen Publikum schmackhaft gemachte Speed- und Power Metal gegen eine Reihe anderer Genre-Anleihen ausgetauscht – vornehmlich aus dem Bereich des Hardrocks. Doch nicht nur die instrumentell eher gemäßigte Aufmachung und die spürbare Zurückhaltung in Bezug auf die zuvor präsentierte Energie eines HEADING FOR TOMORROW schneidet hier schlecht ab, insbesondere scheint es das Songwriting erwischt zu haben.

Wo die Band zuvor mit Nummern wie HEAVEN CAN WAIT einen echten Klassiker abgeliefert hatte, stellte sich nun eine breite Ernüchterung; wenn nicht gar eine enorme Langeweile ein. Bereits der Opener CHANGES und dessen Nachfolger RICH AND FAMOUS dudeln relativ belanglos vor sich her, bis AS TIME GOES BY plötzlich an Fahrt aufnimmt und aufzeigt, zu was GAMMA RAY hier eigentlich imstande gewesen wären – nur um dann mit WE WONT STOP THE WAR und FATHER AND SON zwei weitere absolut zu vernachlässigende Nummern ohne das gewisse Etwas zu präsentieren. Richtig übel wird es dann aber erst in Anbetracht einer potentiellen Hymne wie ONE WITH THE WORLD, die gute Ansätze hat – aber dank des abgedroschenen Drumming-Parts ebenfalls schnell in der Versenkung verschwindet. STAR RUNNING ist dann eine der wenigen Nummern, die man als rundum gelungen bezeichnen könnte – und COUNTDOWN sowie das bemerkenswert schlecht abgemischte DREAM HEALER schon wieder das absolute Gegenteil. Sicher werden die Meinungen auch hier dezent auseinander gehen, doch zumindest eines scheint festzustehen: SIGH NO MORE ist weit davon entfernt, eines der besseren GAMMA RAY-Alben zu sein.

Absolute Anspieltipps: AS TIME GOES BY, STAR RUNNING, THE SPIRIT


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„Noch akzeptabel, aber gerade nach dem sehr guten Debüt eine herbe Enttäuschung.“

Filmkritik: „Der Rasenmähermann“ (1991)

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Originaltitel: The Lawnmower Man
Regie: Brett Leonard
Mit: Jeff Fahey, Pierce Brosnan, Jenny Wright u.a.
Land: USA
Laufzeit: 141 Minuten
FSK: Ab 16 freigegeben
Genre: Science Fiction / Action
Tags: Intelligenz | Potential | Experiment | Computer | Virtuelle Welten

Der kleine, oder doch der große Bruder von TRON ?

Inhalt: Der Wissenschaftler Dr. Lawrence Angelo (Pierce Brosnan) leitet im Auftrag der US-Regierung eine Reihe von Experimenten, die zu einer künstlichen Steigerung der Intelligenz, sowie eine Erhöhung des Aggressions-Potentials bei bestimmten Versuchstieren führen sollen. Zumindest vorerst – denn aller Wahrscheinlichkeit nach setzt die Regierung auf eine neue Generation von Supersoldaten. Eines Tages gelingt es dem vielversprechendsten Versuchstier, einem behandelten Affen; der Anlage zu entfliehen – womit eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen ausgelöst wird. Da der Affe letztendlich sogar getötet wird, sieht sich Dr. Angelo in seinem Bestreben bestätigt, sich vom potentiellen Kampfeinsatz seiner Versuchsobjekte zu distanzieren – und sich stattdessen dem gesellschaftlichen Potential seiner Forschung zu widmen. Seinen direkten Auftraggebern gefällt das verständlicherweise weniger – sodass sie ihm ein Ultimatum stellen. Dr. Angelo nimmt sich daraufhin eine dringend benötigte Auszeit – jedoch nicht, um über die bisherigen Ergebnisse nachzudenken. In seinem Kellerraum setzt er seine Forschungen fort – dieses Mal allerdings an einem menschlichen Testobjekt, dem geistig zurückgebliebenen Jobe (Jeff Fahey). Nach aussen hin verkauft er selbige Experimente als simple Lehrstunden, in denen er versucht Jobe etwas beizubringen – und tatsächlich unterscheidet sich das, was er letztendlich tut, überhaupt nicht von dieser Intention. Jobe wird von Sitzung zu Sitzung intelligenter, nimmt sich selbst stärker wahr – und avanciert im weiteren Verlauf zu einer waschechten Intelligenzbestie, die selbst Dr. Angelo zu übertreffen vermag.

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Kritik: Was muss ein Film besitzen, um sich die Attribuierung als Kultfilm zu verdienen ? Eine Möglichkeit ist nach wie vor die, Vorreiter in einem Genre zu sein – indem man bisher noch nie oder nur zaghaft behandelte Themen mit einer großen Portion Mut und Ideenreichtum unbeeinflusst von allen äusseren Umständen auf die Leinwand bannt. So geschehen ist dies auch im Fall von DER RASENMÄHERMANN, der sich explizit mit dem faszinierenden, in den frühen 90ern noch alles andere als abgenutztem Thema der virtuellen Realitäten auseinandersetzt; es aber nicht allein dabei belässt. Unter der Führung des Regisseurs Brett Leonard wird die virtuelle Ebene direkt mit der realen verknüpft – wobei ein besonderes Augenmerk auf die wechselseitigen Auswirkungen gelegt wird. So gesehen könnte man von einem indirekten Nachfolger von TRON sprechen – einem früheren Kultfilm, der seine Handlung jedoch explizit auf das ‚Innenleben‘ einer fortschrittlichen Technologie beschränkte; und in Bezug auf die eigentliche Realität nur sinnbildliche Parallelen anbot. DER RASENMÄHERMANN schöpft seine Faszination dagegen aus den unmittelbaren Folgen des Experiments – die letztendlich an einer einzelnen, markanten Versuchsperson festgemacht werden.

Jener Jobe, der sich als geistig zurückgebliebener aufgrund der fortschreitenden Experimente plötzlich mit einer enorm gesteigerten Intelligenz konfrontiert sieht; taucht daher nicht von ungefähr als RASENMÄHERMANN im Titel des Films auf. Allerdings braucht der Film etwas, um wirklich in Fahrt zu kommen und sich auf die eigentliche Handlung zu fokussieren – sodass insbesondere der Beginn etwas länglich ausfällt; und den Zuschauer auf spätere Zeitpunkte vertröstet. Der Auftakt mit dem entflohenen Affen samt dessen abenteuerlicher Montur, den stark behelfsmäßig wirkenden Filmaufnahmen und dem ersten Zusammentreffen mit Jobe versprüht so einen explizit trashigen Charme – der jedoch nicht wirklich zum folgenden Science-Fiction-Intermezzo passen will. Das darauf folgende, erste Porträt von Jobe dagegen erfüllt seinen Zweck – es ist gut, dass sich die Macher hier vergleichsweise viel Zeit genommen haben, den frühen RASENMÄHERMANN vorzustellen; und ihn ein stückweit auf seinem Alltag zu begleiten. Schließlich wird man später auf jene Erlebnisse zurückkommen, und den ’neuen‘ Jobe dem ‚alten‘ gegenüberstellen.

Grundsätzlich ist die Verwandlung von Jobe das eigentliche Highlight des Films – in etwa (und mit etwas Fantasie) ist es Vergleichbar mit dem tragischen Werdegang eines Alexander DeLarge aus Kubrick’s UHRWERK ORANGE. In beiden Fällen unterziehen sich entsprechend vorbelastete Männer einer Art Experiment hinter verschlossenen Türen; wobei direkt in die Chemie des Gehirns eingegriffen wird – mit teils positiven oder gar rechtfertigenden, teils erschreckend Folgen. Und so verbindet jene beiden Filme ein weiteres, markantes Positivmerkmal: die berühmt-berüchtigte was-wäre-wenn-Frage. Das sich das Stellen derselben überhaupt anbietet, weist einerseits auf die Qualität und den Innovationsfaktor des Materials hin – andererseits aber auch auf das Kult-Potential und die heiss begehrte Attribuierung als möglichst zeitloser Film. Auch DER RASENMÄHERMANN erfüllt diese Bedingungen, zumindest in mancherlei Hinsicht – und offeriert dem Zuschauer eine dystopische, aber doch alles andere als unwahrscheinliche Vision einer technologischen Zukunft, in der Menschen je nach Belieben manipuliert werden können. Zwar hält man es beim RASENMÄHERMANN nicht ganz so dezent wie in Kubrick’s Meisterwerk. Doch selbst in Anbetracht dessen, dass das Schicksal und die Zukunft der gesamten Menschheit auf dem Spiel stehen – direkt (durch die akute Bedrohung) wie indirekt (durch die Technologie an sich) – kauft man dem RASENMÄHERMANN alle dargebotenen Inhalte und Entwicklungen ab.

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Das ist nur gut und richtig – und gerade in Bezug auf das eigentliche Veröffentlichungsjahr in den frühen 90ern sollte der teils ‚erschreckende‘ Aspekt eine noch größere Rolle gespielt haben. Aber auch heute noch funktioniert der Film – wenngleich man gewisse Abstriche machen muss. Denn ausgerechnet eines der vermeintlichen Highlights des Films; nämlich die für damalige Verhältnisse ‚bahnbrechenden Computeranimationen‘ (und damit das Design der virtuellen Welten) verfehlen eher ihren Zweck, als das sie nachhaltig begeistern könnten. Hier kommt man der angestrebten Zeitlosigkeit nicht gerade entgegen – vieles wirkt einfach nur erschreckend plump. Dabei hätten sich die Macher bewusst sein müssen, dass die hier eingesetzten Effekte schnell ihren Reiz verlieren, und so unfreiwillig zum Trash-Charme des Films beitragen würden. In Bezug auf die Technik und Visualisierung wirkt daher selbst der 10 Jahre ältere Sci-Fi-Film TRON futuristischer, aufwendiger und zeitloser dargestellt als die mitunter geradezu hässlichen Technologie-Momente aus DER RASENMÄHERMANN. Es gehört eben schon einiges dazu, ein ‚Utopia‘ in Form einer virtuellen Welt zu inszenieren – doch in diesem Fall helfen selbst die bekräftigenden Aussagen der Protagonisten (hier drin kannst du alles machen / sein was Du willst) nicht viel. Makaber: der Anzug, den Jobe im späteren Verlauf trägt, erinnert explizit an eben jenen Vergleichsfilm, jenes mehr oder weniger offensichtliche Vorbild – eine Tributzollung, oder doch nur ein Zufall ?

Fazit: Man könnte den RASENMÄHERMANN durchaus als Kultfilm bezeichnen – jedoch nicht aufgrund der längst in die Jahre gekommenen (und auch sonst erschreckenden) Visualisierungen, sondern ausschließlich aufgrund des faszinierenden, durchaus innovativen Inhalts. Anspruch hin oder her – hier werden alle Prämissen entsprechend ausgeschöpft; und mithilfe eines gelungenen Spannungsbogens und des intensiven Beleuchtens der Charaktere zu einem stimmigen Gesamtbild verschmolzen. Auch die engagierten, stets glaubwürdig agierenden Darsteller tragen ihren teil zum Funktionieren des Films bei – ein angenehmer, sich auch mal schmutzig machender (in beiderlei Hinsicht) Pierce Brosnan, und insbesondere der wandlungsfähige Jeff Fahey sorgen hier für Aufsehen. Einen zusätzlichen, riesigen Bonuspunkt verdient sich indes das überraschend raffinierte Doppel-Finale des Films, mit dem man nicht unbedingt hätte rechnen können. Das seltene Gefühl, dass die Macher schlicht alles richtig gemacht haben und das Maximum aus einer Idee herausholten, sorgt so für eine wunderbare Schluss-Atmosphäre. Aber: der nicht ganz so stimmige Auftakt, die kläglichen Effekte und die einstweilen doch zu überzeichnet dargestellten Elemente verhindern eine entsprechend zeitlose Wertung. Es bleibt bei einer Empfehlung für alle Sci-Fi-Fans, und solche die es werden wollen.

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Filmkritik: „Die Schöne Und Das Biest“ (1991)

Originaltitel: Beauty And The Beast
Regie: Gary Trousdale, Kirk Wise
Mit:Paige O’Hara, Robby Benson, Richard White u.a.
Laufzeit: 84 Minuten
Land: USA
FSK: Ab 0
Genre: Animationsfilm

Eine gruselig-schöne Märchenstunde für die ganze Familie.

Inhalt: Die hübsche Belle lebt mit ihrem Vater, einem kauzigen Erfinder, in einem kleinen ländlichen Dorf. Hier verbringt sie einige unbeschwerte Tage, doch der eingebildete Gaston hört einfach nicht auf um sie zu werben – sehr zum Leidwesen von Belle, die von viel mehr träumt als einem hochnäsigen Geschichtenerzähler. Eines Tages macht sich Belle’s Vater auf, seine Erfindungen zu bewerben – doch durch einen Zufall landet er in einem riesigen Schloss, welches schon lange niemand mehr betreten hat. Hier trifft er auf das ‚Biest‘, eine furcheinflössende und offenbar überaus kaltherzige Gestalt, welche ihn prompt gefangennimmt. Als Belle zur Rettung ihres Vaters eilt, sieht sie keine andere Möglichkeit als sich selbst zum Tausch anzubieten – auf dass zumindest ihr geliebter Vater freigelassen werden würde. Doch damit begibt sie sich vollständig in die Hände des Biests, welches kaum Anstalten macht, das hübsche, unschuldige Mädchen anständig zu behandeln – noch nicht. Denn im Laufe der Zeit scheint sich das ungleiche Paar allen Umständen zum Trotz näher zu kommen…

Kritik: So bekannt der große Name Disney ist, so bekannt sind die zahlreichen Figuren, denen der weltweit bekannte Medienkonzern und dessen Künstler im Laufe der Jahrzehnte Leben eingehaucht haben, um sie daraufhin in spannende Abenteuer für die ganze Familie zu schicken. Ausser Frage steht, dass einige der bekannten Disney-Filme längst zum Kult avanciert sind – ein ‚Kult‘, der generationsübergreifend wirkt und einerseits aus offensichtlicher Qualität, und andererseits aus nostalgischen Erinnerungen der älteren Zuschauer hervorgegangen ist. Immerhin wurde das Studio bereits im Jahre 1923 gegründet; sodass den heutigen, späteren Werken vor allem eine langjährige Geschichte voller (bombastischer) Erfolge und weniger guten Zeiten vorausgeht. Aber auch eine gewisse Erwartungshaltung in Bezug auf Inhalte und die typische ‚Disney-Magie‘ hat sich über die Jahrzehnte immer weiter geformt und etabliert. Wenngleich viele sagen, dass diese gerade zu Beginn des 21.sten Jahrhunderts immer öfter unterboten wurde gab es zweifelsohne eine Zeit, in der der Name Disney noch für ungleich hochqualitative Produktionen stand. Einer dieser Filme aus den guten alten Tagen ist DIE SCHÖNE UND DAS BIEST, die bekannte und oft kopierte Geschichte eines jungen Fräuleins, dass sich wider Erwarten in einen verzauberten Prinzen in der Gestalt einer Bestie verliebt, und so einen bösen Fluch bannt. Jegliche Nostalgie-Boni und potentiell (über-)beschwingte Kindheitserinnerungen einmal aussen vor – gibt es tatsächlich greifbare Aspekte die den Film über den Status einer typischen, mittelprächtigen Familienunterhaltung hieven ?

In der Tat, die gibt es – auch wenn sich diese ausschließlich auf das Original aus dem Jahre 1991 beziehen, und keinesfalls gleichsam auf die Fortsetzungen aus den Jahren 1997 und 1998 (der Zeitraum, in dem sich eine gewisse ‚Fortsetzungs-Strategie immer deutlicher abzeichnete) zu übertragen sind. Dies ist in erster Linie der sehr grundsätzlichen Geschichte zuzuschreiben, die an jeden Ort und in jede Zeit zu übertragen ist – und dessen Erzählung vor allem eine wichtige, entsprechend zeitlose Botschaft mit sich bringt. Doch Disney wäre nicht Disney, wenn sich das Studio nicht sichtlich Mühe gegeben hätte, die Geschichte in einen entsprechend fantastisch-unterhaltsamen Rahmen zu packen. So wird DIE SCHÖNE UND DAS BIEST zu weit mehr als einer blossen, kindgerecht in Filmform verpackten Moral. Vielmehr entsteht ein abendfüllender Animationsfilm, der nicht nur eine sinnige Story zu bieten hat aus der man (oder vor allem der jüngere Zuschauer) lernen kann – sondern eine Vielzahl von angenehmen und versiert umgesetzten Elementen der Filmkunst beinhaltet. So fällt die Erzählweise im Zusammenspiel mit dem flotten (aber nicht zu schnellen) Erzähltempo äußerst spannend aus und lässt kaum Platz für Langeweile – und das ganz ohne eine jegliche Effekthascherei. Auch das Angebot, ein großes Maß an Empathie für die beteiligten Figuren zu entwickeln, wird wunderbar subtil und bereits innerhalb der ersten Minuten Spielzeit kredenzt.

Die inhaltlichen Aspekte und deren Umsetzung lassen sich also durchaus sehen, und das gestern wie heute  – doch sind es nicht einmal die stärksten Elemente an und in DIE SCHÖNE UND DAS BIEST. Denn mindestens ebenso zeitlos und anspruchsvoll ist die handwerkliche Arbeit ausgefallen, die sich durch einen wunderschönen Zeichenstil , geschmeidige Animationen und einen inspirierenden Soundtrack definiert und omnipräsent bemerkbar macht. Eine offensichtliche Liebe zum Detail, die sich in vielen zu entdeckenden Elementen und dem Zusammenspiel der Kontraste aus Wärme / Kälte, Licht / Schatten widerspiegelt ist dabei bei weitem nicht das einzige Qualitätsmerkmal – vortrefflich gelungen sind vor allem auch die musikalischen Einlagen. Hier bieten die Figuren in bester Musical-Manier ein optisch opulentes, akustisch informativ-unterhaltsames Schauspiel dar, welches man nicht hätte besser realisieren können.

Jedoch kommt auch ein gerne als ‚Meisterwerk‘ bezeichneter Film wie DIE SCHÖNE UND DAS BIEST nicht gänzlich ohne, wenn auch eher weniger kritische Schwächen aus. Diese beziehen sich vor allem auf jene Aspekte, die den Film zusätzlich ‚düster‘ erscheinen lassen – und das grundsätzlich unnötiger Weise. Dass das ‚Biest‘ vor allem in der Kennenlernphase eher wie ein tatsächliches ‚Monster‘ denn als verzauberter Mensch dargestellt wird ist nur gut und richtig – doch bereits hier werden kritischere / deutlich jüngere / empfindlichere Zuschauer Stilmittel vorfinden, die man vielleicht nicht ganz so drastisch hätte einsetzen sollen. Einfach ausgedrückt, der Film ist vergleichsweise gruselig; und streckenweise sogar brutal – wobei es gleichermaßen Anteile der physischen und auch psychischen Gewalt sind, die hier eine Abbildung finden. Sei es ein perfider Überredungsversuch welcher die Entmündigung eines liebenden Vaters beinhaltet, die psychologische, den Mob mobilisierende Kraft eines ‚großen Redners‘, hungrig-blutgierige Wölfe oder gar deutlich gezeigte Messerstiche – man sollte definitiv vorsichtig sein und sich nicht unbedingt auf die FSK-Empfehlung verlassen, die hier eine Freigabe ab 0 Jahren vorsieht. Da haben andere, wesentlich harmlosere Werke schon eine strengere Beurteilung erfahren. In diesem Sinne ‚entschärfend‘ kann nur der Kontext wirken, in dem solche Szenen gezeigt werden – den es bei Bedarf unbedingt zu erklären gilt.

Fazit: DIE SCHÖNE UND DAS BIEST ist mit Sicherheit einer der besseren Disney-Filme – und verdient die Einstufung als Werk, welches auch nach 20 (oder 30, oder…) Jahren nichts von seiner Wirkungs- und Faszinationskraft verloren hat. Deutlich spürbar ist hier noch die viel umschwärmte Disney-Magie, die sich vor allem in früheren Werken abzeichnete; und Zuschauer aller Altersklassen gleichsam zu unterhalten vermag. Auch wenn er stellenweise fragliche Botschaften enthält, überwiegt doch die Wirkung der einen, alles abschließenden: die Liebe siegt, und vermag es selbst den düstersten Bann, die schrecklichste Oberfläche, das dunkelste Herz zu durchdringen. Vorsicht ist jedoch geboten bei deutlich jüngeren Zuschauern – denn ganz so vorbehaltlos sind Disney-Filme in dieser Hinsicht nicht immer zu empfehlen. Hier haben Filmemacher (die sich auf animierte Kinderfilme / Multigenerationsfilme spezialisieren) aus dem fernen Osten zumeist die Nase vorn – ob man diesen Vergleich nun anberaumen möchte oder nicht. Doch bei diesem Stichwort sollte man auch erwähnen, dass die SCHÖNE UND DAS BIEST letztendlich keinen derart nachwirkenden Eindruck hinterlässt, wie man es von einem ‚echten‘ Meisterwerk erwarten würde. Dennoch, (sehr) gute Unterhaltung ist geboten. Ob nun in der Originalen, oder der ‚Remastered‘-Version, die eine zusätzliche Szene (siehe Trailer) beinhaltet.


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„Ein zeitloser Klassiker.“

Filmkritik: „Story Of Ricky“ (1991)

Originaltitel: Lik Wong
Regie: Lam Ngai Kai
Mit: Siu-Wong Fan als Ricky, Mei Sheng Fan u.a.
Laufzeit: 88 Minuten
Land: Japan / China
FSK: Ab 18
Genre: Action / Splatter-Komödie

Dieser Feldzug der Gerechtigkeit ist nichts für schwache Nerven…

Inhalt: In der nahen Zukunft, im Jahre 2001, sind ein Großteil der staatlichen Einrichtungen privatisiert – so auch die zahlreichen Gefängnisse. Diese verkommen nunmehr zu rein kommerziellen Spekulationsobjekten, in denen die korrupten Direktoren die Häftlinge als billige Arbeitskräfte missbrauchen. Doch nicht nur das, auch die Alltagsbedingungen der Gefangenen sind schier unmenschlich, ständig leben sie in Furcht und Angst vor den sogenannten ‚Capos‘ der jeweiligen Gefängnisflügel. Diese mit besonderen Fähigkeiten ausgestatteten Häftlinge unterstehen unmittelbar dem Direktor, und setzten sein oftmals menschenverachtendes Gesetzt knallhart durch. Eines Tages muss sich auch der junge, 21-jährige Ricky Ho diesen Bedingungen stellen – er wird wegen Mordes zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. In Wahrheit jedoch ist der Mann, der wie kein zweiter die Kunst des Qi-Gong beherrscht, alles andere als schuldig – sondern ein Verfechter der Gerechtigkeit, der sich in der Vergangenheit an einem Kriminellen rächte, der seine Freundin auf dem Gewissen hat. Einmal im Gefängnis angekommen, steht er sofort im besonderen Fokus des stellvertretenden Direktors, der die kleinsten Anzeichen eines Aufstandes mit extremen Mitteln auszumerzen weiss. Nun also muss sich Ricky seinem bisher größten Feind stellen: der Unmenschlichkeit.

Ricky ist völlig schmerzbefreit – dank der Kraft des Qi-Gong.

Kritik: Was für ein Film – STORY OF RICKY ist das höchst eigentümliche Produkt einer Idee, die erstmals in Form eines Mangas und zwei darauffolgenden Anime-Verfilmungen manifestiert wurde. Die Japanisch-Chinesische Co-Produktion von Regisseur und Drehbuchautor Lam Ngai Kai weiss die Geschichte um den knallharten, aber gutherzigen Qi-Gong-Mann nun erstmals in einer Realfilmversion umzusetzen – bei der man zweifelsohne nicht umherkam, der optischen Gestaltung eine besondere Rolle zukommen zu lassen. Und in der Tat ist die Geschichte um den übermenschlich starken Ricky alles andere als inhaltlich erwähnenswert – die Story ist schnell erzählt, ist enorm vorhersehbar, bietet kaum Überraschungen; und wartet zudem mit einer enorm vereinfachten, moralinsauren Botschaft auf. Dass er aber dennoch enorm unterhaltsam, und vielleicht sogar als filmischer Meilenstein wertzuschätzen ist, hat gänzlich andere Gründe.

Zum einen liegt die makabere Faszination an der STORY OF RICKY einer immensen Gewaltdarstellung zugrunde, die dem Film nicht umsonst eine Empfehlung ab 18 Jahren einbrachte – wenn überhaupt, schließlich ist er in vielen Ländern erst gar nicht offiziell erhältlich. Die im Film enthaltenen, mehr als expliziten Gewaltdarstellungen sind jedoch kein Abbild einer zunehmend pervertierenden Gesellschaft wie in der späteren Generation der Horror- und Folterfilme, sondern vielmehr ein absichtlich übertrieben eingesetztes Stilmittel. So entsteht eine Atmosphäre, wie sie eigentlich nur bei einigen wenigen Filmen der frühen 90er-Jahre entstanden ist, zum Beispiel dem großartigen Zombie-Kult-Klassiker BRAINDEAD (Review). Die porträtierte Gewalt ist schlicht nicht ernstzunehmen, und durch eine offensichtliche Überzeichnung weniger dem Horror- oder Gore-Genre zuzuordnen – sondern der offensichtlich genau für solche Filme ins Leben gerufenen Nische des Splatterfilms. Und Filme dieser Sparte geizen traditionell nicht mit heftigen Gewaltdarstellungen, die in solchen Fällen eher für Lacher als für ein entsetztes Abwenden sorgen. Gesetzt dem Fall, man ist 18 Jahre alt, und allgemein nicht gerade zimperlich was cineastische Ergüsse dieser Art angeht.

Auch sollte man eine gewisse Vorliebe für Filme im Gepäck haben, die im Sinne einer Zielgruppe und einer beabsichtigten Wirkung nur schwerlich einzuordnen sind; oder gar völlig differente Reaktionen hervorrufen als dies vielleicht ursprünglich beabsichtigt war. Man kennt dieses Phänomen nur allzu gut: Filme wie TROLL 2 (Review) zeigen auf, wie ernst es die Macher doch tatsächlich gemeint haben können – mit dem letztendlichen Produkt aber in eine völlig andere, mitunter ungewollte Richtung abdrifteten. Auch bei STORY OF RICKY kommt dieses Gefühl ansatzweise auf – doch insgesamt wirkt der Film viel weniger gezwungen, verkrampft und hoffnungslos wie so manch anderes Genre-Pendant. Ob dies nun die tatsächliche Intention war oder nicht; die herrlich klischeehafte Zeichnung eines Gefängnisses mit zwei besonders fiesen Direktoren macht schlicht ‚Spaß‘, und weiss vor allem durch die laienhafte, aber wirkungsvolle Arbeit der Maskenbildner zu unterhalten. Die sorgen ständig für ein ausreichendes Level an fliessendem Kunstblut, mehr oder weniger stark verletzten Körperpartien; und gerne auch mal der Umsetzung einer besonders gemeinen Idee (Stichwort Rasierklingen, Faust-trifft-auf-Faust). Das sieht dann im Endeffekt weniger erschreckend, als vielmehr äusserst krude und makaber aus – ganz im Sinne eines guten Splatter-Films (für Erwachsene) eben.

Fazit: Sicher, wenn man so wollte könnte man auch die im Film enthaltene Botschaft hochhalten, die immerhin keine schlechte ist und möglicherweise sogar ‚ihrer Zeit voraus‘ ist. Doch letztendlich kommt es in STORY OF RICKY weniger auf das warum und weshalb an, als vielmehr um das ‚wie‘ – wie konnten die Macher nur auf diese oder jene Idee kommen, wie Ernst meinen sie das Gezeigte; und auch: wie konnte man nur derart passende Synchronsprecher (für die Deutschsprachige Version) finden ? Selbige sorgen dafür, dass der Film noch weniger ernstzunehmen ist als ohnehin schon – und spendieren ihm eine zusätzlich laienhafte; aber äusserst unterhaltsame Note. Alle anderen Aspekte, seien es nun die inhaltlichen oder technischen, bewegen sich ebenfalls auf diesem zweifelhaften Niveau – die zwar nicht immer für ein derart unterhaltsames Machwerk wie STORY OF RICKY führen, aber in diesem Fall hat es zweifelsohne geklappt. So kommt es dass ein Film, über den ein Großteil der potentiellen Zuschauer schon im voraus die Nase rümpfen würde, so herrlich ‚anders‘ und politisch unkorrekt ist, dass er zu einem Kult-Streifen der Extraklasse avanciert. Und sich, dementsprechend, kurz hinter BRAINDEAD in den Bestenlisten anstellen darf. Und das ohne großes Aufheben, einen großen Aufwand oder ein jegliches Anzeichen von Niveau. Für Splatter-Fans und solche, die es werden wollen, ein absolutes Pflichtprogramm. Aber daran denken: bloss nicht mit leerem (oder vollem ?) Magen verköstigen…

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Filmkritik: „Tränen Der Erinnerung“ (1991, Studio Ghibli #5)

Originaltitel: Omoide Poro Poro
Regie: Isao Takahata (Studio Ghibli)
Mit: /
Laufzeit: 118 Minuten
Land: Japan
Genre: Animationsfilm

Inhalt: Die 27-jährige Taeko ist noch unverheiratet und arbeitet als Angestellte in einem Büro in Tokio. Im Grunde ist sie zufrieden mit ihrem Leben, doch sie scheint irgendwo in ihrem Inneren ein ungewisses Gefühl zu spüren. Ein Gefühl, welches aus ihren bisherigen Erfahrungen und den Erwartungshaltungen ihrer Freunde und Verwandten resultiert. Schließlich wundern die sich schon, warum Taeko als 27-jährige noch keinen Ehemann in Aussicht hat. Eines Tages schlägt ihre Schwester Nanako vor, dass sie doch ein paar Tage auf das Land fahren könnte um Urlaub zu machen. Für Taeko kommt dies gerade recht, da sie seit ihrer Kindheit eine heimliche Bewunderung für das Land und das Leben dort hegt. Auf ihrer Fahrt erlebt sie dann lebendige Erinnerungen an die Vergangenheit – an die Dinge, die sie als 10-jährige Taeko erlebte. Ihre Schulzeit, ihr Leben im Elternhaus, ihre erste Liebe… alles kommt wieder hervor, und Taeko ist sich noch nicht sicher, warum gerade jetzt. Doch während ihres Aufenthaltes auf dem Land findet sie Zeit und Muße, weitere Erinnerungen zuzulassen und sie zu erforschen – während sie die Bauern nebenbei tatkräftig bei der Landarbeit unterstützt.

Kritik: Und, selbstverständlich darf der geneigte Zuschauer an all diesen Prozessen teilhaben. Bei Tränen Der Erinnerung handelt es sich um weiteren Gihbli-Film, dem höchst renommierten Produktiosstudio aus Japan – zudem zeichnet sich Isao Takahata für die Regie verantwortlich, der mit seinem Meisterwerk Die Letzten Glühwürmchen für (berechtigte) Fuore und Begeisterungsstürme sorgte. 3 Jahre nach der Veröffentlichung des Kriegsdramas folgt nun einer weiterer Anime-Spielfilm – und wieder handelt es sich um ein Drama. Und was für eins: in erster Linie um ein für das Anime-Genre absolut untypisches. Während bereits Die Letzen Glühwürmchen ohne Zweifel als „erwachsener“ Anime durchgehen konnte, setzt Tränen Der Erinnerung diese Tradition fort, hebt sie gar auf das nächste Level: übertriebenen Slapstick, hektische Actionszenen, irrwitzige Dialoge oder generell sonstige Anime-typische Elemente (große Augen zum Beispiel) wird man in diesem Werk nicht finden. So hebt sich diese Produktion merklich von anderen (auch Ghibli-) Produktionen aus Japan ab, und zeugt von einer enormen erzählerischen Intensität und -Emotionalität. Haupt Dreh- und Angelpunkt des Films sind die Charaktere, vor allem natürlich Taeko – dementsprechend zeitintensiv wird ihr Porträt ausgearbeitet. Und das gelingt erstaunlich gut !

So hat der Film nicht gerade wenig Stärken zu bieten: besonders markant (und relativ schnell zu Beginn ersichtlich) sind die Zeitschienenwechsel zwischen der „heutigen“ (Ende der 80er, siehe Produktionszeitraum) und den Erinnerungen von Taeko an ihr damals 10-jähriges ich.  Hierbei wird nicht einfach nur hin- und her gewechselt, was sicher in einer gewissen Unübersichtlichkeit geendet hätte – die Szenen sind (wie auch generell in Mangas) stilistisch klar voneinander getrennt. Das „heute“ erstrahlt in satten Farben, opulente Landschaften und zahlreiche Details schmücken die Szenerie – währen die Vergangenheit eher in einem etwas „muffig“ wirkenden 60er-Jahre-Stil daherkommt. Die dominierenden Farben bestehen hier aus Brauntönen; und zudem soll der Eindruck einer gewissen „Verschwommenheit“ (passend zu der Tatsache, dass es sich um Erinnerungen handelt) entstehen. Dies gelingt wahrlich fabelhaft – sowohl das heute als auch die Vergangenheit wirken tadellos in Szene gesetzt, die Voraussetzung für das Aufkommen von Empathie für den Hauptcharakter ist also definitiv geebnet. Und tatsächlich kann man sich (ob nun männlicher oder weiblicher Zuschauer) recht gut in Taeko hineinversetzen, die ihre ganz persönliche Midlife-Crisis (gut, das ist es nicht wirklich; doch so muss man es sich vorstellen) bereits Ende ihrer 20er-Jahre erlebt. Das bisherige Leben wird vor allem in Bezug auf die berufliche Karriere noch einmal in Frage gestellt – man hält inne, und fragt sich: ist es wirklich das, was ich immer wollte ?

So wirkt Tränen Der Erinnerung wie eine höchst authentische Erzählung (selten kann ein so hohes Authenzitätsniveau in einem Anime generiert werden) mitten aus dem Leben. Einzelne Szenen aus dem Alltagsleben der Protagonisten unterstützen diesen Eindruck zusätzlich: wenn die junge Taeko ein Matheproblem hat, und ihre große Schwester ihr widerwillig die Aufgaben erklären muss, beispielsweise. Oder, wenn die nun erwachsene Taeko ihre Liebe zur Landwirtschaft entdeckt, und alle sie dabei auf ihre Art und Weise unterstützen – und sei es nur durch einen freundlichen Blick. Die interessantesten Szenen des Films finden sich jedoch zweifelsohne in der Vergangenheit – es macht einfach Spaß, die Erinnerungen von Taeko mitzuerleben und sie möglicherweise auch aus einer heutigen Sicht (wie in der Fahrzeugszene gegen Ende) einmal ganz anders gedeutet zu bekommen. Nun, all dies sind eindeutige Stärken des Films, der insgesamt und trotz seiner langen Spieldauer (knapp 2 Stunden, das ist schon was für einen Anime, vor allem wenn es sich um ein Drama handelt) gut zu unterhalten vermag. Dass Isao Takahata sein Handwerk als Regisseur versteht, steht vollkommen ausser Frage. Aber, es gibt auch Aspekte, die den Film nicht in den (Ghibli-) Anime-Olymp auf Positionen neben Nausicaä oder auch Kiki’s Kleiner Lieferservice (als Anime für Kinder) schweben lassen.

In erster Linie ist dass die eben schon erwähnte Spieldauer – zwar gibt es nie wirkliche Momente des Leerlaufs, doch einige Szenen kommen dem schon erschreckend nahe: wenn Taeko im Auto sitzt und mit ihrem Vater über dieses oder jenes plaudert, beispielsweise. Man darf es nicht falsch verstehen: diese Dialoge sind gut gemacht und zudem recht informativ; doch wirklich bedeutsam in Bezug auf die Geschichte sind sie nicht. Weiterhin werden in solchen Momente alle anderen Aspekte, die einen Anime sonst „stark“ machen, zurückgeschraubt: der Fokus (beziehungsweise der Zoom) liegt auf den Gesichtern der Charaktere, Schwenks auf die (malerischen !) Landschaften gibt es nur höchst selten. Die vielleicht größte Enttäuschung findet sich jedoch in Bezug auf die Verknüpfung der Erinnerung mit dem „heute“: offensichtlich gibt es nicht immer eine Verbindung, eine direkte schon gar nicht. Wenn, dann sind die dargestellten Emotionen und Erlebnisse im großen und Ganzen zu sehen, meist geben sie einen Hinweis auf die Persönlichkeit Taekos. Einerseits ist das positiv, da dieser Film so abermals mit gängigen Traditionen bricht (keine „schlimme“ Kindheit oder nachhaltige Erlebnisse), andererseits aber schmälert dies etwas den Filmgenuss, gerade in Bezug auf den Filmtitel und den damit verbundenen Erwartungen. Im Finale des Films werden dann noch einmal Vergangenheit und Präsens verknüpft – erstmals explizit, zudem noch von einem äusserst gelungenen Soundtrack untermalt. Hier schwappen dann doch noch einmal einige Emotionen über – man denkt über den gesehenen Film, aber vielleicht auch über sein eigenen Leben (und die Verbindung von Kindheitsvorstellungen und -Erwartungen im Vergleich mit dem jeweiligen heutigen ich) nach.

Fazit: Tränen Der Erinnerung ist ein ungewöhnlicher Anime – zweifelsohne ein äusserst gut gemachter und intensiv erzählter. Kleinere Enttäuschungen bieten dagegen die (glücklicherweise seltenen) „echten“ Durststrecken, beispielsweise mit den Dialogen die eher unter der Sparte „Allgemeininformationen“ laufen als dass sie der Dramaturgie nützlich wären – und die nicht ganz so explizite Verknüpfung der Vergangenheit mit dem heute. Ein Großteil spielt sich eben im Kopf (und im Herzen) von Taeko ab – sowohl damals, als auch heute. Dass ist eine äusserst realitätsnahe Herangehensweise eines Porträts, doch daraus kann folgen, dass man als Zuschauer nicht immer eine Verbindung zu Taeko herstellen und ihre Gedankenwelt nachvollziehen kann. Zumindest das Ende „räumt“ dann (emotional) noch einmal entgültig auf und sollte selbst die hartgesottensten Zuschauer zu der ein oder anderen Träne rühren. Da erscheint es schon fast etwas schade, dass ein wenig dieser „Magie“ nicht auch schon während des Films zu sehen und zu spüren ist – einzig bei dem Porträt der ersten Liebe Taeko’s war dies wohl mitunter der Fall (die schamhaft-roten Gesichter, der bildliche „Aufstieg in den Himmel“) – großartig. Mindestens einen weiteren, bisher nicht erwähnten Pluspunkt kann dieses Werk dann aber doch noch für sich verbuchen: man erhält als internationaler Zuschauer einen dezenten Blick in die Kultur Japans: sei es in Bezug auf die (oftmals strengen) Erwartungshaltungen innerhalb einer Familie, den „Patriarchismus“ (letztendlich entscheidet doch der Vater) oder die Bedeutung der Begrifflichkeit sein Gesicht verlieren. Alles in allem – eine klare Empfehlung, aber im Gegensatz zu Nausicaä oder Das Schloss Im Himmel längst nicht mehr eine uneingeschränkte – Tränen Der Erinnerung ist ein merklich unkonventioneller, nicht so „epischer“ und schlicht etwas ungewöhnlicher Streifen. Dementsprechend wird er auch nicht jedem zu 100% zusagen. Aber wen stört das schon…