CD-Review: SANTIANO – Im Auge Des Sturms (2017)

Alben-Titel: Im Auge Des Sturms
Künstler / Band: Santiano (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 11. Oktober 2017
Land: Deutschland
Stil / Genre: Pop, Irish Folk, Shanty
Label: Universal Music

Alben-Lineup:

Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug – Hans-Timm „Timsen“ Hinrichsen
Gesang, Mundharmonika, Perkussion – Axel Stosberg
Gesang, Gitarre, Bass – Björn Both
Gesang, Gitarre – Andreas Fahnert
Geige, Mandoline, Gesang, Akkordeon, Bouzouki, Perkussion, Tin Whistle – Peter David Sage

Track-Liste:

1. Könnt Ihr Mich Hören
2. Ich Bring Dich Heim
3. Sail Away
4. Liekedeeler
5. Im Auge Des Sturms
6. Doch Ich Weiß Es
7. Hooray For Whiskey
8. Die Sehnsucht Ist Mein Steuermann
9. Brüder Im Herzen
10. Deine Reise Endet Nie
11. Ihr Sollt Nicht Trauern
12. Unsre Lieder Werden Bleiben
13. Wir Für Euch Und Ihr Für Uns

Gott muss ein Seemann Santiano-Fan sein.

Ob man nun von einem bloßen Zufall sprechen möchte oder nicht: gar nicht allzu weit vom Releasedatum des neuen D’ARTAGNAN-Albums entfernt (siehe Review zu VEREHRT & VERDAMMT) melden sich auch die munt’ren Seefahrer von SANTIANO zurück. Immerhin: im Gegensatz zu den leider nicht von Hanuta oder der Rügenwalder Mühle gesponserten Möchtegern-Musketieren können SANTIANO durchaus behaupten, einiges im deutschen Musik-Business bewegt zu haben. Hinzu kommt, dass ihnen der über die Jahre stetig gewachsene Erfolg Recht zu geben scheint – selbst in Anbetracht dessen, dass die tatsächliche Qualität ihrer Alben seit dem noch recht überraschenden und gut funktionierenden Debütwerk BIS ANS ENDE DER WELT (siehe Review) einem so gesehen schwindelerregenden Abstieg ausgesetzt ist. Anders gesagt: eingefleischte Fans der nur vermeintlich raubeinigen Seefahrer werden auch das neue Album kaufen und lieben, Neueinsteiger können aufgrund des längst nicht mehr vorhandenen Überraschungseffekts und der fehlenden Innovation auch genauso gut an jedem anderen Punkt in der Diskografie einsteigen – und an der Meinung beinharter STANTIANO-Hasser wird auch IM AUGE DES STURMS nicht viel ändern.

Und tatsächlich: analog zum nicht veränderten und somit immer spannungsärmeren Konzept, zu den ebenso beliebig wie klischeehaft erscheinenden Inhalten und der abermals unangenehm weichgespülten und glatt geschliffenen Produktion hat sich auch in Bezug auf mögliche aus dem Alben-Kontext herausstechende Highlights wenig getan. Highlights, die man bei einer gewissen Laune vielleicht doch noch auf der ein oder anderen ausgelassenen Fete spielen könnte ohne sich dezent fremdschämen zu müssen – vielleicht ja, da sie ausnahmsweise mal etwas kantiger klingen, nicht überproduziert sind oder schlicht eine enorm mitreißende Wirkung haben. Nicht lange ein Geheimnis bleibt, dass IM AUGE DES STURMS leider keine sich diesbezüglich qualifizierende Nummer anzubieten vermag – was auf den früheren Alben immerhin noch hie und da der Fall war. Selbst das theoretisch vielversprechende DOCH ICH WEISS ES kann nicht überzeugen, ebenso wie die ehemals recht gut bei SANTIANO funktionierenden traditionellen Shantys a’la SAIL AWAY oder HOORAY FOR WHISKEY.

Sicher, der Band bleiben die teils markanten, gut trainierten und anständig in Szene gesetzten Männerstimmen inklusive der direkt wirksamen Mitsing-Refrains – doch hilft das nicht viel, wenn das Album in Bezug auf die Instrumente und die Produktion so undifferenziert ausfällt wie hier. Schließlich fällt es einstweilen schwer, die Nummern überhaupt auseinanderzuhalten – zu gleichförmig ist der süffige Seefahrer-Musikfluss, zu uninspiriert und prätentiös des gesamte Songwriting. In Bezug auf eine doch noch marginal vorhandene Abwechslung können SANTIANO wohl nur mal mehr oder weniger an der Schmalz- und Klischeeschraube drehen, auf dass neben typisch-eingängigen Hymnen a’la LIEKELEEDER oder DEINE REISDE ENDET NIE auch übertrieben schnulzige Liebes-Balladen a’la IM AUGE DES STURMS oder DIE SEHNSUCHT IST MEIN STEUERMANN entstehen. Ob Nummern wie diese wirklich voller Sehnsucht stecken (und vielleicht auch entsprechende Emotionen wecken) muss ein jeder für sich selbst entscheiden. Fest steht wohl nur, dass eine wie auch immer geartete musikalische Wertigkeit – und vielleicht auch Ehrlichkeit – anders klingt. Dran werden jedoch nur die wenigsten denken, wenn demnächst wieder eine Special-Edition veräußert und bald darauf vielleicht schon das nächste SANTIANO-Album in den Regalen stehen wird…

Absolute Anspieltipps: /


„Oh Wunder – das Schiff geht langsam unter.“

CD-Review: D’ARTAGNAN – Verehrt & Verdammt (2017)

Alben-Titel: Verehrt & Verdammt
Künstler / Band: D’Artagnan (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 15. September 2017
Land: Deutschland
Stil / Genre: Pop / Schlager
Label: Sony Music

Alben-Lineup:

Ben Metzner – Leadvocals, Dudelsack, Flöten
Tim Bernard – Vocals, Gitarre
Felix Fischer – Vocals, Gitarre, Bass

Track-Liste:

1. Neue Helden
2. Jubel
3. Ich Blick‘ Nicht Zurück
4. Ich Steh‘ Dir Bei
5. Die Nacht Gehört Dem Tanze
6. Auf Dein Wohl
7. Wir Schmieden Das Eisen
8. Das Mühlrad
9. Was Wollen Wir Trinken
10. Legenden
11. Schinderhannes
12. Wer Weiß
13. Das Letzte Glas

Solange sich das Pendel nicht entscheiden kann…

Es ist wieder soweit: die berühmt-berüchtigte Rügenwalder Mühle hat zu einer zünftigen, von schmetternden musikalischen Darbietungen unterlegten Brotzeit gerufen. Dabei liegt die letzte noch gar nicht allzu lange zurück – wobei der auch bei einer vergleichsweise kultiviert zugehenden Bio-Feier inkludierte Kater noch gar keine Zeit hatte, sich unbemerkt davonzumachen. Die lauten Rufe nach einem ausgelassenen Schunkeln, im besten Falle auch SEIT AN SEIT mit etwaigen der betagteren Hofdamen; sind in jedem Fall noch nicht vollständig abgeebt – da schreiten die furchtlosen Musketiere von D’ARTAGNAN auch schon wieder in Richtung der klapperigen Holzbühne, um von neuen Abenteuergeschichten zu erzählen. Der Musketier-Rock lebt, das steht fest. So fest wie die mächtige Lanze des Prinz Hodenherz… obwohl, das war ja eine ganz andere Feier. Wohlan – man verehre oder verdamme sie, in alle Ewigkeit ! Wirklich wagemutig ist dagegen der, der gleich beides kombiniert…

Ja, sie sind wieder da – D’ARTAGNAN, die vor gut einem Jahr mit ihrem Debütalbum SEIT AN SEIT (siehe Rezension) um die Ecke kamen und sich im Fahrwasser von derzeit angesagten Männergesangs-Combos wie SANTIANO breit gemacht haben. Und das offenbar ganz ohne, dass dafür besondere musikalische Fähigkeiten oder gar ein Talent für das Schreiben von ansprucshvollen annehmbaren Texten notwendig wären. Zumindest ist das eine Vermutung, die verdächtig nahe liegt – und das nicht allein, da die gleichförmig-glattgeschliffene Produktion eines Albums wie VEREHRT & VERDAMMT erst gar nicht die Vermutung aufkommen lässt; dass es sich hier um ein wirklich ehrliches oder ambitioniertes Musik-Projekt handeln könnte. Sicher, im Gegensatz zu SANTIANO setzen D’ARTAGNAN auf eine so noch nicht nennenswert bediente Musketier-Optik, und versuchen einige der mit eben diesem Anblick assoziierten Inhalte auch in ihre Musik zu übertragen. Immerhin: für einen im Musik-Business sicher nicht unvorteilhaften Wiedererkennungswert mag das gerade noch reichen.

An der letztendlich offerierten Qualität des Liedguts eines Albums wie VEREHRT & VERDAMMT ändert das indes wenig. Vermutlich sogar eher im Gegenteil – da Bands wie D’ARTAGNAN relativ offensichtlich in eine ganz bestimmte Ecke gedrängt werden, um ein ganz spezielles Publikum zu bedienen. Unter Voraussetzungen wie diesen sollte es jedenfalls kaum möglich sein eine nennenswerte Eigeninitiative zu entwickeln, musikalisch voranzukommen oder gar die Hörerschaft doch noch zu überraschen. Vielleicht aber, und dies würde alle potentiellen Verschwörungstheorien ad absurdum führen – machen D’ARTAGNAN respektive die drei stellvertretenden Front-Musiker hier ja wirklich genau das, was sie schon immer wollten. Und das ganz ohne Rücksicht auf Verluste, die sich vor allem von Seiten zahlreicher durchaus ernstzunehmender Kritiker ergeben. Eben das wäre unter Umständen auch schon wieder angenehm und allemal zu begrüßen. Rebellen braucht das Land, auch wenn sich ihre Aussagen und Ambitionen zufälligerweise genau mit denen der mächtigen decken… !?

Eigentlich, und um auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren; braucht man aber gar nicht erst zu einem erfahrenen Musik-Kritiker zu avancieren um zu erkennen, was genau da in den Texten und Kompositionen von D’ARTAGNAN vorgeht. Wie schon auf dem Debütalbum SEIT AN SEIT geben sich die vermeintlichen Musketiere abermals ausgesprochen prätentiös, harmlos, und vor allem zutiefst generisch. Vornehmlich, da die Textinhalte ebenso beliebig und lieblos vorgetragen werden wie die musikalischen Kompositionen – sodass ein Begriff wie der der Austauschbarkeit bei einer Band wie D’ARTAGNAN völlig neue Dimensionen erreicht. Anders gesagt: wie man es auch dreht und wendet; keiner der insgesamt 13 Titel schafft es irgendwie, sich von den anderen abzuheben. Sicher, einige grundsätzliche handwerkliche Fähigkeiten sind erkennbar; und die Einbringungen von in der Popmusik nicht unbedingt alltäglichen Instrumenten sind grundsätzlich angenehm. Das alles hilft aber nichts, wenn man einfach nicht weiß welcher Titel gerade läuft, geschweige denn wo das Album anfängt oder aufhört. Es gibt keine Entwicklung, keinen Spannungsbogen; kurzum: keinen Aufschwung im Vergleich zu SEIT AN SEIT. Dass VEREHRT UND VERDAMMT recht schnell auf den Vorgänger gefolgt ist, wirkt sich zusätzlich negativ aus – und lässt im schlimmsten Fall vermuten, dass D’ARTAGNAN nunmehr jährlich ganz ähnliche musikalische Ergüsse abliefern werden.

Absolute Anspieltipps: /


„Von hinten wie von vorne D’ARTAGNAN.“

CD-Review: METALKINDER – Metalkinder (2017)

Alben-Titel: Metalkinder
Künstler / Band: Metalkinder (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 09. Juni 2017
Land: Deutschland
Stil / Genre: Rock / Pop / Heavy Metal
Label: Karussell / Universal Music

Track-Liste:

1. Metalbrett (02:37)
2. Bruder Jakob (03:37)
3. Brüderchen Komm Rock Mit Mir (02:40)
4. Fuchs Du Hast (04:16)
5. Ich Will Matsch (01:40)
6. Butzemann (02:26)
7. Ich Bleib Am Längsten Wach (03:21)
8. Metal Ist (03:28)
9. Wir Lieben Die Stürme (02:27)
10. Der Mond Ist Aufgegangen (03:14)

Babymetal war gestern.

Ist man auf der Suche nach eher ungewöhnlichen Releases des Musik- und Metal-Jahres 2017, kommt man an einer Combo gewiss nicht vorbei: den sogenannten METALKINDERN. Wie es der Name bereits alles andere als subtil verrät, legt es das Projekt darauf an von Kindern eingesungene Texte mit der Kraft des Heavy Metal zu verbinden – immer mit dem durchaus ehrenwerten Ziel, für einen bestenfalls generationsübergreifenden Musik-Spaß zu sorgen. Doch wie es eben so ist, wo Kinder Musik machen (oder zumindest Texte einsingen) dürfen auch die Erwachsenen nicht fehlen: die METALKINDER wurden erst dieses Jahr von den beiden Musikern Nino Kann und Pia Pilz ins Leben gerufen, die ihrerseits schon recht lange im Geschäft sind und überdies auch einige Erfahrungen im Bereich der Pädagogik vorweisen können. Für ein Projekt wie METALKINDER sollten sie also geradezu prädestiniert sein – was sich offenbar auch die Entscheidungsträger beim Label Karussell respektive Universal Music gedacht haben.

Das Ergebnis liegt nun mit dem insgesamt 10 Titel starken und sich auf eine Gesamtspielzeit von einer knappen halben Stunde belaufenden Album METALKINDER vor. Ein Album, dass im besten Fall nicht nur alteingesessene Metal-Fans begeistert – sondern schon die allerjüngsten Zuhörer, die sich (noch) nicht um etwaige Genre-Bezeichnungen scheren. Im besten Fall, versteht sich. Doch wie sich zeigt, offenbart das Album – oder eher das dahinterstehende Konzept – einige Probleme. Sicher: es ist grundsätzlich eine gute Sache, wenn sich Erwachsene mit Kindern beschäftigen und sie auch noch in ein ambitioniertes Projekt wie dieses einbinden. Doch wenn es sich wie hier um einen auf dem regulären Markt veröffentlichten Tonträger handelt, so sollte sich dieser auch einer gewissen Form der Kritik stellen. Und tatsächlich: lässt man einmal alle ehrenwerten Ambitionen außen vor, und versucht das Album nur aus einer rein handwerklich-musikalischen Sicht zu bewerten – fängt das Konzept METALKINDER auch recht schnell an zu brökeln.

Der Grund dafür ist schnell gefunden: es klingt einfach nicht besonders gut oder angenehm, was die Kinder und die beteiligten Musiker hier auf die Beine gestellt haben. Und das weder in der Einzelbetrachtung, noch in der Gesamtkomposition. In der sieht es sogar noch düsterer aus; schließlich scheinen die Strukturen und Harmonien der allseits bekannten, dabei aber leicht veränderten (das heißt, härter gemachten) Kinderlieder kaum mit der instrumentalen Marschrichtung zu harmonieren. Anders gesagt: die Kinder ziehen ihr ganz eigenes Ding durch, und geben ihr bestes die Texte entsprechend energisch einzusingen – was wenn überhaupt nur teilweise gelingt. Nummern wie FUCHS DU HAST (Anspielungen auf diverse bekannte Bands dürfen schon sein) oder BUTZEMANN zeigen beispielsweise mit Nachdruck auf, dass es mit dem Talent der beteiligten Kinder vielleicht doch nicht soweit her ist – und vieles in der möglichst glatt geschliffen Produktion untergeht. Eine Produktion, die die Metal-Elemente auf das absolut nötigste (oder vielleicht auch auf das am ehesten zu erwartende) herunterbricht; und es eher simpel angehen lässt.

Am gravierendsten aber sind und bleiben die Texte, respektive das zutiefst befremdlich wirkende Zusammenspiel der Texte mit der Musik. Ein Zusammenspiel, das vor allem eine Frage aufwirft: für wen ist ein Album wie METALKINDER gemacht ? Die allerjüngsten Hörer (die als eigentliche Zielgruppe gelten sollten) werden sich schließlich nach wie vor an den Texten orientieren –  wobei es letztendlich kaum eine Rolle spielen sollte, wie genau nun die instrumentale Hintergrundgestaltung ausfällt. Grundsätzlich gilt es hierbei wohl vornehmlich eines zu beachten: es soll möglichst zugänglich und annehmbar klingen, sowohl für die Kinder als auch für die Eltern. Ob es also wirklich nötig war hier auf ein gewissermaßen provozierendes Metal-Konzept zu setzen, und einen stets in der Musik des Albums mitschwingenden Stilbruch zu begehen – das steht wohl in den Sternen. Und überhaupt: für jeden, der ein gewisses Alter überschreitet; sollten die METALKINDER schnell zu einer eher unangenehmen; ja wenn nicht gar peinlichen Angelegenheit werden. Daran ändern auch die möglicherweise coolen Riffs nichts.

Ein (leider zu spät kommender) Vorschlag zur Güte wäre also gewesen, keine typischen Kinderlieder als Grundlage zu nehmen – sondern eigene, dezent angepasste Texte zu schreiben. Allerdings und bitte keinen wie in ICH WILL MATSCH oder METAL IST (hier handelt es sich tatsächlich um Originaltexte, aber keine guten). Und sicher auch, mehr Arbeit in die gesanglichen Darbietungen der Kinder zu investieren. Vielleicht, aber auch nur vielleicht hätte das Ganze dann mehr von einem musikalisch wirklich ernstzunehmenden Projekt – welches mit anderen international agierenden mithalten kann. Die NEWBURY ROCK SCHOOL aus Großbritannien etwa macht seit jeher vor, wie es geht – gibt sie Kindern nicht nur einen gekonnten und nachhaltigen Musikunterricht, sondern bringt unter Umständen auch Bands wie THE MINI BAND hervor. Die bedienen zwar nicht unbedingt einen expliziten Heavy Metal, spielen aber alle Instrumente selbst und präsentieren einen gleichermaßen ambitionierten wie ernstzunehmenden Rock – der allemal dazu in der Lage ist, generationsübergreifend zu begeistern. Die METALKINDER können dies – zumindest in der vorliegenden Form – leider nicht.

Absolute Anspieltipps: /


„Theoretisch interessant, praktisch extrem ernüchternd.“

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CD-Review: PROZZÄK – Forever 1999 (2017)

Alben-Titel: Forever 1999
Künstler / Band: Prozzäk (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 31. März 2017
Land: Kanada
Stil / Genre: Pop / Dance
Label: Lefthook / Tropicalista

Alben-Lineup:

Jay Levine – Vocals
James Bryan McCollum – Guitars, Vocals

Track-Liste:

1 – Love Me Tinder (3:34)
2 – All of the Feels (3:22)
3 – Love Fools Anonymous (feat. Wackyboyz) (3:29)
4 – If We Were in the Jungle (feat. Catey Shaw) (2:41)
5 – Forever 1999 (3:36)
6 – Pussy Cat Pussy Cat (3:34)
7 – Ooh La La (feat. Wackyboyz & Catey Shaw) (2:35)
8 – Hot (2:51)
9 – Can’t Lick This Love Thing (2:59)
10 – Adaptation (4:09)

Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Die Geschichte des kanadischen Pop-Duos PROZZÄK ist eine eher ungewöhnliche. So liegt die eigentliche Blütezeit der ursprünglich aus zwei Mitgliedern der PHILOSOPHERS KINGS hervorgehenden Band schon eine gute Weile zurück – woraufhin es immer wieder verdächtig ruhig wurde um die beiden von der Band ins Leben gerufenen Charaktere Simon und Milo. Doch gerade die sollten sich rund um die Jahre der beiden ersten Studioalben HOT SHOW (siehe Review) und SATURDAY PEOPLE (Review) einer immensen Beliebtheit erfreuen – zumal sie durch die frühen Musikvideos der Band zu den eigentlichen Gesichtern von PROZZÄK wurden. Entsprechend nachhaltig haben sich die beiden sympathischen, höchst unterschiedlich auf die Herausforderungen des Lebens reagierenden Freunde in das Gedächtnis vieler Fans eingebrannt. Und das zu Recht: die witzig aufgemachten, aber eben nicht substanzlosen Darstellungen diverser Lebens-, Liebes- und Beziehungsfragen waren ebenso simpel wie erfrischend – und offenbarten gerade dadurch ein generationsübergreifendes Unterhaltungspotential. Das galt natürlich auch für die eigentliche Musik von PROZZÄK, die auf dem zweiten Studioalbum SATURDAY PEOPLE ihren qualitativen Höhepunkt fand. Denn: auch wenn PROZZÄK schon immer dem Genre des Pop zuzuordnen waren, hatte ihre Musik genug Eigenheiten um aus der Masse des radiotauglichen Einheitsbreis hervorzustechen.

Nach eben jener Blütephase, sowie analog dazu auch einigen Charterfolgen in Kanada wurde es allerdings verdächtig still um die Band – die erst Ende 2005 mit einem neuen Studioalbum zurückkehrte. Und dabei höchst gemischte Gefühle auslöste, denn: mit CRUEL CRUEL WORLD (Review) ging die Band in eine etwas andere, vielleicht erwachsenere Richtung als die zuvor etablierte. Anders gesagt: der Bandname, der sich auf die amerikanische Bezeichnung für ein Antidepressivum stützt; beinhaltete dieses Mal nur eine Problemanalyse – aber keine Lösung in Form einer musikalischen Aufbereitung vom Schlage eines SATURDAY PEOPLE. Das schreckte einige Fans ab, und auch die Band selbst schien sich nicht wirklich klar in ihrem Bestreben zu sein – was wohl auch die nachfolgende, lange Jahre währende Pause erklärt. So war es erst 2015 wieder an der Zeit für PROZZÄK, aus der Versenkung aufzutauchen. Und tatsächlich, nach den ersten Singles BABY I NEED YOUR LOVE, LOVE FOOLS ANONYMUS und MY LITTLE SNOWFLAKE schien eines schnell klar: es musste endlich ein neues, im besten Falle geniales PROZZÄK-Album her.

Dieser Herausforderung stellt sich nun FOREVER 1999, das erste PROZZÄK-Album nach 12 Jahren – welches allein durch seinen Titel impliziert dass die Band wieder an ihre erfolgreichen Anfangszeiten anknüpfen, oder zumindest den Geist der alten Zeit noch einmal heraufbeschwören möchte. Ob ihnen das gelingt, oder ein Unterfangen wie dieses überhaupt gelingen kann; ist allerdings eine andere Frage – denn natürlich haben die enthaltenen 10 Titel einen deutlich moderneren Anstrich. Immerhin: es tauchen wieder einige der Elemente und Stilmittel auf, die die Band einst auf ihren beiden ersten Alben zelebrierte. Man beachte hierzu nur einmal den Titel HOT, in dem ein offenbar kaum gealterter Milo über die Frauenwelt sinniert – was doch sehr an FEED THE NIGHT von SATURDAY PEOPLE erinnert. Das Problem sind aber ohnehin nicht diese eher als Zwischenspiele zu betrachtenden, reichlich platten aber irgendwie doch amüsanten und sympathischen Momente – sondern vielmehr die Tatsache, dass wirklich nennenswertes Ausgleichsmaterial in Form von außergewöhnlichen Ohrwürmern ausbleibt. Das fällt besonders auf, wenn man an Titel wie PRETTY GIRLS, WWW.NEVERGETOVERYOU, BE AS oder MONDAY MORNING zurückdenkt – auf FOREVER 1999 findet sich einfach kein passendes Äquivalent.

Und das, obwohl sich gerade LOVE ME TINDER, LOVE FOOLS ANONYMUS oder PUSSY CAT verdächtig nah an eben jenen früheren Qualitäten bewegen. Letztendlich finden sich aber immer wieder störende Elemente. In LOVE ME TINDER beispielsweise sind es die enorm minimalistisch ausgestatteten, gesanglich und textlich unspektakulär vorgetragenen Strophen; in LOVE FOOLS ANONYMUS der etwas zu moderne Soundanstrich und der erschreckend schlechte Refrain, in PUSSY CAT der gute aber sich allzu oft wiederholende Refrain. Davon abgesehen sieht es sogar noch düsterer aus: IF WE WERE IN THE JUNGLE ist eine einzige Peinlichkeit und auch musikalisch eine Katastrophe, für das mit höchst nervigen Gesangsparts versehene OOH LA LA gilt dasselbe – wobei es unverständlich ist, warum Nummern wie diese überhaupt einen Weg auf das Album gefunden haben. Die eigentlich unnötigen Features anderer Künstler haben sich damit jedenfalls auch erledigt. Aber auch CAN’T LICK THIS LOVE THING präsentiert sich als relativer Langweiler mit einem stumpfen Beat, ADAPTION als etwas zu weinerlicher Rausschmeißer mit einem ebenfalls suboptimalen Refrain.

Eigentlich bleiben dem Album damit nur zwei wirklich gute oder zumindest grundsolide Nummern: das gleichermaßen frohgestimmte wie melancholische ALL OF THE FEELS, und das hymnische FOREVER 1999 als die Band wohl am besten beschreibende Momentaufnahme. Insgesamt aber gilt vornehmlich eines: so schön die Rückkehr von PROZZÄK generell betrachtet ist, so ernüchternd ist sie es in musikalischer Hinsicht. Es bleibt somit nur zu schauen, ob sich die Band erneut zurückzieht – oder ein weiteres, im besten Fall aussagekräftigeres Album an den Start bringt.

Absolute Anspieltipps: ALL OF THE FEELS, FOREVER 1999, PUSSY CAT PUSSY CAT


„Eine zumindest musikalisch nicht wirklich überzeugende Rückkehr.“

Metal-CD-Review: EQUILIBRIUM – Turis Fratyr (2005)

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Alben-Titel: Turis Fratyr
Künstler / Band: Equilibrium (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 14. Februar 2005
Land: Deutschland
Stil / Genre: Epic Folk- / Viking Metal
Label: Black Attakk Records

Alben-Lineup:

Helge Stang – Vocals
René Berthiaume – Guitars
Andreas Völkl – Guitars
Sandra Völkl – Bass
Julius Koblitzek – Drums

Track-Liste:

1. Turis Fratyr (00:34)
2. Wingthors Hammer (06:40)
3. Unter der Eiche (04:50)
4. Der Sturm (03:45)
5. Widars Hallen (08:15)
6. Met (02:23)
7. Heimdalls Ruf (01:50)
8. Die Prophezeiung (05:18)
9. Nordheim (05:11)
10. Im Fackelschein (01:58)
11. Tote Heldensagen (09:10)
12. Wald der Freiheit (03:00)

Entdecke die sagenumwobene Welt von TURIS FRATYR.

Es war einmal vor einer handvoll Jahren, als ein neues Jahrtausend anbrach – und eine höchst interessante deutsche Metal-Band wie aus dem Nichts auftauchte, um die Bühnen dieser Welt im Sturm zu erobern. Denn schon bald nachdem die offizielle Bandgründung im Jahre 2001 vollzogen und eine erste Demo veröffentlicht wurde, hagelte es rege Begeisterungsstürme – von Genre-Fans und Kritikern gleichermaßen. Eine der unmittelbaren Folgen war, dass die Band schlagartig in aller Munde war – und die andere, dass sie direkt einen Plattenvertrag von BLACK ATTAKK RECORDS angeboten bekam.

Die Rede ist natürlich von EQUILIBRIUM, einer der heute bekanntesten Folk- und Viking Metal-Combos überhaupt. Seinerzeit nutzten die talentierten Musiker um Band-Mastermind René Berthiaume den Rückenwind der ersten Demo, um mit dem Debütalbum TURIS FRATYR aus dem Jahre 2005 erstmals vollends durchzustarten – wobei es sich um ein Unterfangen handelte, welches zweifelsohne bis heute nachhallt. Gründe dafür gibt es mehrere – wie etwa die Tatsache, dass das Album einen enorm frischen Wind ins Genre brachte und so nicht nur für eingefleischte Genre-Fans; sondern eben auch musikalische Neu- oder Quereinsteiger interessant war.

Irgendwo anbiedern wollten sich EQULIBRIUM aber nicht – vielmehr setzten sie schon früh auf eine ganz eigene Interpretation des Genres. Eine, bei der man sich einerseits auf ein respektables musikalisches Handwerk und Geschick berief; andererseits aber auch ganz spezielle und in jedem Fall unverkennbare Trademarks etablierte. TURIS FRATYR setzte so gesehen also nicht nur Maßstäbe, indem alle beteiligten Musiker eine herausragende Leistung ablieferten – sondern auch durch die zahlreichen guten Ideen und Elemente, die es in dieser Zusammenstellung so noch nicht wirklich gegeben hatte.

Und so klang und klingt das Debütalbum entsprechend frisch, unverbraucht, wild und energetisch. Schon der Auftakt weiß durch die allgemein aggressive Gangart mit einem flotten Tempo, schroffen Growls und einer breiten Gitarrenwand auf der einen, aber eben auch dezent auflockernden symphonischen Elementen, beschwingten Rhythmen und bunten Synth-Klängen auf der anderen Seite zu punkten. Die sich daraus ergebende Symbiose mag zunächst etwas gewöhnungsbedürftig wirken und klingen, im Endeffekt verfehlt sie aber nicht ihre Wirkung. Einzelne Nummern wie WINGTHORS HAMMER oder UNTER DER EICHE avancieren so zu kleinen Entdeckungsreisen für den Hörer, der auf TURIS FRATYR mit vielen verschiedenen Stimmungen und Emotionen konfrontiert werden wird. Mal geht es geradezu brachial und episch zu, mal verschwörerisch oder leicht angeheitert – und mal sind die verschiedenen Elemente gar nicht so leicht auseinanderzuhalten.

Das mag nicht auf vergleichsweise einfach gestrickte, extrem eingängige und schlicht reichlich Laune machende Nummern wie DER STURM oder etwa die lust’ge Honigwein-Hymne MET gelten – doch spätestens mit dem mächtigen WIDARS HALLEN, einem der vielleicht herausragendsten Titel des Albums; katapultieren sich EQUILIBRIUM in ungeahnte Höhen. Bei einer Über-Nummer wie dieser gilt es schlicht, sich zurückzulehnen und zu genießen – zumal die erzählerisch-emotionale Komponente ebenfalls nicht zu kurz kommt und Leadsänger Helge Stang eine zutiefst denkwürdige Darbietung abliefert. Vieles von dem, was noch folgt ist dann ebenfalls stark auf eine möglichst dichte Atmosphäre getrimmt – wie etwa die geradezu andächtigen Zwischenspielen HEIMDALLS RUF und IM FACKELSCHEIN, oder das dezent exotisch angehauchte DIE PROPHEZEIUNG. Ausfälle gibt es jedenfalls keine – nur noch wirkungsvollere Titel, wie etwa den episch angelegten Rausschmeißer TOTE HELDENSAGEN.

TURIS FRYTR hat alles, was ein hervorragendes Metal-Album braucht: ein vorzügliches Handwerk aller Beteiligten, eine satte Produktion, viele gute Ideen, reichlich Abwechslung und einen ganz speziellen Charme. Ein Charme, der vornehmlich aus der ureigenen Atmosphäre des Albums entsteht – die irgendwo zwischen einem typischen Genre-Werk, einer so noch nie dagewesenen Verspieltheit und Experimentierfreude (und das bei einer gleichbleibenden Stilsicherheit) sowie einem geradezu poetisch-monumentalen Eindruck anzusiedeln ist. EQUILIBRIUM mögen noch einiges vorhaben – doch mit TURIS FRATYR hat sich die Band selbst eine verdammt hohe Messlatte gesetzt. doch ganz unabhängig davon, was noch passieren wird – TURIS FRATYR gehört in jede anständige Metal-Sammlung und wird auch in vielen Jahren nichts oder zumindest wenig von seinem Reiz verlieren.

Absolute Anspieltipps: Alle


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„Nicht weniger als ein Meilenstein der Metal-Geschichte.“