Metal-CD-Review: TURILLI / LIONE RHAPSODY – Zero Gravity (Rebirth And Evolution) (2019)

Alben-Titel: Zero Gravity (Rebirth And Evolution)
Band: Turilli / Lione Rhapsody (mehr)
Veröffentlichung: 05. Juli 2019
Land: Italien
Spielart / Stil: Symphonic Power Metal
Label: Nuclear Blast

Lineup:

Alex Holzwarth – Drums
Dominique Leurquin – Guitars
Luca Turilli – Guitars, Keyboards
Fabio Lione – Vocals
Patrice Guers – Bass

Track-Liste:

1. Phoenix Rising (06:14)
2. D.N.A. (Demon and Angel) (04:19)
3. Zero Gravity (05:53)
4. Fast Radio Burst (05:07)
5. Decoding the Multiverse (06:19)
6. Origins (02:27)
7. Multidimensional (04:43)
8. Amata immortale (05:04)
9. I Am (07:15)
10. Arcanum (Da Vinci’s Enigma) (06:25)
11. Oceano (Josh Groban cover) (04:02)

Rhapsody zum ersten, zum zweiten… und zum x-ten.

Zugegebenermaßen – und das selbst in Anbetracht der Tatsache, dass man hier von so etwas wie musikalischen Legenden spricht – ist es schon etwas makaber, was sich rund um das Thema RHAPSODY abspielt. Wobei – und diese Differenzierung ist mittlerweile absolut notwendig – die ursprünglichen RHAPSODY OF FIRE nach der Neubesetzung und der absolut fatalen Compilation LEGENDARY YEARS (siehe Review) das Ruder gerade noch herumreißen konnten. Das jüngst von ihnen veröffentlichte THE EIGHTH MOUNTAIN lässt jedenfalls keinen anderen Schluss zu (siehe Review), oder anders gesagt: dass RHAPSODY OF FIRE nach all den Widrigkeiten noch ein weiteres Studioalbum veröffentlichen würden – und noch dazu eines, mit dem die Band alle Schwierigkeiten der letzten Jahre quasi auf einen Schlag wegwischen konnte – war so nicht unbedingt zu erwarten. Es mag kurios erscheinen und überdies eine eher freche Feststellung sein, aber: diese Entwicklung lässt darauf schließen, dass LUCA TURILLI und FABIO LIONE eben kein sinkendes Schiff verlassen haben; so zumindest wurde es von manchen eingeschätzt – sondern vielmehr ihre ganz eigenen Probleme hatten. Wobei es fraglich bleibt, ob sie diese mit dem Ausstieg auch wirklich hinter sich lassen konnten.

Denn, und dafür braucht es gewiss keine tiefere Analyse: die beiden scheinen was ihre Karrieren betrifft noch immer relativ unentschlossen zu sein. Immerhin: bei LUCA TURILLI ist das nichts wirklich neues, schließlich überlegte er bereits nach seinen beiden unter dem Bandnamen LUCA TURILLIS RHAPSODY veröffentlichten Alben, dem Genre des Power Metals mal eben komplett den Rücken zu kehren. Nun aber, wobei wohl niemand so genau weiß wer hier wen animiert hat; kommt plötzlich wieder Fabio Lione ins Spiel – und ein neuer RHAPSODY-Ableger mit der Bezeichnung TURILLI / LIONE RHAPSODY. Man muss schon sagen: wer hier noch den Überblick behält – und am besten noch die Motivation der einzelnen Mitglieder nachvollzieht – stammt entweder aus dem direkten Bekanntenkreis der Band(s), oder steckt schon viel zu tief drin im Power Metal-Sumpf. In jedem Fall wirkt es dezent lächerlich, welche Blüten die Historie von RHAPSODY mittlerweile getrieben hat – und das aus ursprünglich einer Band nunmehr ganze 5 entstanden sind (RHAPSODY OF FIRE, TURILLI / LIONE RHAPSODY, LUCA TURILLI, LUCA TURILLIS DREAMQUEST, LUCA TURILLIS RHAPSODY). Oder vielleicht auch 6, wenn man das ebenfalls eher merkwürdige; man will nicht sagen überflüssige Mashup-Projekt von LIONE / CONTI aus dem Jahr 2018 hinzuzuzählt. Schließlich schreit auch das gewaltig nach RHAPSODY (siehe Review).

Wie genau nun ZERO GRAVITY klingt – oder vielleicht auch, wie es klingen soll – ist gar nicht so leicht zu beschreiben. Fest steht nur, dass TURILLI & Co dem einst für RHAPSODY typischen, explizit Fantasy-angehauchten Symphonic Power Metal komplett den Rücken gekehrt haben; und – wie im Grunde schon im Rahmen von LUCA TURILLIS RHAPSODY – einen eher futuristisch anmutenden, symphonisch-progressiven und musikalisch wie inhaltlich stets enorm ausgeschmückten Power Metal anpeilen. Neu im Falle von ZERO GRAVITY sind eigentlich nur einige bereits aus TURILLI’s umstrittenen Soloprojekt DREAMQUEST bekannte Elemente, die sich etwa im häufiger aufkommenden weiblichen Gastgesang und einer deutlichen elektronischen Komponente bemerkbar machen – sowie natürlich der Inhalt, der TURILLI’s vielseitiges Interesse (beispielsweise an der Metaphysik) zeigt. Fest steht trotzdem, oder gerade deshalb: im Zusammenspiel mit den anderen, so gesehen für ihn typischen Vorlieben – wie etwa die für die italienische Oper (was sich in den Chören widerspiegelt), Bands wie Queen (auch hier sind Einflüsse zu hören), orientalischen Klängen und dem Hang, stets eine maximale Bedeutungsschwere herauszuholen – kann durchaus der Eindruck entstehen, dass es einstweilen etwas wild zugeht auf ZERO GRAVITY.

Wild im Sinne einer gewissen Durchtriebenheit, versteht sich – und der Tatsache, dass die Kompositionen wirklich alles andere als zurückhaltend ausfallen. Dezent problematisch in diesem Zusammenhang ist, dass man das Gefühl bekommen könnte das ausgerechnet die Power Metal-Elemente zu wenig Spielraum bekommen – und vieles in einem relativen Wirrwarr aus brachialen Chören, dicken Keyboard-Teppichen und einem fast schon operettenhaft agierenden Fabio Lione (siehe ARCANUM) unterzugehen droht. Der Bass und das Schlagzeug beispielsweise scheinen in der Rangfolge der wichtigen Instrumente eher hinten angesiedelt zu sein, und auch die sonst bei TURILLI gerne mal die Spielwiese ausfüllenden Gitarren sind weitaus seltener (und wenn dann meist weniger spektakulär als bisher) zu hören. Sicher, die Abmischung und Produktion mag gewissermaßen – und auf den ersten Blick – perfekt erscheinen, zumal die jahrelange Erfahrung hier eher für die Beteiligten sprechen sollte. Grundsätzlich aber macht sich ein etwas anderer Eindruck breit: ZERO GRAVITY klingt gut (und ganz nebenbei bemerkt auch ein wenig nach den Kollegen von KAMELOT), aber eben auch etwas seelenlos und konstruiert. Und das trotz oder gerade der relativen Dramatik respektive Überfrachtung der Kompositionen.

Doch es bleibt nicht allein dabei. Sei es, dass sich einzelne Nummern (wie das merkwürdige FAST RADIO BURST) relativ zusammenhanglos und deplatziert anfühlen, andere teils direkt recycelt werden (ARCANUM hat zumindest gefühlt viel vom vorangegangenen Titeltrack ZERO GRAVITY), Fabio Lione spürbar übertreibt (DECODING THE MULTIVERSE, und schon wieder: ARCANUM) oder dass natürlich auch wieder einige komplett auf italienisch eingesungene Nummern vertreten sind, die schon immer etwas problematisch waren (AMATA IMMORTALE, OCEANO) – ZERO GRAVITY hat wahrlich einiges anzubieten, wenn es um einen; man nenne es erschwerten Gewöhnungsfaktor geht. Natürlich ist grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden, dass TURILLI auch mal etwas (halbwegs) neues versucht – doch wie sich zeigt, gelingt auch einem Meister wie ihm längst nicht alles. Im allgemeinen spricht wohl nichts dagegen, ZERO GRAVITY eine Chance zu geben – doch ob sich diese neuen RHAPSODY wirklich wie ein Phönix aus der Asche erheben (siehe Titel 1), bleibt abzuwarten. Das erste der hiesigen Werke hinterlässt jedenfalls einen noch deutlich zu gemischten Eindruck.

Anspieltipps: PHOENIX RISING, ZERO GRAVITY


„Ein gewissermaßen anspruchsvolles, aber in vielerlei Hinsicht auch schwieriges und viel zu dick aufgetragenes Album.“

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