Filmkritik: „Dobermann“ (1996)

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Originaltitel: Dobermann
Regie: Jan Kounen
Mit: Vincent Cassel, Tchéky Karyo, Monica Bellucci u.a.
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 103 Minuten
FSK: ab 18 freigegeben
Genre: Action, Thriller, Komödie
Tags: Bankraub | Verbrecher | Bande | Feldzug | Massaker

Vorsicht, der könnte beißen.

Kurzinhalt: Geschenke zum feierlichen Anlass einer Geburt sind sicher nichts ungewöhnliches. Doch dass ein neugeborenes französisches Baby ausgerechnet einen Revolver in die Wiege gelegt bekommt, schon eher. Eben das ist Yann Lepentrenc (Vincent Cassel) in jungen Jahren passiert, offenbar in weiser Voraussicht – denn Jahre später wird er zum berühmt-berüchtigten DOBERMANN, einem furchtlosen Killer und keine Gelegenheit auslassenden Gangster. Gemeinsam mit seiner gehörlosen Freundin Nathalie (Monica Belucci) plant er so manchen Diebeszug – und spannt dabei des öfteren einige seiner ebenfalls fähigen, dabei aber stets etwas unberechenbaren Kumpanen ein. Dass das auch die hiesige Polizei auf den Plan ruft, ist kein allzu großes Wunder – doch bisher haben es der DOBERMANN und seine Leute noch immer geschafft, einer Festnahme aus dem Weg zu gehen. Eines Tages jedoch wittert ein gewisser Inspektor Christini (Tchéky Karyo) seine große Chance. Würde er den DOBERMANN allein festmachen, würde er vermutlich nicht nur befördert werden – man würde vielleicht auch eher geneigt sein, über seine einstweilen recht ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden hinwegzusehen…

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Kritik: Wenn man einen Film im Verlaufe des kreativen Entstehungsprozesses auf den schlichten Namen DOBERMANN tauft, hat man eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder, man plant eine harmlose Dokumentation über die hiesige Flora und Fauna – oder inszeniert sogleich eine fleischgewordene Kampfansage. Zu welcher Alternative der bis dato unbekannte Regisseur Jan Kounen in Bezug auf seine erste größere Regie-Arbeit tendierte, bleibt indes nicht lange ein Geheimnis. Glücklicherweise, sollte man meinen – denn ganz offensichtlich verstand sich der Franzose schon früh auf fachmännische Kunstgriffe, trotz der Ermanglung vorheriger Erfahrungen. So fand die Titel-gebende Hunderasse in DOBERMANN gleich als doppelte Metapher Verwendung: zum einen als lautes Gebell in Richtung anderer Regisseure und Filmemacher, die vielleicht nicht den Mut hatten und haben etwas vergleichbares auf die Beine zu stellen – und zum anderen in Richtung des Zuschauers, der mit der hier dargestellten Charakter-Riege tatsächlich ein Rudel wild gewordener, dezent irrer Hauptprotagonisten vorgesetzt bekommt.  Dass im Verlaufe des Films dann auch noch ein echter Hund eine Rolle spielt (allerdings kein Dobermann), ist damit schon wieder eine der weniger spannenden Angelegenheiten. Auch wenn der Abgang des Tieres so sicher nicht zu erwarten war – und lediglich zu einer der unzähligen Kuriositäten des Films zu zählen ist.

Denn: mit DOBERMANN legt es Kounen im wahrsten Sinne des Wortes darauf an, öffentlich seine Zähne zu fletschen. Und das ganz ohne Rücksicht auf potentielle Verluste. Dass der Film nicht gerade dem entspricht, was man im allgemeinen von einem handelsüblichen Actioner (oder noch spezifischer: einem Film über einen Bankraub) erwarten würde; ist dabei noch die kleinste Auffälligkeit. Analog zur unkonventionellen, dabei fast schon gleichermaßen gewöhnungsbedürftigen wie auch erfrischenden Machart gesellen sich schließlich auch noch eine mitunter schmerzliche Portion Brutalität; sowie allerlei Überschreitungen der Grenzen des guten Geschmacks hinzu. Unter anderem deshalb stand er hierzulande auch für viele Jahre auf dem Index für jugendgefährdende Medien – bis er 2011 wieder freigegeben wurde. Das mag noch lange kein Qualitätsmerkmal sein, gibt aber schon einmal die grobe Marschrichtung von DOBERMANN vor. Um einen allzu tumben, nur auf heftigste Gewaltausschreitungen ausgelegten Film oder einen puren Slasher handelt es sich aber auch nicht – sondern vielmehr um ein zumindest von seiner Struktur her an andere Actioner erinnerndes Machwerk, noch dazu mit einer echten Story und äußerst lebendigen Charakteren. Fest steht aber: eher zart besaitete sollten einen großen Bogen um DOBERMANN machen. Andererseits sollten die, die ihn dennoch oder gerade deshalb sehen möchten; unbedingt nach der ungeschnittenen Fassung Ausschau halten.

Denn nur dann kann DOBERMANN eine mitunter ureigene und dezent verstörende, aber dennoch unterhaltsame Atmosphäre etablieren. Eine, die gerade deshalb entsteht; da der Film respektive das Gezeigte niemals zu abwegig erscheint – entgegen der teils enormen Eskapaden, die sich speziell im Blick auf die Charakterporträts ergeben. Trotz der gegenwärtigen Anarchie steckt so auch immer ein potentielles Fünkchen Wahrheit in DOBERMANN und seinen absichtlich überzeichneten Figuren – was auch die hie und da auftretenden Seitenhiebe unterstreichen, die in erster Linie die französische Polizei (oder eher die Polizeiarbeit im gesamten) betreffen. Wie geschickt der Film dabei vorgeht, oder ob man in einem Film wie diesem überhaupt erst nach Botschaften suchen sollte ist eine ganz andere Frage. Fakt ist nur, dass Kounen bei keiner Gelegenheit Samthandschuhe anzieht – und der Film auch ohne weiterführende oder gar politische Bezüge das Zeug dazu hat, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Mit verantwortlich ist hier allerdings nicht die Story, die im Vergleich sogar als das schwächste Glied in der Kette der DOBERMANN-Anarchie daherkommt. Sicher, es gibt einen roten Faden – doch eine allzu außergewöhnliche Idee, nachvollziehbare Ambitionen der Protagonisten oder überraschende Wendungen werden nicht präsentiert. Und doch schafft es DOBERMANN, selbst diesen potentiellen Nachteil auszunutzen. Denn: wo kein wirklicher Einstieg in ein Handlungsuniversum stattfindet und wo ganz absichtlich in einem übertriebenen Comic-Stil erzählt wird; entstehen auch keine Probleme hinsichtlich einer wie auch immer gearteten Glaubwürdigkeit. Anders gesagt: man braucht erst gar keine Fragen zu stellen, sondern kann sich stattdessen voll ganz auf die Figuren und ihre wenn man so will spontan wirkenden Aktionen einlassen. Die sind dann auch das eigentliche Highlight von DOBERMANN – auch wenn Kounen hier nicht wirklich Kultpotential erreicht, und gerade die Dialoge noch etwas prägnanter hätten ausfallen können. Immerhin biedert er sich so nicht allzu auffällig bei Kollegen wie Tarantino an, und sorgt mit hie und da eingestreuten Sprüchen (wie etwa seitens des Polizisten, der immer mal wieder ein englisches Statement von sich gibt) für die nötigen Aha-Momente.

Ein besonderes Augenmerk sollte aber auch der visuellen Umsetzung gelten – denn hier ist Kounen gar zu einer absoluten Höchstform aufgelaufen. Von den rasanten, aber niemals zu hektischen Schnitten über die teils ungewöhnlichen Nahaufnahmen bis hin zur Szenenwahl und der Farbgebung stimmt einfach alles. Und das so sehr, dass selbst eine eher simple Choreografie – wie die einer Gruppe Polizisten, die eine Treppe Richtung Bank hinunterpirscht – zu einem kleinen Highlight avanciert. Ein sicherlich nicht jedermanns Geschmack treffender, letztendlich aber ebenfalls äußerst passiger Soundtrack und die bezeichnende Auftritte von Vincent Cassel als DOBERMANN und Tchéky Karyo als sein Widersacher Christini runden das Ganze nach oben hin ab.

Schlussendlich: DOBERMANN ist ein höchst unterhaltsames, wenn man so will einfach gestricktes aber schlicht herrlich durchtriebenes Machwerk für Freunde des etwas anderen Actionkinos. Vornehmlich eines solchen, in dem gerne Regeln gebrochen und Grenzen neu ausgelotet werden – etwa die des guten Geschmacks. Das DOBERMANN dennoch einen verdächtig stilvollen Eindruck hinterlässt, liegt wiederum nicht an etwaigen einzelnen Aspekten – sondern vielmehr am rundum stimmigen Gesamtpaket.


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„Ein mehr als ordentlicher und ordentlich anarchistischer Indie-Film-Happen aus Frankreich.“

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