TV-Kritik / Serien-Review: STRANGER THINGS (2016)

stranger-things_500

Originaltitel: Stranger Things
Typ: VOD-Serie
Umfang / Laufzeit: 8 Folgen (Länge je ca. 41-54 Minuten)
Land: USA
Idee: Matt Duffer, Ross Duffer
Genre: Science Fiction / Drama / Abenteuer
Tags: 80er Jahre | USA | Retro | Mystery | Übernatürlich

Geschichten aus dem Düsterwald – und noch dunkleren Ecken.

Inhalt: Als ein kleiner Junge in der US-Amerikanischen Kleinstadt Hawkins verschwindet, ist die Panik groß. Während sich die Mutter des Jungen an die örtliche Polizei wendet, machen sich seine drei besten Freunde kurzerhand allein auf die Suche – und finden dabei nicht ihn, sondern ein verstört wirkendes Mädchen mit auffällig kurzgeschorenen Haaren. Dieses stellt sich den verdutzten Freunden als Eleven vor, verfügt allem Anschein nach über außergewöhnliche Fähigkeiten – und scheint überdies zu wissen, wo sich der verschwundene Will befindet. Zunächst jedoch halten die Kinder ihre neue Freundin versteckt – sie glauben nicht daran, dass ihnen irgendjemand glauben würde. Doch es scheint, als würde tatsächlich ein größeres Mysterium hinter Eleven und damit auch Will stecken. So ist Eleven aus einer Forschungseinrichtung geflohen, wo an und mit ihr experimentiert wurde – was ihre paranormalen Fähigkeiten zumindest teilweise erklärt. Im Zuge eines dieser Experimente aber geschah etwas unerwartetes. Eleven traf auf eine offenbar feindselige Kreatur aus einer anderen Dimension,  lockte diese unbeabsichtigt in die tatsächliche Welt – woraufhin sich das Monster den jungen Will schnappte und ihn wiederum in seine Dimension entführte. Mit welchem Ziel bleibt zunächst ungeklärt – aber es scheint auf der Hand zu liegen, dass all das nichts gutes bedeuten würde…

stranger-things_00

Kritik: Achtung, Spoiler ! STRANGER THINGS ist eine exklusiv für den Video-On-Demand-Anbieter Netflix gedrehte Serienproduktion der US-Amerikanischen Brüder Matt und Ross Duffer – und gleichzeitig eine, die man problemlos zu den überraschenderen Serien-Events der letzten Jahre zählen kann. Das besondere ist, dass es zunächst überhaupt nicht danach aussah: die Inhaltsbeschreibung allein vermag es bestenfalls, ein übergeordnetes Interesse zu wecken – und auch der eher unspektakuläre Veröffentlichungsrahmen über die Netflix-Plattform ließ nicht gerade ein potentielles Serien-Highlight des Jahres 2016 erahnen. Fest steht aber, dass STRANGER THINGS außerordentlich schnell eine ansehnliche Fangemeinde um sich scharen konnte, auch aktuell immer wieder mit positiven Kritiken geadelt wird – und möglicherweise gar nicht erst zu Unrecht in aller Munde ist.

Und tatsächlich: schon die erste Episode von STRANGER THINGS scheint diese absichtlich noch vorsichtig formulierte Feststellung mit einer überraschenden Vehemenz zu untermauern. So könnte man gar geneigt sein, von einem der besten Serien-Auftakte der letzten Jahre zu sprechen – was noch nichts über die Qualität der Serie im gesamten aussagt, aber zumindest  schon einmal einen entsprechenden Ausschlag gibt. Grundsätzlich angesiedelt in einer US-Amerikanischen Kleinstadt der 80er Jahre, wird zunächst ein weitestgehend idyllisches Lebensbild gezeichnet – welches den Alltag der Protagonisten zeigt und mit vielen retrospektiven Seitenhieben auf die damalige Popkultur aufwartet. Die eigentliche, weitaus düsterere Eröffnungsszene aber ließ bereits vermuten; dass STRANGER THINGS im weiteren Verlauf von einer gewissen Ambivalenz der Gefühle gekennzeichnet sein würde – was schnell einen enormen Reiz verursacht und den Kern der Serie bereits recht gut beschreibt.

Anders gesagt: die Stimmung innerhalb der Serie schlägt des öfteren komplett um, und sobald die Macher ihre dunklen und mysteriösen Handlungs-Aspekte erstmals expliziter offenbaren; ist eine wohlige Gänsehaut eigentlich so gut wie vorprogrammiert. Dabei ist der Kalte Krieg nur einer der (späteren, aber durchaus wichtigen) Begriffe, die den Zuschauer aufhorchen lassen. Die seltsamen Experimente innerhalb eines Militärkomplexes, das Verschwinden von einzelnen Kindern, das tatsächliche Auftauchen von offenbar bitterbösen Kreaturen; sowie das Bestreben einzelner Bürger sich endlich einen Reim auf all das zu machen sind weitere essentielle Handlungs-Elemente – die in einem überraschend stimmigen, durchdachten und vor allem spannenden Erzählrahmen zusammengeführt werden.

stranger-things_01

Und so schafft STRANGER THINGS erneut das eher unerwartete: auch wenn die Story aus vielen kleineren Versatzstücken zu bestehen scheint – die für sich betrachtet gar nicht erst als sonderlich innovativ bezeichnet werden können – bewiesen die Macher schlicht ein hervorragendes Gespür für die finale Umsetzung. Vielleicht auch, da sie die teils offensichtlichen Parallelen zu anderen Filmen, Serien oder Unterhaltungsmedien gar nicht erst verhehlen – im Gegenteil, sie scheinen genau so gewollt. Und so gibt es mal mehr, mal weniger Wissen voraussetzende Seitenhiebe und Querverweise für Filmfans und Kinder der 80er Jahre, wobei es reichlich Spaß macht eben diese zu entdecken. STRANGER THINGS fungiert damit als nette Hommage an eine vergangene Epoche, greift den tatsächlichen Lifestyle sowie viele Medien jener Zeit auf – erzählt aber auch eine eigene Geschichte. Oder zumindest eine, die trotz vieler bereits bekannter Elemente einen ganz eigenständigen Reiz; und folglich auch eine ureigene Atmosphäre entwickelt. Dass immer wieder Parallelen entstehen, gerät der Serie also nicht zum Nachteil; eher im Gegenteil.

Stichwort Parallelen: gerade in Bezug auf das mysteriöse, kurzhaarige Mädchen Eleven sowie die ersten Eindrücke der Forschungsanstalt gilt es, etwas festzuhalten. Ob beabsichtigt respektive wissentlich oder nicht, erinnert STRANGER THINGS einstweilen frappierend an die eindeutig an erwachsene Zuschauer gerichtete Anime-Serie ELFENLIED (Review). Natürlich nur, wenn es um den allgemeinen Erzählaufbau (auch ELFENLIED ist immer wieder von einer enormen Ambivalenz der Emotionen gekennzeichnet) sowie das große Mysterium hinter einem oder mehreren offenbar mit übernatürlichen Kräften ausgestatteten Kindern geht – die letztendliche Marschrichtung der Serien sind dann doch eher verschieden. Auch, wenn grundsätzlich beide Serien aus dem übernatürlichen oder auch metaphysischen Vollen schöpfen, gerade in Bezug auf die Fähigkeit der Telekinese. Im Falle von STRANGER THINGS werden allerdings auch Begriffe wie Paralleluniversen sowie die Existenz von kaum zu beschreibenden Zuständen und Lebewesen eine Rolle spielen – wobei man natürlich geneigt ist, all diese Mystery-Elemente dezent zu hinterfragen.

stranger-things_02

Und auch diesen Reiz bedient STRANGER THINGS über weite Strecken optimal – zumal viele der sich aufdrängenden Fragen bereits direkt in der Serie beantwortet oder zumindest weiterhin behandelt werden. Ganz so ratlos wie eventuell anderswo wird man am Ende der 8 Episoden also nicht dastehen. Andererseits bleiben aber noch immer genügend Dinge ungeklärt oder noch nicht erzählerisch ausgereizt, sodass man sich eine Fortsetzung durchaus vorstellen könnte. Und das nicht nur in Bezug auf die spannenden Mystery-Elemente der Serie, sondern auch auf etwas eher bodenständiges wie die Figuren- und Charakterporträts. Denn auch diese sind im Falle von STRANGER THINGS gut durchdacht und perfekt inszeniert. Neben einer grundsätzlich aufkommenden Sympathie und Empathie ist vor allem die allgemeine Glaubwürdigkeit hervorzuheben: endlich einmal wieder gibt es mit STRANGER THINGS eine Serie, in der die Charaktere nicht völlig kopflos oder ärgerlich-klischeehaft agieren – selbst, wenn es um Gefahrensituationen oder zwischenmenschlich-emotionale Momente geht. Und das ist eine in jedem Fall hervorzuhebende, vergleichsweise seltene Leistung – die man sowohl auf das gute Drehbuch, als auch die hervorragenden Darsteller zurückführen kann.

Überhaupt machen gerade die einen sehr guten Job. Allen voran natürlich die junge Millie Bobby Brown als Eleven – die die Unschuld, Unerfahrenheit, Unsicherheit; aber eben auch Entschlossenheit ihres Charakters perfekt transportiert. Die Kinder-Clique um die vier Freunde Mike (Finn Wolfhard), Dustin (Gaten Matarazzo), Lucas (Caleb McLaughlin) sowie Will (Noah Schnapp) ist höchst sympathisch und nicht zuletzt wegweisend für die Story – wobei die sich aus der kindlichen Erzähl-Perspektive ergebenden Möglichkeiten voll ausgeschöpft werden. David Harbour begeistert als einerseits verloren wirkender, andererseits hart durchgreifender Kleinstadt-Cop mit einer persönlichen Mission; Winona Ryder als aufgrund des Verschwindens ihres Sohnes völlig verstörte, im späteren Verlauf wieder Hoffnung schöpfende Mutter. Neben weiteren soliden und überraschend unverkrampft wirkenden Leistungen wie der von Natalia Dyer als Nancy scheint gerade Charlie Heaton als Jonathan Byers (und damit der Bruder des Verschwundenen) eine echte Entdeckung zu sein. Sein Ausdruck ist jedenfalls bemerkenswert – und lässt sich irgendwo zwischen zwei jeweils jüngeren Versionen von Leonardo DiCaprio und Norman Reedus (THE WALKING DEAD) verorten. Etwas schade, aber nicht unbedingt ein Negativkriterium ist; dass die Mitarbeiter der Forschungseinrichtung etwas zu kurz kommen – und ihre sporadischen Auftritte so nicht immer die Wirkung erzielen, die eventuell geplant war. Hier greift STRANGER THINGS dann eben doch noch einmal tief in die Klischee-Kiste – was schade ist, da gerade das angedeutete Figurenpotential von Dr. Martin Brenner (Matthew Modine) enorm war.

stranger-things_03

Eine weitere, und vorerst die letzte hier behandelte Stärke von STRANGER THINGS ist in der technischen und handwerklichen Umsetzung zu finden. Die Serie sieht schlicht umwerfend aus, und das nicht unbedingt da sie in 4K gedreht wurde – sondern weil es tatsächlich einiges zu sehen gibt und die meisten Momentaufnahmen großartig eingefangen wurden. Eine hervorragende, niemals zu hektische Kamera-Arbeit und optimale Schnitte gewährleisten; dass die Serie sowohl in ihren ruhigen als auch spannungsgeladenen Momenten bestens funktioniert. Selbst die Darstellung der Kreatur erscheint größtenteils gelungen, auch wenn sie in einigen Momenten doch etwas zu künstlich wirkt. Dafür überzeugt die Darstellung der (leider nur selten eingesetzten) übernatürlichen Fähigkeiten umso mehr: wenn Eleven in den ebenfalls seltenen brutalen Momenten der Serie einen Wärter an die Wand schleudert, Knochen bricht oder den Schädel-Innendruck diverser Antagonisten erhöht, ist das zwar gewissermaßen grausam – doch im handwerklichen Sinne perfekt umgesetzt. Das gleiche gilt für die Momente, in denen sie ein Fahrzeug abheben oder aber ihren neuen Freund Mike im wahrsten Sinne des Wortes fliegen lässt. Ein abwechslungsreicher, gerade in den elektronischen Momenten mit einem markanten Retro-Charme ausstaffierter Soundtrack rundet die Sache positiv ab.

stranger-things_04

Und doch hat selbst eine Serie wie STRANGER THINGS eine nicht ganz so schöne Kehrseite. Eine, die zwar allgemein weniger ins Gewicht fällt – aber dennoch nicht darüber hinwegtäuscht, dass man manche Entscheidungen vielleicht anders hätte treffen sollen. Damit soll vor allem Bezug auf den durchaus grandiosen Auftakt der Serie genommen werden – dessen Wucht und Wirkungskraft man leider nicht ganz über die restlichen 7 Episoden retten konnte. So könnte durchaus das Gefühl aufkommen, als ließe die Serie im Gegensatz zu anderen umso mehr nach je weiter sie fortschreitet. Dieses Gefühl wird letztendlich auch von einem nicht wirklichen zufriedenstellenden Finale unterstrichen. Vor allem die letzte diesbezügliche Szene von Eleven wirkt etwas inkonsequent: während ihre finale Amtshandlung noch nachvollziehbar erscheint, ist es das Ergebnis eben dieser Tat eher nicht. Die Hoffnung auf eine Rückkehr des vielleicht wichtigsten Protagonisten zu wahren ist das eine – die hier an den Tag gelegte perfide Art und Weise eben dieser Maßnahme das andere. Überhaupt bleibt abzuwarten, wie sich STRANGER THINGS in Bezug auf seine Zukunft entwickeln wird. Im besten Fall machen die Verantwortlichen keine endlos-Serie daraus – und beenden die Serie trotz möglicher Erfolge und Gewinne rechtzeitig mit einem runden Finale.

stranger-things_05

Fazit: STRANGER THINGS macht vieles richtig – wobei es nicht nur die klar erkennbaren Stärken der Serie sind, die begeistern. Denn selbst jene Elemente, die man grundsätzlich eher geneigt ist negativ zu beurteilen verkehren die Schöpfer Matt und Ross Duffer gekonnt ins positive – was vor allem auf die fehlende Innovation, den dafür aber umso größeren Retro-Charme zu beziehen ist. Weiterhin überzeugen die 8 Episoden durch ein hervorragendes Handwerk, grandiose darstellerische Leistungen sowie einem enormen Spannungsfaktor – und das auch ohne, dass sich die Serie selbst allzu ernst nehmen würde. Somit erscheint gerade die ausgewogen wirkende Balance zwischen den vielen höchst unterhaltsamen, geradezu locker gezeichneten Alltags-Momenten und den teils angenehm gruseligen Mystery-Aspekten gelungen. STRANGER THINGS ist somit in jedem Fall einen Blick wert – auch wenn momentan noch unklar ist, ob dies auch in Zukunft so bleiben wird. Ein dezent skeptischen Blick auf die bereits angekündigte zweite Staffel erscheint jedenfalls berechtigt: die Chance, die sehr gute erste Staffel noch zu übertreffen ist ebenso da wie die, das absolute Gegenteil zu erreichen. Doch es gilt abzuwarten – und die positive Gesamtwirkung der Serie noch einmal vollständig in sich aufzusaugen.

border_01
90button

„Trotz kleinerer Schwächen die vermutlich beste und lohnenswerteste Serien-Neuentdeckung der letzten Jahre.“

filmkritikborder

Zögert bitte nicht, einen Kommentar zu hinterlassen.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s