Filmkritik: „Die Verlorene Zeit“ (2011)

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Originaltitel: Die Verlorene Zeit
Regie: Anna Justice
Mit: Alice Dwyer, Dagmar Manzel, Mateusz Damiecki u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 96 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Zweiter Weltkrieg | Holocaust | Romanze | Flucht | Rückblende

Manchmal ist es fatal, die Vergangenheit ruhen zu lassen.

Kurzinhalt: Eigentlich führt die jüdische Holocaust-Überlebende Hannah Silberstein (Dagmar Manzel) ein erfolgreiches und beschauliches Leben in den USA der 1970er Jahre. Sie ist glücklich verheiratet, hat eine Tochter – doch plagen sie auch immer wieder Erinnerungen an die Zeit des Krieges und der Gefangenschaft. Als sie eines Tages auch noch glaubt, ihren ehemaligen und lange verschollenen Geliebten Tomasz Limanowski (Lech Mackiewicz) in einem Fernsehinterview wiederzuerkennen; setzt sie alles daran sich noch einmal intensiv mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Und so erinnert sie sich, wie sie als junge Frau (Alice Dwyer) zum ersten Mal auf Tomasz (Mateusz Damiecki) traf und gemeinsam mit ihm aus der Gefangenschaft der Nazis floh. Ist es wirklich möglich, dass Tomasz allen Anzeichen zum Trotz überlebt hat – und sich die beiden nur unter tragischen Umständen aus den Augen verloren hatten ?

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Mit Filmen und Beiträgen zum Thema Zweiter Weltkrieg ist das immer so eine Sache. Einerseits kann es der Aufarbeitung wohl niemals genug sein, erst Recht wenn es unzählige verschiedene (und zumeist schreckliche) Schicksale aus unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen gilt. Auf der anderen Seite steht dagegen die Tatsache, dass im Laufe der Jahre und Jahrzehnte schon unzählige dementsprechende Filme produziert wurden – mit mal mehr, mal weniger großem Erfolg. Und auch die Vorbildfunktion etwaiger zeitloser Meisterwerke des Genres – ob nun in Form historisch akkurater Dokumentationen, aufwühlender Kriegsdramen oder aber geschickt umgesetzter Tragikomödien – sollte Filmemachern dieser Welt eigentlich eher einen stillen Respekt einflößen als dazu zu animieren, es ihnen gleichzutun. Sofern – und das ist der Knackpunkt – dies überhaupt möglich ist. Dennoch sehen sich auch weiterhin viele dazu berufen, eine eigenständige und möglicherweise neue Sichtweise auf die Gräueltaten des NS-Regimes anzubieten. Und überhaupt – was sollte schon schief gehen, wenn man sich dabei auch noch auf eine wahre Begebenheit beruft oder sich zumindest von einer eben solchen inspirieren lässt ?

Eben das ist nun auch beim deutschen Spielfilm DIE VERLORENE ZEIT von Anna Justice geschehen, der sich damit in die dezent unübersichtliche Riege der zahlreichen Kriegsdramen einreiht. Schon der Filmtitel an sich beschreibt recht gut, worauf der Film abzielt: zwei verliebten Kriegsgefangenen gelingt die eigentlich unmögliche Flucht aus einem Konzentrationslager, woraufhin sie sich gemeinsam verstecken und in der unübersichtlichen Endphase des Krieges aus den Augen verlieren. Und von da an beginnt eben jene verlorene Zeit, die die mittlerweile gealterten Protagonisten eigentlich zusammen hätten verbringen können. Wenn, ja wenn sich das Schicksal nicht doch anders entschieden hätte. Aus dieser Prämisse, und dem letztendlich expliziten Fokus auf eine Liebesgeschichte unter tragischen Umständen schafft es Anna Justice so vor allem eines zu generieren: eine große Portion Herzschmerz. Die Überraschung folgt jedoch sogleich; denn auch wenn es sich hier um einen grundsätzlich eher negativ besetzten Begriff handelt, geht das Konzept in diesem Fall voll auf. Die Geschichte wird spannend und aus einer psychologisch interessanten Sicht erzählt, die aufkommende Empathie für die Charaktere (sowohl in der Vergangenheit, aber auch in der Zeit der 70er Jahre) ist enorm. Anders gesagt: DIE VERLORENE ZEIT bleibt ein über weite Strecken bodenständig und authentisch anmutendes Werk.

Ein kleiner Wermutstropfen ist dagegen, dass die Bezüge zur eigentlichen Rahmenhandlung überraschend überschaubar bleiben; trotz der sich allein aus dem Zeitsprung und der damit verbundenen Reflexion ergebenden Möglichkeiten. Eine der Folgen ist, dass der Film so komplizierter wirken könnte als er eigentlich ist; oder anderes ausgedrückt: trotz der relativ klaren Fakten und Fronten versprechen die sich aus der speziellen Erzählweise ergebenden Zeitsprünge etwas mehr, als der Film halten kann. Immerhin ist die Gegenüberstellung der Moderne (in diesem Falle sind es die 70er-Jahre) mit der Vergangenheit weitestgehend gelungen – auch, da man dem Film das nötige Fingerspitzengefühl bezüglich der Kulissen, Kostüme, Kameraführung und Szenengestaltung durchaus anmerkt. Auch der Soundtrack schneidet – wenngleich er des öfteren ein wenig zu sehr auf die Tränendrüse drückt – gut ab und untermalt die tragische Rahmenhandlung passend. Hinsichtlich der Darsteller gibt es ebenfalls nichts oder kaum etwas zu bemängeln, was vermutlich eine weitere Überraschung ist. Doch gerade den beiden Hauptdarstellern Alice Dwyer und Mateusz Damiecki nimmt man ihre Rollen als Opfer des Regimes problemlos ab.

Fazit: DIE VERLORENE ZEIT wartet mit vor allem einem Vorteil auf, denn die angedeuteten menschlichen Schicksale sowie speziell die porträtierte Liebesgeschichte wirken unter Umständen tatsächlich herzergreifend. Zumal sie im Endeffekt deutlich weniger kitschig inszeniert werden als eventuell angenommen, und durch die rückblickende Erzähl-Perspektive von einer zusätzlich vermittelten Bedeutsamkeit profitieren. Zudem ist der Film ansprechend fotografiert, gut besetzt – und schafft es weiterhin, einige gleichermaßen schwierige wie interessante Fragen aufzuwerfen. Selbst das recht offene Ende vermag es so nicht, für Verdruss zu sorgen – eher im Gegenteil. DIE VERLORENE ZEIT mag noch ein paar Meter von einem Status als Genre-Meisterwerk entfernt sein, doch das ist in diesem Fall allemal zu verschmerzen.

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„Ein überraschend ansprechendes Kriegsdrama – trotz oder gerade wegen des Fokus auf eine ungewöhnliche Liebesgeschichte.“

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