Filmkritik: „Midnight Special“ (2016)

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Originaltitel: Midnight Special
Regie: Jeff Nichols
Mit: Michael Shannon, Jaeden Lieberher, Joel Edgerton u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 111 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Science Fiction, Drama
Tags: Kind | Junge | Übernatürlich | Licht | Wesen | Mysteriös | Jagd

Schau mir in meine Augen, Kleiner.

Kurzinhalt: Der von seiner Frau getrennt lebende Roy (Michael Shannon) befindet sich gemeinsam mit seinem Sohn Alton (Jaeden Lieberher) auf einer Farm, deren Bewohner nach strengen religiösen Vorschriften leben. Mehr noch: offenbar glaubt ein Großteil der Gemeinde, dass der junge Alton ein ganz besonderes Kind mit speziellen Fähigkeiten ist. Mit ein Grund dafür ist ein extrem starkes Licht, welches des öfteren auf mysteriöse Weise aus seinen Augen strahlt und innerhalb einer gewissen Reichweite bestimmte Gefühle erzeugt – sowie Alton’s ebenso atemberaubende Fähigkeit, Zugang zu völlig geheimen Informationen zu erhalten. Da der hiesige Anführer der Gemeinde (Sam Shepard) Alton offenbar für seine eigenen Zwecke missbrauchen will, beschließt Roy mit seinem Sohn zu fliehen. Das gelingt ihm auch – jedoch sind ihm bald darauf nicht nur die Mitglieder der Gemeinschaft, sondern auch Spezialkräfte des FBI und der NSA auf den Fersen. Der versierte Spezialist Sevier (Adam Driver) wird zum Haupt-Verantwortlichen für den Fall, und soll mehr über Alton und seine seltsame Gaben herausfinden.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Was in erster Linie wie ein Schnäppchen-Angebot einer beliebigen Cocktail-Bar klingt, ist in Wahrheit der Titel eines brandaktuellen Mystery-Dramas aus der Feder von Jeff Nichols – einem aufstrebenden amerikanischen Drehbuchautor und Regisseur, der sich zuletzt für das Coming Of Age-Drama MUD (Review) verantwortlich zeichnete. Offenbar besitzt der Mann ein Händchen für auf den ersten Blick eher alltäglich erscheinende, bei näherem Hinsehen dann aber doch recht eigene Geschichten – sodass die Chancen, dass auch MIDNIGHT SPECIAL von seinem Fingerspitzengefühl profitieren könnte vergleichsweise gut stehen. Immerhin: wie bei MUD bringt er auch in MIDNIGHT SPECIAL einen jungen Hauptcharakter mit speziellen Eigenheiten an den Start – einen, der sich in einem zunehmend komplizierten Umfeld aus einem wachsenden Fanatismus, dem Forschungsdrang der Regierung und allerlei ungläubigem Staunen zurechtfinden muss. Trotz des übernatürlichen Story-Zusatzes und des vorgelegten Tempos ist MIDNIGHT SPECIAL aber alles andere als ein rasanter Action- oder gar Superheldenfilm – sondern vielmehr ein dramatisches Roadmovie mit Thriller-Elementen und mit einer speziellen, wenn man so will heiklen Konstellation von Charakteren. So oder so steht schnell fest: der Stoff ist ungewöhnlich, die überraschend stilvolle Inszenierung macht direkt Lust auf mehr – und MIDNIGHT SPECIAL hätte zumindest theoretisch das Zeug dazu, einer der Filme des Jahres zu werden.

Theoretisch. Der erste Dämpfer folgt jedoch sogleich, oder spätestens wenn die erste Hälfte des Films vorüber ist: MIDNIGHT SPECIAL nimmt den Zuschauer nicht wirklich an die Hand und führt ihn auf eine spannende Reise, sondern lässt ihn bis zum bitteren Ende absichtlich im Unklaren. Und das nicht unbedingt, da die Antworten auf die wichtigen Fragen des Films wenig geistreich wären – sondern schlicht, da jenes Wundern und Rätselraten an sich schon einen Großteil der Wirkung von MIDNIGHT SPECIAL ausmacht. Wenn, ja wenn man sich denn als Zuschauer darauf einlässt – und in Anbetracht der relativen Erklärungsnot nicht vorzeitig abschaltet. Immerhin: die dichte Atmosphäre des Films sollte dies eher unwahrscheinlich machen, doch wer immer neue Aha-Momente oder Enthüllungen bezüglich der Mystery-Aspekte des Films erwartet; könnte dezent enttäuscht werden. Anders gesagt: MIDNIGHT SPECIAL macht ein recht großes Aufheben um seinen Hauptcharakter, kann die somit gehegten Erwartungen (die verständlicherweise auch inhaltlicher Natur sind) aber nicht wirklich erfüllen.  Das Gefühl, dass durch Alton etwas wirklich bedeutsames oder gar die gesamte Menschheit betreffendes geschieht; entsteht jedenfalls nicht – woran auch die unterschwellig beigebrachte religiöse Symbolik inklusive eines potentiellen Verweises auf eine andere so bezeichnete Lichtgestalt (namens Jesus) nicht viel ändern können.

Neben der somit relativ wenig spannenden, künstlich hinausgezögerten Ausführung der Geschichte offenbart MIDNIGHT SPECIAL aber noch eine weitaus größere Schwäche – und die betrifft die für den Film essentiellen Charaktere. Zum einen sind hier die drei bis einstweilen vier erwachsenen Hauptprotagonisten zu nennen, die zwar noch die größte erzählerische Aufmerksamkeit bekommen – in ihren Charakterzügen aber auffallend eindimensional gezeichnet werden und in einer regelrechten emotionalen Schockstarre zu verweilen scheinen. Da hilft es auch nicht viel, dass die entsprechenden Darsteller einen guten Job respektive eine über weite Strecken niederschmetternde Miene machen; und dem Zuschauer ihre Sorgen und Nöte immer wieder einen eigentlich nicht nötigen Nachdruck verleihen. Noch ärger trifft es dann nur den vermeintlichen Hauptcharakter, oder anders gesagt den versprochenen Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Alton ist nicht wie wir, das sagt schon das Filmposter  – aber was bedeutet das genau, von seinen offensichtlichen Fähigkeiten einmal abgesehen ? Was genau in ihm vorgeht, was es bedeuteten könnte dass man wie er aus der Reihe fällt (und das ist noch eine untertriebene Formulierung) wird nicht klar oder scheint nicht wirklich von Interesse. Sicher, bei mysteriös angehauchten Filmen mit eher spektakulären Hintergrund-Ideen mag das nichts wirklich neues sein. Doch dass es ausgerechnet einen Film von Jeff Nichols trifft – von dem man eigentlich hätte erwarten können dass er spätestens nach dem rundum gelungenen MUD zu einem kleinen Charakter-Spezialisten avanciert ist – schon eher.

Was MIDNIGHT SPECIAL hauptsächlich bleibt, ist seine in gewisser Hinsicht spektakuläre Inszenierung. Eine Inszenierung, die ein wenig an die bildgewaltige Eleganz eines Opus wie INTERSTELLAR erinnert – der ebenfalls mit vergleichsweise wenig Licht, dafür aber umso prägnanteren Highlights respektive Fixpunkten versehen ist. Im Unterschied zu INTERSTELLAR spielt sich MIDNIGHT SPECIAL jedoch eher im Mikrokosmos einer einzelnen Gegend, und nicht in den Weiten des Alls ab – zu sehen gibt es hauptsächlich kleinere Waldabschnitte, verlassene Straßenzüge, ein paar Gebäude und noch viel mehr Innenansichten eben jeder Aufenthaltsorte der Protagonisten. Die düsteren Bilder sind stimmig und zeichnen eine dichte Atmosphäre, die Kamerafahrten erzeugen Spannung, der Soundtrack unterstützt die mitunter apokalyptische Atmosphäre. Eine Atmosphäre, die ausgesprochen vielversprechend ist und den Zuschauer trotz des inhaltlichen Leerlaufs vor allem zu Beginn des Films bei der Stange zu halten weiß. Umso enttäuschender ist dann natürlich, dass es bei einer Art Phantomspannung bleibt. Großes wird unterschwellig angekündigt, doch geht letztendlich zu viel ungenutzte Zeit ins Land. Und als es schon fast zu spät ist, schöpft man plötzlich aus dem Vollen; zumindest in Bezug auf die explizite Ausführung der Sci-Fi-Elemente – was sich ein wenig wie das berühmt-berüchtigte Brett vor dem Kopf anfühlt.

Fazit: MIDNIGHT SPECIAL hätte mit Leichtigkeit der Film des Jahres werden können. Doch es kommt wohl, wie es kommen musste – leider. Die finale Auflösung des Films als über die vielen Minuten immer wieder hintenan gestelltes Highlight verpufft fast vollständig, zumal die zuvor nur punktuell gegebenen Informationen bezüglich der Mystery-Elemente erstaunlich wenig Sinn ergeben und wichtige Emotionen auf der Strecke bleiben. Anders gesagt: auch wenn die Grundidee interessant gewesen sein mag, so wirkt sie in der letztendlichen Ausführung viel zu lückenhaft und beliebig konstruiert. MIDNIGHT SPECIAL enttäuscht damit vor allem auf hohem Niveau – das heißt in Bezug auf sein wahnwitziges, im Endeffekt aber leidlich verschenktes Potential, während er im Kern ein höchst solider Mystery-Thriller mit einer markanten Hauptfigur bleibt. Über die teils deutlichen Parallelen zu ET (Review) und ganz besonders auch KNOWING (Review) kann man dagegen hinwegsehen. Der letzte Wermutstropfen bleibt wohl, dass der junge und vielversprechende Nachwuchsdarsteller Jaeden Lieberher (u.a. ST VINCENT, Review) gut spielt – in Anbetracht der schlichten Rolle aber etwas unterfordert gewesen sein muss.

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„MIDNIGHT SPECIAL bleibt ein starker Thriller mit einer spannenden Grundidee und einer stilistisch ansprechenden Inszenierung. Schade ist nur, dass hier auch ganz locker ein Meisterwerk hätte entstehen können.“

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