Filmkritik: „Der Fremde Am See“ (2013) | Rezension, Analyse, Interpretation

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Originaltitel: L’Inconnu Du Lac
Regie: Alain Guiraudie
Mit: Pierre Deladonchamps, Christophe Paou, Patrick d’Assumçao u.a.
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 97 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Drama, Krimi
Tags: See | Natur | Nudisten | Schwule | Homosexualität | Mord

Vorsicht, Du bist eventuell am falschen See.

Kurzinhalt: Was gibt es schöneres, als die schwülen Sommertage in der Natur und an einem einladenden See zu verbringen ? Der 40 jährige Franck (Pierre De Landonchamps) ist begeistert, als er einen eben solchen für sich entdeckt – erst Recht, da es sich offenbar um einen angesagten Treffpunkt für Homosexuelle handelt. Hier trifft er mehrere Männer, wie etwa den Außenseiter Henri (Patrick D’Assumcao) – zu dem er schnell ein besonderes Verhältnis aufbaut. Im Gegensatz zu seinen anderen Bekanntschaften aber handelt es sich hier nicht um einen flüchtigen, sexuellen Kontakt. Den hat Franck aber auch – wie mit dem charmanten und gut aussehenden Michel (Christophe Paou), von dem er bald mehr will als oberflächlichen Sex. Das Problem: eigentlich hat Michel einen Freund – zumindest bis Franck beobachtet, wie er im See ertränkt wird…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Ob man sich einen Film wie DER FREMDE AM SEE nun gezielt ansieht oder per Zufall über ihn stolpert – zu einem wie auch immer gearteten Alltagsprogramm dürfte das explizit nudistisch angehauchte Machwerk des Franzosen Alain Guiraudie wohl eher nicht gehören. Und das nicht nur, da der Regisseur sowohl ständig nackte Männer zeigt und einen Treffpunkt für Homosexuelle in den Mittelpunkt der Handlung stellt. Um die aus der Sicht von so manch prüden Augen ohnehin schon provozierende Erzählung zu verschärfen, sieht er schließlich auch einige überraschend unverblümte schwule Sexszenen vor – und zeichnet den titelgebenden See als utopische Landschaft, in der Sexualität keine Grenzen kennt. Klar ist, dass er mit dieser Darstellung provozieren möchte und dieses Ziel sicher auch erreicht – selten waren die Grenzen zwischen der puren Pornografie und einem Film-Drama derart verschwommen. So erhält DER FREMDE AM SEE schon fast automatisch einen etwas anderen, wenn man so will künstlerischen und inszenatorisch mutigen Anstrich – der Aufsehen erregt und in der Lage ist, die Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Wenn auch aus mitunter gänzlich unterschiedlichen Gründen.

Klar ist allerdings auch, dass die hier ungewöhnlich freizügige Fleischbeschau oder der dargestellte Umgang mit der Sexualität nicht ausreichen, um DER FREMDE AM SEE über die respektable Spielzeit von knapp 100 Minuten zu tragen – zumindest nicht, wenn man ihn noch ernstnehmen soll. Letztendlich hängt so alles von jenen Elementen ab, die Alain Guiraudie um die tatsächlich oder nur vermeintlich provozierenden Inhalte; man will nicht sagen stilistische Aufhänger herum errichtet hat. Im Ergebnis wird man dabei einige markante Vorzüge, aber auch Nachteile entdecken. Die gesamte Gestaltungsarbeit des Films beispielsweise ist überaus gelungen: die Beschränkung auf nur einen Schauplatz wirkt stimmig, der starke Bezug zur Natur (die wenn man so will ebenfalls ein Hauptdarsteller ist) sorgt für reichlich Atmosphäre. Im Zusammenspiel mit der guten Kameraführung entstehen so nicht selten interessante Zwischentöne, die sich immer auch auf die Charaktere oder aber deren Rolle in der Gesellschaft beziehen. Und auch die Darsteller scheinen gut gewählt, auch wenn man offenbar nicht doch noch vor einigen ärgerlichen Klischees Halt machen konnte und der Film so einstweilen unfreiwillig komische Züge annehmen kann.

Die große Schwäche von DER FREMDE AM SEE aber ist seine eigentliche Geschichte. Wie bereits erwähnt handelt es sich nicht ausschließlich um ein mehr als nur dezent voyeuristisch angehauchtes Machwerk, bei dem möglichst viel nackte Haut gezeigt werden soll – Alain Guiraudie sieht das offenbar eher als Bonus, und möchte vor allem auch eine Geschichte erzählen. Und sogar eine, die im Grunde wenig mit der Ausgangssituation am Hut hat und sich so auch überall anders zutragen könnte. Wie er dabei jedoch vorgeht, ist relativ hanebüchen – auch wenn die Idee eines perfiden Serienmörders innerhalb der schwulen Szene keine schlechte war und allein schon von den Bildern her für einen markanten Kontrast sorgt. Das Problem liegt vielmehr in den gleichermaßen unbegründeten wie unglaubwürdigen, geradezu plötzlichen Anwandlungen der Charaktere begründet – und im letztendlichen doch noch fragwürdigen Schauspiel, wenn sich die Lage wie gegen Ende des Films zuspitzt. Überhaupt sorgt ausgerechnet jenes Thriller-Element, welches DER FREMDE AM SEE zu weit mehr als einem nudistischen Experiment gemacht hätte; für die größte Enttäuschung. Es lässt sich einfach kein emotionaler Bezug herstellen – weder zum Täter, noch zu den Opfern. Was genau passiert, scheint ohnehin von geringer Bedeutung zu sein – das für den langen Aufbau und die satte Spielzeit extrem offene Ende vermag es leider nur, auf ganzer Linie zu enttäuschen.

Fazit: Was, ja was soll man von einem Film wie DER FREMDE AM SEE halten ? Sicher handelt es sich um ein eher ungewöhnliches Werk mit ungewöhnlich viel nackter Haut und ungewöhnlich expliziten Veranschaulichungen einer homo-erotischen Lebensweise – und um einen Film, der wie kaum ein zweiter von seinen ungekünstelten Bildern und seiner angenehm ruhigen Inszenierung inklusive den so erst Recht ermöglichten Zwischentönen lebt. Auch die Tatsache, dass Alain Guiraudie zwar gewissermaßen voyeuristisch vorgeht aber dennoch niemanden bloßstellt und offenbar weit davon entfernt ist, ein wie-auch-immer geartetes Urteil über das Gezeigte zu fällen spricht im Grunde für DER FREMDE AM SEE. Die für die üppige Spieldauer eher langatmige Gangart, die letztendlich doch etwas flachen Charakterporträts sowie die ärgerliche Geschichte aus der Thriller-Mottenkiste aber verhindern, dass etwas größeres entsteht.

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„Es wäre schön gewesen, hätten die vermeintlich provozierenden Elemente nur als Zusatz gedient – doch einstweilen scheint es, als verkämen sie zu einem reinen Selbstzweck.“

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Ein Gedanke zu “Filmkritik: „Der Fremde Am See“ (2013) | Rezension, Analyse, Interpretation

  1. Ich bin über den Film auch mehr oder wenig zufällig gestolpert, weil in der Programmzeitschrift etwas von „expliziten Schwulenszenen“ gefaselt wurde. ^^ Das hat mich neugierig gemacht, mehr aber auch nicht, ähnlich gesonderte Filme aus Frankreich mit eingestreuten „Pornoelementen“ gabs vorher schon. Mir gibt der Film irgendwie nichts.

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