Filmkritik: „Flug Ins Abenteuer Aka Radio Flyer“ (1992)

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Originaltitel: Radio Flyer
Regie: Richard Donner
Mit: Elden Henson, Lorraine Bracco, John Heard u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 114 Minuten
FSK: unbekannt
Genre: Drama
Tags: Erinnerungen | Kindheit | Vergangenheit | Familie | Leben

Wenn sich schöne und schreckliche Erinnerungen kreuzen.

Kurzinhalt: Die Brüder Mike (Elijah Wood) und Bobby (Joseph Mazzello) haben es nicht leicht – und doch sind sie ein eingeschworenes Team. Gemeinsam mit ihrer getrennt lebenden Mutter Mary (Lorraine Bracco) haben sie bereits viele verschiedene Stationen hinter sich gelassen, und hoffen mit dem Umzug in eine ländliche Kleinstadt endlich der problematischen Vergangenheit entkommen zu können. Was ihnen aber fehlt ist eine Vaterfigur; jemand der die Familie endlich wieder komplett macht. Tatsächlich lernt Mary bald darauf einen neuen Mann (Adam Baldwin) kennen, der auch prompt mit ihr zusammenzieht. Das Glück der jungen Familie könnte perfekt sein – wäre da nicht doch etwas, was die neuerliche Lebensfreude markant trübt. Denn: Mary’s neuer Freund stellt sich als Trinker heraus, und wird im Laufe der Zeit immer aggressiver – vor allem den Kindern gegenüber. Selbst, als Bobby’s Rücken von blauen Flecken übersät ist wenden sich die beiden Brüder nicht an ihre Mutter – sie wollen ihr vermeintliches Glück nicht zerstören. Und so beschließen sie, Bobby mithilfe des RADIO FLYERS in eine sichere Welt zu bringen – eine, in der ihm kein Leid mehr zuteil wird.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Eines ist Regisseur Richard Donner und Drehbuchautor David M. Evans mit RADIO FLYER definitiv gelungen: ihr nach einem bekannten Spielwarenhersteller benannte Film vermag es, den Zuschauer zu überraschen. Dass dies auf eine eher erschreckende Art und Weise geschieht schmälert diese Feststellung nicht, im Gegenteil: der bereits mit angedeuteten Problemen beschriebene, aber noch weitestgehend idyllische Auftakt des Films mit dem Porträt zweier Brüder führt den Zuschauer wirkungsvoll auf eine falsche Fährte. Was früher oder später folgt, ist der erbarmungslose Schlag in die Magengrube: RADIO FLYER bleibt nicht länger ein vermeintlicher Kinder- und Abenteuerfilm mit Fantasy-Elementen, sondern avanciert zu einem emotional aufwühlenden Drama. Eines dass deshalb so eindringlich wirkt, da es um ein eher heikles Thema geht: das der Kindesmisshandlung. Markant ist, dass RADIO FLYER dabei niemals direkt anprangert oder polemische Schlüsse zieht – das entstehende Leid wird an der Beziehung der beiden Brüder festgemacht, mit denen man sich als Zuschauer direkt identifizieren wird.

Und nicht nur das, schließlich wird man auch zusammen mit ihnen leiden. Überhaupt verfehlt die Darstellung der Ereignisse aus einer weitestgehend kindlichen Erzählperspektive ihren Zweck nicht. RADIO FLYER ist tief-traurig, zutiefst melancholisch – doch werden diese Stimmungen nicht wie sonst oft durch eher perfide Mittel generiert; beispielsweise gibt es keine Szenen einer expliziten Ausführung der Gewalt. Sie entstehen aus der Geschichte selbst, aus den Charakteren und den hervorragenden Leistungen der Darsteller – wobei der ausgewogene Soundtrack von Hans Zimmer nur das i-Tüpfelchen bildet und niemals zu aufdringlich wirkt. Eine weiter gute Entscheidung war es, den Film aus einer Rückblende heraus zu erzählen – und die Geschichte sowohl als beispielhaftes Mahnmal, aber eben auch eine generelle Ode an die Kindheit zu inszenieren. Ebenfalls interessant ist, dass man sich durchaus darüber streiten könnte ob ein gewisser Hauptcharakter tatsächlich existiert oder es sich um ein psychologisches Phänomen handelt – Anhaltspunkte respektive Andeutungen gibt es schließlich in beide Richtungen.

Gravierende Negativaspekte weist RADIO FLYER nicht auf – lediglich der leicht verwaschene Eindruck hinsichtlich der angepeilten Zielgruppe (die man tatsächlich nicht genau festmachen kann) könnte sich als störend erweisen. Und: hie und da scheint RADIO FLYER doch noch die ein oder andere Grenze der Verklärung und Romantik zu überschreiten – sicher auch, wenn es um das Finale geht.

Fazit: Der Ansatz, das ernste Thema der Kindesmisshandlung im Zusammenspiel mit einer nostalgischen und leicht verklärten Kindheitserinnerung zu verbinden ist gewagt – und doch geht das Konzept weitestgehend auf. RADIO FLYER ist handwerklich gut gemacht, weiß mit hervorragenden Darsteller-Leistungen vor allem seitens des jungen Elijah Wood und seines Film-Bruders Joseph Mazello aufzuwarten – und die abenteuerlich erzählte, letztendlich aber tieftraurige Geschichte bewegt nachhaltig. Ein Meisterwerk mag RADIO FLYER vielleicht nicht geworden sein, doch für eine in Anbetracht der unklaren Zielgruppe dezent eingeschränkte Empfehlung reicht es allemal.

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„Ein effektiv erzählter, melancholischer Klassiker.“

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