Filmkritik: „Home“ (2008)

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Originaltitel: Home
Regie: Ursula Meier
Mit: Isabelle Huppert, Olivier Gourmet, Adélaïde Leroux u.a.
Land: Frankreich, Schweiz, Belgien
Laufzeit: ca. 97 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Autobahn | Straße | Einsamkeit | Gesellschaft | Leben

Friedliches Idyll und Alptraum in einem.

Kurzinhalt: Eine 5-köpfige Familie entschließt sich auf der Suche nach einer Bleibe für einen eher ungewöhnlichen Standort – ein einsam gelegenes Haus direkt an einer stillgelegten Autobahn. Die Kinder Julien (Kacey Mottet Klein), Marion (Madeleine Budd), die ältere Judith (Adélaïde Leroux) und ihre Eltern Michel (Olivier Gourmet) und Marthe (Isabelle Huppert) bilden ein starkes Gespann und leben sich schnell ein – das Leben nimmt seinen Lauf. Eines Tages aber wird die Autobahn plötzlich wieder in Betrieb genommen; woraufhin die Familie mit einem nie dagewesenen Trubel, einer immensen Lärmkulisse und lästigen Abgasen konfrontiert wird. Von nun an versucht jeder auf seine ganz eigene Art und Weise mit den Problemen fertig zu werden – wobei besonders Marion bemüht ist, ihre Familienmitglieder auf die gesundheitlichen Gefahren ihres derzeitigen Wohnortes hinzuweisen. Das Problem: umziehen möchte sie nicht, doch Gehör schenkt man ihr auch nicht… bis es fast zu spät ist.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Eventuell lässt es sich anhand der Inhaltsbeschreibung bereits erahnen: HOME ist ein eher ungewöhnliches, wenn man so will kantiges Spielfilm-Drama aus der Feder der Schweizer Drehbuchautorin und Regisseurin Ursula Meyer. Ein Drama; welches das etwas andere Familienporträt vor dem Hintergrund einer offensichtlich prekären Wohnsituation zunächst noch recht schwungvoll, und mit einem enorm heiteren Unterton erzählt. Erst im weiteren Verlauf beginnt der Film, deutlich ernstere Töne anzuschlagen – auf der eigentlichen Filmebene, aber interessanterweise auch darüber hinaus. Schließlich stehen die 5 Hauptcharaktere respektive ihr jeweiliger Umgang mit der für sie neuen Situation nicht umsonst klar im Mittelpunkt der Geschichte. Gerade weil sie so unterschiedlich sind, wird der Zuschauer zu mindestens einem von ihnen eine Bindung aufbauen; sich mit der eigentümlichen Situation identifizieren – und sich bereits zu diesem Zeitpunkt unbewusst für einer der Kernfragen des Films sensibilisieren.

Denn auch wenn die Situation zunächst makaber und abstrakt erscheinen mag, so ist sie dies eigentlich keineswegs. HOME beschäftigt sich – und das auf eine durchaus einzigartige und erfrischende Art und Weise – mit der Frage des menschlichen Zusammenlebens sowohl im Mikro- als auch Makrokosmos. Den Mikrokosmos beschreibt hier die Familie, die sich entschieden hat dem Lärm der Großstadt Lebewohl zu sagen – um ein stilles, zurückgezogenes Leben möglichst ohne äußere Einflüsse zu leben. Den Makrokosmos dagegen beschreiben Faktoren der Sozialisierung, die dennoch greifen – oder eher gesagt solche, vor denen man nicht fliehen kann. Die Autobahn steht hier stellvertretend für den Eindringling (die Gesellschaft) – die die Familie nicht einfach gewähren lässt. Andererseits aber – und bei aller Liebe zur Freiheit – scheint die Familie gerade dann zu leiden, wenn sie versucht sich vor diesen äußeren Einflüssen abzuschotten; womit man auch bei der Kernfrage von HOME landet. In wie weit können das Individuum und die Gruppe getrennt voneinander leben, wann müssen sie miteinander leben ?

Zweifelsohne handelt es sich um nachdenklich stimmende und in gewisser Weise wertvolle Aspekte und Fragen, auf die Ursula Meyer in ihrem nicht nur sprichwörtlichen Road-Movie anspielt. Doch während die Grundidee zu begeistern weiß, ist HOME nicht gänzlich vor Schwächen gefeit. Diese sind vor allem inszenatorischer Natur, und beziehen sich auf das regelrechte Festbeißen der Filmemacherin in Bezug auf ihre Idee. Eine Idee, die so gesehen das einzige Highlight des Films ist – und hinter der viele andere Dinge anstehen müssen. So verpasst es Ursula Meyer beispielsweise, ihre Charaktere auch über die eigentliche Prämisse hinaus menschlich werden zu lassen und potentiell weitere interessante Geschichten zu erzählen. Letztendlich wirken so gerade die Charakterporträts etwas unausgegoren und halbherzig – vor allem die Motivation der Eltern und die lediglich angedeuteten Probleme der Mutter bleiben dem Zuschauer ein Rätsel. Eine Geschichte (über die Charaktere) in der Geschichte (über das Leben an der Autobahn) wäre demnach eine weitere Möglichkeit gewesen, HOME in Bezug auf seine immerhin knapp 100-minütige Spielzeit aufzuwerten.

Fazit: HOME hat mindestens zwei klar erkennbare Stärken – eine interessante Grundidee und einen hervorragenden handwerklichen Part inklusive markanter Leistungen aller beteiligten Darsteller. Aufgrund der behutsamen und ungekünstelten Inszenierung, die dem Film einstweilen dokumentarische Züge verleiht; ist man so nah bei den Charakteren und ihren Problemen wie sonst selten – auch, was eine gewisse Intimität betrifft. Dezent problematisch bleibt indes, dass er sich vielleicht etwas zu sehr auf seine Prämisse verlässt und abgesehen vom Dasein als relativ gestreckte Metapher wenig zu bieten hat. Vielleicht hätte er in dieser Form als Kurzfilm besser funktioniert – doch man nimmt, was man bekommen kann. Und das ist in diesem Fall ein grundsolides, hintergründiges und erfrischend anderes Drama – aber eben kein zeitloses Meisterwerk.

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„Ein sperriges Roadmovie der etwas anderen, tiefenpsychologischen Art.“

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