Filmkritik: „Der Große Tom“ (2007)

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Originaltitel: Der Große Tom
Regie: Niki Stein
Mit: Wolf-Niklas Schykowski, Aglaia Szyszkowitz, Elisa Schlott u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 90 Minuten
FSK: unbekannt / nicht geprüft
Genre: Drama
Tags: Kinder | Armut | Soziales | Brennpunkt | Verwahrlosung

Wenn Kinder früh erwachsen werden (müssen).

Kurzinhalt: Der 12-jährige Tom (Wolf-Niklas Schykowsky) hat es alles andere als leicht. Während sein Vater die Familie bereits vor einigen Jahren verlassen hat, kümmert sich nun auch seine Mutter immer weniger um ihn und seine beiden jüngeren Schwestern. Es scheint gar, als würde sie nur noch ab und zu in der Wohnung auftauchen – um die Wäsche zu waschen oder in liebloser Manier eine Pizza auf den Tisch zu legen. Tom sieht seine Aufgabe fortan darin, sich um seine beide Schwestern zu kümmern – und kommt deshalb immer häufiger zu spät zum Unterricht. Doch das ist nicht das einzige Problem, schließlich übernimmt er die Rolle eines Alleinversorgers – und droht an dieser für ein Kind absolut ungeeigneten Aufgabe zu zerbrechen. Allein der Gedanke, dass es sich hierbei um einen vorübergehenden Zustand handeln muss motiviert ihn – sowie die Hoffnung, dass seine Mutter ihre offensichtlichen Probleme doch noch in den Griff bekommen wird.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Kinderarmut und auch -verwahrlosung sind real, auch in Deutschland. Unter anderem deshalb inszenierte der vor allem durch zahlreiche TATORT-Folgen bekannte Regisseur und Drehbuchautor Niki Stein (eigentlich Nikolaus Stein von Kamienski) das stille, aber dennoch explizit anprangernde Gesellschafts-Drama DER GROSSE TOM – das sich auf eine wahre Geschichte beruft, die sich ähnlich wie im Film gezeigt in Berlin zugetragen hat. Und auch wenn er damit kein filmisches Neuland betritt und grundsätzlich nur ein stellvertretendes Einzelschicksal ausformuliert, welches sich so tagtäglich in Deutschland und auch überall sonst abspielen kann, abspielen wird – vermag es DER GROSSE TOM durchaus, den Zuschauer aufzurütteln und für das übergeordnete Problem-Thema der sozialen Verwahrlosung zu sensibilisieren. Gut ist, dass er dabei weitestgehend auf gängige Klischees verzichtet und mit der Geschichte dort ansetzt, wo man es zunächst weniger vermuten würde – und ein beklemmendes Gefühl für die nur vermeintlich temporäre Ausnahmesituation entstehen lässt, in der sich die drei Kinder befinden.

Interessant ist auch, dass der Film keine vorgefertigten oder vereinfachten Antworten gibt; auch die Mutter nicht als plumpe Hassfigur deklariert – und sich der Zuschauer selbst ein Bild machen kann über jene Gründe, die in einem Fall wie diesem zu einer Vernachlässigung geführt haben könnten. Insofern wirkt DER GROSSE TOM viel eher wie eine erschreckende Dokumentation, und nicht wie ein handelsübliches und möglicherweise perfide auf die Tränendrüse drückendes Drama. Dazu passt auch die behutsame, vergleichsweise schlichte Herangehensweise innerhalb der Inszenierung: Bilder und Schnitt sind ruhig, dem Soundtrack wird so gut wie keine Bedeutung zugemessen, kein Moment wird in Bezug auf seine Emotionalität künstlich aufgeblasen. Die hervorragenden Leistungen der jungen Darsteller runden das Ganze ab – insbesondere dem Nachwuchstalent Wolf-Niklas Schykowski nimmt man seine zwischen Hoffnung und Verzweiflung pendelnde, sicher nicht leicht zu spielende Rolle problemlos ab.

Fazit: Auch wenn sich DER GROSSE TOM mit einer gleichermaßen wahren wie erschütternden Begebenheit befasst, drei unschuldige und aufgrund der Situation erst Recht liebenswerte Kinder in den Mittelpunkt stellt und etwaige gesellschaftliche Missstände mal direkt, mal eher unterschwellig ausführt; hat man kaum das Gefühl als würde es Niki Stein nur um die Erzeugung von Mitleid gehen. Viel eher entsteht eine gewisse Form des Respekts – gegenüber den porträtierten Charakteren und im übertragenen Sinne auch jenen Kindern, die tatsächlich Schicksale wie die hier gezeigten durchleben; durchleben müssen. Insofern kann man dem Film hoch anrechnen, dass er als auf die Leinwand gebanntes Denkmal für vernachlässigte Kinder fungiert und noch einmal nachdrücklich auf das aufmerksam macht, was eigentlich niemanden entgehen sollte. Auf der Gegenseite findet sich dagegen wenig zu kritisierendes. Eventuell könnte man ihm ankreiden, dass er selbst für ein möglichst authentisches Drama einstweilen etwas zu bieder wirkt – und der Unterhaltungswert im Sinne eines Spielfilms klar hinter den offensichtlichen Aussagen als quasi-Doku hintenan stehen muss.

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„Kein noch nie dagewesenes Meisterwerk – aber ein höchst solider deutscher Film.“

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