Filmkritik: „Attack On Titan Part 1 – Shingeki No Kyojin“ (2015)

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Originaltitel: Shingeki No Kyojin
Regie: Shinji Higuchi
Mit: Haruma Miura, Hiroki Hasegawa, Kiko Mizuhara u.a.
Land: Japan
Laufzeit: ca. 98 Minuten
FSK: noch nicht geprüft
Genre: Fantasy, Action
Tags: Titanen | Riesen | Überlebende | Apokalypse | Mauern

Da gefriert einem das Blut in den Adern.

Kurzinhalt: Nach einigen ungeklärten, in jedem Falle aber verheerenden Ereignissen der Vergangenheit hat sich ein Großteil der Menschheit hinter riesige Mauern zurückgezogen. Die wenigen Überlebenden leben hier halbwegs sicher vor den sogenannten Titanen – furchterregenden, gewaltigen Wesen mit einer offensichtlichen Vorliebe für Menschenfleisch. Auch der junge Eren Jäger (Haruma Miura) lebt mit seinen Freunden Armin (Kanata Hongo) und Mikasa (Kiko Mizuhara) im Außenbezirk der Maueranlage, und führt ein friedliches Leben – strebt aber schon früh nach mehr und vor allem danach, eines Tages möglicherweise auch die Welt außerhalb der Mauer zu erkunden. Eines Tages kommt ihm das Schicksal zuvor: ein Titan, der so gewaltig ist dass er selbst die hohe Außenmauer überragt; schlägt ein Loch in den unteren Bereich – und lässt unzählige kleinere Titanen auf die in Panik umher rennenden Menschen los. Werden es die drei Freunde schaffen, sich in Sicherheit zu bringen – und wird die Stadt den Angriff überstehen ?

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Das, was der japanische Filmemacher Shinji Higuchi hier als ATTACK ON TITAN präsentiert, dürfte zumindest einigen bereits bekannt sein. Vor allem jenen, die sich hie und da mit der hiesigen Popkultur auseinandersetzen – und so sicher auch Wind von einer der erfolgreichsten Manga-Reihe und Anime-Serie der letzten Jahre bekommen haben. ATTACK ON TITAN ist vor allem in Japan in aller Munde – erfreut sich aber auch internationaler einer großen Beliebtheit. Während die TV-Serie noch auf recht umfangreiche 25 Episoden ausgelegt war (womit sie aber dennoch nicht als abgeschlossen bezeichnet werden kann, siehe Review), setzte man für die Realverfilmung 2 kompletten Spielfilme mit jeweils 90 Minuten Laufzeit an. Wobei man durchaus sagen kann, dass die Realverfilmung in diesem Fall fast schon plötzlich und überraschend kam – andere Serien warten weitaus länger auf derlei Ambitionen; oder scheinen sich erst gar nicht dafür zu eignen. Dass man es dann und wann dennoch versucht, macht sich aber bemerkbar – wobei ein Großteil der entsprechenden Live-Action-Fassungen sowohl bei eingefleischten Fans als auch Kritikern gnadenlos durchfällt. Wohl auch, da der Spagat zwischen einer möglichst großen Treue zum Original und der sinnigen Nutzung des unabhängigen Mediums Film einstweilen schwierig erscheint – und die Verfilmung im schlimmsten Fall niemanden gerecht wird. So hat auch ATTACK ON TITAN das Zeug dazu, beides zu sein. Entweder es handelt sich um eine plumpe, nunmehr gekürzte Realfassung der TV-Serie – oder aber um einen auch eigenständig funktionierenden japanischen Blockbuster mit einer gewissen erzählerischen und charakterlichen Tiefe.

Tatsächlich macht ATTACK ON TITAN, respektive der ersten Teil der beiden Spielfilme gerade diesbezüglich eine überraschend gute Figur – und zeigt auf, dass es trotz aller Widrigkeiten möglich ist Realverfilmungen auch ganz ohne deutlichere Abstriche oder gar Peinlichkeiten zu verwirklichen. Wenn, ja wenn das Budget ein entsprechendes ist – und alle Mitwirkenden ihr Bestes geben. Im Falle von ATTACK ON TITAN gibt es in Bezug auf die Riege der Beteiligten sogar ein echtes Aha-Erlebnis: der Soundtrack stammt von niemand geringerem als Shiro Sagisu, der mit seinem markant-apokalyptischen Endzeitklängen schon das Schaffen von Hideaki Anno (EVANGELION) passend untermalt hat. Die für ATTACK ON TITAN ganz ähnlich aufgemachten Klänge aus mächtigen Orchester-Passagen, elektronischen Elementen, harschen Gitarrenriffs und den schmetternden Chören gehen vollends auf – und verpassen dem Film einen ganz eigenen, unverkennbaren Anstrich. In Bezug auf den Soundtrack, aber auch die pompöse Soundkulisse (die vor allem in den niederen Frequenzbereichen aus dem Vollen schöpft) während der Kämpfe macht ATTACK ON TITAN also schon einmal eine gute, wenn nicht gar majestätische Figur.

Ein weiterer potentieller Knackpunkt dürfte sicherlich die optische Gestaltung des Films sein – bei der man keine leichte Aufgabe hatte. Dennoch ist das Ergebnis gelungen, auch wenn die Kulissen selten weitläufiger erscheinen und einiges erst per Computeranimation möglich wird (Stichwort Mauer). Die Liebe zum Detail überzeugt aber gerade in Szenen, in denen viel los ist – und auch die Titanen selbst hinterlassen einen schaurig-schönen Eindruck. Und das obwohl oder gerade weil man hier eher dezent vorging und gerade in Bezug auf die Größenverhältnisse schlicht geschickt filmte. Im Zusammenspiel mit der gelungenen Arbeit an den Masken und Kostümen entsteht so eine überraschend ansehnliche Szenerie, die die Besonderheit der Situation und die Verzweifelung der Menschen perfekt vermittelt. Selbst die rasanten Szenen mit der speziellen Vorrichtung der Titanen-Jäger, mit denen sie gekonnt durch die Lüfte gleiten können; wurden gut inszeniert – und das ganz ohne, dass man das Gefühl hat als würde ein allzu künstlicher Eindruck entstehen. In Bezug auf den Gewaltgrad wurde im übrigen ebenso wenig gespart wie schon an der Tv-Serie: hier fliegt einiges durch die Gegend, seien es Körperflüssigkeiten oder eben auch -Teile. Das ist zwar nicht im eigentlichen Sinne schön, zeigt aber auf dass die Verantwortlichen die Atmosphäre des Originals erhalten wollten.

Was bleibt, ist die große Frage nach dem Inhalt – und die ist in Anbetracht der Teilung des Materials auf zwei Spielfilme zunächst nicht eindeutig zu beantworten. Der erste Teil beinhaltet bereits einige der markanten Mystery-Aspekte der TV-Serie und stellt entsprechend spannende Fragen, prescht im allgemeinen aber schon verdächtig schnell voran. Gut ist, dass man die Serie nicht bloß simpel nacherzählt, sondern stattdessen viele neue beziehungsweise anders inszenierte Szenen vorsieht; die dem neuen Medium angepasst wurden. Das sorgt auch für Kenner der TV-Serie für einen halbwegs frischen Wind, oder zumindest einen weiteren Blickwinkel. Die Kehrseite der Medaille, oder auch der kaum vermeidbaren Kürzung des Materials ist; dass vor allem die Charakterporträts auffallend schlecht abschneiden – und so den markantesten Tiefpunkt der Realverfilmung bilden, zumindest in Bezug auf den ersten Teil. Nicht nur, dass die gesamte Einführung viel zu flott von statten geht; im weiteren Verlauf kann man sich kaum des Gefühls erwehren als sei es gänzlich egal wer hier mit wem und gegen was auf das Schlachtfeld zieht. Wirkliche Sympathieträger gibt es nicht, angedeutete Verstrickungen wie in der TV-Serie bleiben weitestgehend aus.

Fazit: Im besten Fall kann die Realverfilmung zu ATTACK ON TITAN als etwas noch nie dagewesenen angesehen werden, was vor allem auf Nicht-Kenner des Ursprungsmaterials zutreffen sollte – und im schlimmsten als einstweilen deutlich zu stark verkürzte und gefühlt weniger motivierte Live-Action-Fassung der TV-Serie. Wahrscheinlich liegt das Ergebnis ja nach Facón irgendwo dazwischen und somit in der goldenen Mitte – wobei man aber mindestens feststellen muss, dass es sich um eine vergleichsweise gute Umsetzung einer Live-Action handelt. Eine, bei der man sich speziell in Bezug auf die technischen und handwerklichen Aspekte keine Blöße gibt und den Eindruck eines etwas anderen, durchaus ernstzunehmenden Japan-Blockbusters etabliert – und eine, die solide erzählt wird. Um den Eindruck komplett zu machen respektive die Wertung expliziter in die ein oder andere Richtung ausschlagen zu lassen, wird aber der zweite Teil von Nöten sein. Den ersten Teil allein zu sehen wird also nicht viel bringen – aber zumindest macht er Lust auf mehr.

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„Nicht perfekt oder kultverdächtig – aber mehr als solide. Der zweite Teil wird über alles weitere entscheiden.“

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