Filmkritik: „Turbo Kid“ (2015)

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Originaltitel: Turbo Kid
Regie: François Simard, Anouk Whissell, Yoann-Karl Whissell
Mit: Munro Chambers, Michael Ironside, Laurence Leboeuf u.a.
Land: Kanada, Neuseeland
Laufzeit: ca. 92 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Action
Tags: Vergangenheit | Zukunft | Retro | Trash | Splatter

Superhelden-Tagträume mal anders.

Kurzinhalt: In der post-apokalyptischen Zukunft des Jahres 1997 lebt ein Jugendlicher (Munro Chambers), der von den meisten einfach nur The Kid gennant wird irgendwo im hiesigen Ödland – und verbringt die Zeit mit Plünderungen, während er stets auf der Hut vor einer gefährlichen Bande sein muss. Eines Tages begegnet er der merkwürdigen Apple (Laurence Leboeuf), die prompt beschließt sich dem notorischen Einzelgänger anzuschließen – ganz egal was der davon halten würde. Doch nach und nach entwickelt sich tatsächlich eine Freundschaft zwischen den beiden – und vielleicht sogar noch etwas mehr. Dumm nur, dass die beiden dann aber doch noch ins Kreuzfeuer des tyrannischen Herrschers Zeus (Michael Ironside) geraten, der ihnen das Leben fortan zur Hölle macht. Erst ein Wink des Schicksals führt dazu, dass TURBO KID geboren wird – ein etwas anderer Superheld mit einer spektakulären Waffe und dem Willen, der Ungerechtigkeit endlich ein Ende zu setzen.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Wer schon immer eine gewisse Vorliebe für die Post-Apokalypse und speziell Endzeit-Filme mitbrachte – der wird vermutlich nicht an TURBO KID vorbeigekommen sein. Das ehrgeizige Multi-Genre-Projekt der Regisseure François Simard, Anouk Whissell und Yoann-Karl Whissell versprach bereits im Trailer, reichlich fulminante Unterhaltung mit Atmosphäre, Spaß und einer gehörigen Portion Splatter zu offerieren. Etwaige Parallelen zum durch Crowdfunding finanzierten KUNG FURY (Link) kommen dabei nicht von ungefähr: offenbar ist es wieder angesagt, Filme mit einem gewissen Retro-Charme auszustatten. Ein Charme, der sich nicht nur auf die relative Einfachheit der Story, sondern auch explizit im Detail niederschlägt. Während es in KUNG FURY noch riesige Mobiltelefone und eine merklich gealterte Computertechnologie waren, finden sich in TURBO KID nun allerlei Gegenstände, Spielzeuge und Kleidungsstücke die sich eindeutig den späten 80er und frühen 90er Jahren zuordnen lassen – und bei einigen wohlige Erinnerung wecken könnten.

Allerdings huldigt TURBO KID nicht nur der Ära der Superhelden und Plasmalampen – sondern erzählt auch eine eigene Geschichte. Die ist typischerweise sehr simpel gestrickt, was in gewisser Weise auch zu erwarten war – doch tröstet das kaum über den letztendlich doch markant vorhandenen Enttäuschungsfaktor hinweg. Sicher: der Film macht über weite Strecken Spaß, wurde optisch ansprechend inszeniert und besitzt einen kultverdächtigen Soundtrack – doch reicht das nicht aus, um ihn über die gesamte Spielzeit von knapp 92 Minuten zu tragen. Offenbar waren es der an den Tag gelegten Ideen doch etwas zu wenige. Während sich TURBO KID speziell in den wenigen, dafür aber umso heftigeren Splatter-Szenen gnadenlos austobt und die gesamte Liebesgeschichte der beiden Hauptprotagonisten auch dank des ausgelassenen Spiels der Darsteller eine herrlich überdrehte und überzeichnete ist; sieht es in Bezug auf das allgemeine Filmtempo und die Dramaturgie schon deutlicher mauer aus. Doch nicht nur, dass immer wieder ein gefühlter Leerlauf entsteht und weder die Charaktere noch die kaum vorhandene Geschichte vorankommen – TURBO KID wirkt in den entscheidenden Momenten schlicht zu halbherzig.

Denn: eine gefühlte Explosion der (abgedrehten) Ideen, des Spaßes und in irgendeiner merkwürdigen Form der Atmosphäre ist tatsächlich nur in den wohl dosierten Action-Momenten des Films zu spüren. Die Story selbst ist zu unspektakulär um zu fesseln, geschweige denn überraschen zu  können – und die Charaktere zu blass. Entsprechend markante Dialoge sind daher ebenso wenig vorgesehen wie nachhaltig wirkende Szenenbilder: oft hat man das Gefühl, TURBO KID wäre auf einem einzigen kleinen Gebiet irgendwo zwischen Wald und Feldweg gedreht worden. Dass sich auch noch eine größere Industrie-Halle finden ließ, ist schon das höchste der Gefühle – wobei sicher auch das geringe Budget eine Rolle spielt. Doch auch mit geschickten Tricks hätte man den Eindruck vermitteln können, dass das was hier geschieht zumindest ansatzweise von Bedeutung ist. So aber fühlt sich TURBO KID verdächtig belanglos an: über das vor und nach der tatsächlichen Leinwandgeschichte (die sich gefühlt nur über einen einzelnen Tag erstreckt) gibt es ebenso wenig Informationen wie über die Hintergründe der Katastrophe, die Umstände die zu einer fast schon peinlich übersichtlichen Schreckensherrschaft wie der gezeigten geführt haben – oder generell das Leben in der Post-Apokalypse.

Fazit: Trotz der spürbaren Ambitionen schöpft TURBO KID sein Potential leider nur bedingt aus – und kann lediglich mit seinem oberflächlichen Retro-Charme, den furiosen Splatter-Szenen und einer ansprechenden Handwerksarbeit überzeugen. Alle inhaltlichen, charakterlichen und Dramaturgischen Ideen reduzieren sich dagegen auf ein Minimum, was dazu führt dass der Film bei weitem nicht so atmosphärisch ausgefallen ist wie er es hätte werden können. Nicht einmal der Titel-gebende Hauptcharakter schneidet dabei sonderlich gut ab, auch wenn Darsteller Munro Chambers die eigentliche Entdeckung des Films ist: es reicht, dass man etwas über einen bestimmten Schicksalsschlag erfährt – der dann in der hier gezeigten Rächer- und quasi-Superheldenstory mündet. Die pendelt immer wieder zwischen leidlich bekannten Vorgehensweisen und nur einer handvoll frischer Elemente – TURBO KID hätte hier wesentlich rebellischer, unkonventioneller und ideenreicher ausfallen müssen. Die ständigen Bezüge auf den Lebensstil einer längst vergangenen Zeit, auf typische Kindheitsträume und die Querverweise auf andere Genre-Werke (wie nicht selten BRAINDEAD) lockern das Ganze zwar angenehm auf – doch wirklich rund wirkt das Endzeit-Spektakel dennoch nicht.

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„Als Kurzfilm sicherlich effektiver – so nur etwas für beinharte Genre-Fans.“

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Ein Gedanke zu “Filmkritik: „Turbo Kid“ (2015)

  1. Dem kann ich mich nur anschließen, der Film sprüht geradezu vor genialen Splattereffekten, einem interessanten Soundtrack, aber bleibt erschreckend flach und und uninspiriert und im Grunde auch ziemlich glatt gebügelt. Vor allem die Kameraführung ist weitestgehend auf Mainstreamniveau, mir fehlt so das gewisse „dreckige“ im Film, die Darsteller bzw. die Rollen haben mich nicht sonderlich interessiert, der einzige Charakter der irgendwie noch etwas besonderes an sich hat ist die „out of place“ wirkende „Apple“ (Apple…pun detected? ^^) die scheinbar über alles grinsen und lachen kann, sogar über ihren eigenen bevorstehenden Tod bzw. Deaktivierung.

    Entweder bin ich emotional schon so kaputt oder der Film ist nicht wirklich besonders komisch, weil ich an keiner Stelle lachen konnte, höchstens mal schmunzeln, eben über z.B. Apple. Der Rest hat mich nicht erreichen können und ist an mir vorbeigerauscht. Gut gemeint, technisch – innerhalb des Budgets – gut gemacht, ansonsten erschreckend „blutarm“ , auf Videospielniveau. (Mad Max + Mega Man)

    4/10

    Gefällt 1 Person

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