Filmkritik: „Ich Seh, Ich Seh“ (2014)

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Alternativtitel: Goodnight Mommy
Regie: Veronika Franz, Severin Fiala
Mit: Susanne Wuest, Lukas Schwarz, Elias Schwarz u.a.
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 100 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Horror, Thriller, Drama
Tags: Kinder | Zwillinge | Mutter | Haus | Verwechselung

Ich glaub, ICH SEH doppelt.

Kurzinhalt: In einer gleichermaßen luxuriösem wie abgeschiedenen Villa warten die jungen Zwillinge Lukas (Lukas Schwarz) und Elias (Elias Schwarz) auf die Rückkehr ihrer Mutter (Susanne Wuest) – die sich einer größeren Schönheitsoperation unterzogen hat. Merkwürdigerweise stellt sich aber kaum Erleichterung ein, als die drei wiedervereint werden – vielmehr beginnen sich die beiden Zwillinge zu fürchten. Und das liegt offenbar nicht nur an den entstellenden Gesichtsbandagen der Mutter. Es scheint, als würde sie sich ganz anders verhalten als gewöhnlich; und sogar handgreiflich werden wenn es darum geht ihre beiden Kinder zu maßregeln. Das Ganze spitzt sich zu, als die beiden Kinder behaupten die zurückgekehrte Person wäre definitiv nicht ihre Mutter – sondern eine Fremde. Und obwohl die Frau weiterhin beteuert die Mutter der beiden zu sein, setzen sie fortan alles daran herauszufinden was wirklich geschehen ist – und wer die mysteriöse Frau in Wahrheit ist. Wer wird am Ende Recht haben, und vor allem: welche Opfer müssen auf dem Weg der Wahrheitsfindung gebracht werden ?

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Wer in der letzten Zeit nach wahren Gänsehaut-Momenten in Filmtrailern Ausschau gehalten hat; der wird höchstwahrscheinlich nicht am vielversprechenden ICH SEH, ICH SEH von Veronika Franz und Severin Fiala vorbeigekommen sein. Die österreichische Filmproduktion stellt sich schließlich als atmosphärisch dichter, düsterer und reichlich spannender Horrorfilm mit Elementen des Psycho-Thrillers vor – der ein im übergeordneten Filmgenre zwar nicht unbekanntes, aber doch vergleichsweise selten behandeltes Thema aufgreift. Erst Recht wenn man bedenkt, dass ICH SEH, ICH SEH weitestgehend aus der Perspektive zweier kindlicher Hauptprotagonisten erzählt wird und die große potentielle Verwechslung respektive Täuschung damit umso eindringlicher wirkt. Die einstweilen direkt ans Publikum gestellte Frage nach dem was-wäre-wenn kommt schließlich auch nicht von ungefähr: wie würde man wohl selbst empfinden und handeln, wenn man glaubt es wäre nicht die eigene Mutter die von einer größeren Operation zurückkehrt – sondern eine fremde Frau ? Tatsächlich haben es Veronika Franz und Severin Fiala mit ICH SEH, ICH SEH geschafft, einen alles andere als alltäglichen Horror-Thriller auf die Beine zu stellen – einen, der von seiner ungewöhnlichen Art der Inszenierung und einem vergleichsweise geladenen Spannungsbogen mit entsprechend knackigen Überraschungen lebt.

Der Film beginnt zunächst recht ruhig und unspektakulär – und zeigt bereits früh auf, dass man hier eher ein Kammerspiel-artiges Theaterstück denn einen reißerischen Blockbuster vorfinden würde. Was gut ist – verfehlen die eher minimalistische Ausstattung des Films und das generelle Nicht-Vorhandensein von im Genre sonst typischen Elementen kaum ihren Zweck. ICH SEH, ICH SEH transportiert über weite Strecken gar einen dokumentarischen Touch – der die Glaubwürdigkeit des Films enorm steigert und den Zuschauer zusätzlich für das Schicksal der wenigen beteiligten Hauptfiguren sensibilisiert. Die stehen auch klar im Vordergrund – wo das Ganze spielt, welche weiteren Personen möglicherweise im Hintergrund involviert sind; spielt interessanterweise erst gar keine Rolle. Dies führt zu einem deutlichen Zugewinn in Bezug auf die Charakterporträts, die zwar unter keinen Umständen als vollständig zu erachten sind – aber dennoch einen ungeheuren Sog entwickeln, der einen als Zuschauer nicht mehr loslässt.

Zweifelsohne liegt das auch an den erbrachten Leistungen der Darsteller – von denen besonders die Brüder Elias und Lukas Schwarz (deren Vornamen überraschenderweise in den Film übernommen wurden) durchweg grandios abliefern. Die Ausblendung aller weiterführenden Umstände; die Fokussierung des Films auf seinen zentralen und enorm Charakter-bezogenen Kern hat aber auch einen dezenten Nachteil: die bereits erwähnte Glaubwürdigkeit wird unter Umständen wieder leicht geschmälert; spätestens wenn es darum geht grundlegende Fragen zur Rahmenhandlung zu beantworten. Wer sich in der Zwischenzeit des Krankenhaus-Aufenthaltes der Mutter um die Kinder gekümmert hat, was genau an jenem verhängnisvollen Tag des ominösen und offenbar weitreichenden Unfalls geschah; welche Maßnahmen ergriffen wurden um weiterhin bestmöglich für das Wohl der Kinder zu sorgen bleibt offen.

Wobei die Bezeichnung der Kinder dann doch nicht ganz zutrifft. Schließlich stellt sich heraus, dass einer der beiden Zwillingsbrüder bei einem Unfall ums Leben gekommen ist – einem Unfall, an dem der andere offenbar nicht gänzlich unbeteiligt war und seither ein schwerwiegendes Trauma durchlebt. Die Crux: selbst wenn es sich bei der zurückgekehrten Person um seine echte Mutter handelt, würde er sie nicht als solche akzeptieren – da sie die Existenz des anderen, toten Zwillings verneint. Dies ist die erste Überraschung, der erste markante Twist des Films – einen, den man als aufmerksamer Beobachter eventuell wird vorhersagen können. Das ändert indes nichts am überraschend intelligenten Konstrukt des Films, am wohl dosierten Tempo und dem an den Tag gelegten Fingerspitzengefühl – wobei es an dieser Stelle glücklicherweise noch nicht vorbei ist. Die Macher haben schließlich noch eine weitere Überraschung parat: gerade als man annehmen müsste, die porträtierte Schreckens-Situation ergäbe sich allein aus der traumatisierten Gedankenwelt eines Kindes; wird man abermals in die Irre geführt – wobei die Anzeichen hier schon wesentlich schwerer zu entdecken sind.

So scheint es, als würde der vermeintlich böse Zwilling (der bezweifelt, dass es sich bei der im Hause lebenden Person um seine Mutter handelt) eventuell doch Recht haben – in Bezug darauf, dass sich hier eine bisher unbekannte Person als Mutter ausgibt und den überlebenden Zwilling täuschen will. Über die Gründe hierfür müsste man spekulieren – naheliegend wäre, dass die Mutter ebenfalls bei jenem Unfall ums Leben gekommen ist. Um dem einzigen Überlebenden der Katastrophe also nicht gleich den Verlust von zwei Familienmitgliedern aufzubürden, entschied man sich (wer genau bleibt offen) für eine gewagte Doppelgänger-Inszenierung wie diese. Diesen zweiten Twist gilt es erst einmal zu verdauen – zumal er deutlich überraschender und versteckter als der bereits markante erste daherkommt.

Eventuell hätte man die somit offenbarte, tatsächliche Marschrichtung des Films durch noch explizitere surreale Elemente (wie beispielsweise in Bezug auf die stellenweise verwendeten Traumsequenzen) verdichten können – womit man insbesondere dem Aufkommen der oben bereits erwähnten Fragen aus dem Weg hätte gehen können. Eventuell wäre der entscheidende Überraschungseffekt verlorengegangen – so aber bleibt eine dezente Unklarheit über das Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion respektive Imagination. In jedem Fall ist ICH SEH, ICH SEH aber überraschend harter Tobak – in Form einer visuell brillant umgesetzten, enorm spannungsgeladenen Parabel auf potentielle Vorgänge in der Psyche eines traumatisierten Kindes. Dass es stellenweise zu recht ausufernden Gewaltdarstellungen kommt, ist dagegen streitbar.

Fazit: ICH SEH, ICH SEH ist kein Horrorfilm im eigentlichen Sinne – sondern ein überraschend intelligentes, zutiefst psychologisches Machwerk mit einer zum Schneiden dichten Atmosphäre. Letztendlich zeigt er nicht mehr und nicht weniger auf als ein Beispiel für jene abenteuerlichen Irrfahrten, zu denen die menschliche Psyche imstande ist – ob nun aufgrund eines schweren Verlustes oder anderen Auslösern. Betrachtet man den Film unter eben diesem Gesichtspunkt; am besten noch im Nachhinein und zunächst ohne zu wissen, worauf man sich einlässt – entfaltet er eine immense Wirkungskraft. Vermutlich sogar eine weitaus größere als er als typischer Horrorfilm jemals hätte erzielen können. Der hinterlassene Eindruck mag unbequem sein – ist aber bleibend; was gerade in der heutigen Zeit keine Selbstverständlichkeit ist.

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„Anders als erwartet – und gerade deshalb ein kleines Meisterstück.“

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