Filmkritik: „Julia“ (2008)

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Originaltitel: Julia
Regie: Erick Zonca
Mit: Tilda Swinton, Saul Rubinek, Kate del Castillo u.a.
Land: Frankreich, USA
Laufzeit: ca. 138 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Thriller, Drama
Tags: Entführung | Täter | Opfer | Lösegeld | Odyssee

Das große Empathie-Experiment.

Kurzinhalt: Julia (Tilda Swinton) ist eine junge, vom Leben bereits gezeichnete Frau. Neben schweren Alkoholproblemen und komplizierten Beziehungskisten fehlt es ihr vor allem an einer Perspektive – nur ihr bester Freund Mitch (Saul Rubinek) hält nach wie vor zu ihr und versucht, sie auf den richtigen Weg zu bringen. Und so nimmt sie eines Tages auch endlich an einer Sitzung der anonymen Alkoholiker teil, um zumindest eines ihrer großen Probleme loszuwerden. Doch zunächst trifft sie dabei auf Elena (Kate Del Castillo), eine verwirrt wirkende Frau die JULIA kurzerhand von ihren Problemen erzählt – und von ihrem Sohn Tom (Aidan Gould). Bald schon macht sie JULIA ein eher unmoralisches Angebot, von dem beide etwas hätten: sie solle Tom entführen, der sich zu diesem Zeitpunkt in der Obhut seines Großvaters befindet – und dafür eine kleine Entlohnung kassieren. JULIA ist aus ihrer Verzweifelung heraus interessiert, und kann ohnehin jeden Cent gut gebrauchen. Doch realisiert sie schnell, dass sie das Spiel nach ihren ganz eigenen Regeln gestalten und noch viel mehr aus der Sache herausholen könnte… wenn sie nur auf’s Ganze ginge.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Auch wenn man Erick Zonca’s JULIA grob in die Kategorie der sogenannten Entführungsfilme einstufen kann, wird schnell klar dass die internationale Produktion weniger von einem klassischen Genre-Film hat als es zunächst zu vermuten wäre. Es beginnt bereits damit, dass man geneigt ist die eigentliche Entführerin und Titelfigur JULIA nicht vorschnell als skrupellose Verbrecherin abzustempeln – auch wenn ihre harschen Aktionen durchaus dafür sprechen. Stattdessen legt es Erick Zonca darauf an, von Beginn an ein möglichst vielschichtiges und glaubwürdiges Figurenporträt zu etablieren – eines, dass sich fernab von üblichen schwarz-weiss respektive gut-böse Zeichnungen bewegt und so zu einem gewissen moralischen Dilemma führt. Dieses wird folgerichtig direkt auf den Zuschauer übertragen – der seinen Glauben an das gute und speziell das gute in der Titelfigur nicht verlieren will; aber dennoch stets mit geradezu unerträglichen Handlungen derselben konfrontiert wird. Aber wie man sich auch entscheidet, es gilt bis zum Ende des Films abzuwarten – der sowohl in Bezug auf die eigentliche Handlungsebene, aber auch die Figurenzeichnung niemals still steht.

Die eigentliche Herausforderung dabei ist, den Weg dorthin zu verarbeiten – der gleichermaßen spannend wie grausam ausfällt; jedoch ohne jemals wirklich zu weit zu gehen. Schließlich beginnt die Geschichte mit der Einführung der psychisch angeschlagenen Titelfigur, die aus finanziellen Gründen eine Verzweiflungstat begeht – und in der Folge eine fast schon paradoxe Beziehung zu ihrem jungen Entführungsopfer aufbaut. Interessant und lobenswert erscheint in diesem Zusammenhang, dass Erick Zonca nicht nur auf ein möglichst glaubwürdige Charakterzeichnung aus ist – sondern sich auch Gedanken über das große wie hinter der Entführung und dessen Verlauf gemacht hat. Dass macht sich dann nicht nur im eigentlichen zeitlichen Verlauf der Ereignisse bemerkbar – sondern auch in Feinheiten wie der Darstellung einer gewissen Unsicherheit auf Seiten der Entführerin; die hier immerhin eine Ersttat begeht und entsprechend impulsiv bis konfus agiert.

Auch wenn dabei der Ablauf der Entführung selbst einiges an Nervenkitzel bietet; bleibt die Interaktion des ungleichen Film-Paares vordergründig und ausschlaggebend. So verspricht JULIA ihrem Entführungsopfer, ihn zu seiner leiblichen Mutter in Mexiko bringen zu wollen – was sich schnell als Lüge herausstellt und sie noch mehr in die Ecke der skrupellosen Entführerin stellt. Gleichzeitig aber scheint das Opfer langsam aber sicher – und durch die erzwungene Gemeinschaft – zu beginnen, eine Art Mutterfigur in JULIA zu sehen. Diese Entwicklung macht sich vor allem in der zweiten Filmhälfte (die in Mexiko verortet ist) bemerkbar, die immer brisantere; fast schon groteske Züge annimmt. So bleibt es nicht bei nur einer titelgebenden Entführung, es kommt eine weitere hinzu – und auch die Riege der beteiligten Charaktere vergrößert sich. Hier scheint sich JULIA dann doch noch zu überschlagen – viele Dinge geschehen, ohne dass näher auf sie eingegangen wird; geschweige denn man eine Chance erhält sie zu hinterfragen. Dieser Aspekt gilt dann leider auch in Teilen für die Beziehung der beiden Hauptfiguren – die sich zwar entwickelt, aber oftmals ohne ausschlaggebende Faktoren.

In wie weit man das Gesehene für Voll nimmt oder auch nicht, hängt natürlich auch von den darstellerischen Leistungen und den Dialogen ab. Die fallen aber durchweg positiv aus; was in erster Linie an der durchaus großartigen Leistung von Tilda Swinton liegt. Alle Nebenfiguren können ebenfalls überzeugen, wäre da nicht ein kleiner Wermutstropfen. Ausgerechnet das Entführungsopfer respektive der Kinderdarsteller Aidan Gould bleibt eher blass – zumindest in einem solchen Maße, dass gewisse charakterliche Entwicklungen nicht so recht mit seiner eher schwachen Präsenz harmonieren wollen. Eventuell hätte man hier auf einen anderen, erfahrenen Darsteller zurückgreifen sollen; was die Wirkung des Films sicher noch etwas verstärkt hätte. Davon abgesehen macht der restliche technisch-handwerkliche Part eine gute Figur – was sich vor allem in den überaus ästhetischen, kraftvollen Bildern niederschlägt. Die sind schließlich nicht nur da – sondern werden stets von inhaltlichen Elementen untermalt und dienen zusätzlich als sinnbildliche Erweiterung der charakterlichen Emotionen. Auch der Soundtrack lässt sich hören und gerät niemals zu aufdringlich.

Fazit: JULIA überzeugt als Entführungsfilm der etwas anderen Art – und spielt wie kein zweites Krimi-Drama mit dem Begriff der Empathie. Das gelingt Regisseur und Drehbuchautor Erick Zonca vor allem durch die weitestgehend gelungene Figurenzeichnung und seine starke Hauptdarstellerin; die stets irgendwo zwischen dem Dasein einer skrupellosen Entführerin, einer verzweifelten Allerweltsfrau und einer selbstlosen Mutterfigur hin- und herpendelt. Das, was man dem Film dennoch vorhalten könnte wäre; dass er einstweilen etwas abgehoben erscheint – und speziell gegen Ende nicht mehr so recht weiß was er eigentlich sein will. Hier geht es dann eben doch etwas zu turbulent zu… was ein wenig mit der vorangegangenen Atmosphäre bricht, aber immerhin einen hohen Unterhaltungswert mit sich bringt.

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„Krimi trifft auf Roadmovie trifft auf Drama – eine ungewöhnliche Mischung, die ohne Tilda Swinton vermutlich nur halb soviel wert wäre.“

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Ein Gedanke zu “Filmkritik: „Julia“ (2008)

  1. Also ich hab an Aidan Gould (älterer Bruder von Nolan Gould, „Modern Family“) nichts zu kritisieren. Mir hat der Film durchgängig gut gefallen, trotz der Länge nie wirklich langweilig, gegen Ende ein wenig überhastet. Kritiker, wie auch ich, sehen gewisse Parallelen zu „Gloria, die Gangsterbraut“. 8/10 dito

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